Sie glauben, dass Meinungsvielfalt darin besteht, dass es linke und rechte Medien gibt? Die dann im Schützengraben aufeinander schiessen? Wir glauben das nicht. Die Aufgabe des Journalismus ist, eine gemeinsame Grundlage zu schaffen, auf der man um seine Interessen kämpft. Dafür arbeitet die Republik.

Big Brother auf Chinesisch? Aufnahme einer Gesichtserkennungssoftware von einer Strassenszene in Peking. Gilles Sabrie/NYT/Redux/laif

Errichtet China eine Big-Data-Diktatur? Nein.

Die Republik hat wiederholt den weltweiten Datenkapitalismus und die zunehmende Überwachung durch Big Data kritisiert. China plant ab 2020 ein solches Kontrollsystem. Orwell? Nein, Konfuzius, sagt unser Gastautor.

Von Marcus Hernig, 4.10.2018

Eins: Von 1984 nach 2020

Beginnen wir mit einer Fiktion. Springen wir ins Jahr 2020 und stellen uns vor: Winston Smith, der tragische Held aus George Orwells «1984», wohne jetzt in Shanghai. Früher, als er noch vom Grossen Bruder gepiesackt wurde, lief er in stalinistischer Einheitskleidung herum und war ziemlich ausgemergelt. Inzwischen ist er fast 80, hat einen Wohlstandsbauch, trägt Designerjeans und Markenschuhe und bezieht als «weltweit geschätzter Prominenter» eine Rente des chinesischen Staates.

«Das Beste, was nach 1984 erfunden wurde, ist das Smartphone», sagt Winston Smith in seinem Penthouse mit Blick auf die Skyscraper Pudongs. «Eigentlich bin ich schon zu alt für diesen Technikkram, aber die Möglichkeiten, die dieses Ding bietet, sind fantastisch. Das hätten sich die Leute der ozeanischen Gedankenpolizei nie träumen lassen.»

Winston redet nicht gern über das Vergangene. Überhaupt hat er vieles vergessen nach der Folter im Ministerium für Liebe, die ihn schliesslich doch in einen folgsamen Untertanen verwandelte. Lieber preist er die Gegenwart. Chinas Art der Gedankenkontrolle, die so ganz ohne Gewalt und Einzelhaft und Gehirnwäsche auskommt.

«Seit ich hier lebe, weiss ich, wie dezent eine Regierung Menschen manipulieren kann», sagt Smith und tritt an die bodentiefen Fenster. «Meine Sozialkredit-App sagt mir in einem fort, wie hoch mein Punktestand ist. Ist es nicht wunderbar, wie versessen die Chinesinnen darauf sind, ihren Score zu erhöhen?» Indem sie konsumieren und einkaufen, die Verkehrsregeln einhalten, in der U-Bahn bereit sind, für ältere Menschen aufzustehen, keine politischen Pamphlete lesen, in der Schule gute Noten haben, in den sozialen Netzwerken mit den richtigen Leuten befreundet sind, solchen, die ebenfalls gute Untertanen sind. Und nicht im Traum daran denken, die Regierung in Peking zu kritisieren.

«Ist das nicht wunderbar», wiederholt Winston Smith, noch immer am Fenster stehend, «dass so automatisch jeder seinen Platz erhält?» Hier die Super-User und Erfolgsmenschen mit den vielen Punkten, dort die Loser und der Abschaum mit den wenigen Punkten. Hier die A-Menschen, dort die D-Menschen. Wirklich alles richtig mache die Regierung in Peking. Der Weg in eine goldene Zukunft. Welch gütiger Grosser Bruder lenke da das Land. Winston Smith lächelt.

Zwei: Chinas dunkle Zukunft

Noch ist es nicht so weit. Noch ist 2018, noch gibt es dieses Punktesystem nicht, das alle Chinesinnen und Chinesen erfassen, klassifizieren und erziehen wird. Noch ist die Regierung in Peking erst dabei, jenes Sozialkreditsystem aufzubauen, über das westliche Zeitungen seit längerem raunen. Der Tenor in den Berichten: China ist auf dem Weg zum Überwachungsstaat. China wird die erste Datendiktatur des 21. Jahrhunderts sein. Eine neue gelbe Gefahr am östlichen Horizont. Nur drei Beispiele:

Kai Strittmatter, der auch für den «Tages-Anzeiger» schreibt, sieht mit dem Sozialkreditsystem ein Zeitalter der totalen Überwachung heraufziehen. Das flächendeckende Kontrollnetz, gefüttert von zig Datenquellen und Überwachungskameras, werde noch die privatesten Regungen der Bürgerinnen erfassen – und einen unmündigen, unfreien Menschen hervorbringen.

Der gar nicht mehr in der Lage ist, Kritik an Staat und Gesellschaft zu üben, ergänzt Felix Lee in der «Zeit». Auch er malt das düstere Bild von klassifizierten Menschen, von vorbildlich bis nichtswürdig eingestuft – und ganz unten steht der Regimekritiker, degradiert zum sozialen Bodensatz.

Axel Dorloff schliesslich, im Deutschlandfunk, sieht Staatspräsident Xi Jinping anknüpfen an den Spitzel- und Überwachungsstaat Mao Zedongs. China, so sein Fazit, sei «auf dem Weg in die IT-Diktatur».

Das Bild Chinas ist wieder einige Stufen düsterer geworden. Unbegrenzte Machtfülle eines nimmersatten Super-Staatschefs, mundtot gemachte Regimekritiker, ausgewiesene Journalisten, unterdrückte Falun-Gong-Apostel, mit den Füssen getretene Menschenrechte. Dazu das rücksichtslose Aufkaufen von Firmen in Europa, um deren Know-how abzusaugen, das Ausplündern Afrikas, ganz zu schweigen von den Heerscharen sich ungehobelt benehmender chinesischer Touristen von Luzern bis Lausanne. Und nun auch noch diese radikale Attacke gegen Freiheit und Aufklärung.

Englischsprachige Autoren relativieren die apokalyptischen Szenarien mit Vergleichen und Erzählungen über ähnliche Tendenzen, etwa in den USA. In der deutschsprachigen Welt aber sticht China heraus, als Reich einer bösen Zukunft.

Horrorvision? Nicht in China, hier fühlen sich die Menschen durch Überwachungstechnologien eher beschützt als bedroht. Gilles Sabrie/NYT/Redux/laif
Es geht um Vertrauen: Nicht Strafe, sondern Belohnung erzieht die Menschen wahrhaft, so die verbreitete Meinung. Gilles Sabrie/NYT/Redux/laif

Drei: Wie das Vertrauen verloren ging

Um es vorwegzunehmen – ich teile diese Einschätzung nicht. Seit 1998 lebe ich in Shanghai, einer quirligen, oft grauen Metropole. Und grau ist die Realität, wie Goethe einst Doktor Faustus sagen liess. Ja, das künftige Datensystem wird auch der Kontrolle dienen – vor allem aber soll es Vertrauen unter den Chinesinnen schaffen. Es mag auf den ersten Blick an Orwells Big Brother erinnern – vor allem aber steht es in der Tradition von Konfuzius.

Es genügt nicht, westliche Werte eins zu eins auf China zu übertragen. Es genügt auch nicht, lineare Projektionen anzustellen: Wenn der Staat jetzt das und das tut, wird sich China so und so verändern. Wer das Land begreifen will, muss es aus seiner Geschichte und seinen Werten verstehen. Muss einen Schritt zurücktreten und das ganze Bild anschauen.

Gewiss: Shanghai, meine Wahlheimat, ist gespickt mit Überwachungs­kameras, und an jeder zweiten Ecke lauern Ordnungshüter, ebenfalls in Grau – und trotzdem fährt Lao Liu, der Gemüseverkäufer meines Vertrauens, immer wieder hinaus mit seinem Lastendreirad, um seine Ware auf der Strasse zu verkaufen. Illegal. «Ich bin schon dreimal geschnappt worden von den Grauen», erzählt er. «Und bin dann immer für eine Weile untergetaucht. Sobald sich alles beruhigt hatte, war ich wieder da.» Er grinst.

Es gibt Millionen wie ihn, Menschen, die sich ohne Papiere in Chinas Megacitys durchschlagen. Der Staat bekämpft sie, sie ziehen sich zurück, finden aber jedes Mal neue Wege, um wieder aufzutauchen. China ist ein lebendiger Organismus. Und das liegt auch am manchmal zweifelhaften Geschick seiner Händler – die schon immer ein sehr eigenes Volk waren.

Wer in China Geschäfte macht, wörtlich den «Sinn des Lebens» (shengyi) füllt mit seinen wirtschaftlichen Erfolgen, der galt seit jeher als frei von sozialer Verantwortung. Im alten China bildeten die Händler die niedrigste soziale Klasse. Wer nicht als Beamter regierte, als Bauer produzierte, als Handwerker baute, dem blieb nur das Geschäftemachen – und das hatte einen schlechten Ruf. Kam jemand zu Reichtum, musste er bestechen, sich Status mit Geld erkaufen, um aus der untersten Hierarchiestufe aufzusteigen.

Den Händlern misstraute man seit jeher – und dann zettelte Mao zwischen 1966 und 1976 die Kulturrevolution an und vernichtete jede Menge Vertrauen unter den Menschen. Bürger wurden zu Bespitzelung und Denunziation angehalten, jede konnte nun jederzeit der Konterrevolution verdächtig sein, Sicherheiten gab es keine. Wer eben noch angesehen war, konnte morgen auf der Strasse als Reaktionärin beschimpft und verprügelt werden.

Während Mao seine politischen Widersacher einen nach dem anderen kaltstellte oder beseitigte, wurde das Volk in den Kollektiven auf Linientreue eingeschworen. Eine Privatsphäre, ein eigenes Leben getrennt von der Öffentlichkeit gab es kaum noch. Stattdessen kontrollierten Dorfvorsteherinnen, Blockwarte und Maos berüchtigte Rote Garden, ob jede den Grossen Steuermann aus tiefem, roten Herzen verehrte. Wer in den Verdacht geriet, nur leise Kritik geäussert zu haben oder etwa heimlich Privatbesitz wie verbotene Bücher oder Kunstwerke der Vergangenheit behielt, dem drohten Kritiksitzungen, öffentliche Anprangerung oder in Einzelfällen die Todesstrafe.

Nie haben die Chinesinnen diese Zeit aufgearbeitet. Nie wagte die kommunistische Partei, sich dieser Vergangenheit zu stellen und zu heilen, was die Exzesse der Diktatur zerstört hatten. Die Folge: Höchstens vertraute man noch der engsten Familie – und sonst niemandem. Schon gar nicht dem Staat. Und dann ging es ab 1978 unter Deng Xiaoping mit Volldampf in Richtung Marktwirtschaft. Nun lautete die Devise: Arbeiten, aufholen, reich werden, und das möglichst schnell.

Vier: Schwarz geschaltet

Nicht lange, da gesellen sich, in schlechter chinesischer Tradition, zu den erfolgreichen Unternehmerinnen die Trickbetrüger, Kopierer, Fake-Erzeuger und Scharlatane. Das beginnt mit dem fliegenden Händler, der eine Fake-Uhr für das Vielfache ihres Werts verkauft. Und endet mit Kriminellen wie Tian Wenhua, die einst den Milchpulverkonzern Sanlu leitete. 2008 lässt sie Melamin in Babymilch mischen, die katastrophale Folge: 294’000 Säuglinge erkranken, sechs sterben. Im Januar 2009 erhält Tian lebenslänglich – und wird wohl allein deshalb nicht hingerichtet, weil sie sich reumütig gezeigt hat.

In einem fort muss sich der Kunde im heutigen China in Acht nehmen vor Betrug: Man bestellt sich neue Kopfhörer im Internet, überweist das Geld – aber erhält nie die Ware, sondern wird stattdessen «schwarz geschaltet» – der Verkäufer taucht ab und bricht den Kontakt ab.

Die Betrüger wissen, dass ein Schaden von 1000 Yuan (rund 140 Franken) von der Polizei fast nie verfolgt wird, einfach weil es zu viele Fälle sind und sich der Aufwand nicht lohnt. Und so wird ein Bagatellfall, millionenfach multipliziert, zum Gesellschaftsproblem. Der Betrüger kommt davon, verdient auf Dauer viel Geld – und hat keinen Grund, seine 1000-Yuan-Masche zu stoppen.

Vor ein paar Tagen traf ich meinen alten Bekannten Li Zong, der viele Jahre für eine deutsche Firma in Shanghai gearbeitet hat. Li sah schlecht aus, gezeichnet von schlaflosen Nächten. «Ich steige aus», sagte er und rieb sich die geröteten Augen. «Jeden Abend war ich in den letzten Tagen mit diesen Handelspartnern aus. Sie verlangen immer mehr. Eine durchzechte Nacht und ein paar Frauen reichen nicht mehr. Jetzt wollen sie, dass wir ihnen Konkubinen finanzieren. Eine Nebenfrau für das ganze Jahr, schwarz. Du denkst, damit ist es vorbei in Xi Jinpings Anti-Korruptions-China? Von wegen. Der Konkurrenzkampf wird immer härter. Die chinesischen Produkte werden immer besser, fast kein Unterschied mehr. Wenn wir unsere deutschen Maschinen noch unter die Leute bringen wollen, müssen wir immer mehr bestechen. Alle sind korrupt: Chinesen, Deutsche, Ausländer. Jeder bedient sich.»

Nicht nur im Handel blüht die Korruption. Wenig wird in China höher geschätzt als ein guter Uni-Abschluss. Vor kurzem machte ein junger Mann namens Wang Mou seinen Abschluss an Pekings renommierter Hochschule für Politik und Recht. Als er sich bewirbt, kommt heraus – die Registriernummer seines Zeugnisses existiert nicht. Die Polizei ermittelt und stösst auf einen Hochschulmitarbeiter namens Liu. Er hatte Wangs Eltern seinerzeit versprochen, den Sohn für ein Schwarzgeld von umgerechnet 42’000 Franken an der Hochschule einzuschreiben. Und hatte nicht Wort gehalten. Acht weitere Familien betrog Liu und verdiente damit viel Geld. Das Bezirksgericht Beijing-Haidian verurteilte ihn kürzlich zu 12 Jahren Haft.

Schattenwelten, verbreitete Betrügereien: Nicht wenige Chinesen glauben, dass Korruption und Gaunerei tief in den Genen des Volkes verankert seien – und man diesem Übel nur mit strikter Kontrolle beikommen kann. Wenn überhaupt.

Fünf: Wie die Regierung Vertrauen fördern will

China steckt in einer Krise, glaubte schon früh die Regierung Xi Jinping. Es steckt in einer Krise der Werte: Zu viele Bürgerinnen interessierten sich nur noch für sich selbst und ihren ausschweifenden Konsum, Versprechen seien Lippenbekenntnisse, es grassiere der Egoismus. Und so beschloss die Führung auf dem Parteitag im November 2012, die Gesellschaft nach einem neuen Leitbild zu erziehen. Zwölf sozialistische Kernwerte gelte es fortan zu propagieren, in Schulen und Universitäten, auf Plakaten, Bussen und Websites.

Sie lauten: Wohlstand, Demokratie, Zivilisation, Harmonie, Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Herrschaft des Gesetzes, Patriotismus, Leidenschaft für die eigenen Aufgaben, Freundschaft, Vertrauen.

Manches klingt so sehr nach Französischer Revolution, dass man sich verwundert die Augen reibt. Wobei der Einparteienstaat sehr eigene Auffassungen hat von Freiheit und Demokratie. Besonders wichtig ist der Staatsführung um Xi Jinping Vertrauen (chengxin). Das Ziel: In einer Gesellschaft des Misstrauens das Vertrauen mit den Mitteln des Staates wiederherstellen. Mit den Mitteln eines Sozialkreditsystems vor allem, das Gesetzestreue belohnt und abweichendes Verhalten sichtbar macht.

Dabei, so die Massgabe, sollen die Regierenden mit gutem Beispiel vorangehen: Politische Entscheidungen sollen transparent gemacht werden, Beamte besser ausgebildet werden, Funktionäre ihre Entscheidungen nicht mehr in Hinterzimmern auskungeln, sondern öffentlich begründen. Genau wie die Richter. Die Justiz, in ihrer uniformiert-militärischen Erscheinung äusserlich bisher eher dem Volksgerichtshof der Nazis ähnlich, soll effizienter und bürgernäher werden.

Der Begriff dafür klingt lyrisch: «Gesetzesvollzug im Sonnenschein.» Was auch heisst: Bislang geschah vieles bei Nacht und Nebel. Überhaupt sollen alle Regierungsorgane künftig «scheinen» – alles, was sie tun, soll mit Richtlinien und Gesetzesvorgaben begründet sein. Nur wer selbst Vertrauen vorlebe, könne auch Vertrauen von anderen verlangen.

Erste Schritte gibt es bereits: Stolz verweist die Führung auf die regierungseigene Plattform 12365.gov.cn. Hier können Bürgerinnen Fälle von Betrügereien oder Qualitätsmängeln melden. Spätestens ab 2020 soll die Plattform mit den Datensätzen des sozialen Kreditsystems vernetzt werden. Wer betrogen hat und im System schlecht bewertet wird, kommt auf eine schwarze Liste. Verbraucherschutz auf die radikale Art.

China, so die Massgabe Pekings, soll ein «Land des Vertrauens» werden. Im Inland wie im Ausland. Nicht mehr das Land der Fakes und Trickbetrüger, sondern ein gut organisierter Staat vertrauenswürdiger Bürger.

Das Rezept für den Wandel: sozialer Kredit. Kredit heisst auf Chinesisch xinyong. Wörtlich kann man das übersetzen wie «Wende Vertrauen an!» Sozialkreditsystem tönt technisch und kalt. In China klingt der Begriff deutlich wärmer.

Sechs: Der Generalsekretär

Rimond Lu ist ein Funktionär der neuen Zeit. Schwarzer Anzug, rote Krawatte, monotone Stimme, unbewegtes Gesicht? Das war gestern. Heute kommen die Herren der Macht flott in Sneakern daher.

Rimond ist ein mächtiger Mann. Seine Titel: Generalsekretär der Gesellschaft zur Durchführung von IT-Dienstleistungen, stellvertretender Generalsekretär des Verbands jüngerer und mittelalter Intellektueller der Stadt Shanghai. Und: Er erschafft in der Region Shanghai das Sozialkreditsystem mit.

Was treibt ihn um? Zitieren wir aus einer seiner Videobotschaften, speziell ausgelegt für den Dauer-Smartphone-User. Da hat er zum Beispiel gesagt: «Will China weltweit ernst genommen werden, dann nur als ein Land des Vertrauens.» Als Land, in dem es Betrüger schwer haben, in dem jede und jeder auf seinen guten Ruf achtet – und jene belohnt werden, die sich an die Gesetze halten.

Rimond Lu erklärt, wie das geht: «Stellt euch vor, ein mieser Verkäufer hat im Internet einen Jugendlichen geprellt. Und stellt euch vor, dieser Verkäufer wäre einschlägig bekannt gewesen. Stellt euch vor, wir hätten sein Kredit­rating gesehen. Wer würde bei einer Person kaufen, die ein niedriges Kreditergebnis hat? Umgekehrt: Wer viel Kredit hat, fällt positiv auf. Wir kaufen gern bei ihm ein.»

Einen eigenen Videokanal hat Rimond Lu, um die Bürgerinnen und Bürger aufzuklären, was Peking und Shanghai planen. «Millionen von Usern mit guten Sozialkreditergebnissen werden Bankkredite zu Top-Zinskonditionen aufnehmen können. Bürgschaften von Arbeitgebern gehören der Vergangenheit hat – allein der Score auf dem Smartphone zeigt, wer wie viel und welche Kredite er oder sie bekommt. Und wer Kredit hat, kann sich Träume verwirklichen – weltweit. Wie auch immer die aussehen mögen.»

Und so wird 2020, glaubt man Rimond Lu, ein Win-win-Jahr, von dem alle profitieren. Der Staat vertraut seinen Bürgern, die Bürgerinnen ihren Verwaltungen. Endlich werden Steuern bezahlt, wird Betrügern das Handwerk gelegt, überhaupt benehmen sich alle besser. Dank Sozialkredit. Weltweit steige Chinas Ansehen. Wahrhaft, ein Reich der Mitte. Schwärmt Rimond Lu.

Gegenwart: Private Firmen bewerten Konsum- und Zahlungsverhalten sowie Beziehungen in den sozialen Medien. Gilles Sabrie/NYT/Redux/laif
Zukunft: Wer keine Verkehrsregeln bricht, gute Noten hat und pünktlich seine Steuern zahlt, erhält Punkte. Gilles Sabrie/NYT/Redux/laif

Sieben: Sesam, erkunde mich

Noch ist es nicht so weit. Noch ist das nur eine Vision. Noch gibt es keine staatliche Behörde, die die Bürger klassifiziert – bislang übernimmt das eine Firma. Sie gehört zum Reich von Alibaba, dem grössten Internetkonzern des Landes, so etwas wie Google und Ebay und Amazon und Paypal in einem. Neuerdings gehört auch eine Firma namens Sesamkredit dazu. Sie bewertet Käuferinnen nach ihren Krediten und Schulden, ein wenig ähnelt das der Schweizer ZEK oder der deutschen Schufa. Hinzu kommen Konsumverhalten und Beziehungen in den sozialen Medien. In all diesen Disziplinen werden Punkte gesammelt – und addiert. Wer über 600 Punkte schafft, gehört zu den guten Chinesen, wer über 700 hat, zur Crème de la Crème.

Und nun wird das System bald erweitert – mit der riesigen Menge an staatlichen Daten. Dazu gehören zum Beispiel die grösseren und kleineren Vergehen im Strassenverkehr, die Schulnoten der Menschen, die Steuermoral. All diese Daten sammelt künftig ein einziger Rechner, gesteuert von einem Algorithmus, der am Ende eine Kennziffer ausspuckt. Deinen Score. Er bestimmt deinen Platz in der Gesellschaft deines Vertrauens.

Was aber hat man nun davon? Vieles, behauptet Rimond Lu: Man könne dann Rechnungen zahlen mit zinslosem Kredit, seine Wohnnebenkosten Monate später überweisen, ohne dass einem der Strom abgeschaltet wird, Hotels und Flüge buchen ohne Kaution, erhalte bessere Plätze in Hochgeschwindigkeitszügen und so weiter.

Weil nicht Strafe, sondern Belohnung die Menschen wahrhaft erzieht.

Acht: Warum die Chinesen das okay finden

Europäische Datenschützerinnen raufen sich die Haare, europäische Journalisten skizzieren Schreckensszenarien. Doch nur wenige Chinesen finden etwas dabei, alles über sich preiszugeben. Stärker wirkt die uralte Lust, sich mit anderen zu vergleichen.

Leistungsvergleich sind Chinesen von klein auf und seit jeher gewöhnt. Seit den ersten Englischwettbewerben oder Gedichtrezensionen im Kindergarten, seit den unzähligen Prüfungen der Schulzeit, seit den leidvollen Erfahrungen mit zentraler Oberstufen- oder der Hochschulaufnahmeprüfung.

Seit dem Ende der Qing-Dynastie (1912), als man noch die Namen und das Ranking erfolgreicher Kandidaten bei den kaiserlichen Beamtenprüfungen an grosse Tafeln anschrieb. Wer wie gut war, war schon im alten China ein offenes Geheimnis. Die Kandidaten, die ganz oben auf der Liste standen, waren die begehrtesten Heiratskandidaten. Professionelle Heiratsvermittler waren hinter ihnen her wie heute Headhunter hinter Top-Managern.

Selektion von Heiratskandidaten durch öffentliche Bekanntmachung ihrer Daten – die Chinesen sind daran seit dem 12. Jahrhundert gewöhnt. Schon planen die ersten Heiratsvermittler der Jetztzeit, die Sozialkreditzahl bei ihren Vermittlungen miteinzuplanen.

Besonders begünstigend für Pekings Zukunftsplaner ist die Tradition, dass man nicht nur vergleichen, sondern auch möglichst gleich gut oder besser sein will. Was der eine hat, das will ich auch. Hinzu kommt, dass Chinesen begeisterte Spieler sind: ob im Casino, an der Börse, im Immobilienmarkt oder eben am Smartphone.

Bislang wurde sozialer Rang vor allem über Konsum und Statussymbole dokumentiert. Wer fährt eine deutsche Limousine, trägt eine Prada-Tasche, eine exklusive Schweizer Armbanduhr? Künftig könnte es heissen: Wer hat den höchsten Social Score?

Neun: Gleichschaltung oder Vertrauen?

Yuval Noah Harari, Geschichtsprofessor in Tel Aviv, postuliert in seinem jüngsten Besteller «Homo Deus», dass im 21. Jahrhundert die Freiheit des Einzelnen durch die Freiheit der Information ersetzt werden könnte. «Informationsfreiheit», so Harari, ist «das Recht der Information, frei zu zirkulieren.» So gesehen macht es Sinn, dass die chinesische Führung Freiheit als einen der sozialistischen Kernwerte definiert. Wohl nirgendwo sonst auf der Welt sind die Daten so frei wie in China, geben die Menschen so bereitwillig so viel von sich preis.

Während Europäer, in der Tradition von Privatsphäre und Datenschutz, mit dem Sozialkreditsystem orwellsche Welten heraufdämmern sehen, fühlen sich Chinesen viel stärker bedroht von Korruptionszwang, Betrügern und dunklen Subjekten. Sie möchten, dass die verschwinden. Sicherheit, fairerer Wettbewerb und moralisch besseres Verhalten soll an deren Stelle treten. Das hat für sie Vorrang.

Und China wäre nicht China, wenn die Chinesinnen und Chinesen das alles allzu ernst nehmen würden. Solange China noch nicht komplett aus künst­licher Intelligenz, sondern aus Menschen besteht, wird auch das 21. Jahr­hundert immer wieder genug Individuen hervorbringen, welche die entsprechenden Lücken im System des Staates finden. Da bin ich unbesorgt.

Alle oberflächlichen Veränderungen in China, die Hypermodernisierung der vergangenen Jahrzehnte, haben die Menschen wenig verändert. Noch immer gelingt es ihnen, am Staat vorbei ihre Parallelwelten am Leben zu erhalten. Die werden nicht bis 2020 verschwinden und, wenn Sie mich fragen, auch nicht bis 2030. Trotz aller Kontrolle.

China ist ein eigenes System mit einer eigenen Genese. Stets waren Balance und der Ausgleich von Gegensätzen zentrale Werte, genau wie Stabilität. Hinzu kommt der Anspruch des Landes, eine führende Kulturnation zu sein. Niemand hatte 1989 damit gerechnet, dass China so radikal marktwirtschaftliche Prinzipien einführen wird – und nur wenige haben geahnt, dass die Partei ihre Steuerungsfunktion trotz gesellschaftlicher Modernisierung nicht aufgeben wird.

Die Freiheiten des Marktes, einige Unkontrollierbarkeiten müssen bleiben, damit China im Welthandelskonzert weiter erste Geige spielen kann. In diesen Anspruch wird sich auch die Kontrolle mithilfe von Big Data einfügen müssen. Eine totale Datendiktatur ist unmöglich, denn in China ist nichts «total».

China ist nicht die Schweiz oder Deutschland. Sorge würde es mir bereiten, wenn wir Mitteleuropäer ein ähnliches System einführten. Wir hätten deutlich mehr Probleme damit und könnten damit sicher nicht so umgehen wie die Chinesen. Unsere Gesellschaft würde sich spalten. Daher sollten wir solche Kontrollexperimente gar nicht erst beginnen – und gelassen zusehen, wie es in China weitergeht.

Zum Autor

Marcus Hernig ist seit 1992 in China unterwegs. Er schreibt Sachbücher und Belletristik über die Beziehungen von Europäern und Chinesen.

Debatte: Will China die besseren Bürger oder die perfekte Diktatur?

Das Punktesystem sei eine Reaktion auf Korruption und verbreitetes Misstrauen. Wer es durch eine rein westliche Brille betrachte, mache es sich zu einfach, schreibt unser Gastautor. Sind Sie damit einverstanden oder sehen Sie das anders? Gibt es weitere Aspekte zu bedenken? Diskutieren Sie mit Marcus Hernig und Adrienne Fichter.

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Sie glauben, dass Meinungsvielfalt darin besteht, dass es linke und rechte Medien gibt? Die dann im Schützengraben aufeinander schiessen? Wir glauben das nicht. Denn in einem gespaltenen Mediensystem debattieren die Leute nicht über zwei Blickwinkel auf die Wirklichkeit. Sondern sie debattieren in zwei Wirklichkeiten. Die Aufgabe des Journalismus ist, eine gemeinsame Grundlage zu schaffen, auf der man dann um seine Interessen kämpft. Eine Gesellschaft ist nur so gut wie ihre Debatten. Dafür arbeiten wir in der Republik.


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