Die Pionierin

Ylfete Fanaj kam als Kind aus dem Kosovo in die Schweiz. Bald regiert sie den konservativen Kanton Luzern mit. Die Geschichte einer Aufsteigerin.

Von Carlos Hanimann (Text) und Maurice Haas (Bild), 18.05.2023

Vorgelesen von Regula Imboden
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«Heute haben wir gezeigt: Sogar in Luzern ist Wandel möglich. Denn Wandel lässt sich nicht aufhalten»: Ylfete Fanaj.

Als Ylfete Fanaj sich mit zwanzig Jahren in Sursee einbürgern liess, fragte die Kommission sie nicht nach Fluss­namen oder nach Bergen, nicht nach Dorf­beizen oder lokalen Bräuchen. Stattdessen fragten die Kommissions­mitglieder: Wo sehen Sie künftig Ihre Rolle in der Schweizer Gesellschaft?

Fanaj findet das bis heute eine kluge Frage. Keine, die Wissen abklappert, sondern Pläne. Eine, die nicht in die Vergangenheit schaut, sondern in die Zukunft. Kein Misstrauen, sondern Neugier.

So könnte man alle willkommen heissen: Was haben Sie hier noch vor?

Niemand dachte damals, dass Ylfete Fanaj zwanzig Jahre später Regierungs­rätin würde.

In der Opposition

Es ist Viertel nach elf, Sonntagmorgen, der 14. Mai 2023, Ylfete Fanaj geht ein paar Schritte hoch zu einem Raum in der Luzerner Altstadt, nur wenige hundert Meter vom Regierungs­gebäude entfernt. Ein knappes Dutzend Personen warten bereits: Kantons­rätinnen, Partei­sekretäre, Beraterinnen. Man gibt sich locker. Man gibt sich zuversichtlich. Aber alle wissen: Heute steht viel auf dem Spiel. Sehr viel.

Acht Jahre lang war Luzern rein bürgerlich regiert, rein männlich noch dazu. Die Sozial­demokraten hatten 2015 ihren Sitz in der Regierung verloren und die Rückkehr nicht geschafft.

«Das hat die Partei erschüttert», sagt Helene Meyer-Jenni, ehemalige SP-Kantons­rätin und enge Wegbegleiterin von Fanaj. «Ylfete war direkt betroffen und bekam das hautnah zu spüren.»

Nach Jahrzehnten in der Regierung fand sich die SP auf einmal in der Opposition wieder. In dieser schwierigen Zeit übernahm Fanaj das Fraktions­präsidium. Vier Jahre führte sie die Sozial­demokratinnen im Kantonsrat an. Dann stellte die SP 2019 – im Jahr des grossen Frauenstreiks – einen Mann als Kandidaten auf, um gegen die Bisherigen anzutreten. Er wurde nicht gewählt. Vier weitere Jahre Opposition.

Ylfete Fanaj sollte das nun ändern. Aber würde sie es schaffen?

Eine linke Frau, eine junge Mutter, eine Frau mit Migrations­geschichte in diesem so konservativen Kanton?

Ein Jahr lang haben Fanaj und ihr Team auf diesen Sonntag, den 14. Mai 2023, hingearbeitet. In dieser Zeit begegnete sie vielen Zweiflern. Leuten, die Fanaj unterschätzten. Leuten, die dachten, sie schaffe das nie. Leuten, die hinter vorgehaltener Hand sagten: Ausgerechnet eine mit so einem Namen?

Früher raubten solche Aussagen Fanaj Energie. Aber irgendwann, sagt sie, waren ihr solche Sätze egal. Sie hörte auf, gefallen zu wollen. Sie war sie.

«Ich hatte Vertrauen, dass ich es schaffen kann», sagt sie.

Im ersten Wahlgang Anfang April machte Fanaj ein sehr gutes Ergebnis, trotzdem war sie unsicher. Für den zweiten Wahlgang sprach sich die Mitte für Fanaj aus, eine wichtige Empfehlung, die sie schon zuversichtlicher werden liess. Aber eine Woche vor der Wahl sagte Fanaj auch: «Wenn es jetzt nicht klappt, können wir es die nächsten acht oder zwölf Jahre vergessen.»

Kurz vor 12 Uhr treffen die Resultate aus den ersten Gemeinden ein. Fanaj und ihr Team gehen ins Raedwulf, eine Whiskybar, die aussieht wie eine Bankfiliale. Sie muss an diesem Sonntag, an dem im katholischen Luzern fast alle Lokale geschlossen haben, als Festlokal der Sozial­demokratie herhalten. Auf den Tischen stehen Gläser, Erdnüsse und Oliven. Aus den Boxen scheppert Rockmusik. Die noch wenigen Gäste schiessen Selfies mit der Kandidatin. In der Hand des Partei­präsidenten David Roth leuchtet ein weisser Handy­bildschirm. Alle paar Sekunden zieht sein Daumen an der Oberkante und aktualisiert die Seite mit den Wahl­ergebnissen. Es ist 12.03 Uhr. Die Kirchen­glocken läuten. Ylfete Fanaj richtet sich den Kragen und zieht den Gurt an.

Jahrzehntelanges Gatekeeping

Ylfete Fanaj musste in ihrem Leben oft vorangehen. Sie war die erste kosovarische Schülerin in ihrem Schulhaus in Sursee, die erste kosovarisch­stämmige Stadt­parlamentarierin in Luzern, Kantons­rätin, Kantonsrats­präsidentin und höchste Luzernerin. Und jetzt also Regierungs­rätin. Nie zuvor hat eine gebürtige Kosovarin in der Schweiz so hohe politische Ämter erreicht.

Es gibt andere Regierungs­mitglieder, die Abschied und Ankunft in sich tragen. Maria Pappa, Kind kalabrischer Eltern, präsidiert die Stadt St. Gallen. Der Genfer Staatsrat Antonio Hodgers floh aus der argentinischen Militär­diktatur. Die Waadt­länder Staatsrätin Rebecca Ruiz ist Kind spanischer Migranten.

Fanaj aber ist Teil der grössten Migrations­bevölkerung der Schweiz, wenn man alle Migranten der ex-jugoslawischen Staaten zusammen­zählt. Sie vertritt eine neue Schweiz, die längst nicht mehr so neu ist, wie sie heisst: Die ersten «Gastarbeiter» aus dem ehemaligen Jugoslawien kamen vor sechzig Jahren in die Schweiz, Fanajs Vater selbst zog vor vierzig Jahren hierher. Es fiele schliesslich niemandem ein, den Gotthard­strassen­tunnel als neu zu bezeichnen.

Merita Shabani, die stellvertretende Chefredaktorin von «Baba News», findet es bezeichnend für dieses Land, dass Fanaj dennoch eine Pionierin ist. «Die Schweiz betreibt jahrzehntelang Gatekeeping. Einzelne schaffen es nach oben. Aber nicht dank, sondern trotz dieses Systems.»

Neun Monate hier, drei Monate da

Ylfete Fanaj kam in die Schweiz, da war sie neun Jahre alt. Der Vater war kurz nach ihrer Geburt in die Schweiz gezogen, um als Saisonnier zu arbeiten. Neun Monate im Jahr schuftete er in einer Brauerei, drei Monate kehrte er zurück zur Familie. Nach sieben Jahren durfte ihm die Familie in die Schweiz folgen.

Ylfete und ihre ältere Schwester waren da bereits eingeschult. Also blieben sie bei der Grossmutter, in einem Dorf bei Prizren, im Süden des Kosovo, der damals noch zum zerfallenden sozialistischen Jugoslawien gehörte.

Fanaj verbrachte ihre Kindheit auf dem Land, zwischen Aprikosen-, Birnen- und Nussbäumen. In Slowenien, Kroatien und Bosnien herrschte Krieg, im Kosovo drängten Albaner auf Unabhängigkeit. Zwei Jahre nachdem die Mutter und die jüngeren der insgesamt fünf Kinder in die Schweiz gezogen waren, hatte die Grossmutter genug. Sie wollte die Verantwortung für die Enkel nicht länger tragen. Sie setzte sich mit Ylfete und ihrer Schwester ins Flugzeug, lud die Kinder ab und kehrte zurück.

So landete Ylfete Fanaj 1991 in Sursee, einem Ort, in dem sie niemanden kannte und verstand und den sie heute ihre Heimat nennt.

Vorsichtige Zuversicht

Die Resultate aus den ersten siebzehn Gemeinden treffen ein. Claudia Huser, die direkte Konkurrentin von der GLP, liegt vorn.

Fanaj holt tief Luft, zieht die Augenbrauen hoch und beisst auf die Zähne. Schulterklopfen.

«Es ist wie beim letzten Mal», sagt jemand. Sie meint es aufmunternd. Im ersten Wahlgang hatte Fanaj rund 10’000 Stimmen mehr geholt als die grünliberale Wider­sacherin. Aber die Leute sind nervös. Nervöser, als sie es vermutlich selbst vermutet hatten.

Malters, sagt jemand. Hitzkirch ein anderer. Emmen, Ebikon, Sursee – die Gemeinde­namen fliegen nur so durch die Runde. Als könnte ihr Klang die Unsicherheit zum Verschwinden bringen, die sich gerade breitmacht.

Es vergehen ein paar Minuten, in denen Präsident Roth gebannt auf die Zahlen der ausgezählten Gemeinden blickt. Dann sagt er: «Huser schöpft ihr Potenzial weniger aus als Ylfete.» Erste vorsichtige Zuversicht.

Strukturelle Hürden

Fanaj war immer eine gute Schülerin, sie ging als einziges Kind der Familie in die Sekundarschule. Vermutlich, sagte sie einem Journalisten einmal, hätte sie ihr Lehrer sogar aufs Gymnasium geschickt, wäre sie Schweizerin gewesen. Stattdessen suchte sie eine Lehre und schrieb 200 Bewerbungen. Sie erhielt 200 Absagen.

Dann boten ihr die Leiterinnen einer Sprachschule eine Lehrstelle als kaufmännische Angestellte an. Die Frauen hatten selbst Migrations­geschichte.

Fanaj war die erste Lernende des Betriebs. «Ich war wie eine Tochter für sie», sagt Fanaj. «Sie halfen mir, aber sie forderten auch gute Noten von mir. Sie nahmen mich mit ins Kino, ins Theater, auf Konzerte. Sie zeigten mir Sachen, die ich nicht so kannte.»

Drei unabhängige Frauen, die ihr eigenes Leben führten – für die junge Ylfete Fanaj waren sie eine Art Vorbild. «Ich habe irgendwann gemerkt, als Frau wird einem nichts geschenkt. Man muss es einfordern.»

Obwohl sie die zweite von fünf Geschwistern war, schlüpfte Ylfete Fanaj früh in die Rolle der Ältesten, übernahm viel Verantwortung für die Jüngeren. Und auch für die Eltern.

Als Fanaj die Lehre machte, lernte der Vater drei Jahre lang auf die Lastwagen­prüfung. Er sprach Mundart, aber wenig Schrift­deutsch. Jeden Abend büffelte er für die Prüfung, lernte alles auswendig. Wenn er etwas nicht verstand, rief er Ylfete. Sie musste übersetzen. Fast jeden Abend. Am Ende hätte sie die Prüfung gleich selbst ablegen können.

«Ich war zu Hause verantwortlich für den Papierkram», sagt Fanaj. Briefe von der Gemeinde, vom Kanton, Steuern, der ganze bürokratische Kram. Sie half den Geschwistern bei der Lehrstellen­suche, sie ging zu den Eltern­gesprächen des jüngsten Bruders. Das war manchmal seltsam. «Ich geriet in Loyalitäts­konflikte. Denn ich hörte Dinge, die ich den Eltern besser nicht erzählte.»

Später nabelte sie sich von ihrem Elternhaus ab, ohne gleich ganz mit ihm zu brechen. «Ich wollte meine Eltern nicht vor den Kopf stossen. Ich versuchte sie mitzunehmen, es nicht zu übertreiben. Wenn sie etwas verboten, fragte ich das nächste Mal wieder. Und wieder. Ich sagte ihnen: Wollt ihr ein Kind, das lügt, oder eines, das ehrlich ist? Ich habe sehr viel diskutiert mit meinen Eltern. Fast zu viel manchmal.»

Nach der Lehre machte Fanaj die Berufs­matura, liess sich an der Fachhoch­schule zur Sozial­arbeiterin ausbilden und begann sich politisch zu engagieren. Sie zog nach Luzern. 2007, Fanaj war gerade 25 Jahre alt, wurde sie für die SP ins Luzerner Stadt­parlament gewählt. Als erste Kosovo-Schweizerin überhaupt.

Es gibt das liberale Mantra, dass man sich nur anstrengen muss und dann schafft man es. Auch unter bürgerlichen Secondos ist dieser Glaube verbreitet. Fanaj sieht das anders. «Ich glaube, dass man strukturelle Hürden abbauen muss, damit sich alle entfalten können. Wenn man das nicht tut, vergeudet man Talent.»

Neue Zahlen

Es ist jetzt Viertel nach zwölf am Wahltag, und Partei­präsident Roth sagt: «Das wird tipptopp.» Es klingt, als spräche er sich Mut zu.

Auf seinem Handy leuchten die Balken mit den Kandidaten­stimmen. Claudia Huser liegt noch immer vor Ylfete Fanaj. Roth legt das Gesicht in noch tiefere Falten als sonst.

12.23 Uhr: Die Ergebnisse aus der Stadt Luzern sind da. Früher als erwartet. Fanaj liegt jetzt 6000 Stimmen vor der Wider­sacherin. Die ersten Genossen in der Whiskybar murmeln: Das sollte reichen. Alle paar Minuten kommt jetzt jemand zu Fanaj und hält ihr ein Handy vors Gesicht. Neue Gemeinden. Neue Zahlen. Zeit für ein Käse­sandwich. Die Stimmung löst sich allmählich.

Viermal bürgerlich, einmal links, drei Männer, zwei Frauen. Die neue Luzerner Regierung (von links): Armin Hartmann (SVP), Reto Wyss (Mitte), Fabian Peter (FDP), Michaela Tschuor (Mitte) und Ylfete Fanaj (SP). Philipp Schmidli/Keystone

Die Umarmungen zur Begrüssung werden jetzt länger, herzlicher. Es sind schon fast Gratulationen. Noch traut sich niemand, es auszusprechen. Aber das Lachen wird breiter. Auch beim Partei­präsidenten Roth.

Dann kommt Partei­sekretär Sebastian Dissler um die Ecke. «Es ist gegessen», sagt er. 12.36 Uhr, Dissler ist der Erste, der es wagt, es offen auszusprechen: Die neue Regierungs­rätin des Kantons Luzern heisst Ylfete Fanaj.

Integration heisst Partizipation

Politisiert wurde Fanaj in den Nuller­jahren, als die SVP zur stärksten Partei aufstieg und das Land breite Integrations­debatten führte – fast immer ohne die Stimme der Migrations­bevölkerung. Das wollte «Secondos Plus» ändern, eine Bewegung, die im Nachgang von Krawallen am 1. Mai 2002 in Zürich entstand, für die damals «Secondos» verantwortlich gemacht wurden.

Zu den Gründerinnen gehörten unter anderem Ivica Petrušić, damals Einwohnerrat in Aarau, später Grossrat im Aargau, oder Sibel Arslan, die heutige National­rätin aus Basel. Und bald kam auch Ylfete Fanaj dazu.

«Wir wollten die Deutungs­hoheit», sagt Petrušić. «Wir wollten gefragt werden und selbst reden, wenn es um uns ging.»

«Wir wollten sichtbar werden», sagt Fanaj. «Wir wollten zeigen: Wir sind da, und wir sind viele.»

Fanaj und Petrušić übernahmen 2007 das Präsidium, Fanaj als Präsidentin, Petrušić als Vize, ein dynamisches Duo. Petrušić sorgte mit provokativen Aussagen für Aufruhr, Fanaj lieferte Argumente und hielt die Bewegung zusammen. Man wollte mitreden und mitmachen. Integration hiess Partizipation. Damit zogen sie auch einigen Ärger auf sich, etwa als sie nach Annahme der SVP-Ausschaffungs­initiative das «Ende der Integration» verkündeten oder eine neue Nationalflagge für die Schweiz forderten.

Vermutlich machte sie diese Zeit ein Stück weit resilient gegenüber Anfeindungen. Vor allem aber prägte sie diese Zeit in ihrem politischen Selbst­verständnis: Sie war keine Besonderheit, sondern Normalität, ihre Migrations­geschichte eine Selbst­verständlichkeit. Darauf beharrt Fanaj bis heute, wenn sie jemand schon in der zweiten Frage darauf anspricht.

Eine Zeit lang ging das Thema vergessen. Nach fünfzehn Jahren Politik, zwölf Jahren im kantonalen Parlament, schien es, als spielte Fanajs Biografie im Alltag keine Rolle mehr. Als sie höchste Luzernerin wurde, flammte es wieder auf. Überall war sie wieder die erste Kosovarin.

Natürlich, sagt Fanaj, natürlich hat sie die Migration geprägt. Aber manchmal fragt sie sich schon, warum das – vor allem in den Medien – ständig zum Thema gemacht wird. «Das ist doch längst eine Normalität in diesem Land.»

Aber was Repräsentation angeht, hinkt der politische Betrieb der Gesellschaft weit hinterher. So weiss wie die Politik ist höchstens noch der Journalismus. Besonders an der Wahl von Ylfete Fanaj in den Regierungsrat ist also weniger, dass es eine gebürtige Kosovarin in die Luzerner Regierung geschafft hat, sondern dass sie die erste ist.

Fanaj will ihre Geschichte nicht in den Vordergrund rücken, aber sie weiss auch um die Bedeutung, die ihr Weg nach oben für viele Menschen in diesem Land hat. National­rätin und Weggefährtin Sibel Arslan sagt: «Es ist ein Geschenk, dass sie gewählt wurde. Denn daran fehlt es bis heute in der Schweiz: an Vorbildern.»

An einem Dienstag Ende Juni 2020, die Schweiz war gerade durch ihren ersten Lockdown der Corona-Pandemie gegangen, war Fanaj zur Kantonsrats­präsidentin gewählt worden, sie übernahm das Amt als höchste Luzernerin. Über 11’000 Menschen sahen die Übertragung der Amtseinführung, mehr als bei fast allen anderen Videos des Kantons Luzern. Selbst als die Luzerner Regierung die Bevölkerung dazu aufrief, wegen der Corona-Pandemie auf die Fasnacht zu verzichten, sahen nur halb so viele Menschen zu.

Nach Fanajs offizieller Ernennung hallten die sanften Klaviertöne von «Moj e bukura more» durch die Luzerner Messehalle, eines des ältesten und bekanntesten albanischen Lieder. Fanaj setzte sich in die Mitte der Halle, die Kameras auf sie gerichtet, neben ihr die Mutter und der Vater, die vor Jahrzehnten aufgebrochen waren, um in der Schweiz ihren Lebens­unterhalt zu verdienen. Auf Albanisch sang eine Sängerin das schwermütige Lied. Es klang nach Ankunft.

Wandel ist möglich

Kurz nach 13 Uhr halten Roth und Fanaj kurze Sieges­ansprachen. Es beginnt zu regnen. Unter blau-weissem Schirm, mit Blumen­strauss in der Hand, Mann und Sohn an der Seite und wehenden Fahnen hinter sich, gehen Ylfete Fanaj und eine Gefolgschaft von vielleicht fünfzig Leuten dem Regen trotzend zum Regierungs­gebäude.

Sofort folgt ein Blitzlichtgewitter. Und dann verschwindet Ylfete Fanaj in der Masse von Gratulationen, Umarmungen, Mikrofonen.

Sie gibt Interview um Interview. «Ich bin sehr gerührt», sagt sie. «Wir hatten noch nie so eine vielfältige Regierung», sagt sie. «So vielfältig wie die Luzerner Bevölkerung», sagt sie.

Es liegt ihr viel daran: Eine Ylfete Fanaj in der Regierung – das ist kein Sonderfall, sondern ein Abbild der Gesellschaft. Nach acht Jahren Männer­regierung sind endlich wieder zwei Frauen vertreten. Beide sind nicht in der Schweiz geboren, Mitte-Frau Michaela Tschuor kam mit dreizehn Jahren aus Deutschland in die Schweiz.

Später, als die SP in der Whiskybar feiert, steht Ylfete Fanaj auf einem wackligen Stuhl, einen Schirm über dem Kopf und ein paar nasse Blätter in der Hand. Es ist 15.12 Uhr und Fanaj sagt: «Heute haben wir gezeigt: Sogar in Luzern ist Wandel möglich. Denn Wandel lässt sich nicht aufhalten.» Und dann sagt sie, Alt-Ständerat Paul Rechsteiner zitierend: «Wenn sich in Luzern oder in St. Gallen etwas bewegt, dann bewegt sich etwas in der ganzen Schweiz.»

Wie ein Staatsbesuch

Als Fanaj in der Mitte des Regierungs­gebäudes belagert, beglückwünscht, gefeiert und interviewt wird, steht abseits in einer Ecke des Saals fernab der Kameras und Mikrofone die Familie von Ylfete Fanaj. Die Mutter trägt den Enkel auf dem Arm. Der Vater verfolgt das Treiben geduldig aus der Ferne. Brüder und Schwestern gehen auf und ab. Man will gratulieren, aber Fanaj hatte gerade sehr viele Hände gleichzeitig zu schütteln.

Es dauert etwa eine halbe Stunde, dann geht Ylfete Fanaj in den Vorraum des Regierungs­gebäudes. Die Leute stehen Schlange, Dutzende schieben sich Richtung Ausgang, an Fanaj vorbei. Sie drücken sie, schütteln ihr die Hand. Wie bei einem Staats­besuch steht die frisch Gewählte da und empfängt die Gratulationen.

Jetzt endlich schaffen es auch die Eltern. Eine feste Umarmung, ein paar warme Worte, bald werden sie weiter­geschoben. Der Vater geht einen Schritt zur Seite, zieht die Nase hoch und wischt mit seinen schweren Händen eine Träne aus den Augen. Fanaj tut es ihm gleich. Dann dreht sie sich weg, wendet sich wieder dem Menschen­strom zu und streckt die Hand aus, um aufs Neue gedrückt zu werden.

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