Aus der Serie «Les Amours extraordinaires», von Guillaume Perret. Guillaume Perret/Lundi 13

Lustprinzip

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Es ist Sommer, die Welt wird leiser. Zeit für die Liebe. Bei Ihnen hoffentlich – und bei uns auch. In den nächsten Tagen werden wir für Monogamie plädieren und dagegen, von Treue und Untreue erzählen, gutem und schlechtem Sex. Und da haben wir eine Bitte: Schreiben Sie uns. Erzählen Sie uns von Ihren Höhenflügen, Wünschen, Partnern. Anonym.

Doch beginnen wollen wir mit einer guten Nachricht: Es gab noch nie so viel Liebe wie heute. Und noch nie so viel guten Sex.

Gut möglich, dass das nur eine Perfidie des Spätkapitalismus ist. Sicher ist, dass wir Europäer noch nie so frei waren, uns lustvoll miteinander zu verbinden.

Persönliche Protokolle zum Thema Liebe

Wir haben Menschen zu ihren Erfahrung zum Thema befragt. Ihre sehr persönlichen Geschichten lesen Sie hier.

Darüber möchten wir berichten. Von den vielen Facetten, die Beziehungen heute haben. In Essays und Interviews und Protokollen. Sie werden einen Mann treffen, der nach dreissig Jahren Trennung wieder bei seiner Frau eingezogen ist. Eine junge Frau, die sich so viele Männer nimmt, wie sie will. Und wir möchten Sie einladen, uns Ihre Geschichte zu erzählen, hier in der Republik.

Nutzen Sie anonym das Debattentool am Ende dieses Artikels. Niemand wird sehen, wer Sie sind. Ihre Privatsphäre ist uns heilig. Wir werden sie schützen.

Mehr Liebe, besserer Sex – ist diese These nicht vermessen?

Und was ist mit den vielen Scheidungen?

Sie sind ein beispielloser zivilisatorischer Fortschritt, sagt der deutsche Sexualforscher Kurt Starke, niemand muss heute ausharren in Verhältnissen, die nicht passen. Sie zeigen, wie sehr die Menschen die Liebe wollen und um sie kämpfen.

Und die vielen Single-Haushalte? Die bisweilen endlose Suche nach dem Richtigen? Ja, sie kann wehtun. Maximale Freiheit und maximale Optimierung führen nicht zu maximalem Glück.

Wir sind heute so frei wie nie, aber auch die Freiheit kann schmerzen und neue Formen des Leids produzieren. Sie ist ein Muskel, den wir noch nicht gelernt haben zu trainieren, schreibt der Buchautor Friedemann Karig in einem Essay, den Sie in unserer Reihe lesen werden.

Aber eines steht fest: Der Sex wird besser.

Seit 1961 befragt das Hamburger Institut für Sexualforschung Studierende nach ihrem Liebesleben. Die Frage nach vorehelichem Geschlechtsverkehr ist inzwischen gestrichen worden. Heute fragen die Forscher nach Sexspielzeug und lustvollen Experimenten. Das Ergebnis: Gerade die Frauen trauen sich immer mehr. Und das Licht darf auch an bleiben.

Interessanterweise werden die Beziehungen unter den Studierenden kürzer – und treuer. Rund vier Jahre halten sie im Schnitt. So lange, bis die Intensität nachlässt und die Lust verblasst. Und man sich auf die Suche nach dem nächsten Partner macht.

Mehr Liebe, mehr Lust – ist das eine Emanzipation? Oder verbirgt sich dahinter eine «Tyrannei der Sexualität», wie die israelische Soziologin Eva Illouz beobachtet? «Der Anspruch, sexy zu sein, startet heute sehr früh und zieht sich lange durchs Leben», sagt sie, bei Männern und bei Frauen. Und das kann auch eine grosse Last sein.

Überhaupt werden wir viele Dinge in den nächsten Tagen von zwei Seiten beleuchten.

Mal werden Sie lesen: Sex ohne Liebe ist fad. Dann wieder: Sex ist eine Freizeitbeschäftigung, vergleichbar mit Tennis.

Der eine behauptet: Partnerschaften brauchen sexuelle Exklusivität. Keineswegs, findet der andere: Viel zu viele Paare zerbrechen an der Ödnis ihres Sexlebens.

Und so ist die einzige Erkenntnis, die wir Ihnen vorab mit auf den Weg geben können: Es gibt kein Richtig oder Falsch. Es gilt nur ein einziger Imperativ: Finden Sie heraus, was Sie mögen, und verbinden Sie sich mit einem Menschen, der das auch will.

Und: Seien Sie ehrlich. Alles geht heute. Aber aufrichtig zu sein gegenüber sich selbst und seinem Partner, offen und angstfrei zu seinen Wünschen und Verletzungen zu stehen? Das fällt noch immer so schwer.

Vor allem aber: Freuen Sie sich auf unsere Sommerserie «Lustprinzip»!

Erzählen Sie uns Ihre Geschichte

Schildern Sie uns hier in den kommenden Tagen jeweils zwischen 10 und 22 Uhr Ihre Höhenflüge, Wünsche, Traumpartner. Anonym.

Zu den Bildern dieser Themenwoche

Für seine Serie «Aussergewöhnliche Liebschaften» hat Guillaume Perret atypische Paare fotografiert. Menschen, deren Liebe gesellschaftlich stigmatisiert ist. Etwa wegen ihres Aussehens, ihrer sexuellen Orientierung, des Altersunterschieds oder einer Behinderung. Entstanden sind einzigartige und sehr persönliche Porträts, die zeigen, dass letztendlich alle Formen von Liebe schön sind.

Guillaume Perret lebt und arbeitet im Kanton Neuenburg und ist Gründungsmitglied der Agentur Lundi 13. In seinen Arbeiten versucht er die zerbrechliche Schönheit der menschlichen Existenz zu erfassen. Die Intimität, die er dabei einfängt, sagt auch viel über unsere Gesellschaft aus.