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Die vier Gesichter des Michal Kosinski

Wer auf seine Privatsphäre pocht, tötet Menschen. Das war die verstörende Botschaft des Stanford-Wissenschaftlers Michal Kosinski am Montagabend in Zürich. Ein Kommentar.

Von Adrienne Fichter, 12.07.2018

«Nur Journalistinnen und Twitter-User sehen die Welt schwarz-weiss.»

Diese Worte stammen nicht etwa von Donald Trump. Sondern vom renommierten Datenwissenschaftler und Psychologen Michal Kosinski.

Er, der Experte für Psychometrie, wurde dank der Veröffentlichung eines Textes im «Magazin» des «Tages-Anzeigers» («Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt») im Dezember 2016 auf einen Schlag weltberühmt. Der Artikel postuliert, dass Kosinskis Modell für die erfolgreiche Facebook-Strategie von Donald Trump und damit für dessen Wahl verantwortlich ist (auch wenn der Online-Wahlkampfchef der Trump-Kampagne, Brad Parscale, die Nutzung dieses Modells dementierte).

Kosinski fühlt sich seit der Veröffentlichung des Textes von allen missverstanden, was seine Anspielung auf die Presse und Twitter erklärt. Er sieht sich als «Good Guy», der immer wieder auf die Gefahren von künstlicher Intelligenz – die Bombe, wie er es nennt – hinweist.

Doch hier in Zürich war das anders. Hier konnte der Stanford-Assistenzprofessor auf Einladung des Instituts für Angewandte Psychologie der ZHAW im Toni-Areal unmissverständlich ohne Nörgler seine Ansichten präsentieren. Kosinskis Agenda lautet: Das Ende der Privatsphäre muss eingeläutet werden. Besser heute als morgen.

Der «Good Guy»

Für Leserinnen in Eile hier zunächst die kurze Botschaft des knapp fünfzigminütigen Referats: Wer seine Daten nicht freiwillig über soziale Medien teilt, verhindert den Fortschritt und ist damit für den Tod von Kindern in Entwicklungsländern verantwortlich.

Ein absurde Behauptung? Dann lesen Sie die längere Zusammenfassung.

Michal Kosinski – in blauem Hemd, olivgrünen Chino-Hosen und Turnschuhen – präsentierte in den ersten dreissig Minuten den Stand seiner durchaus interessanten Forschung. Er habe zum Beispiel einen Algorithmus mitentwickelt, der auf Fotos erkennt, ob ein Mensch introvertiert und homosexuell ist.

Und er wiederholte seine These, dass 250 Facebook-Likes mehr über einen Menschen verraten, als dessen Ehefrau oder bester Freund jemals wissen.

Seine zu Beginn müden, hellen Augen blitzten hie und da auf. Noch präsentierte sich Kosinski so, wie man ihn kennt. Als scharfsinnigen, klugen Vordenker, der ja nur zeigt, was möglich ist. Der «Good Guy» eben.

Das änderte sich in der zweiten Hälfte seines Vortrags. Kosinski kam in Fahrt. Seine Relativierungen der Gefahren nahmen ab, sein missionarischer Eifer zu. Kosinski zeigte sein wahres Gesicht.

Im Grunde genommen waren es vier Gesichter. Wir begegneten an diesem Abend Eamon Bailey (Figur aus dem Roman «The Circle»), Angela Merkel, Harvey Milk und Mark Zuckerberg. Vereint in einer Person. Die kritische Autorin wähnte sich danach in einem einzigen dystopischen Albtraum.

«Privatsphäre = Egoismus»

Erst schlüpfte Kosinski in die Rolle von Bailey, dem charismatischen Gründer des fiktiven Technologieriesens «The Circle» (in der gleichnamigen Verfilmung gespielt von Tom Hanks). Bailey mahnte in einer Filmszene vor einem euphorischen Publikum: Wer sein Intimstes nicht nach aussen kehren möchte, verhindert Fortschritt. «Knowing is good. Knowing everything is better.» Das ist Teil eines grösseren Plans.

Auch Michal Kosinski sieht seine Forschung als Teil einer grösseren Revolution. Und erklärte in Zürich gleich allen Datenschutzaktivistinnen den Krieg: Wer seine Standortdaten nicht permanent mit Google teilen will, riskiere Menschenleben. Und sei ein Egoist. Denn nur dank privater Daten können Dienstleistungen verbessert, Despoten aufgehalten, kann Forschung realisiert und Menschen in Not geholfen werden.

Diese Aussage negiert den freien Willen des Individuums und ignoriert sämtliche Werte der Wissenschaftsethik.

Um seine Forschung zur sexuellen Orientierung anhand von Gesichtsanalysen zu rechtfertigen, bemühte Kosinski den amerikanischen Homosexuellen-Aktivisten Harvey Milk. Milk forderte in den 70er-Jahren dazu auf, sich zu outen. Für die bessere Sichtbarkeit von Schwulen und Lesben. Damit weitere Suizide verunsicherter Jugendlicher gestoppt würden.

In den 70er-Jahren bedeutete das Coming-out ein politisches Statement gegen staatliche Repression. Kosinski aber möchte eine Maschine bauen, die die sexuelle Orientierung anhand von Gesichtsmerkmalen erkennt. Ohne freiwillige Entblössung, ohne Selbstbestimmung, ohne freie Entscheidung. Dazu benötigt er aber zuerst einmal Daten – oder eben: Coming-outs.

Was nun aber der humanitäre Mehrwert an einer Outing-Software sei, darüber schwieg sich Kosinski aus. Und warnte in seinem Referat nur davor, dass sein Werkzeug bloss nicht in die Hände von Autokraten in Uganda oder Russland geraten dürfe. Doch egal: Lasst die Hosen runter! Produziert Daten! Willkommen im Post-Privacy-Zeitalter.

Die Brandrede kam an.

«Are you with me, guys?», fragte Kosinski in die Runde.

Ein Teil des Publikums rief: «Yeah!»

Merkel des Silicon Valley

Die europäische Datenschutzverordnung (DSGVO) ist in den Augen von Kosinski ein Fluch. Sie gaukle uns Kontrolle vor und sei ein hilfloser Versuch von «Privilegierten», der Menschen in Entwicklungsländern nur das Leben erschwere. Freilich blieb er die Antwort schuldig, weshalb genau die DSGVO beispielsweise das Leben einer alleinerziehenden Mutter in Kambodscha erschweren sollte.

An diesem Punkt verwandelte er sich kurz in die deutsche Bundeskanzlerin. Kosinski wurde zu einer Art Angela Merkel der Technologenzunft. Er predigte die Mär der «Alternativlosigkeit». Es ist die typische Technikerzählung des Silicon Valley. Sie heisst kurz: Das Ende der Privatsphäre ist Realität. Den Lauf der Zeit kann man nicht aufhalten. Er ist alternativlos. Get over it.

Kosinskis «Get over it»-Duktus ist eine Bankrotterklärung an alle Werte der Aufklärung. Und eine Absage an die Politik und ihre Gestaltungskraft.

Zuckerbergs Elitenrhetorik

Nach den Entblössungsappellen schwenkte Kosinski auf die Rhetorik von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg um. Er verteidigte die Pseudo-Gratis-Welt von Facebook. Und diese kennt nun mal vor allem eine Währung: Daten. Wieder schwang Kosinski dabei die Privilegiertenkeule.

Er wurde laut: «Sie möchten lieber für Ihre Privatsphäre zahlen? Schön für Sie, Elite!» Das Publikum lachte.

Seine Begründung: Nur die Elite könne sich die Privatsphäre leisten, nicht aber die Kinder der Dritten Welt. Dieselbe scheinheilige Aussage hat auch Mark Zuckerberg in Washington bei der Anhörung vor dem Kongress gemacht.

Kosinski und Zuckerberg geht es nicht um arme Kinder. Die eigentliche Erklärung lautet: Nur mit ungebremstem Datenwachstum kann Facebooks Geschäftsmodell weiter funktionieren. Kostenpflichtige Mitgliedschaften würden die Einnahmen des Netzwerks verringern.

Was nimmt das Publikum mit?

Der Stanford-Assistenzprofessor verführt die ihm zugeneigten Hörerinnen mit perfiden argumentativen Tricks und viel Witz dazu, alle Hemmungen gegenüber der kommerziellen Technologie-Industrie fallen zu lassen. Wer private Daten teilt, unterstützt die Wissenschaft. Für das Gute in der Welt. Und genau das macht ihn gefährlich.

Seine Rede zeugt von einem fatalen Menschenbild. Von einem handlungsunfähigen Subjekt, gefangen in technokratischen, quasi-naturgesetzlichen Zwängen.

Wie kann eine Hochschule wie die ZHAW einem Technologie-Evangelisten, der keinen Hehl aus seiner Agenda macht, eine derart unkritische Plattform bieten?

Man muss dazu wissen, dass Kosinskis «Zero Privacy»-Agenda gut zu den manipulativen Marketingstrategien aus dem Silicon Valley passt. Dass Kosinski für Microsoft gearbeitet hat und ein Beratungsmandat beim israelischen Unternehmen Faception innehatte. Und dass sein Plädoyer für den Daten-Totalitarismus als frustrierte Reaktion auf die neuen App-Restriktionen von Facebook verstanden werden muss, da diese seine Forschung zu persönlichen Daten behindern.

Doch wissen auch die rund hundert Zuhörer über diesen Kontext Bescheid?

Den Sitznachbarn der Autorin hat Kosinski auf jeden Fall überzeugt. Der ältere Herr war nach diesen neunzig Minuten sicher, dass nur vollständige Transparenz böse Autokraten dieser Welt wie den türkischen Präsidenten Erdogan stoppen werde.

Die Autorin fragte höflich, ob sie dieses Zitat übernehmen dürfe. Ihre eigenen Gedanken zu dieser Aussage behielt sie für sich. Was für eine Egoistin.

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