Film

Die Lust am Groben

Paolo Sorrentino: «Loro»

Wo die Wirklichkeit jede Satire übertrifft, wird die Satire ein Ding der Unmöglichkeit. An dieser Tatsache krankt das Berlusconi-Porträt des italienischen Regisseurs.

Von Ekkehard Knörer, 10.10.2018

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Talent wird zum Dilemma: Toni Servillo als Berlusconi. Gianni Fiorito

Wer sich Trump nicht vorstellen konnte, hatte Silvio Berlusconi wohl einfach vergessen. Der Pussy-Grabber, der sich jeden Skandal leisten kann, weil mit jedem Skandal neben dem Entsetzen derer, die halbwegs bei Moral und Verstand sind, auch die Bewunderung seiner Anhänger wächst, die jeden Verstoss gegen die Sitten des Establishments als Beleg dafür nehmen, wie sehr er die Elite verachtet: Berlusconi war die nationale Tragödie als Farce, die sich in Trump nun zum Schaden der ganzen Welt wiederholt.

Er, dessen Namen man nicht nennt

Paolo Sorrentinos «Loro» ist ein Film über Berlusconi mit dem Clou, dass der Protagonist erst einmal – und zwar ziemlich lange – gar nicht auftritt. Er wird nur mehrfach erwähnt als der, dessen Namen man lieber nicht nennt: «Lui, lui» heisst es mehrfach: er, der auch nicht im Titel steht.

Im Titel stehen dafür sie, die anderen: «loro». Das ist schon der klügste Zug dieses nicht sehr klugen Films, der die Vulgarität seines Gegen­stands durch die Vulgarität der eigenen Mittel vergilt: Ihn, lui, gäbe es nicht ohne all jene, loro, die ihn verehren. Das sind nicht nur und vielleicht nicht einmal in erster Linie die für dumm verkauften Wählerinnen und Wähler, sondern vor allem die endlose Reihe der servilen Speichel­lecker ohne Würde um ihn herum, die keine Prinzipien haben, nur die Nähe zur Macht wollen um der Nähe zur Macht willen.

Mit dem Blick ins Gesicht eines Schafs beginnt «Loro». Das Schaf steht auf einem sehr grünen Rasen, der zu einer riesigen Villa gehört. Das Schaf läuft in die Villa, die Klima­anlage springt an, kühlt herunter, das Schaf steht da und bibbert, dann macht es die Grätsche. Was immer dieses Schaf bedeuten soll – nach dem Sinn seiner Ideen sollte man Sorrentino aber ohnehin nicht befragen –, es setzt den Ton des Berlusconi-Porträts: «Loro» ist eine Groteske. Und Sergio Morra (Riccardo Scamarcio) ist die Figur, über die der Film sich dem Helden zunächst einmal nähert.

Junge Frauen, grosse Party

Eine Figur, die sicher das eine oder andere Vorbild in der Wirklich­keit hat, die Sorrentino wie viele andere aber mit Rück­sicht auf die Regeln der Kunst, mehr noch auf Berlusconis Anwalts­heer ins Reich der Fiktion übersiedelt. Morra ist der Betreiber eines Rings von Prostituierten, also ein Mann, der hat, was Berlusconi begehrt. Allerdings hat Berlusconi zum Beginn der Erzählung gerade nicht, was er noch mehr begehrt als die Frauen, das, was sein Lebenselixier ist, das Mittel zum Zweck aller Mittel: die Macht.

Er inszeniert, was Berlusconi begehrt: Morra, gespielt von Riccardo Scamarcio. Gianni Fiorito

Er sitzt, aus der dritten Regierung unter seiner Führung gekegelt, in seiner sardischen Villa. Morra mietet kurzerhand die Villa daneben, trommelt knapp und weniger als knapp bekleidete junge Frauen zusammen und inszeniert für den lüsternen Blick Berlusconis eine riesige Party.

Sorrentino entwirft den Prospekt, muss man sagen, mit Gusto. Erst wird die Wirkung der Partydroge MDMA erklärt, dann werden ihre Folgen in Szene gesetzt. Die Kamera filmt die nackten und halbnackten Frauen en gros et en détail mit einer Lust, die nichts Analytisches hat. Der Film springt wie sein Pro­tagonist an auf die exponierten Körper der Frauen. Hier wie auch sonst ist Sorrentino eher Komplize der Figur, die er porträtiert, als der scharfe Kritiker, für den er sich mutmasslich hält. Diese Komplizenschaft ist kein Zufall, nichts, was dem Filmemacher unterläuft. Sie hat vielmehr Methode.

Der Zugriff Sorrentinos auf sein Sujet folgt dem Prinzip der Nummernrevue. Die einzelnen Szenen werden erst ohne Berlusconi, dann mit ihm, aber durchweg ohne klare Verbindung aneinandergereiht. Das Problem ist nicht so sehr, dass dadurch ein überzeugender narrativer Zusammenhang fehlt, auch wenn man einen Spannungsbogen auf die Dauer der sehr langen zweieinhalb Stunden durchaus vermisst. (Dabei ist das, was jetzt international ins Kino kommt, eine stark gekürzte Version: In Italien lief der Film in zwei mehr als anderthalbstündigen Teilen.)

Weil er aber eine Szene an die andere reiht, ohne dass systematisch oder analytisch die eine aus der anderen folgt, macht sich der Film einfach nur gemein mit dem, was er zeigt: mit der totalen Korruption als Spektakel.

Privat statt politisch

«Il Divo», das Andreotti-Porträt, das Sorrentino vor zehn Jahren international berühmt gemacht hat, sezierte immerhin den Politiker im Raum seiner Macht, im Umfeld von Staatsaktion und Palast. «Loro» dagegen meidet das politische Rom fast komplett. Das hat seinen biografischen Sinn, da es um Berlusconi im Interim zweier Regierungen geht – nur dass die Wahl dieses Interims selbst schon nicht unschuldig ist. Sorrentino macht es sich einfach, indem er den Privatmann kaum auf seine politischen Absichten und Wir­kungen bezieht.

Besoffen von sich selbst: Die Berlusconis mit Elena Sofia Ricci als Veronica. Gianni Fiorito

Politik wird so ihrerseits privat, und die Virtuosität des Schauspielers Toni Servillo, der schon Andreotti gespielt hat, wird zum echten Dilemma: Eine darstellerische Tour de Force folgt der nächsten. Berlusconi als Verkaufs­genie, der einer ahnungs­losen Frau aus heiterem Himmel am Telefon ein nicht existierendes Apartment aufschwatzt. Berlusconi als Mann, der seinem Enkel mit Isaac Newton und anhand eines Häufchens Hunde­scheisse erklärt, wie man alternative Wahr­heiten produziert.

Gerade die Momente, die den alten Mann auf eine lächerliche Figur zu reduzieren versuchen, gewinnen durch Servillos Spiel einen Hauch von Tragik, den der Privat­mann Berlusconi garantiert nicht verdient.

Dabei wäre die reine Affirmation als Methode zwar heikel, aber immerhin interessant – und insoweit ehrlich, als Sorrentino das Verkommene an Berlusconi unter dem Vorwand der Kritik sichtlich geniesst. Berlusconis Besoffen­heit von sich selbst und seinem eigenen Können, seiner Unfähigkeit zur Sublimation, seiner Lust am Grotesken und Groben ist Sorrentino viel näher, als er wahr­haben will. Die schwächsten Szenen von «Loro» sind genau darum jene, in denen Sorrentino allen Ernstes versucht, Berlusconi moralisch zu kommen: in Gestalt einer jungen Schau­spielerin, die sich der schmierigen Verführung entzieht; und in Gestalt von Berlusconis Ehe­frau Veronica Lario (Elena Sofia Ricci), die nach langen Jahren, in denen sie alles mitgemacht hat, dann doch die Scheidung verlangt.

Der Populist und sein Cantautore: Berlusconi mit Mariano Apicella (Giovanni Esposito). Gianni Fiorito

Das Problem, dem sich Sorrentino nicht wirklich stellt, ist grund­sätzlicher Art: In Wahr­heit gibt es an Typen wie Berlusconi und Trump ja nichts zu entlarven. Jede mögliche Kritik liegt schon auf der Hand. Tausend­und­ein Zeitungs­artikel haben die Lügen und Fake News gezählt, von denen Politiker dieses Schlags sich nähren, statt an ihnen zu krepieren. Wer es wissen will, kann immer schon wissen, dass sie skrupel­los und sentimental, dass sie primitiv und vulgär sind, bodenlos dumm, bauern­schlau besten­falls, dass ihnen die Regeln des guten Geschmacks und des Anstands gar nichts bedeuten, dass sie sich die Welt im narzisstischen Wahn zurecht­fabulieren und im Spiegel immer nur den eigenen Blick auf sich selbst, nie die Reflexion ihres Selbst durch die anderen sehen.

Empörung ohne Kraft

Das Porträt des Populisten in kritischer Absicht kommt um das Spektakel, das der Populist darstellt, in der eigenen Darstellung kaum herum. Eine Attraktion unter negativen Vorzeichen bleibt eine Attraktion. Die Satire wird ein Ding der Unmöglich­keit, wo die Wirklich­keit jede Satire immer schon übertrifft. Wo man mit bebender Stimme immer nur das Offen­sichtliche konstatieren kann, verliert die Empörung ihre Kraft.

Kunst, die aus eigener Kraft ihre Stimme gegen das Groteske erhebt, muss sich radikalisieren, will sie nicht die Wirklich­keit nur verdoppeln. Das kann sie durch heftige Forcierung, Über­treibung und Entstellung versuchen. Verweigert sie das Spektakel komplett, wird sie vermutlich kein Publikum finden. Womöglich kämpfen gegen die Dreistig­keit an der Macht die Götter der Kunst immer vergebens. Eines aber steht fest: Etwas so Halbgares wie Paolo Sorrentinos «Loro» kann man vergessen.

«Loro» von Paolo Sorrentino startet in den Deutschweizer Kinos am 11. Oktober, im Tessin am 25. Oktober und in der Romandie am 31. Oktober.

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