Kriegsgebiet: Die ukrainische Hauptstadt Kyjiw im Jahr 2022. Daria Svertilova

Aber jetzt tanzen wir

Wie leben die Ukrainerinnen mit dem Krieg? Was bedeutet Normalität, welchen Sinn haben Zukunfts­pläne, wenn im nächsten Augenblick eine Rakete einschlagen kann? Ein persönlicher Essay der Filme­macherin und Schrift­stellerin Iryna Tsilyk.

Von Iryna Tsilyk (Text) und Daniel Graf (Übersetzung), 09.12.2023

Vorgelesen von Miriam Japp
0:00 / 24:56

Die Republik ist ein digitales Magazin für Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur – finanziert von seinen Leserinnen. Es ist komplett werbefrei und unabhängig. Lösen Sie jetzt ein Abo oder eine Mitgliedschaft!

«Was glauben Sie, was wird das künftige Schicksal der Ukraine sein?», fragt uns ein deutscher Film­produzent während einer Geschäfts­verhandlung und schiebt hinterher: «Wir müssen strategisch denken!»

Unser Gespräch findet in Amsterdam im Speed-Dating-Modus statt, im Rahmen des grössten Dokumentarfilm­festivals der Welt: Meine ukrainische Produzentin und ich sitzen an einem der zahlreichen Tische im Forum, und verschiedene potenzielle Partner, hauptsächlich Produzentinnen aus europäischen und nord­amerikanischen Ländern, kommen vorbei, um unser Projekt näher kennen­zulernen.

All diese Leute sind ebenso verschieden wie ihre Fragen oder Kommentare. Eine Schweizer Produzentin zum Beispiel meinte, derzeit habe man «aus so vielen Kriegen die Auswahl», und lachte. Es war ein Scherz, das ist mir nicht entgangen. Wir Ukrainerinnen sind schliesslich echte Humor-Connaisseurs, vor allem des schwarzen Humors in Kriegs­zeiten. Und es stimmt ja: Es gibt derzeit reichlich Auswahl.

Hier ist ein Projekt über Flüchtlinge und ihre Verletzungen. Da geht es um Vergewaltigung als eine Form von Kriegs­verbrechen. Es gibt auch ein Projekt über posttraumatische Belastungs­störungen und die Rehabilitation von Kriegs­veteranen. Über Tausende von entführten Kindern als einen der Indikatoren für einen genozidalen Krieg. Über die Rehabilitation ehemaliger Gefangener, die gefoltert worden sind. Und so weiter.

Welcher Krieg darf es sein? Der zwischen Israel und der Hamas? Oder vielleicht der zwischen Armenien und Aserbaidschan? Lässt sich der russisch-ukrainische Krieg noch feilbieten oder ist der nicht mehr relevant für Sie?

Als ukrainische Film­regisseurin, die an einem neuen Projekt arbeitet – einem animierten Dokumentar­film über mein Leben und das meiner Liebsten und über die Veränderungen darin seit dem Krieg –, verstehe ich natürlich, dass strategisches Denken in unserer Branche wichtig ist. Sollten potenzielle Partnerinnen grosse Summen in noch ein ukrainisches Projekt investieren? Wie soll die Dramaturgie aussehen, worauf der Produktions­prozess gründen, wenn in der Ukraine nun schon seit zehn Jahren Krieg ist und ein Happy End noch immer nicht in Sicht? Werden die Filme­macherinnen noch am Leben und bei geistiger Gesundheit sein, wenn der lange Animations­prozess an sein Ende kommt?

Beim Nachdenken über die letzte Frage entfuhr mir ein kleines Glucksen. Dabei gibt es weiss Gott nichts zu lachen. Letzten Sommer wurde meine gute Bekannte und Kollegin, die ukrainische Schrift­stellerin und Intellektuelle Victoria Amelina, getötet, als eine russische Rakete in der Pizzeria einschlug, in der sie sich mit ihren Kolleginnen aufhielt. Diesen Herbst hätte Victoria ein Aufenthalts­stipendium in Paris antreten sollen, um ihr dokumentarisches Buch über die Verbrechen der russischen Armee abzuschliessen. Sie hatte Zeuginnen­berichte von Frauen in den von Russland besetzten Gebieten gesammelt. Dieses Buch wird von seiner Autorin nicht fertig­gestellt werden, ganz zu schweigen von all dem ungelebten Leben einer jungen Frau und Mutter.

«Leider kann ich Ihnen keine sichere Prognose liefern, was das Schicksal meines Landes sein wird», antworte ich schliesslich in Amsterdam. In Luxemburg wurde ich kürzlich gefragt, «wie viele Jahre die Ukrainer noch die Kraft haben werden, den Russen zu widerstehen». Auch das kann ich leider nicht vorhersagen. Die Geschichte meines Landes kennt viele mögliche Szenarien.

Es ist nicht das erste Jahrhundert, in dem die Ukrainer für ihre Würde und Freiheit kämpfen, aber die Kräfte waren fast immer ungleich. Und so begannen unsere Kolonisatoren, uns mit Repressionen, Hinrichtungen, künstlich hervor­gerufenen Hunger­katastrophen oder dem Gulag immer wieder neu zu unterjochen. Wir haben all das durch­gemacht, jede ukrainische Familie ist voll von solchen Geschichten. In meiner Familie gab es Menschen, die in stalinistische Lager verbannt wurden, Menschen, die in Zeiten des Hungers nur knapp mit dem Leben davon­kamen, und andere Geschichten mehr.

Trotz allem ist heute etwas grundlegend anders: Zum ersten Mal überhaupt sind die Ukrainerinnen und ihre Tragödien für die Welt so sichtbar.

Vor kurzem habe ich das bekannte Gedicht «Remember» des ukrainischen Autors Oleksandr Oles aus dem Ukrainischen ins Englische übersetzt. Er schrieb diesen schmerz­vollen Text 1931. Nachdem er viele Jahre fernab der Ukraine im Exil verbracht hatte, litt der Dichter unter den Ereignissen in seinem Heimat­land und der Reaktion der europäischen Gesellschaft, oder besser gesagt: der fehlenden Reaktion.

When tortured Ukraine was struggling for life
and fighting with enemies vicious and violent,
it needed support in its boundless strife,
but Europe was silent.

When fearless Ukraine was waning in battle,
the rivers of blood spilled around to find
some help for unequal and resolute struggle,
but Europe was blind …

Oleksandr Oles: «Remember», in der Übersetzung vn Iryna Tsilyk.

Und so weiter: fünf Strophen, von denen jede mit einem Schmerzens­schrei endet, weil Europa schweigt. Das Schicksal dieses Autors wie auch das seines Sohnes, eines anderen berühmten ukrainischen Dichters, Oleh Olschytsch, der von der Gestapo hingerichtet wurde, ist tragisch und traurig. Aber die Geschichte der ukrainischen Literatur ist voll von diesen Schicksalen.

Heute ist die ukrainische Kultur in der Welt besser repräsentiert. Und wir erhalten endlich bedeutende Militär­hilfe aus verschiedenen Ländern, um die Hydra, die Millionen Köpfe hat, wirksam zu bekämpfen. Unsere Verbündeten sind jedoch nervös und voller Zweifel; sie wollen Garantien, hoffen scheinbar auf unseren Sieg, aber gleichzeitig üben sie sich in Zurück­haltung. Liebe Ukrainer, ihr müsst diesen Krieg weder zu Fuss noch zu Pferd, weder nackt noch bekleidet durchstehen, ihr müsst alle mit einem spektakulären Gegen­angriff beeindrucken, aber ohne F-16-Kampfjets und ausreichend moderne Waffen; ihr müsst Europas Ehre verteidigen, aber die Hydra auch nicht zu sehr verärgern, damit sie nicht den atomaren Trumpf aus dem Ärmel zieht. Aber wie lange werdet ihr noch durchhalten? Wie viele tapfere junge Männer und Frauen habt ihr noch, die ihr dem Ungeheuer in den Rachen werfen könnt? Worauf sollen wir wetten: Rot oder Schwarz? Wir müssen strategisch denken!

Aber lassen wir den Sarkasmus. Als jemand, die von Berufs wegen ständig in der Welt unterwegs ist und zwischen verschiedenen Lebens­realitäten balanciert, weiss ich im Grunde, dass es nicht produktiv ist, sich ausschliesslich auf das eigene Unglück zu konzentrieren. Andere Länder haben ihre eigenen Gründe und Risiken, die Welt erlebt genügend Turbulenzen und Traumata, die es als Voraus­setzung für einen echten Dialog zu verstehen gilt. Das alte Europa mit seiner eigenen bewegten Vergangenheit versucht nun verwirrt, das Gesicht zu wahren. Aber das Karten­haus fällt zusammen, das «nie wieder» funktioniert nicht mehr, Kriege, Terror­anschläge und alle anderen möglichen Mittel zur Zerstörung eines Volkes durch ein anderes kommen wieder und wieder und wieder, nur dass die Formen und Technologien jetzt moderner und noch ausgefeilter sind.

Oft denke ich: Wir, die Bewohner des Planeten Erde, oder auch viel enger gefasst: Wir Europäerinnen sind alle miteinander verbunden und sehr verwundbar. Nur ist es dieses Mal so, dass die modernen Ukrainer die Tatsache unserer totalen Zerbrechlichkeit und die Unmöglichkeit einer Zukunfts­prognose ein wenig früher akzeptieren mussten als andere Europäerinnen.

Und dennoch ist es für das Durch­halten unabdingbar, sich zumindest ein paar Dinge für die Zukunft vorzunehmen und Pläne zu machen. Eine der wichtigsten Lehren aus den letzten zehn Jahren Krieg lautet: Wir können unser Leben nicht komplett auf später verschieben, weil niemand weiss, ob dieses «später» überhaupt kommen wird.

Nachdem ich mich also von allen Teilnehmenden am Filmfestival in Amsterdam verabschiedet habe, fahre ich endlich nach Hause und mache ganz konkrete Pläne für die nächsten Tage. Mein Geburtstag steht unmittelbar bevor, und weil ich zum ersten Mal seit vielen Jahren eine Party für Freunde schmeissen möchte, kaufe ich ein paar exquisite holländische Käse­sorten, mache eine Gäste­liste und vergesse über diesen angenehmen Aussichten fast, wie endlos die Reise nach Kyjiw ist, seit keine Flugzeuge mehr in meine Heimat fliegen.

Wie viele Flaschen Wein muss ich besorgen? Wen lade ich alles ein? Meine Freunde fragen auch schon nach einer Wunsch­liste für mögliche Geschenke. Zwar brauche ich keine Geschenke, aber nun gut …

Im Nachtzug von Polen nach Kyjiw schreibe ich meinen Gästen augen­zwinkernd, ich würde mich an diesem Punkt meines Lebens an der Schönheit der alltäglichen Dinge erfreuen. Wie Pippi Lang­strumpf würden mich die kleinen Dinge glücklich machen: Gold­klumpen, Straussen­federn, Knall­bonbons, kleine Schrauben­muttern. Oder aber Koch­bücher und ungewöhnliche Weihnachts­dekoration. Kurz male ich mir aus, wie ich dieses Jahr den Weihnachts­baum aufstellen werde, dann kommt mir in scharfem Schnitt schon der nächste ungebetene Gedanke: Wenn ich fliehen müsste, würde ich meine Sammlung Weihnachts­schmuck einpacken?

Nein, das würde ich nicht. So viel weiss ich schon mal. Als Ende Februar 2022 die russische Gross­invasion in der Ukraine begann, rückte mein Mann, der bekannte ukrainische Schriftsteller Artem Tschech, sofort in die Armee ein, ich selbst verliess Kyjiw vorüber­gehend mit meinem Sohn und meiner Katze in Richtung Lwiw. Mitgenommen habe ich nur einen Laptop, Dokumente, warme Kleidung, Bargeld und ein wenig Schmuck. Was ich zu Hause liess: unsere Sammlung von Grafiken ukrainischer Künstler, mehr als anderthalb­tausend Audio­kassetten, bestickte Kissen, das Iron-Man-Poster in seinem erlesenen Bilder­rahmen, Hunderte von Büchern, die Kinder­zeichnungen meines Sohnes, die Magnet­buttons am Kühlschrank, die neue Teekanne aus Porzellan, unser «Ruhm und Ehre»-Paket mit diversen Preis­urkunden und vieles andere, was nicht unmittelbar überlebens­notwendig ist. All diese Dinge spielen in den Momenten, wo du fliehen musst, keine Rolle. Aber all dies ist von immenser Bedeutung als Schatz­karte unserer Identität.

Als klar wurde, dass Kyjiw nicht so einfach eingenommen werden konnte und dass meine Stadt – was bis heute gilt – durch ein ausreichend starkes Flugabwehr­system geschützt ist, kehrten wir zurück und begannen hier wieder normal zu leben.

Der Sohn geht zur Schule, wir arbeiten, kaufen neue Dinge, wir feiern trotz allem manche Feiertage. Und doch hat diese Normalität etwas sehr Skurriles. Wenn ich mir vornehme, die Böden in unserer Wohnung zu erneuern oder schönes neues Geschirr zu kaufen, komme ich nicht umhin, mich zu fragen, ob das alles einen Sinn hat, wenn im nächsten Augenblick womöglich eine russische Rakete oder Drohne in mein Haus fliegt.

Das sind keine hypothetischen Gedanken, sie gehen vielmehr auf ganz reale Erfahrungen zurück. Diesen September landeten die Trümmer einer abgeschossenen Drohne in unserem Garten. Die Surrealität dieses Moments war frappierend: Zu der Zeit war ich in Mexiko, um dort mein Land als Film­schaffende zu vertreten, ich genoss aber auch die Reise an sich. Umgeben von bunten Farben, Essens­düften und ausgelassenen Menschen bekam ich plötzlich einen Anruf von meinem Sohn: «Mama, wir sind gerade angegriffen worden!» Irgendwo zehntausend Kilometer von mir entfernt waren mein Sohn und meine Mutter dabei, sich zu verstecken. Eine russische Drohne wurde direkt über unserem Haus abgeschossen, die Fenster vieler Nachbar­wohnungen gingen zu Bruch, einige Gebäude und unser Auto im Hof wurden beschädigt. Verletzt wurde zum Glück niemand.

Denke ich daran, meine Lieben oder unser Haus könnten in dieser blutigen Lotterie auch eines Tages weniger glücklich davon­kommen? Daran, dass ich mich selbst oft in der Gefahren­zone befinde, ja manchmal bewusst darauf zugehe, wenn ich zum Beispiel eine Lesung oder Dreh­arbeiten in Frontnähe habe? O ja, allerdings, diese Gedanken beschäftigen mich. Und ich kann nicht anders, als daran zu denken, was mit uns allen passieren wird, wenn der Munitions­engpass, der Mangel an Waffen und – was am schmerzlichsten ist – die zu geringe Anzahl Soldaten einen kritischen Punkt erreichen; wenn das Luftverteidigungs­system nicht mehr in der Lage ist, unsere Städte zu schützen; wenn die Russen noch erfolg­reicher unsere kritische Infra­struktur angreifen und wir im Winter wieder tagelang ohne Heizung, Strom, Wasser und ohne Kommunikations­netz leben werden.

Zugleich komme ich nicht umhin, auch an andere Dinge zu denken. Zum Beispiel an mein Privileg, als freier Mensch die Ukraine verlassen zu können und das Land bei verschiedenen kulturellen Anlässen zu repräsentieren – während so viele meiner Kollegen aus dem Film-, Literatur- und Kunst­bereich in der Armee kämpfen, einige von ihnen bereits getötet wurden und andere nicht das Recht haben, die Landes­grenzen zu passieren. Ich komme nicht umhin, mir vor Augen zu führen, dass ich immer noch das Privileg habe, frei nach Hause zurück­zukehren, während Millionen anderer Ukrainerinnen ihre Städte und Dörfer verlassen und etliche von ihnen buchstäblich ihr Zuhause verloren haben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch sie Kisten mit Weihnachts­schmuck in ihren Wohnungen hatten.

Aber manchmal ist es wichtig, das Schwungrad dieses endlosen, toxischen Schuld­gefühls anzuhalten, weil dieses Gefühl einen sonst irgendwann erstickt. Der Krieg hat jeden Menschen, den ich kenne, auf andere Weise getroffen, unsere Verluste und Verletzungen sind nicht miteinander vergleichbar, es ist unmöglich und sinnlos, sie zu vermessen und zu beziffern. Unter meinen Freunden, engen und guten Bekannten sind Soldaten und Soldatinnen, Veteranen, Flüchtlinge, Menschen, die ihre Heimat verloren haben, Gefallene und Zivilisten, Witwen, Ehefrauen von vermissten Soldaten, Menschen, die Gefangenschaft und Folter erlebt, Mütter, die Söhne begraben, Menschen, die an der Front ihre Gesundheit eingebüsst haben. Es gibt so viele verschiedene Arten von Tragödien, dass man sehr leicht im Schmerz ertrinken kann. Und so ertrinken wir darin. Und dann, am nächsten Tag, lachen wir uns fast zu Tode. Das Tragische und das Komische, alles geht jetzt ineinander über.

Also lasst uns auch einmal eine Party feiern, lasst die Menschen, die ich liebe, ein wenig Spass haben. Es soll Wein geben und eine Playlist mit unserer Lieblings­musik, herzliche Umarmungen, unbeholfene Tänze.

Tatsächlich feiere ich zum ersten Mal in meinem Leben meinen Geburtstag auf diese Weise. Ich setze ein Puzzle aus meinen sehr unterschiedlichen Freunden zusammen. Vorher hat es immer an irgendwas gefehlt: am Geld, an der Lust oder am Vertrauen, dass sich so unter­schiedliche Menschen zusammen wohlfühlen würden. Aber ich habe es gewagt, und jetzt schaue ich mich staunend um: Alle sind so schön und noch immer so jung. Hier ist es, ein Porträt meiner Generation. Strahlende, freie Menschen, die in ihrem eigenen Land leben wollen und auf irgendeine Art dafür kämpfen, ohne sich zu fragen, was als Nächstes mit uns allen geschehen wird.

Heute lachen wir, tanzen und singen sogar. Immer wieder schaue ich mich um: Hier wählt eine attraktive, scheinbar fröhliche Frau die Musik für den nächsten Tanz aus. Letzten Winter hat sie ihren geliebten Mann im Krieg verloren, aber dem Geschenk, das sie mir mitbrachte, war eine Karte beigelegt, die mit drei Namen unterschrieben war: dem ihres Mannes, dem von ihr und dem ihrer Tochter; sie sprechen immer noch in der Gegenwart von ihm. Und hier – ich zähle – ein, zwei, drei, vier Männer in ziviler Kleidung, doch in Wirklichkeit dienen sie in der ukrainischen Armee, einige von ihnen kommen gerade von der Front. Hier sind zwei weibliche Freiwillige einer der mächtigsten Stiftungen, die die Front mit Tausenden von Drohnen versorgen und die Ausbildung von Zehntausenden von Soldaten durchführen. Hier ist eine Freundin von mir, die mir die beste denkbare Nachricht zuflüstert – sie und ihr Mann möchten ein Baby, obwohl er derzeit in einer hochgefährlichen Kampf­zone eingesetzt ist. Hier andere liebe Freunde von mir, die plötzlich nicht mehr wissen, wie sie ihre Ehe retten sollen; nach verschiedenen einschneidenden Erfahrungen und der Zerstörung ihres Hauses durch eine russische Granate ist der Druck für beide unerträglich geworden, obwohl sie einander immer noch lieben.

Und hier tanzt mein eigener Mann – so fröhlich habe ich ihn schon sehr lange nicht mehr gesehen. Der Eindruck allerdings täuscht. Er leidet an einer klinischen Depression, die sich durch den Militär­dienst gravierend verschärft hat, vor allem durch die existenzielle Erfahrung, die er im Mai in Bachmut gemacht hat. Damals gerieten mein Mann und seine Einheit in eine Falle und lagen fünf Tage lang ohne Nahrung, ohne Waffen, ohne Kommunikations­mittel und fast ohne Wasser unter endlosem feindlichem Beschuss in Gräben. Hundert­undfünfzehn Stunden lang zählten er und seine Kameraden die Minuten, pinkelten in aufgeschnittene Plastik­flaschen und sagten dem Leben unaufhörlich Lebe­wohl. Auch ich zählte in Kyjiw die Minuten, denn fünf Tage lang wusste ich nicht, was mit meinem Mann war, wo genau er sich befand und ob es noch eine Chance gab, ihn jemals wieder­zusehen.

Der Regen hat sie dann überraschend gerettet. Ein gewaltiger, fast tropischer Regenguss. Zum ersten Mal in all diesen Tagen hörte der Beschuss auf, und mein Mann und seine Kameraden konnten sich aus ihrer Kampf­stellung befreien. Nass bis auf die Haut liefen sie an den Über­resten zerstörter militärischer Ausrüstung und an den Leichen ukrainischer Soldaten vorbei, die sie nicht mitnehmen konnten. Alle Männer aus seiner Einheit haben überlebt, aber einer von ihnen begann nach diesen fünf Tagen zuerst zu stottern, später verstummte er ganz.

Mein Mann hat in den letzten Monaten die Möglichkeit bekommen, in Kyjiw zu arbeiten, obwohl er noch in Diensten der Armee ist. Allerdings muss ich immer wieder einsehen, dass ihn diese fünf Tage sehr verändert haben. Manchmal spüre ich eine solch verheerte Landschaft, eine solch tiefe Schwärze in ihm, dass ich davor zurück­schrecke, tiefer zu schauen.

Ich weiss nicht, was auf ihn und mich wartet, ebenso wenig, was auf all die wunderbaren Menschen um uns herum. Niemand hat eine Kristall­kugel, um vorhersagen zu können, was das Schicksal der Ukraine und all der anderen Länder sein wird. Mir fallen die Gedanken schwer, ob die westliche Welt, mit der wir so sehnlich im selben Team sein möchten, in der Lage sein wird, die Menschen zu schützen, die ich liebe. Es tut mir weh, zu sehen, wie mein dreizehn­jähriger Sohn in der Schule als Unterrichts­fach Militärische Analyse wählt, sich für die Herstellung von Drohnen interessiert und sich Videos eines ukrainischen Stoss­trupps zur Rekrutierung neuer Soldaten ansieht. Was wird mit uns allen geschehen, wenn er das wehrpflichtige Alter erreicht? Dieser Gedanke lähmt mich.

Aber jetzt tanzen wir. Dieses eine kleine Fest haben wir verdient, und eine normale, ruhige, glückliche Zukunft. Und ich arbeite weiter an der Strategie für meinen neuen Film, denn zumindest ein paar wenige Pläne zu haben, ist ziemlich wichtig, um zu überleben.

Zur Autorin und zu diesem Text

Iryna Tsilyk, 1982 in Kyjiw geboren, ist eine ukrainische Film­regisseurin und Schrift­stellerin. Für ihre Dokumentar­filme zum Krieg in der Ukraine ist sie mehrfach ausgezeichnet worden. Als Autorin hat sie Romane, Erzählungen, Lyrik und Kinder­bücher veröffentlicht. Mit ihrem Sohn und ihrem Mann, dem ukrainischen Autor Artem Tschech, lebt sie in Kyjiw. In der Republik erschien im Januar 2023 ein Doppel­porträt von Iryna Tsilyk und Artem Tschech über ihr Leben in Zeiten des Krieges. Darin sind auch zwei von Tsilyks Gedichten als Text und Audio in Übersetzung und im ukrainischen Original enthalten. Den vorliegenden Essay hat Iryna Tsilyk auf Anfrage der Republik auf Englisch geschrieben.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus mit einem Monatsabonnement oder einer Jahresmitgliedschaft!