Alexei Nawalny (4. Juni 1976 bis 16. Februar 2024). Peter Rigaud/laif

Jetzt sind wir seine Hoffnung

Alexei Nawalny ging nicht zurück nach Russland, um sich umbringen zu lassen. Aber er gehörte zu den Menschen, für die es Wichtigeres gibt als das eigene Leben.

Von Michail Schischkin, 17.02.2024

Vorgelesen von Egon Fässler
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Diese Kerze brachte ein wenig Licht in Putins Düsternis. Nun wurde sie ausgelöscht.

Das Wort dafür in den offiziellen Verlautbarungen ist «gestorben». Zwischen «gestorben» und «ermordet» liegt ein Unterschied von der Grösse eines ganzen Landes.

Mein Land und das von Alexei Nawalny gibt es nicht mehr. Ein Russland, das seine besten Söhne auf diese Weise vernichtet, kann keine terre des hommes, keine Erde der Menschen sein. Dieser Staat, der sich Russische Föderation nennt, der Tod und Unheil über die ganze Welt und seine eigene Bevölkerung bringt, sollte einfach nicht existieren.

Alexei Nawalny musste im Russland der Gegenwart zwangsläufig sein Leben verlieren. Diktatur bedeutet, dass das Volk schweigt und bei jedem Wort des Führers jubelt. Das Regime sah in dem Mann, den es zum Schweigen bringen wollte, indem es ihn für mehr als 20 Jahre inhaftierte, eine Bedrohung für sich selbst. Sie versuchten, ihn zu vergiften – erfolglos. Jetzt haben sie ihn auf andere Weise exekutiert. Offiziell gibt es in Russland keine Todesstrafe. Doch sie existiert, hier ist sie, und das ist erst der Anfang. Dieser verbrecherischen Macht ist es egal, wen sie tötet: Ukrainer, ihre eigenen, für die «Fleischstürme» mobilisierten jungen Männer oder politische Gefangene. Das «rote Rad», von dem Alexander Solschenizyn schrieb, ist weitergerollt.

Jetzt, nach zwei Jahren blutigen Gemetzels in der Ukraine und nachdem die Opposition in Russland vollends vernichtet worden ist, scheint nicht einmal mehr vorstellbar, was vor wenigen Jahren zumindest noch eine denkbare Option war: dass Nawalny am Präsidentschafts­wahlkampf hätte teilnehmen und auf Wahl­veranstaltungen im ganzen Land sprechen können.

Was für ein Präsident wäre er gewesen? Ich weiss es nicht. Er hätte exzellent sein können oder ein Fiasko. Es hätte nur einen Weg gegeben, das zu testen: freie Wahlen, bei denen er gewinnen würde. Aber freie Wahlen erfordern freie Bürgerinnen. Demokratie beginnt mit der Menschen­würde. Und wie viel Menschen­würde fühlt die Mehrheit der russischen Bevölkerung in sich?

Ich werde nie vergessen, wie bei einer Wahl­veranstaltung in einer russischen Provinz­stadt nach Nawalnys Rede jemand auf ihn zukam und sagte: «Alexei, mir gefällt, was Sie sagen und wie Sie das tun, ich mag Sie. Aber werden Sie erst einmal Präsident, dann werde ich für Sie stimmen.»

Jeder hat sich gefragt – und wird es nun umso mehr tun –, warum Nawalny nach Russland zurück­gekehrt ist, wohl wissend, dass er dort inhaftiert werden würde, nachdem er wegen eines Giftanschlags in Deutschland behandelt worden war. Ich sage «wohl wissend», denn ja, er wusste es. Er war ein Kämpfer. Er wusste, dass er den ganzen Weg gehen musste. Aber er wollte nicht ein Opfer um des Opfers willen bringen, er wollte nicht zur Schlacht­bank gehen, er wollte gewinnen. Er glaubte daran, dass er siegen würde, und er steckte alle mit diesem Glauben an – sowohl in seinem Umfeld als auch im ganzen Land und darüber hinaus.

Nawalnys Kalkül ging nicht auf

In Russland sind diejenigen, die das Regime stürzten, immer zuerst seine Gefangenen gewesen. So war es in der Revolution von 1917, und so war es mit dem Ende der Sowjetmacht. Das sowjetische Regime, das unzerstörbar schien, fiel unter den Büchern von Solschenizyn, einem ehemaligen Häftling. Gefängnis­erfahrung ist für einen russischen Politiker immer von Vorteil: Wer im Gefängnis war, ist näher an der einheimischen «Wähler­masse», deren ganzes Leben von der «Gefängnis­kultur» durchdrungen ist.

Nawalnys politisches Kalkül hat sich als falsch erwiesen. Sein Opfer hat die meisten Russen nicht beeindruckt, sie sind putintreu geblieben und taten das, was vom Regime verlangt wird. Ich bin sicher, er wäre ein guter Präsident für das Land gewesen, aber wo findet er ein Russland, in dem er hätte Präsident werden können? Ein solches Russland gibt es gegenwärtig nicht.

Videobotschaft: Alexei Nawalny im Januar 2024 in der Strafkolonie am Polarkreis. Vera Savina/AFP/Getty Images
Eine Nachbildung der Strafzelle, in der Nawalny drei Monate im Jahr 2022 verbrachte. Stephane de Sakutin/AFP/Getty Images

Alexei hat das Land, dem er sein Leben gewidmet hat, nicht wirklich gekannt. Zum Politiker wurde er nach dem Zusammen­bruch der UdSSR, in jener kurzen historischen Periode, als die Freiheit nach Russland kam, das öffentliche und politische Leben begann, Parteien und eine freie Presse entstanden. Für ihn war dies sein Land, ein Land, in dem alles möglich war. Nawalny war seinem Typ nach ein westlicher Politiker: einer, der weiss, dass man um Wähler­stimmen kämpfen muss, dass man eine öffentliche Person und ein offener Mensch sein muss, dass man für seine Worte verantwortlich ist und Rechenschaft abzulegen hat.

Aber die russische Politik funktioniert nicht so. In Russland muss man um die Macht nicht bei Wahlen kämpfen, da diese ohnehin manipuliert werden; man muss dorthin gehen, wo die wahre Macht ist.

Schon lange gilt es international als geflügeltes Wort: Der politische Kampf in Russland ist ein Kampf der Bull­doggen unter dem Teppich. Nawalny konnte und wollte nicht zu diesen Bull­doggen gehören. Er glaubte, dass die Menschen in Russland ihm folgen würden. Das war ein idealistischer, ein schöner, in diesem Land aber auch sehr naiver Glaube.

Das aktive, freie politische Leben, in das sich Alexei in den 1990er-Jahren gestürzt hat, war nur ein Plätschern auf der Oberfläche des russischen Ozeans. Oder eines riesigen russischen Sumpfs – je nachdem, welche Metapher einem mehr zusagt.

Er beurteilte die Menschen nach sich selbst. Er ging davon aus, dass, wenn für ihn die Rechte des Einzelnen, seine Freiheit und seine Würde die wichtigsten Werte des Lebens waren, dies auch für andere das Wichtigste sei. Er glaubte, die Menschen überzeugen, inspirieren und in eine Zukunft führen zu können. Und Tausende, Zehntausende von jungen Leuten folgten ihm tatsächlich. Aber das Land ging in die entgegen­gesetzte Richtung.

Kein Platz für Menschen in Freiheit

Der Traum von Putins Regime ist die Wieder­belebung der UdSSR. Das Land wird von denjenigen regiert, die ihre Karriere und ihr Leben im sowjetischen KGB aufgebaut haben. Ihr Traum – die Wiedergeburt des Landes ihrer Jugend – wird gerade vor unseren Augen verwirklicht. In diesem Land legen die Bürger auf dem Schafott gehorsam den Kopf hin und seufzen: Der Zar weiss, warum wir nun sterben, und wir müssen das tun.

In diesem Land ist kein Platz für Nawalny oder für junge Menschen, die sich ihr Leben nicht in einem Gulag, sondern in Freiheit aufbauen wollen.

Wenn Alexei gewusst hätte, was nach seiner Verhaftung passieren würde; wenn er gewusst hätte, dass die Opposition komplett verlieren, das Regime einen verabscheuungs­würdigen Krieg gegen die Ukraine beginnen und die Mehrheit der Bevölkerung diese Abscheulichkeit unterstützen würde – hätte er dann diesen Schritt noch einmal gewagt? Wäre er nach Russland zurück­gekehrt, um ins Gefängnis zu gehen und sich umbringen zu lassen? Ich weiss es nicht. Aber ich vermute: Ja, das hätte er getan. Denn es gab, gibt und wird immer Menschen geben, die einem Ziel folgen, das ihnen wichtiger ist als das eigene Leben.

Alexei Nawalny hat uns allen geholfen. Er gab uns allen Hoffnung durch seine Existenz, durch seine Bereitschaft, nicht aufzugeben und bis zum Ende durchzuhalten. Jetzt sind wir seine Hoffnung.

Zum Autor

Michail Schischkin, 1961 in Moskau geboren, gehört zu den bedeutenden russischen Autoren der Gegenwart. Seit 1995 lebt er in der Schweiz. Er arbeitete als Lehrer, Journalist und Übersetzer. Als bisher einziger Autor wurde er in Russland mit den drei wichtigsten Literatur­preisen ausgezeichnet. Seine Bücher wurden in 35 Sprachen übersetzt. Seit Jahren gehört der Autor zu den scharfen Kritikern des Regimes Putins. Schischkins Essays erscheinen in Medien wie «New York Times», «Wall Street Journal», «The Guardian» und «Le Monde». Er ist Mitglied des Verbands Autorinnen und Autoren der Schweiz, des Deutsch­schweizer PEN-Zentrums, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und Mitgründer des PEN Berlin.

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