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Wer was wo baut – das legte das Kartell fest: Baugerüst im Unterengadin.

Die Politik

Die Politik

Adam Quadroni ist aus dem Bündner Baukartell ausgestiegen, und er hat alles getan, dass dieses Treiben ein Ende nimmt. Gebüsst hat bislang nur er. Doch was ist mit den Baumeistern des Skandals? Das Kartell, Teil III: Wer wusste was?

Von Gion-Mattias Durband, Anja Conzett, Ariel Hauptmeier (Text) und Yves Bachmann (Bilder), 25.04.2018

Was bisher geschah

Lange Zeit hat der Baumeister Adam Quadroni aus Ramosch im Engadin mitgemacht beim Graubündner Baukartell. 2006 stieg er aus, und er wollte mehr: dem unseligen Treiben ein Ende setzen. Quadroni packte aus, die Reaktion war heftig, aber anders, als sich der Whistleblower erhofft hatte: Nicht die Drahtzieher wurden zur Rechenschaft gezogen, sein Leben wurde ruiniert.

Bis Sommer 2018 wird die Wettbewerbskommission ihre Untersuchung zum Bündner Baukartell abschliessen. Dann könnte herauskommen: dass die Firmen des Kartells Dutzende Millionen Franken zu viel kassiert haben.

Im Mittelpunkt der Absprachen: der Graubündnerische Baumeisterverband.

Nur einer hat davon nichts mitbekommen – dessen Geschäftsführer Andreas Felix. Der seit über 25 Jahren für den Verband arbeitet.

Die Wettbewerbskommission in einer Verfügung vom Juli 2017: Es ist «erwiesen», dass der Baumeisterverband bis 2008 Versammlungen organisierte, auf denen Preisabsprachen getroffen wurden. Weko-Vizedirektor Frank Stüssi doppelt nach: «Es ist schwer zu glauben, dass der Graubündnerische Baumeisterverband nichts von den Preisabsprachen wusste.»

Nur einer sagt, dass er nichts wusste: Geschäftsführer Andreas Felix.

Andreas Felix ist nicht nur Funktionär, sondern auch Politiker. Er präsidiert die BDP Graubünden und sitzt im Grossen Rat von Chur. Nun will er nach ganz oben: Er kandidiert diesen Juni als Regierungsrat.

Das ist bemerkenswert. Seit 2012 ermittelt die Weko. Es ist der grösste Fall von Preisabsprachen im Schweizer Baugewerbe. Und trotzdem läuft die politische Karriere von Andreas Felix so reibungslos wie ein frisch gewachster Ski auf präparierter Piste. Es genügt, dass er Jahr für Jahr wiederholt, alles im Verband sei ohne sein Wissen geschehen. Wenn man ihm etwas vorwerfen könne, dann höchstens, so sagt er zur Republik, dass er «Tomaten auf den Augen gehabt» habe.

Zugegeben, auch intelligente Menschen neigen manchmal dazu, gerade das Offensichtliche zu übersehen.

Aber über so viele Jahre?

Andreas Felix, stv. Berechnungsleiter

Felix’ grösster Trumpf ist, dass es zu ihm nichts Schriftliches gibt. Denn angekündigt war er nie. Sein Name taucht nicht auf in den Einladungen.

Andreas Felix bestreitet die folgende Darstellung. Seine ausführliche Stellungnahme folgt weiter unten.

Aber das heisst nicht, dass er nicht da war. Jedenfalls, wenn man den Baumeister Adam Quadroni fragt. Den Whistleblower, der alles ins Rollen brachte, der half, das Kartell aufzudecken. Adam Quadroni sagt, er habe Andreas Felix dreimal an einer «Submittentenversammlung» gesehen.

Grossrat Andreas Felix (BDP). Gian Ehrenzeller/Keystone

Offiziell dient dieses Treffen dazu, offene Fragen bei Ausschreibungen des Kantons zu klären. Doch tatsächlich, sagt der Baumeister Adam Quadroni, hatten sie einen ganz anderen Zweck.

Zuvor hatten die Baufirmen bereits ausgehandelt, wer welchen Auftrag bekommt. Wer eine bestimmte Strasse teeren, das Wasserreservoir bauen, die Lawinengalerie erneuern darf. Nun, in der zweiten Runde, auf der «Submittentenversammlung», geht es darum, den Preis festzulegen.

Auf Deutsch: Hier bestimmen die Baumeister, um wie viel sie dem Kanton Mehrkosten berechnen können.

Dreimal sitzt Adam Quadroni mit am Tisch, als der auf der Einladung angekündigte Berechnungsleiter verhindert ist – und Andreas Felix einspringt. An die genauen Daten erinnert sich Quadroni nicht. Es gibt in jenen Jahren Dutzende solcher Submittentenversammlungen. Quadroni ist sich aber sicher, dass mindestens ein Auftritt des smarten Funktionärs nach 2004 stattfindet – also nach der Verschärfung des Kartellgesetzes. Felix ist damals stellvertretender Geschäftsführer des Graubündnerischen Baumeisterverbandes.

Felix macht wie immer eine gute Falle. Er ist gross, breitschultrig, präsent. Betritt er einen Raum, dann mit der Sicherheit, dass man ihn wahrnimmt: ein sportlich braun gebrannter Mann mit tiefer Stimme, fast immer im Sonntagsjackett der Bündner Jäger. Die Jagd ist seine grosse Leidenschaft. Ein stattlicher Mann mit stattlichen Ambitionen.

Adam Quadroni hingegen ist fast das Gegenteil dessen, was man sich unter einem Baumeister vorstellt: Er ist klein, leise, betont höflich und gibt als Hobby Kalligrafie an.

Die beiden kennen sich seit ewig. Andreas Felix war Adam Quadronis Lehrer Anfang der 1990er-Jahre an der ibW Südostschweiz, einer Höheren Fachschule in Chur. Als sie einander das erste Mal auf einer Submittentenversammlung begegnen, geht Felix auf Quadroni zu, klopft ihm kameradschaftlich auf die Schulter und sagt: «Adam, erinnerst du dich? Du bist ja zu mir in die Schule gegangen.»

Andreas Felix ist, was sonst keiner im Verband ist – vorsichtig. Nie lässt er sich blicken, wenn die Baumeister in der Beiz zusammensitzen. Jedes Mal, wenn Felix einspringen muss, trifft man sich im Büro einer der grossen Baufirmen. Etwa bei der Foffa Conrad AG, im Sitzungszimmer links von der Wendeltreppe, in dem ein langer Tisch steht, mit Aussicht Richtung Ofenpass.

Nach Begrüssung und allgemeinem Händeschütteln, nach Smalltalk über das Wetter und die Lage am Bau nimmt Andreas Felix am Kopfende des Tisches Platz. Dort, wo der sitzt, der das Sagen hat.

Bei einer Gelegenheit – Quadroni sagt, er erinnere sich genau – eröffnet Roland Conrad die Sitzung. Conrad ist Inhaber einer der mächtigsten Firmen am Tisch, er ist ein wuchtiger Patron, abwechselnd schmeichelnd und donnernd – und das unbestrittene Oberhaupt des Baukartells im Unterengadin. Conrad stellt Andreas Felix mit den Worten vor: «Das ist unser aller Chef.»

Felix lacht, macht eine wegwischende Handbewegung und kommt zur Sache.

Als Erstes spricht Felix einige mahnende Worte: Parkiert eure Autos nicht alle auf dem gleichen Parkplatz, geht nicht nachher alle ins gleiche Restaurant, zeigt euch am besten gar nie zusammen im selben Raum.

Dann legt er seine schwarze Mappe auf den Tisch, mit dem Kleber des GBV, des Graubündnerischen Baumeisterverbandes. Felix zieht daraus die Listen hervor, in denen an den letzten Kartellsitzungen notiert wurde, welchem Baumeister welches Objekt zusteht. Felix fragt in die Runde, ob das immer noch so in Ordnung sei, und packt seinen grossen Taschenrechner auf den Tisch.

Alle haben einen solchen Taschenrechner, ohne ihn geht nichts. Adam Quadroni hat ein ähnliches Modell wie Andreas Felix, einen Rechner von Texas Instruments, speziell gebaut für die Bedürfnisse von Polieren, Architekten, Ingenieuren.

Die Frage, ob alles noch in Ordnung sei, ist keine harmlose. Oft entzünden sich schon hier erbitterte Grabenkämpfe. Dann, wenn sich seit der letzten Absprache einer nicht an die Spielregeln gehalten hat – und den Baumeister, der den Auftrag eigentlich bekommen sollte, unterboten hat. Dann hagelt es Vorwürfe, Flüche, Beleidigungen.

Haben sich die Gemüter beruhigt, geht es ans Rechnen. Nun legt das Baumeisterkartell fest, wie viel der Kanton bezahlen muss, für die Strasse, das Reservoir, die Galerie. Aber das klingt einfacher, als es ist.

Früher galt das «Modell Scuol»: Jeder Baumeister notiert, welchen Preis er für angemessen hält. Er schreibt die Zahl auf einen Zettel und zeigt ihn verdeckt dem Berechnungsleiter. Der notiert die Zahlen in einer Liste. Nun wird der Durchschnitt berechnet, und davon werden zwei Prozent abgezogen. Beim Tiefbauamt des Kantons, sagt Adam Quadroni, wurden allerdings immer ein paar Prozente draufgeschlagen.

Doch am Tisch sitzen keineswegs nur Freunde, sondern Clans, zwischen denen uralte Fehden herrschen. Dies ist der Moment, es jemandem heimzuzahlen – indem man die Offerte besonders tief veranschlagt. Oder bewährte Bündnisse zu stärken – indem man die Offerte extra hoch legt.

Die Tritte unter dem Tisch, die heimlichen Retourkutschen – es dauert nicht lange, da führt das System dazu, dass die Offerten entweder irrwitzig hoch oder auffallend niedrig sind. Die Preise schwanken wie Betrunkene. Sie bilden nicht mehr die Realität, sondern die Machtverhältnisse ab.

Immer häufiger sind die Beteiligten mit den Preisen unzufrieden. Immer öfter geht man deshalb von Anfang an zu einer offenen Diskussion über. Nun kann jeder vor aller Ohren den Preis vorschlagen, den er für angemessen hält. Wobei sich nun erst recht alle Schande an den Kopf geworfen wird. Aber immerhin hören es jetzt alle, wenn einer wieder zu tief reingeht.

Mehr als einmal mahnt darum Andreas Felix, gewohnt jovial, zugleich klipp und klar: Wir müssen das Preisniveau halten, sonst fliegen wir auf.

Sie werden liebevoll die «Lebensadern» genannt: Strasse im Kanton Graubünden.

Aber egal, ob man sich die Köpfe einschlägt, in einem sind alle Anwesenden einig – am Ende bestimmt das Kartell den Preis. Für den Strassenabschnitt, das Wasserreservoir, die Lawinengalerie. Der Baumeister, der bereits den Zuschlag erhalten hat, darf den gemeinsam errechneten Preis nun in seine Offerte schreiben.

Die anderen Baumeister müssen logischerweise höher bieten. Um das zu garantieren, zückt Andreas Felix erneut den Taschenrechner und sagt nun jedem einzelnen, welchen Preis er zu bieten hat. Um eben den Auftrag nicht zu kriegen. Der Berechnungsleiter kontrolliert, dass jeder seine Zahl notiert.

Felix mahnt: Drübergehen ist erlaubt, druntergehen auf keinen Fall. Mahnt: Dass bitte ja alle ihre Alibi-Offerten einreichen. Denn gehen zu wenig Angebote ein, könnte der Kanton misstrauisch werden.

Und sagt ein weiteres seiner geflügelten Worte: Abgemacht ist abgemacht.

Zum Schluss folgt dann die obligate Aufforderung, ja nicht absichtlich Fehler in die Offertenrechnung einzubauen. Im Sinne von: 150’000 Franken plus 100’000 Franken gleich 300’000 Franken. Denn das Tiefbauamt rechnet nach, korrigiert die Fehler, und die Offerte ist trotzdem gültig – mit 250’000 Franken.

«Fehler» kommen natürlich trotzdem immer wieder vor. Wobei sich dann nie der Baumeister persönlich verrechnet hat. Adam Quadroni weiss nicht mehr, wie oft er gehört hat: «Das war wieder die Sekretärin, diese dumme Schese!»

Wir haben Andreas Felix mit der Darstellung des Whistleblowers konfrontiert. Felix schreibt zu den Vorwürfen:

«Ihre Fragen zielen offensichtlich darauf ab, sowohl den GBV, aber vor allem meine Person zu diskreditieren. Es soll der Eindruck erweckt werden, ich persönlich hätte Preisabsprachen begünstigt oder sogar aktiv gefördert. Damit unterstellen Sie mir ein ehrenrühriges Verhalten, was darauf abzielt, meinen Ruf nachhaltig zu schädigen.

Die Weko hat im Fall Unterengadin nun über fünf Jahre ermittelt und dabei alle auch nur im Entferntesten relevanten Beweismittel erhoben und Personen befragt; zweifellos wäre dabei auch Ihre Quelle dazu befragt worden.

Weder dem GBV noch mir persönlich wurde je vorgehalten, aktiv an Preisabsprachen beteiligt gewesen zu sein. Sollte daher im Rahmen einer Publikation auch nur ansatzweise der Eindruck des Gegenteils entstehen, erachten wir das als ehrverletzend und rufschädigend, umso mehr als es uns ein Leichtes sein wird, mit dem Entscheid der Weko den Gegenbeweis zu erbringen.

Es steht Ihnen frei, mir Ihren beabsichtigten Artikel vorgängig zur Gegenlesung zu unterbreiten. Selbstverständlich anerkennen wir auch die Medienfreiheit. Es bleibt mir daher nur die Empfehlung, Ihre Quellen sehr sorgfältig zu prüfen, bevor Sie irgendwelche Unwahrheiten verbreiten.

Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass bereits die mutmassende Darstellung meiner Anwesenheit an Sitzungen in der heutigen Ausgabe ‹Das Kartell, Teil I› den Tatbestand der Ehrverletzung und Rufschädigung tangiert. Sollte mein Name fortgesetzt in diesen Zusammenhang gestellt werden, behalte ich mir rechtliche Schritte vor.»

Versuch eines Interviews

Andreas Felix hat sich nur selten und knapp zum Baukartell und den Preisabsprachen geäussert. Er ahnt vielleicht: Die Rolle des Baumeisterverbandes bei den Absprächen könnte der dunkle Fleck sein, der ihn seine politische Karriere kosten könnte. Und so schweigt er zum Thema, wo er kann.

Als 2012 die Untersuchung der Kartellwächter beginnt, gibt er keine Interviews: Er könne eine laufende Untersuchung nicht kommentieren.

Als im Sommer 2017 die ersten Befunde vorliegen, spricht plötzlich der ehrenamtliche Präsident des Verbands. Der scheint nicht völlig glücklich mit dieser Lösung zu sein. Denn er sagt 2017 ungefragt in einem Interview mit der «Südostschweiz»: Dass er jetzt Rede und Antwort stehe und nicht Andreas Felix, sei einer klaren Aufgabenteilung geschuldet. «Das hat nichts mit Herrn Felix’ politischen Ambitionen zu tun.»

Dass die Weko grundsätzlich nur Bussen gegen Firmen ausspricht, nicht aber gegen Verbände – das wertet Andreas Felix an anderer Stelle als Beweis für die Unschuld des Bündner Baumeisterverbands. Und für seine persönliche Unschuld.

In der Dezembersession 2017 kommt der Bauskandal im Grossen Rat zur Sprache. Ein SP-Parlamentarier fragt, ob die Regierung plane, den Baumeisterverband zu untersuchen. Da meldet sich der Parlamentskollege Andreas Felix. Es ist das erste Mal, dass er sich aus der Deckung wagt. Er sagt: «Es ist wohl ein Schelm, der vermutet, dass es sich bei den Voten von Kollege Deplazes und Pult vielleicht auch ein wenig um Wahlkampf handelt.»

Möglicherweise hat Felix damit nicht völlig unrecht. Die Frage ist nur: Worüber sonst sollte man – egal, ob als Wählerin, Politiker oder Journalistin – mit Andreas Felix im Wahlkampf reden? Denn Felix will in die Regierung des Kantons, der im Wissen oder mit Beihilfe seines Verbands mutmasslich um Dutzende Millionen Franken gebracht wurde. Dabei es gibt nur zwei Möglichkeiten:

a) Der Kandidat war beim Kartell dabei. Dann muss Felix die Frage beantworten, warum ihn dieselben Leute in die Regierung wählen sollen, mit deren Steuergeldern seine Verbandsmitglieder so lange so eigenmächtig umgingen.

b) Der Kandidat war nicht dabei. Dann muss Felix erklären, wie er als Regierungsrat ein Departement führen und beaufsichtigen will – wenn er jahrelang in einem vergleichsweise überschaubaren Verband nichts davon merkt, dass ein guter Teil seiner Mitglieder in einen der grössten Kartellrechtsfälle der Schweiz verwickelt ist.

Für Andreas Felix gibt es, zugegeben, beim Thema Baukartell nur schreckliche Antworten.

Die Republik hat Andreas Felix zu den Vorgängen in seinem Verband und zu seinen politischen Ambitionen in einem zweieinhalbstündigen Telefongespräch interviewt. Unter anderem wurden ihm folgende Fragen gestellt:

Republik: «Herr Felix, Sie sind im Wahlkampf. Im Juni wollen Sie in den Regierungsrat Graubündens gewählt werden. Warum sollten Ihnen die Menschen in Graubünden Vertrauen schenken, wenn Ihr Verband Teil der grössten Kartelluntersuchung der Schweiz ist?»

Republik: «Gleich mehrere Vorstandsmitglieder des Graubündnerischen Baumeisterverbands sind in die Preisabsprachen involviert. Und Sie haben von nichts gewusst?»

Republik: «Da Sie und der Verband sich so vehement gegen Preisabsprachen aussprechen – ist da Adam Quadroni, der die ganze Sache zum Auffliegen brachte, ein Held für Sie?»

Und etliche andere.

Die Antworten auf diese Fragen haben wir Andreas Felix per E-Mail zugeschickt, mit der Bitte um Autorisierung. Doch das hat nicht geklappt.

Andreas Felix hat die mündlich gegebenen Antworten nicht autorisiert. Stattdessen hat er komplett neue Antworten formuliert.

Es gibt ein weit verbreitetes Missverständnis unter Politikern. Sie missbrauchen die Autorisierung – die der Korrektur möglicher Ungenauigkeiten dient – dazu, das zuvor Gesagte vollständig zurückzunehmen. Um stattdessen im Duktus eines Juristen weitschweifige Antworten zu geben, die weder klärend noch überhaupt lesbar sind.

Und ehe wir nun mit Andreas Felix um Nebensätze feilschen, drucken wir lieber gar keine Antworten.

Es sind ohnehin immer die gleichen Aussagen: Dieses kommentiert Andreas Felix nicht, jene Angelegenheit ist für ihn erledigt, von dem habe er nichts gewusst.

Nur zwei Zitate bringen wir – aus dem mündlichen Interview:

Republik: «Pardon – Ihre Aussagen sind entweder ein Eingeständnis Ihrer Unfähigkeit, die Vorgänge einer kleinen Geschäftsstelle zu überblicken. Oder Sie lügen.»

Felix: «Sie können mir vorwerfen, dass ich Tomaten auf den Augen hatte, aber wenn Sie jetzt hier meine Integrität infrage stellen und sagen, dass ich lüge – das akzeptiere ich nicht, da werde ich sensibel.»

An anderer Stelle sagt er: «Von diesem Begriff ‹Vorversammlungen› habe ich vor der Untersuchung der Wettbewerbskommission noch nie gehört.»

«Vorversammlungen» – das waren die Treffen, bei denen die Baumeister vorab entschieden, wer welchen Auftrag übernehmen soll.

Der Republik liegt ein Fax vor vom 22. Februar 2006, abgesendet von der Nummer 081 257 08 09. Es ist der Anschluss des Graubündnerischen Baumeisterverbands. Der kleinen Geschäftsstelle, in der Andreas Felix damals als stellvertretender Geschäftsführer wirkt.

Titel: «Einladung zur Vorversammlung».

Da hatte jemand Tomaten auf den Augen.

Im Tiefbauamt

Ebenfalls nichts mitbekommen von den Preisabsprachen hat das Tiefbauamt Graubünden. Jenes Tiefbauamt, das jährlich mehrere hundert Millionen Franken investiert in neue Strassen, Brücken, Tunnels. Bis heute behauptet man dort, man habe getan, was man tun konnte. Man hätte es nicht besser machen, es nicht besser wissen können.

Nach Informationen der Republik wussten die Beamten dort sehr wohl Bescheid. Nur: Sie wollten offenbar nichts tun.

Die Frage ist: Wer trägt dafür die politische Verantwortung?

Zwischen 23 und 58 Millionen Franken sind unrechtmässig in den Taschen der Baumeister geflossen: Baustelle im Kanton Graubünden.

Im Jahr 2006 verlässt Adam Quadroni das Kartell. Sein Ausstieg ist zunächst durchaus lukrativ. Weil er ohne Kartell-Aufschlag günstiger offeriert, erhält er in den Jahren danach mehrere Millionenaufträge. Doch auf mittlere Sicht ist seine Entscheidung höchst gefährlich. Mit seinem Ausstieg erklären ihm die Baumeister des Kartells den Krieg. Sie schwärzen ihn bei seinen Kunden und bei den Ämtern an.

2009 hat Adam Quadroni genug. Er will, dass die Behörden wissen, dass es systematische Preisabsprachen gibt. Er will, dass damit endlich Schluss ist. Mit 80 Seiten akribisch geordneten Notizen, Faksimiles, Akten zum Kartell macht er sich auf den Weg.

Fast 100 Kilometer lang ist der Weg von Ramosch im Engadin bis in die Kantonshauptstadt Chur. Die Strassen sind exzellent. Graubündens Politiker nennen sie stolz die «Lebensadern» des Kantons. Die Strassen, sie sind es, die die 150 Täler und drei Sprachregionen zusammenhalten, und das lässt sich der Kanton viel kosten – allein 2018 sind 344 Millionen Franken budgetiert. Bei den meisten Strassenabschnitten im Engadin weiss Adam Quadroni, wer sie gebaut hat, wie die Firma zum Auftrag kam – und welche Marge sie ungefähr zusätzlich draufgeschlagen hat.

Quadroni hat sich einen Termin geben lassen. Am frühen Nachmittag betritt er das Tiefbauamt an der Grabenstrasse 30 im Beamtensilo in Chur. Er erinnert sich an das Gespräch wie folgt:

«Dort werde ich in ein Sitzungszimmer im ersten Stock geführt. Drei Männer warten auf mich: Reto Knuchel, ein Herr Ryffel* und Jachen Kienz. Sie sagen, sie seien froh, dass ich mich dazu entschlossen habe, mich ans Tiefbauamt zu wenden. In ungefähr zwei Stunden erkläre ich ihnen alles: die Verteilung der Aufträge, die Netzwerke bis in die Behördenzimmer und Banken, die Rolle des Baumeisterverbandes, alles. Ich zeige ihnen die Dokumente, die handschriftlichen Listen, auf denen die Baumeister ein Kreuz machen, wenn sie sich für einen Auftrag interessieren, die eingekreisten Kreuze, wenn einer den Auftrag bekommen hat.

Ich gebe Knuchel den Stapel, der gibt ihn einer Sekretärin, sie geht in einen Nebenraum und kopiert die Seiten, während wir das Gespräch fortsetzen. Es dauert eine Weile, weil sie die zusammengehefteten Blätter erst entklammern muss. Die Sekretärin kommt zurück, gibt Knuchel den Stapel, der gibt mir die Orginale zurück.

Knuchel wirkt empört. Er sagt: ‹Das kann doch nicht sein!› Dann versichert er mir, jetzt werde durchgegriffen. Und beglückwünscht mich zu meinem Mut. Er sagt einen Satz, an den ich mich immer wieder erinnere, er sagt wörtlich: ‹Ich muss schon sagen, Chapeau!› Als wir uns verabschieden, sagt er, er werde sich bei mir melden.»

So weit die Schilderung von Adam Quadroni. Erleichtert fährt er damals zurück nach Ramosch, passiert seinen Werkplatz im Talboden, die Schule der Kinder, gleich oberhalb der Kirche, die er renoviert hat, deren Fassade er von Hand mit einem Lumpen reinigte, weil Regen den Dreck des Baugerüsts auf die frische Farbe gespült hatte.

Noch ist es sein Dorf. Noch reden alle mit ihm.

Quadroni ist überzeugt: Nun, da seine Unterlagen zum Kartell offiziell beim Kanton deponiert sind, wird gehandelt.

Allein 2018 hat der Kanton Graubünden 344 Millionen Franken für den Strassenbau budgetiert.

Doch dann verstreichen Wochen ohne Anruf. Irgendwann ruft er selbst beim Tiefbauamt an – und wird vertröstet. Wieder vergehen zwei Wochen.

Dann klingelt Quadronis Handy. An das Gespräch erinnert er sich wie folgt:

«Jachen Kienz vom Regionalbüro ist dran, er fragt: Ob ich nicht noch ein paar aktuellere Fälle habe, meine Dokumente seien schon drei Jahre alt, das reiche nicht.

Ich sage ihm, dass ich seit drei Jahren ausgestiegen bin – und weise Kienz darauf hin, dass die fünfjährige Verjährungsfrist doch nicht abgelaufen ist.

S-chüsa, pardon, hat Kienz gesagt. Man brauche neuere Unterlagen. Mit den alten Listen könne man nicht zum Regierungsrat gehen. Ich erwidere: ‹Ja, wenn einer was nicht will, dann will er nicht. Aber dann soll mir keiner mehr erzählen, dass nicht alle im Bild sind, was gespielt wird.›

Bis dahin glaubte ich, sie hätten im Amt nichts von den Absprachen gewusst. Ab da war mir klar, dass sie nichts gegen das Kartell unternehmen werden.»

Erst 2012 werden Quadronis Dokumente in die richtigen Hände gelangen: zur Wettbewerbskommission in Bern. Umgehend wird die Bundesbehörde die Büros der Baufirmen im Unterengadin durchsuchen lassen.

Eine Bankrotterklärung

Was genau passierte 2009 im Tiefbauamt? Das wollte auch die Republik wissen. Wie kam es, dass niemand handelte? Wer verschlampte den Fall? Und warum? War es schlicht Inkompetenz oder ein bewusster Entscheid? Wie weit stiegen die Dokumente in der Hierarchie nach oben? Erreichten sie den Chef?

Also Stefan Engler, damals Vorsteher des Baudepartements – heute Ständerat in Bern.

Er habe damals von der Sitzung gehört, erinnert sich Engler vage. Etwas Schriftliches habe er in dieser Sache aber nie auf dem Tisch gehabt. «Ich habe geführt, indem ich darauf vertraut habe, dass meine Chefbeamten mich informiert hätten, wenn politischer Handlungsbedarf bestanden hätte.»

Sein Nachfolger und Parteikollege Mario Cavigelli – seit 2011 im Amt und nun damit betraut, die Vorfälle aufzuarbeiten – sagt, er habe von Adam Quadronis Besuch erst im Nachgang zu den Ermittlungen erfahren.

Das legt den Fokus auf das Tiefbauamt.

Die Republik hat eine lange Liste mit Fragen an das Tiefbauamt Chur geschickt. Zweieinhalb Wochen brauchte man, um sie zu beantworten.

Die Antworten sind grotesk. Sie sind im besten Fall arrogant. Im schlimmsten Fall eine Bankrotterklärung. Sie zeugen in keinster Weise von dem Willen, auch nur die geringste Frage ab- oder aufzuklären. Sie riechen nach Bürokratie, nach Vertuschung.

Reto Knuchel, der damals bei dem Gespräch dabei war, hat keine der von der Republik gestellten Fragen beantwortet. Sondern liefert uns weitschweifige Erläuterungen zu bürokratischen Vorgängen, um deren Erläuterung ihn niemand gebeten hat.

Seine einzige konkrete Information: «Die Unterlagen betrafen Sachverhalte, die zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als zehn Jahre zurücklagen. Neuere Dokumente wurden nicht vorgelegt.»

Die Unterlagen, die Quadroni der Weko gab, reichen bis 2006. Warum sollte er dem Kanton andere Unterlagen vorgelegt haben? Auch das wollten wir vom Tiefbauamt wissen. Auch dazu – keine Antwort.

Bis heute ist unklar, was damals im Tiefbauamt los war. Wer was wusste, wer wen deckte. Es wäre an der Regierung des Kantons, diesen Fall aufzuklären.

Mit anderen Worten: Der Ball liegt bei den fünf Regierungsräten. Unter ihnen: Jon Domenic Parolini.

Der Capo schweigt

2009, zwei Wochen nach dem Besuch im Tiefbauamt, steigt Adam Quadroni erneut mit seinen 80 Seiten Unterlagen in seinen schwarzen Mercedes. Er macht keine halben Sachen. Wenn er schon einmal ausgepackt hat, will er konsequent reinen Tisch machen – und den Druck auf die Behörden erhöhen, ihre Arbeit auch zu tun. Er wird beim Capo von Scuol vorstellig, dem Präsidenten der grössten Gemeinde in seinem Tal – bei Jon Domenic Parolini.

Regierungsrat Jon Domenic Parolini (BDP). Gian Ehrenzeller/Keystone

Sie schütteln einander die Hände. Sie kennen sich und schätzen sich, so wie man jeden im Tal kennt und schätzt – und sei es auch nur ein bisschen. Jedes Jahr zu Weihnachten bringt Quadroni ihm einen 200 Franken teuren Präsentkorb voller Delikatessen vorbei, einen, wie ihn auch die Angestellten des Tiefbauamtes, wichtige Architekten und Ingenieure bekommen. Alle Baufirmen im Tal machen das damals, als «Zeichen der Dankbarkeit für die guten Geschäfte», und die Aufmerksamkeiten werden gern angenommen. Wenn auch nicht ohne kritischen Blick. Beim regionalen Tiefbauamt muss sich Quadroni einmal anhören, er bringe immer die kleinsten Geschenke.

Jon Domenic Parolini äusserte sich auf Anfrage nicht dazu.

Am Tisch im kleinen Büro des Capos holt Quadroni dieselben Dokumente hervor wie im Tiefbauamt Chur. Dann folgt, laut Quadronis Erinnerung, folgendes Gespräch:

«‹Eben, ich bin wegen der Preisabsprachen hier, ich möchte dir die Listen zeigen.›

‹Aha!›, sagt Parolini daraufhin, ‹das sind also diese ominösen Listen.›

Ich erkläre ihm, wie die Absprachen funktionieren, wie die Aufträge verteilt und die Preise festgelegt werden.

Während Parolini die Unterlagen durchblättert, ist er erstaunt über das Ausmass und die schamlose Offenheit, mit der die Baumeister vorgehen. Andererseits muss er solche Listen schon einmal gesehen haben – sonst hätte er anders reagiert. Schärfer, so wie ein Bluthund, der sich auf etwas stürzt. Das war aber überhaupt keine Wut, nicht mal Überraschung. Einzig, als ich ihm ein Fax zeige, auf dem Roland Conrad mich auffordert, bei einem Angebot hier und dort den Preis zu erhöhen, macht er einen verblüfften Eindruck.

Während ich weiter erkläre, hört er ruhig zu, sagt: ‹Das ist schon nicht in Ordnung.› Aber er scheint es nicht allzu genau wissen zu wollen.

Am Schluss sage ich: ‹Du kannst die Akten haben, ich hoffe, dass ihr etwas unternehmt.›

Parolini schweigt einige Sekunden und sagt: ‹Du weisst ja, wer im Gemeinderat sitzt. Also, wem ich diese Listen zeigen müsste. Und du kannst dir auch vorstellen, was das für dich bedeuten würde.›

Er nennt keine Namen, aber er meint Markus Wetzel, einen Bauunternehmer, dessen Name auch auf den Absprachelisten auftritt, und Ingenieur Marco Müller, dessen Vater als Berechnungsleiter die Submissionssitzungen leitete.

Darauf ich: ‹Ja, Jon Domenic, ich weiss auch, was das bedeutet. Und du willst diese Unterlagen nicht haben.›

Parolini wird nervös und sagt: ‹Was soll ich denn machen?› Er sagt es nicht explizit, dass er die Unterlagen nicht will. Aber es ist offensichtlich.

Darauf ich: ‹Dann ist alles klar, ich merke, in welche Richtung das geht. Dann bringt es nichts, wenn ich die Unterlagen dalasse.›»

Quadroni packt zusammen und geht.

Der Capo spricht

Ja, das Gespräch 2009 gab es, bestätigt Jon Domenic Parolini der Republik. Nur habe es sich ganz anders zugetragen. Jon Domenic Parolini schreibt:

«Die von einem regionalen Bauunternehmer der Gemeinde im Jahr 2009 im Zusammenhang mit einer Nichtberücksichtigung vorgelegten, alten Dokumente sollten kartellrechtswidrige Vorgänge in der Vergangenheit dokumentieren.

Der Aufforderung zur Präsentation aktueller Dokumente beziehungsweise zur Konkretisierung seiner vorgetragenen Anschuldigungen kam der Unternehmer nicht nach. Der Gemeinde lagen ihrerseits im damaligen Zeitpunkt bei ihren laufenden Beschaffungen keine Anhaltspunkte für Bauabsprachen vor.»

In der kantonalen Politik schätzt man Parolini als freundliches Naturell, aber nicht als einen, der das grosse Wort führt oder das grosse Rad dreht. Sein durchaus wacher Ehrgeiz ist durch Zurückhaltung wattiert. Parolini ist kein Politiker der Kontroverse, sondern einer mit Überlebensinstinkt – und mit Glück. Weder seine weiche Stimme noch sein weiches Profil verhalfen ihm zu seinem Amt als Wirtschaftsdirektor Graubündens. Er wurde 2014 wohl vor allem deshalb gewählt, weil er Schützenhilfe erhielt von der in Graubünden populären Finanzdirektorin Barbara Janom Steiner. Sie posierte zusammen mit Parolini auf dessen Wahlplakat. Das gab ihm Kanten und Schub.

Wahlwerbung für die Regierungsratswahlen im Juni 2018. Website BDP Graubünden

Dieses Jahr steht er zur Wiederwahl. Jedoch ohne die Unterstützung des Perlweiss-Lächelns der zurücktretenden Finanzdirektorin. Stattdessen posiert er auf Wahlplakaten zusammen mit Andreas Felix.

Auch bei Jon Domenic Parolini gab es das Problem mit der Autorisierung. Die Antworten aus dem Telefon-Interview, die wir ihm geschickt haben, hat er nicht autorisiert. Stattdessen hat er die obigen Absätze geschickt.

Also bringen wir auch an dieser Stelle nur die Fragen. Unter anderem wollten wir von ihm wissen:

Republik: «Adam Quadroni sagt, Sie hätten ihm davon abgeraten, die Papiere auszuhändigen. Die Papiere, wegen denen die Wettbewerbskommission sofort eine Untersuchung eingeleitet hat. Trifft das zu?»

Republik: «Quadroni hatte die Dokumente zu diesem Zeitpunkt bereits dem Tiefbauamt ausgehändigt. Später auch der Wettbewerbskommission. Warum hätte er sie Ihnen verweigern sollen?»

Republik: «Wie alt waren die Dokumente?»

Republik: «Selbst wenn Sie die Papiere nicht hatten – Sie haben sie gesehen und dennoch nicht gehandelt?»

Im folgenden geht um Quadronis ausstehende Sozialversicherungsbeiträge.

Republik: «Sie sind Hinweisen der Konkurrenten gefolgt, die Quadroni angeschwärzt haben, aber haben nicht bezüglich der Preisabsprachen gehandelt?»

Republik: «Noch einmal: Hinweisen darauf, dass jemand mit den Sozialabgaben im Rückstand ist, wird nachgegangen, Hinweise auf millionenteure Preisabsprachen verlaufen hingegen im Sand. Wie kann das sein?»

Republik: «Die Wettbewerbskommission schien drei Jahre später sehr interessiert an dem Fall.»

Republik: «Werden Anschuldigungen nicht glaubwürdiger, wenn der Whistleblower sich damit selbst belastet?»

Republik: «Wollten Sie es denn wissen?»

Republik: «Ohne Quadroni wären die Preisabsprachen nicht ans Licht gekommen. Der Kanton zahlte dadurch jedes Jahr Dutzende Millionen drauf. Sind Sie ihm heute als Regierungsrat dafür dankbar?»

So weit Jon Domenic Parolini.

Bei den meisten Strassenabschnitten im Engadin weiss Adam Quadroni, wer sie gebaut hat – und wie die Firma zum Auftrag kam.

Der Patriarch empfängt

Roland Conrad weiss, was sich geziemt. Ganz selbstverständlich holt er die Reporterin mit seiner schwarzen Limousine vom Bahnhof ab. Gepflegter Smalltalk. Er entschuldigt sich, dass er den Termin verschieben musste. Seine Frau ist krank.

Conrad, gross, kräftig, kleine blitzende Augen, weisses Haar und tiefe Stimme, ist ein mächtiger Sohn dieser Täler: Bauunternehmer, Alt-Grossrat und lange Präsident des Baumeisterverbandes im Unterengadin. Er ist bekannt als Kumpel, als Polteri, ein Mann mit nur zwei Gängen, zwischen denen er sekundenschnell umschaltet: jovialem Schulterklopfen und cholerischen Ausfällen. Er ist beeindruckend, schillernd, durchaus furchteinflössend – einer, den selbst Parteigenossen zum Spass einen «Gauner» nennen. Einmal macht die Grossratsfraktion der BDP einen Sessionsausflug in das Gefängnis Sennhof. Da scherzt einer: «Pass auf Roland, die behalten dich gleich hier.»

Bauunternehmer und Alt-Grossrat Roland Conrad. Martina Fontana/«Engadiner Post»

Roland Conrad hat der Skandal sichtlich zugesetzt. Der Patriarch ist nicht mehr der Alte. Er hat an Farbe eingebüsst, an Schwung, an Gewicht und an der Ausstrahlung von Unverwundbarkeit.

Und er hat nachgedacht. So sind seine Antworten im Gespräch im Sitzungszimmer über dem Pausenraum der Bauarbeiter besonnener, als man ihn aus dem Grossen Rat in Erinnerung hat: Damals klang jedes Votum wie eine Dampfwalze.

14 Jahre war Roland Conrad Parlamentarier, zuerst für die SVP, die dann grösstenteils in der BDP aufging, bis er 2014 nicht mehr antrat. Bis heute ist er Verwaltungsratspräsident der Foffa Conrad AG, der grössten Baufirma im Unterengadin. Seit dem Zusammenschluss mit der Bezzola Denoth AG ist die Firma 150 Mann stark.

Es gibt kaum noch kleine Baufirmen in der Region, die Grossen haben gewonnen: Fassade der grössten Baufirma im Unterengadin.

Über Jahrzehnte zog Roland Conrad als unbestrittener Boss die Strippen im Baukartell im Engadin. Die Einladungen zu den Vorversammlungen stammten häufig von seinem Faxgerät – und trugen wahlweise den Briefkopf seiner Firma oder den Briefkopf des Baumeisterverbandes.

2017, als die Wettbewerbskommission ihre erste Verfügung erlässt, sitzt Roland Conrad vorn auf der Anklagebank. Im Fall Münstertal, den die Weko zuerst abgeschlossen hat, hat er sich selbst angezeigt und ausgesagt. Auch in den noch laufenden Untersuchungen der Weko ist Roland Conrad einer der Hauptakteure.

Doch Reue? Keine Spur. Conrad geht gleich wieder zur Attacke über.

Trotz der Selbstanzeige will er die Anschuldigungen der Wettbewerbskommission nicht auf sich sitzen lassen. «Die Maxime beim Ausgleich der Offerten war stets: seriös kalkulierte und marktgerechte Preise», sagt er. Die Zahlen, mit denen die Wettbewerbskommission hantiere, sind «reine Fantasien und völlig realitätsfremd».

Unrechtsbewusstsein? Das findet man bei Roland Conrad nicht. Nachdenklichkeit: Ja. Bedauern: Nein.

Roland Conrad ist der Einzige, der halbwegs nebelfrei spricht. Und der Einzige des Kartells, der im Gespräch keine Gerüchte über Quadronis Privatleben verbreitet. Er ist ein Machtmensch, aber einer mit Kämpferehre: Steht man zwischen ihm und seinem Willen, attackiert er mit voller Wucht. Aber er tritt nicht nach, wenn der andere am Boden liegt. Als Adam Quadroni pleitegeht, lässt er von ihm ab.

Aber damit hat es sich. Conrad hätte sich bei seinen Kunden und seinen Wählern entschuldigen können. Er hätte sagen können: Ich habe einen Fehler gemacht. Es tut mir leid. Er hat es nicht gesagt.

Roland Conrad in einem Interview 2014 mit der «Südostschweiz». Frage: Sehen Sie kein Problem darin, im Grossen Rat in Chur Gesetze zu erlassen – und zugleich mit Preisabsprachen gegen das Kartellgesetz zu verstossen? Conrad: «Natürlich ist das eine unangenehme Angelegenheit, zu der man aber stehen muss.»

Und er ist nicht allein. Viele waren in das Kartell verwickelt. Keiner von ihnen zeigte nach dem Platzen des Skandals die geringste Einsicht, dass er etwas Unrechtes getan habe. Dass man mit dem Staat auch den Steuerzahler über den Tisch zog. Und nicht nur die – sondern viele, die in Graubünden bauten: die Nachbarn, die Leute im Ort, die Hotels.

Im Gespräch mit der Republik sagt Roland Conrad: «In der Zeit vor dem Kartellgesetz, also bis etwa Ende der Neunzigerjahre, gab es in fast allen Branchen einheitliche Tarife, feste Preisvereinbarungen und Absprachen, nicht nur im Baugewerbe. Dies war allseits bekannt, akzeptiert und meistens völlig legal.» Und dann habe er es, ja, versäumt, sich auf die neue Zeit einzustellen. Das müsse er sich vorwerfen lassen: dass der Baumeisterverband im Unterengadin auch 2004, nach der Verschärfung des Kartellgesetzes, weiter wie bisher zu Sitzungen eingeladen habe, bei denen Preise abgesprochen wurden.

Aber nur bis 2008, betont er.

Das ist korrekt. Denn danach traf man sich auch ohne offizielle Einladung. Die letzte Preisabsprache, wegen der die Weko ihn verurteilte, stammt aus dem Jahr 2012.

Republik: «Herr Conrad, Sie haben die Preisabsprachen im Unterengadin organisiert und sassen jahrelang an der Seite von Andreas Felix im Baumeisterverband. Sie müssen ja wahnsinnig heimlifeiss vorgegangen sein, dass er nichts davon mitbekommen hat. Hat er von den Preisabsprachen gewusst?»

Conrad: «Das müssen Sie mit Herrn Felix besprechen.»

Das ist einiges weniger als ein Nein.

Das Kartell – so geht es weiter

Die Serie endet mit Teil 4. Da gehen wir der Frage nach, wie glaubwürdig Adam Quadroni ist, der Whistleblower. Um es vorwegzunehmen: Nach rund 60 Interviews, Hunderten Seiten Aktenstudium und einer Woche in Ramosch fanden wir keinen Anlass, an seiner Darstellung zu zweifeln.


* In einer früheren Version wurde hier ein falscher Vorname genannt.





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