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FC Kreml

Wer profitiert von der teuersten Fussball-WM aller Zeiten? Es ist vor allem ein kleiner Kreis. Die Putin-Elf. Hier die Aufstellung – jener zwielichtigen Dribbelkünstler, mit denen Russlands Präsident den Propagandasieg bei der WM 2018 einfahren will.

Von Grit Hartmann (Text) und Jörn Kaspuhl (Illustrationen), 11.06.2018

Zürich, Ende 2010. Russland erhält bei einem Fifa-Kongress den Zuschlag für die diesjährige WM. Und Wladimir Putin gibt eine russische Volksweisheit zum Besten: «Bei uns sagt man: Wer nichts riskiert, trinkt auch keinen Champagner.»

Und so kam es. Russland hat etwas riskiert, und nun darf Champagner gesoffen werden. Aber nicht jeder kriegt ein Glas. Zuerst sind seine besten Buddies dran, jener kleine Kreis von Oligarchen, die in Treue fest zu ihm stehen. Die er dafür in Champagner baden lässt. Die Putin-Elf.

Die Aufstellung? Weiter unten. Zuerst zu den Kosten.

Die Fantasiezahl, offiziell von Moskau verkündet, lautet: Das Fussballfest kostet 11,8 Milliarden Dollar. Damit wäre es rund 2 Milliarden teurer als die WM 2014 in Brasilien, das bisher kostspieligste Turnier in der Geschichte des Weltfussballs.

Die Zahl kann nicht stimmen. Bereits vor vier Jahren hat Martin Müller vom Geographischen Institut der Uni Zürich nachgerechnet, was allein die zwölf Fussballstadien kosten – und ist auf 11’600 Dollar pro Sitzplatz gekommen. Doppelt so viel wie in Brasilien. Die Kalkulation basierte weitgehend auf offiziellen Quellen, und sie ist vier Jahre alt. In Brasilien verdoppelten sich in den vier Jahren vor WM-Anstoss die Kosten.

Wie viele Milliarden hat Russland tatsächlich ausgegeben für neue Stadien, Hotels, Flughäfen, Strassen? Das weiss nur der Kreml. Detaillierte Anfragen der Republik an das Sportministerium und an jene Firmen, die nun die Stadien bauen, blieben mit einer Ausnahme unbeantwortet.

Ein schwarzes Loch

Transparency International (TI) ist eine Organisation, die weltweit Korruption anprangert. Die russische Sektion wollte herausfinden, was die WM 2018 insgesamt kostet. «Wir mussten aufgeben», sagt Anton Pominow, der Transparency in Russland vorsteht. «Denn es gibt keine einzige öffentlich zugängliche Quelle.»

Pominow ist einer der wenigen in Russland, mit denen man über das sprechen kann, was dieses Turnier auch ist: ein gewaltiges Geschacher in Hinterzimmern von Ministerien und von Regionalregierungen, bei dem über Milliardengeschäfte entschieden wurde, überwiegend finanziert aus dem Staatshaushalt.

Wir erreichen Pominow am Telefon. Seine Stimme klingt fest, so, als habe er vor niemandem Angst. Was mutig ist. Denn seine Organisation ist in Russland eingestuft als «ausländischer Agent». Mit anderen Worten: als feindlich.

Die Olympischen Winterspiele von Sotschi waren 2014 mit 51 Milliarden Dollar teurer als alle bisherigen Winterspiele zusammen. Ein guter Teil des Geldes versickerte damals in dunklen Kanälen. Pominow: «Und die Winterspiele waren in einer einzigen Stadt. Multiplizieren Sie das Sotschi-Prinzip mit 11. Dann bekommen Sie eine Ahnung von den Kosten für die WM 2018.»

Er sagt – und viele andere Experten untermauern diese These: Die WM 2018 ist mit grossem Abstand die teuerste WM in der Geschichte des Weltfussballs.

1,4 Milliarden Dollar für ein Stadion

Unter anderem darf Russland nun stolz sein auf das zweitteuerste Stadion der Welt. Transparency hat recherchiert, die Republik veröffentlicht erstmals diese Zahlen. Es geht um die Krestowski-Arena in St. Petersburg, Putins Heimatstadt. Ein 56 Meter hoher Fussballtempel, der 72’000 Zuschauer fasst und ohnehin in Russland bekannt ist als Kathedrale der Verschwendung. 784 Millionen Dollar habe das Stadion gekostet, wurde der Öffentlichkeit untergejubelt, bei der Eröffnung vor einem Jahr. Transparency-Mitarbeitern gelang es, sich «in mühsamer, jahrelanger Arbeit» (Pominow) die Verträge mit den Baufirmen zu beschaffen. Die Auflistung, die Pominow der Republik übermittelt, enthält erstmals eine belastbare Zahl: 1,38 Milliarden Dollar. Damit ist die Krestowski-Arena fast so teuer wie das grössere Wembley-Stadion in London (90’000 Sitzplätze, rund 1,45 Milliarden Dollar) und viel, viel teurer als das Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro mit seinen 75’000 Sitzplätzen (rund 500 Millionen Dollar).

Anderswo in Russland sieht es kaum besser aus: riesige Stadien, die wie Raumschiffe an Orten gelandet sind, wo Vereine im Ligabetrieb normalerweise vor 2000 Fans kicken. «Und was soll ein Stadion für 35’000 Zuschauer», fragt Pominow, «in einer Stadt mit 100’000 Einwohnern? Das können Sie niemandem erklären!»

Auch im Strassenbau – vor der WM in grossem Stil angekurbelt – gelangte Transparency an Hunderte Verträge. Das Fazit: Bei fast jedem dritten Projekt gab es offensichtliche Regelverstösse. Mal gingen Aufträge ohne Ausschreibung weg, mal forderten Baufirmen unerklärlich viel. Einsparpotenzial schon vor dem Anrollen der ersten Bagger: mindestens 40 Millionen Dollar.

Die Kosten für die WM haben sich, so viel kann man sagen, zu einem schwarzen Loch ausgewachsen, das mit magnetischer Kraft irrsinnige Summen verschlungen hat. Fast alles kam, soweit man sehen kann, aus der Staatskasse. Wobei Genaues keiner erfahren soll in Russland. Wenn der Ball rollt, so das Kalkül, ist alles vergessen. Pominow: «Dafür ist Putins Fernsehen da. Das Volk wird einfach nur begeistert sein, wie brillant er und seine Männer die WM vorbereitet haben.»

Putins Propagandaparty

Egal wie die WM ausgeht, ein Sieger steht schon fest: Wladimir Putin. Für die Regierung ist die WM vor allem eine russische Binnenveranstaltung, mit einer Botschaft an die eigenen Bürger: Seht her, wir sind dem Westen ebenbürtig. Mindestens!

Die offizielle Erzählung des Kreml, den Menschen schon zu Sowjetzeiten eingebläut und von Putin in den letzten Jahren wiederbelebt: Der Westen will Russland klein halten. Krim, Ukraine, Syrien oder der Abschuss von Flug MH 17 – das ist: der Westen gegen Russland. Nun, mit der WM und ihren Prachtbauten, will Putin seinen Bürgerinnen zeigen: Das Kleinhalten gelingt nicht. Weil Russland stärker ist. «Putin will mit der Weltmeisterschaft beweisen, dass die Welt Russland braucht – egal was sich der Kreml leistet», sagt der russisch-amerikanische Historiker und Kreml-Experte Juri Felschtinski.

Was die bombastischen Winterspiele von Sotschi tatsächlich kosteten – diese Zahl verdankt die Welt dem 2015 ermordeten Oppositionspolitiker Boris Nemzow. Er prägte auch den Begriff «Putinismus» und definierte ihn als: «Gefolgschaft plus Korruption».

Damals, in Sotschi, profitierte vom Koste-es-was-es-wolle-Geklotze vor allem ein exklusiver Unternehmer-Zirkel, dessen Mitglieder eines gemeinsam hatten: Sie waren treue Gefolgsleute von Putin. Und so ist es auch dieses Mal.

Die Republik hat das Team der russischen WM-Gewinner zusammengestellt: den FC Kreml. Im Westen würde man schlicht von den grössten Investoren und prominenten Staatsdienern sprechen, die an der teuersten WM aller Zeiten mitgewirkt haben. In Russland aber ist das Thema – welche Firma was baut und welcher Oligarch dahintersteckt – weitgehend ein Tabu. Aus guten Gründen.

So oder, es läuft nun auf: der FC Kreml. Bestehend aus zehn Oligarchen und einem Minister. Auf der Ersatzbank: etliche weitere Spieler. Aber das hier sind die wichtigsten.

1. Linker Verteidiger: Gennadi Timtschenko

Er ist ein alter Freund aus St. Petersburger Tagen, spielt mit Putin Eishockey und steht der nationalen Eishockey-Liga KHL vor. Auf knapp 17 Milliarden Dollar wird sein Vermögen aktuell taxiert, damit ist er der fünftreichste Mensch in Russland. Sein Aufstieg begann mit einer Lizenz zum Ölexport, von Putin erteilt. Und einem damit verbundenen Betrug, der aufflog, aber nie geahndet wurde. 2014 verkaufte Timtschenko seine Anteile an Gunvor, den damals zweitgrössten Ölhändler der Welt, mit Zentrale in Genf. Einen Tag später stand Timtschenko auf der Sanktionsliste, mit der der Westen auf die Krim-Annexion reagierte. Glück gehabt!

Putin halte verdeckt Anteile an Gunvor, lautete damals die Begründung des US-Finanzministeriums – die Männerfreunde bestritten, selbstverständlich.

Jetzt durfte Timtschenko zwei Fussballstadien bauen, in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, und Nischni Nowgorod, 400 Kilometer östlich von Moskau. Die tatsächlichen Kosten für die Stadien, der Aufschlag unter Freunden? Unbekannt.

2. Rechter Verteidiger: Dmitri Pumpjanski

Pumpjanski produziert Rohre aus Stahl, weit hinten im Ural. Auch in Sotschi baute er, danach heftete ihm Putin den Orden «Für die Ehre des Vaterlands» an die Brust.

Wobei – Ehre? Oppositionsführer Alexei Nawalny nannte den Milliardär einmal den «Röhrenverkäufer, der Rechnungen schreibt, die siebenmal höher sind als die Kosten». Der Röhrenmann kam schon zu Reichtum, bevor ihm Putin Gunst und Aufträge schenkte. Aber wie? Niemand weiss es. Bis heute hält sich das Gerücht, ein russisches Mafiakartell habe ihn fürs legale Geschäft vorgeschoben.

Für die WM 2018 hat er das Stadion in Jekaterinburg umgebaut, 1700 Kilometer östlich von Moskau, zum zweiten Mal binnen zehn Jahren. Russische Fussball-Freunde haben berechnet, was die vier WM-Partien im runderneuerten Stadion ungefähr kosten könnten: rund 1,6 Millionen Dollar – pro Spielminute.

3. Rechter Innenverteidiger: Aras Agalarow

Normalerweise baut er Luxus-Immobilien, ihm gehören Einkaufszentren und das Expo-Gelände in Moskau, wo vor der WM der Fifa-Kongress abgehalten wird. Sein Spitzname ist: «russischer Trump». Und das kommt nicht von ungefähr: Beinahe hätte er, in eben diesen Hallen, das erste Treffen zwischen Wladimir Putin und Donald Trump ermöglicht. Damals, 2013, beim «Miss Universe»-Wettbewerb, den Agalarow zusammen mit Trump ausrichtete. Putin sagte in letzter Minute ab, aus Termingründen. Viele andere kamen, Minister, hohe Beamte und ein Mafiaboss, den Interpol seit langem sucht. Trump war seinerzeit ganz erpicht, Putin zu treffen, und fragte über Twitter, ob der Kreml-Chef wohl zum Beauty-Contest komme. «Und falls ja, wird er dann mein neuer bester Freund?»

Für die WM durfte Agalarow die Stadien in Kaliningrad an der Ostsee und in Rostow am Don, dem Tor zum Kaukasus, bauen. Und erklärte öffentlich: «Da sollte kein Verlust entstehen, aber wir machen auch keinen Gewinn.» Derlei selbstlose Akte sind auch in der russischen Geschäftswelt höchst unwahrscheinlich. Aber eines bewies der Milliardär mit diesem Satz: seine Qualitäten als Entertainer.

4. Linker Innenverteidiger: Rawil Ziganschin

Er kommt aus Tatarstan, einer autonomen Republik tausend Kilometer östlich von Moskau, und hat den Beinamen «Baukönig». Er baute gleich drei Stadien: in Kasan, in Saransk und Samara. Im April, kurz vor dem ersten Testspiel in Samara, notierte eine Zeitung, dass ungefähr «70 Prozent» der Stadionausstattung noch nicht fertig seien. «Daran haben sie eindeutig gespart.»

Die Bürger Tatarstans gelten als eigenwillig. Vielleicht gibt der Baukönig deshalb den Ausnahmespieler im Team der WM-Gewinner: Seine Firma PSO Kazan antwortet tatsächlich auf die Fragen der Republik und sagt, es habe alles seine Ordnung gehabt, die Stadien seien unter «wiederholter Prüfung» gebaut worden.

Erhellender sind allerdings zwei aktuelle Urteile. Das Sportministerium hatte nämlich einige der Stadionerbauer verklagt, nicht wegen ausufernder Kosten, sondern aufgrund überzogener Termine. Beim Stadion in Saransk wies ein Gericht die Klage des Ministeriums ab, Ziganschin erhielt recht. Für das Stadion in Samara verlangte das Ministerium 9 Millionen Dollar zurück, das Gericht reduzierte die Summe auf 14’000 Dollar. Das riecht nach Alibi-Klagen. Aber die machen sich womöglich gut, wenn nach der WM Rechnungsprüfer vielleicht doch wissen wollen, warum das Sportministerium die Staatskasse so exzessiv geschröpft hat. Man hat es schliesslich versucht!

5. Linkes Mittelfeld: Oleg Deripaska

Der weltläufige Aluminium-Zar verkörpert in Putins WM-Team den Typ schillernde Skandalnudel. Zum einen, weil er das, gemessen an den Sitzplätzen, teuerste Stadion der Welt mitgebaut hat, in St. Petersburg. Da stieg er 2008 ein – und 2016 vorzeitig wieder aus, nachdem er den Löwenanteil der Baukosten kassiert hatte, rund 934 Millionen Dollar. Putin hat es ihm verziehen. Deripaska, so stand es schon 2006 in geleakten Dokumenten aus der Moskauer US-Botschaft, sei «weithin anerkannt als einer der zwei, drei Oligarchen, an die sich Putin regelmässig wendet».

Zuletzt liess Deripaska zu, dass eine Gespielin, ein Escort-Girl, pikante Videos von seiner Luxusjacht ins Netz stellte: Der Oligarch plaudert darin mit einem russischen Spitzenpolitiker über Moskaus Politik gegenüber den USA. Ausserdem zahlte Deripaska Millionenhonorare an den Lobbyisten Paul Manafort, der zwischenzeitlich Donald Trumps Wahlkampfmanager war – der Fall ist Teil der Ermittlungen zur vermuteten Einmischung des Kreml in den US-Wahlkampf. Seit April steht Deripaska unter US-Sanktionen. Er handle «für oder im Auftrag» eines «leitenden Offiziellen», heisst es da – eine klare Anspielung auf Putin. Andere Vorwürfe lesen sich wie der Steckbrief für einen Mafia-Capo: Geldwäsche, Schutzgelderpressung, Bestechung von Regierungsbeamten, ein angeblicher Auftragsmord.

6. Rechtes Mittelfeld: Viktor Vekselberg

«Jeder denkt, wir seien Marionetten in Putins Händen», wies Viktor Vekselberg schon vor Jahren öffentlich die Idee zurück, Russlands Geschäftsleute würden im Ausland auf Putins Geheiss operieren. Das sei «ein Fehler». Diese Verteidigungslinie stand recht lange – aber im April setzten die USA auch ihn auf die Sanktionsliste, nachdem Verbindungen zum Trump-Wahlkampf bekannt geworden waren.

Viktor Vekselberg trägt im Westen den Beinamen «russische Sphinx». Den hat er sich wohl mit seinem eher unauffälligen Lebensstil in der Schweiz verdient, wo er – unter anderem – am Maschinenbauer Sulzer, am Anlagenbauer Oerlikon und beim Stahlhersteller Schmolz+Bickenbach beteiligt ist. Aber er führt auch ein international weit verzweigtes und schwer überschaubares Imperium. Für die Weltmeisterschaft stampfte er mit einer seiner vielen Firmen unter anderem in Rostow am Don einen neuen Flughafen aus dem Boden – eine der wenigen Public-Private-Partnership-Unternehmungen fürs Fussballturnier. Die Mischkalkulationen sind nicht immer, was sie scheinen: In Sotschi zum Beispiel stiess Vekselberg unrentable Hotels ein Jahr nach den Spielen wieder ab – der Staat übernahm.

7. Zentrales Mittelfeld: Arkadi Rotenberg

Als Putin sich vor zwei Wochen hinters Steuer eines orangefarbenen Trucks klemmte, um die Brücke zwischen dem russischen Kernland und der annektierten Halbinsel Krim zu eröffnen, war auch ein guter Freund aus Kindertagen dabei: Arkadi Rotenberg. Hemdsärmelig und meist einen Schritt hinter Putin zwinkerte der Bauunternehmer in die Kameras, sein Unternehmen hatte die Brücke gebaut. Das Projekt hatte er bei Übernahme als Vaterlandsliebe verkauft: «Ich mache das nicht, um Geld zu verdienen. Es ist mein Beitrag zur Entwicklung des Landes.»

Nun ja. Der in Beton gegossene Machtanspruch des Kreml-Zaren wäre damit ein Novum im Geschäftsleben des Mannes, den sie in Russland den «Kaiser der Staatsaufträge» nennen. Der Kaiser ist eigentlich Sportlehrer, trainierte mit Putin im Judoverein, und vor dessen Einzug in den Kreml versuchte er sich noch eher hausbacken im Tankstellengeschäft. Heute taxiert ihn «Forbes» auf 2,7 Milliarden Dollar.

Für die Fussball-WM durfte er den Moskauer Flughafen Scheremetjewo modernisieren. Inzwischen ist er auch Miteigentümer des Airports. Den Erlass für den Verkauf der Staatsanteile unterzeichnete Putin. So lief es nicht zum ersten Mal.

Rotenberg steht auf den Sanktionslisten der USA und der EU und im Verdacht, über seine Firmen Putin zu finanzieren. Offiziell verbindet beide aber nur die Judomatte. Nähe zur Macht (und Geld) katapultierten Rotenberg auch in den Vorstand des Judo-Weltverbandes. Dort heisst der Ehrenpräsident Putin.

8. Zentrales Mittelfeld: Alexei Miller

Alexei – wer? Alexei Miller ist der Mann, der aus dem Nichts kam – und oft den Eindruck macht, als ob er am liebsten gleich wieder dorthin verschwände. Obwohl er als Boss des Gazprom-Imperiums eigentlich Russlands mächtigster Wirtschaftsführer ist. Als solchen trafen ihn gerade die US-Sanktionen, was man durchaus für irreführend halten kann. Miller arbeitete schon in St. Petersburg als Putins Untergebener. Und auch bei Gazprom ist er nur der Schütze vom Dienst des Kapitäns.

Für Putin pumpt er zig Millionen auch in den Sport, vorzugsweise in den Fussball. Keiner weiss, wie viele es für den Vertrag als Fifa-Topsponsor sind, der 2014 noch mit Sepp Blatter geschlossen wurde.

Auch die Weltmeisterschaft kam schon dank Gazproms reger Mithilfe nach Russland. Wie rege? Fast alle Akten zur Bewerbung waren ja bedauerlicherweise verschwunden. Aber die Fifa befand, es habe alles seine Ordnung gehabt mit dem Bewerbersponsor Gazprom.

9. Stürmer: Alischer Usmanow

Der massige Milliardär hat zweifelsohne Stürmerqualitäten. Für Putin stellt er jedenfalls gern seinen Fuss in die Tür, auch wenn nicht immer offensichtlich ist, wohin die führt. Im letzten Jahr zum Beispiel sandte er eine öffentliche Protestnote an Thomas Bach, den IOK-Präsidenten. Der möge doch bitte dafür sorgen, dass russische Athleten bei den Winterspielen in Pyeongchang «die Fahne ihres Vaterlandes am Himmel sehen» könnten. Russland wurde erst nach den Spielen rehabilitiert – aber Milliardär Usmanow, der auch Präsident des Fecht-Weltverbandes ist, hatte bei Bach, dem Ex-Fechter, eine Duftmarke gesetzt für den Umgang mit dem Dopingskandal.

Der «Mann aus Stahl», wie Usmanow wegen seines Kerngeschäfts genannt wird, ist in vielen Putin dienlichen Branchen unterwegs: Er besitzt ein Medienimperium und Anteile an Twitter oder Facebook. Mit dem Mobilfunkanbieter Megafon richtet er die Kommunikationstechnik für die Fussball-WM ein.

10. Torwart: Witali Mutko

Er war Sportminister, wurde weltbekannt als Drahtzieher des russischen Dopingskandals – und ist gerade wieder aufgestiegen in der neuen Regierung: zum Vizepremier für Bau. Das hat eine gewisse Logik: Als Sportminister war er ja auch schon zuständig für die Verteilung der WM-Milliardenaufträge an gute Freunde.

Was macht es da schon, dass er nach dem Doping-Mogelfest von Sotschi weltweit blamiert ist und vom Internationalen Olympischen Komitee mit lebenslanger Olympiasperre belegt? Ärger kriegt bei Putin nicht, wer betrügt, schon gar nicht, wenn er so loyal wie Mutko ist. Der wehrt ja bekanntlich tapfer alle vorliegenden Beweise dafür ab, dass es ein staatlich organisiertes Doping in Russland gab.

Im Dezember, nach der IOK-Sperre, trat er «zeitweilig» auch als Boss des russischen Fussballverbandes zurück – wohl besser so fürs Image in der Fussballwelt. Sein Nachfolger, der angebliche Verbandsführer, stellte allerdings am letzten Wochenende in einem Zeitungsinterview klar: «Mutko ist unser Präsident. Er war nie weg.»

11. Rechtsaussen: Michail Fridman

An Michail Fridman liegt es nicht, dass das WM-Publikum in den Halbzeitpausen vornehmlich Werbung aus China serviert bekommt, für Trinkjoghurt oder Mobiltelefone etwa. Mit seiner Alfa-Bank, der grössten Privatbank in Russland, sicherte sich Oligarch Fridman vor zwei Jahren den ersten von der Fifa vertickten Spot für regionale Sponsoren. Dann stockte die Vermarktung. Also kamen die Chinesen, traditionell ohne Berührungsängste mit Sportverbänden von zweifelhaftem Ruf.

Lange bescheinigte man dem Banker im Westen eine gesunde Distanz zum Kreml. Noch 2017 kürte ihn das Wirtschaftsmagazin «Forbes» zum russischen «Geschäftsmann des Jahres» – weil er so viel wie kaum ein anderer russischer Unternehmer im Westen investiert. Inzwischen ist Fridmans Ruf als Putin-ferner Grossinvestor angeschlagen: Für die ungewöhnlich intensive Verbindung zwischen den Computer-Servern seiner Alfa-Bank mit denen von Donald Trumps Wahlkampagne sucht das FBI noch nach Erklärungen.

Trainer, Manager, Präsident: Wladimir Putin

So könnte sie aussehen, die Mannschaft, mit der Putin 2018 aufläuft. Wobei – eigentlich gibt es ja gar keine Oligarchen mehr in Russland. Sagt Putin. Oligarchie – in den Worten Putins «die Verschmelzung von Geld und Macht zum Zwecke der Beeinflussung politischer Entscheidungen, um sich weiter zu bereichern» – habe er höchstselbst abgeschafft. Er sei es, der «Geld und Macht getrennt» habe.

Es ist einerseits richtig: Schliesslich hat Putin bereits 2003 einen Warnschuss abgegeben: Damals zerschlug er Yukos, den grössten privaten Ölkonzern in Russland, Inhaber Michail Chodorkowski wanderte für acht Jahre hinter Gitter. Der Oligarch hatte es gewagt, Oppositionsparteien und NGOs zu sponsern, und damit Putins Regel Nummer 1 verletzt: sich nicht in die Politik einzumischen. Es sei denn, Putin hat es angeordnet. Seither sind die Verhältnisse im FC Kreml wieder klar: Das Geld auf den Bankkonten auch der mächtigsten Unternehmer ist virtuell. Es kann sich jederzeit in Luft auflösen. Real wird es nur, wenn es der Kreml will.

Folgt man Putins Logik, gibt es nur noch einen Oligarchen in Russland, einen Mann, der Macht und Reichtum vereint, und das ist er selbst: Wladimir Putin.

Wobei er offiziell ja nicht reich ist. Aber Experten, etwa Fondsmanager, die Russland verlassen mussten, erzählen immer wieder, wie prächtig Putin profitiert von dem System, das er geschaffen hat. Sie taxieren sein privates Vermögen auf 40 bis 200 Milliarden Dollar.

Anfang Mai, Sotschi. Hier residiert Russlands Präsident in einem Palast, der über merkwürdige Offshore-Konstrukte finanziert wurde. Hier tagt wieder einmal der Aufsichtsrat der Fussball-WM. Neben Putin, dem Vorsitzenden auch dieses Gremiums, sass der Walliser Gianni Infantino und raspelte Süssholz: «absolut einzigartig», belobigte der Fifa-Präsident die Turniervorbereitung. Zu verdanken sei das – wem auch sonst? – «der russischen Regierung, beginnend mit dem Präsidenten». Da nickte Putin, der bisher staatsmännisch die Stirn in Falten gelegt hatte, und lächelte fein.

Denn das hört er natürlich gern, wenn jemand so deutlich sagt, worum es geht, auch bei der Fussball-WM: Es ist Putin, der Russland wieder gross gemacht hat.

Zur Autorin

Grit Hartmann lebt und arbeitet als freie Journalistin in Leipzig. Ihre Themen: Sportpolitik und Doping. Sie ist Autorin mehrerer Bücher, schreibt für Zeitungen und die Republik, arbeitet für die Fernsehsendung «sport inside».

Sie haben in diesem Artikel viele Worte gelesen …

… aber die wichtigsten drei fehlten. Seit je beruht jede funktionierende Gemeinschaft auf diesen drei Worten. Liebende sagen sie zueinander. Gute Politiker sagen sie ihren Wählern, gute Priester ihrer Gemeinde, gute Eltern ihrem Kind. Sie lauten: Fürchte dich nicht! – Wir von der Republik glauben, dass auch im Journalismus gilt, was Franklin D. Roosevelt einst zur Politik sagte: «Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst.»


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