Woher kommt das Unglück?

Der neue Roman von Lukas Bärfuss markiert den Beginn einer historisch ausgreifenden Trilogie. Die Sozial­kritik darin ist echter Bärfuss, die literarischen Verfahren sind so raffiniert wie riskant.

Von Sieglinde Geisel (Text) und Tina Berning (Illustration), 17.04.2023

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Vorgelesen von Egon Fässler
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Lukas Bärfuss gehört zu den seltenen Autoren, die sich mit jedem Roman neu erfinden: Sein Erstling «Hundert Tage» (2008), ein aufwendig recherchierter Doku-Roman über Ruanda, erzählt von der Mitverantwortung der Schweizer Entwicklungs­hilfe für den Völker­mord. «Koala» (2014), Bärfuss’ bisher erfolgreichstes Buch, handelt vom Suizid seines Bruders. In «Hagard» (2017) wird ein Mann durch ein scheinbar zufälliges Ereignis – ein Paar tauben­blaue Schuhe auf einer Treppe im Haupt­bahnhof Zürich – aus seinem geordneten Leben hinaus­katapultiert.

Mit seinem neuen, diese Woche erscheinenden Roman «Die Krume Brot» riskiert Lukas Bärfuss erneut etwas, was er noch nie versucht hat. Das Buch ist der erste Band einer Trilogie, die in der Zeit des Ersten Weltkriegs beginnt, ausserdem geht es in seiner Literatur zum ersten Mal um Frauen. Bisher hat Bärfuss immer aus der Perspektive von Männern erzählt: In «Hundert Tage» war es der Schweizer Entwicklungs­helfer David Hohl, in «Koala» stand ein ungleiches Brüder­paar im Zentrum, in «Hagard» ein Immobilien­makler. Frauen waren nur Neben­figuren, so etwa Agathe, die ehemalige Geliebte von David Hohl in Kigali, oder die namenlose Frau mit den tauben­blauen Schuhen, die in «Hagard» geradezu als Leer­stelle auftaucht.

Auch formal schlägt Bärfuss mit «Die Krume Brot» ein neues Kapitel seines Schreibens auf: Er treibt ein raffiniertes Spiel mit Nähe und Distanz, die Perspektive wechselt manchmal unmerklich zwischen auktorialer Erzähler­stimme und der inneren Rede der Figur. Bärfuss verzichtet auf Anführungs­zeichen, überdies wird das, was die Figuren sagen, oft auch in der distanzierten indirekten Rede wieder­gegeben. Dazu kommt eine schwer fassbare Ironie.

Niemand weiss, wo Adelinas Unglück seinen Anfang nahm, aber vielleicht begann es lange vor ihrer Geburt, fünfund­vierzig Jahre vorher, um genau zu sein, an der Universität in Graz.

So setzt «Die Krume Brot» ein, mit einem dieser perfekt rhythmisierten Sätze, die den Stil des gesamten Romans prägen. Adelinas Unglück beginnt demnach mit ihrem Grossvater Angelo, einem italienischen Nationalisten aus Triest. Als Mussolini-Verehrer schliesst er sich der faschistischen Bewegung an, und nicht nur das: Er wird zulassen, dass sein Sohn Mario – Adelinas späterer Vater – für den Zweiten Weltkrieg rekrutiert wird, obwohl er dies hätte verhindern können.

Mario ist traumatisiert vom Krieg (Näheres erfährt man nicht), überdies bekommt er an der Universität die faschistische Vergangenheit seines Vaters zu spüren, sodass seine Frau Margherita schliesslich vorschlägt, ins Ausland zu gehen, «weg von den alten Geschichten, ein neues Kapitel aufschlagen, auf einer neuen Seite, einem leeren Blatt, mit frischem Mut». In der Schweiz landen sie nur durch Zufall, denn Margherita hat einen Cousin in Zürich.

1960 wird Adelina geboren, und während Margherita – «die tüchtigste Frau des Universums, wie Mario meinte» – im Sekretariat für Stellen­suchende arbeitet, bleibt Mario, übergewichtig und depressiv, zu Hause; er schreibt für eine italienische Emigranten­zeitschrift und kümmert sich um das Kind. Adelinas Intelligenz ist offensichtlich, doch als sie in die Schule kommt, erweist es sich als unmöglich, ihr Lesen und Schreiben beizubringen – ein Defizit, das ihr eine berufliche Zukunft jenseits von Bar­keeperin und Fabrik­arbeiterin verbauen wird.

Marios unerwarteter Tod gibt dem Erzähler die Gelegenheit, Adelinas rätselhafte Legasthenie psychologisch zu unterlegen: «Buchstaben brachten nur Unglück, besonders die gedruckten, die als Buch im Regal standen» – und dort vor allem das Buch ihres Vaters über den Triestiner Irredentisten Guglielmo Oberdan. Mario hätte den Druck selbst bezahlen sollen, «wenn er es hätte bezahlen können, aber jetzt war er nicht nur blank, jetzt war er tot, und alles, was von ihm blieb, waren Sorgen und Schulden». So klingt die Ironie in diesem Roman, der geradezu wiegenlied­artige Ton maskiert die Abgründe des Geschehens.

Während Adelinas Mutter mit einem Liebhaber nach Italien zurück­kehrt, muss Adelina aufgrund der geerbten Schulden ihre Lehre als Stickerin abbrechen. Sie startet in ein junges, einsames Leben, und als Erstes wird sie, wie könnte es anders sein, schwanger – ein Fehler, «an dem Adelina an jedem ihrer restlichen Tage zu tragen hatte», eine Voraus­deutung, die weit über diesen ersten Band hinaus­weist. Der italienische Bauarbeiter Toto, der Vater ihrer Tochter Emma, verschwindet bald ebenfalls in Richtung Italien.

Adelina ist allein, verschuldet, sie kann weder lesen noch schreiben, und sie hat ein Kind zu ernähren – damit beginnt, nach knapp fünfzig Seiten Vorgeschichte, der eigentliche Roman. Die Erzähl­perspektive ist ab jetzt nahe bei der Haupt­figur: manchmal in ihrem Kopf, manchmal kommentierend schräg von oben, manchmal weiss man es nicht.

Die Handlung geht rasant voran. Adelina arbeitet in einer Bar, als sie ihre Tochter Emma mangels Babysitter mitnehmen muss, verliert sie beinahe den Job. Sie kann die Zahnarzt­rechnung nicht bezahlen und bald auch nicht mehr die Miete, sodass sie sich schliesslich gezwungen sieht, ihre Habe bei einem Wucherer zu verpfänden. Sie lässt sich mit Emil ein, einem Gast in ihrer Bar. Emil hat nichts dagegen, dass Adelina zur ersten Verabredung ihre kleine Tochter Emma mitbringt (wieder das Babysitter-Problem), und schliesslich zieht sie bei ihm ein, nicht aus Liebe, sondern weil es sich so ergeben hat und weil ihr nichts anderes übrig bleibt: Emil erlöst sie von dem grässlichen «Schulden­gnom», der hinter ihr her ist.

Als Emil ein baufälliges Haus in Nord­italien kauft, ziehen Adelina und Emma mit ihm dorthin. In dem Gebäude gibt es Spuren, offenbar hat jemand hier Unter­schlupf gefunden. Als Emil geschäftlich nach Zürich reist, taucht der «Streuner» auf – und Adelina wird ohne weitere Umstände seine Geliebte.

Dann verschwindet auf einmal ihre Tochter Emma. Emil gerät unter Verdacht, und der Streuner weiss, wer Adelina bei der Suche helfen könnte: Er nimmt sie mit zu den Roten Brigaden, und die linken Terroristinnen nehmen sich ihrer an.

So weit die Stationen von Adelinas Leben in diesem ersten Band der Trilogie, der Ende der Siebziger- oder Anfang der Achtziger­jahre endet.

Adelina legt einen weiten Weg zurück, wie unter einem Vergrösserungsglas können wir zuschauen, wie sich ihr Bewusstsein wandelt. Zu Anfang, als sie sich allein zurecht­finden muss, heisst es im verführerisch eingängigen Rhythmus des Romans:

Sie stellte sich viele Fragen, ob es zum Beispiel böse Menschen gab, von Grund auf schlechte Charaktere, und vor allem, wie man sie erkennen könnte, bevor man näher mit ihnen zu tun bekam, denn hinterher war das Unglück ja bereits geschehen, man war auf einen bösen Menschen verfallen, lag im Graben, und da war es zu spät.

Adelina befindet sich in einer existenziellen Notlage. Sie verliert ihre Stelle in der Bar, und der Vermieter droht mit Kündigung, allerdings hatte er sie wissen lassen, dass er gegen einen gewissen «Service» davon absehen könnte. Adelina braucht Abstand, doch das, was für andere selbst­verständlich ist – ein Sonntags­brunch im Hotel Nova Park mit Unterhaltungs­programm für Mutter und Kind –, übersteigt eigentlich ihre Mittel. So folgt für sie ein Tag «in der Hölle», sie rennt durch die Stadt und macht sich Vorwürfe. Zuerst spricht weiter die Erzähl­stimme:

Was tut sie nur? Wie unvernünftig kann man sein? Dreissig Franken für ein Frühstück, die Rate nicht bezahlt, keine Stelle (…), aber sie gibt ihr letztes Geld für eine Sonntags­vergnügung aus.

Dann wechselt unvermittelt die Perspektive – in ein Selbst­gespräch?

Hast du endgültig den Verstand verloren? Wie blöd kann ein Mensch sein? Du brauchst keine Pause, du brauchst eine Lösung (…).

Schliesslich kommt die Rede wieder auf das unmoralische Angebot des Vermieters:

Was kannst du verlieren, was du noch nicht verloren hast? Deinen Stolz? Dein Stolz hat dich doch erst in diese Lage gebracht. Achtung? Achtung ist etwas für Leute, die ihre Rechnungen bezahlen können (…).

Hören wir Adelinas Stimme oder, vor allem im letzten Satz, einen Kommentar des Erzählers?

Auch als sie Emil anfangs ihre finanzielle Lage verschweigt, ist die Grenze zwischen innerer Figuren­rede und Erzähler­stimme durchlässig:

Sie brauchte keine Betroffenheit, und sie brauchte auch kein Mitleid, noch nicht, auf Mitleid würde sie sich verlassen müssen, wenn der letzte Rest der Selbst­achtung verloren war, wenn es weiter bergab ging wie bisher, von einem Loch ins tiefere Loch.

Adelina kennt die Regeln «dieser freien Gesellschaft», sie weiss, dass Jammern verboten ist, doch ihre Schluss­folgerungen könnten ebenso gut von ihrem Erzähler stammen wie von ihr: «Und wer durch den Dreck geschleift wurde und wer den Dreck fressen musste, der hatte es sich selbst zuzuschreiben.»

Wer ist schuld an Adelinas Unglück – sie selbst oder die Gesellschaft? Diese Frage durchzieht den ganzen Roman.

Adelina liest ein Unesco-Magazin, das sie im Tram gefunden hat (Emil hat ihr inzwischen notdürftig Lesen und Schreiben beigebracht), sie ist entsetzt über die Massaker, Plünderungen, Kriegs­szenen, die in den Reportagen beschrieben werden. Wenn sogar gebildete Journalistinnen die Welt so beschreiben, dann kann ihr Unglück nicht nur an ihr selbst liegen.

Es schien etwas faul zu sein, nicht nur in ihrem Leben, es schien etwas nicht in Ordnung zu sein mit der Welt.

Den grössten Sprung in ihrem Bewusst­sein erlebt Adelina in der Mailänder Wohn­gemeinschaft, in der sie nach Emmas Verschwinden unter­gekommen ist. Hier trifft sie auf Renato, den Anführer der Roten Brigaden (wohl ein Verweis auf den historischen Renato Curcio). Er hält ihr über mehr als zehn Buch­seiten hinweg einen Monolog, eine Szene, die auch formal herausragt, denn Renato hören wir ausnahmsweise live, in direkter Rede.

Laut Renato ist Adelina ein Opfer der Verhältnisse. Auch wenn sie es nicht gerne hören wolle: Sie sei eine Sklavin, die nur über ihren Körper verfüge: «Du hast deinen einzigen Besitz zu Markt getragen», doch ihr Marktwert erlaube es ihr nicht, für ihr Kind zu sorgen. Mit diesem Unglück jedoch, so doziert Renato weiter, sei sie keineswegs allein, im Gegenteil. Sie habe «ein Typen­schicksal», geformt und gefertigt von der Industrie­gesellschaft:

Jeder kämpft um sein eigenes Leben, um eine eigene Geschichte, aber das gibt es nicht, nicht in den Verhältnissen, die uns alle in dieselben Umstände zwingen.

Sie habe eine Waffe, nämlich ihren Kopf, doch diese Waffe sei noch ohne Munition: «Erst das Bewusstsein gibt dir Macht, dich zu befreien.»

Renato ist manipulativ, er ermahnt Adelina, ihm zuzuhören, ohne zu urteilen, denn er weiss:

In deinem Kopf gibt es eine Stimme, und diese Stimme kommentiert alles, was du hörst, was du siehst, und jetzt gerade spricht sie ziemlich laut (…).

Er sieht in Adelinas Kopf, als wäre er ihr Autor. Seine Rede ist Mansplaining at its worst – eine Parodie, brillant inszeniert und entlarvend vorgeführt vom Autor Lukas Bärfuss.

So zumindest lesen wir das. Für Adelina dagegen ist Renatos Rede keine Parodie, sie saugt seine Worte auf. Sie empfindet Liebe für diesen «mutigen und mächtigen Mann», den sie zugleich fürchtet (übrigens in diesem Band der einzige Vertreter seines Geschlechts, der kein Versager oder Ausbeuter ist). «Er hatte alles verstanden, ihr Unglück und das Unglück der Welt.» Als Emil sie vom Schulden­gnom freigekauft hatte, war bei Adelina noch Erleichterung zu verspüren, «aber das hier, das war nicht Erleichterung, es war Ermächtigung».

Renato schickt Adelina mit einem Kurier­auftrag nach Zürich, zum ersten Mal erfährt sie, dass sie gebraucht wird, wenn sie auch nicht weiss, wozu. Auf Kosten der Terroristen kleidet sie sich neu ein, wir sehen sie durch die Strassen ihrer Heimat­stadt wandern, «und wenn sie jetzt in dieser Stadt war, in dieser Herz­kammer des Kapitalismus, dann war sie froh, wie gut sie die Topografie kannte». Als sie in einem Restaurant Toto entdeckt, Emmas Vater, der offenbar aus Italien zurück­gekehrt ist und mit einer Frau am Tisch sitzt, «eine verwitterte Blonde mit tiefem Ausschnitt», heisst es sehr nahe an Adelinas Wahrnehmung:

Er hatte keine Ahnung, was in der Welt geschah, er sah seinen Lohn­zettel, er sah die nächste Mahlzeit, und das war gut so (…), sie spürte keinen Groll, bloss abgrund­tiefes Mitleid, eine Trauer befiel sie, ein verlorenes Leben, voller Gefühle und Fürsorge, aber ohne Geist, ohne Bewusstsein, woher auch.

Ist das Ernst oder Ironie? Hat Adelina Begriffe wie «Ermächtigung» oder «Herzkammer des Kapitalismus» zur Verfügung, oder hören wir hier die (kommentierende) Stimme des Erzählers?

Jeder Roman, der den Anspruch eines Kunst­werks erhebt, erschafft sich seine eigenen Gesetze. Man hat in «Die Krume Brot» oft das Gefühl, einer falschen Fährte aufzusitzen; die ästhetische Versuchs­anordnung ist nicht leicht zu durch­schauen. Lukas Bärfuss’ literarische Verfahren unterlaufen gezielt jedes naive identifikatorische Lesen. Oft allerdings wirken die Charaktere dabei auch wie Schach­figuren: Der Autor verschiebt sie in der Anlage des Romans nach Belieben, bis er sie dort hat, wo er sie gerade braucht.

Emil bleibt völlig undurchsichtig, wir erfahren fast nichts über seine Vergangenheit, seine Motive oder Gefühle, und die kleine Emma taucht nur dann auf, wenn sie als Störfaktor oder Auslöser von Ereignissen der Roman­handlung dient. Adelinas Mutter­gefühle erwachen erst mit Emmas Verschwinden – und dieses ist wiederum nötig, damit es zur Begegnung mit den Roten Brigaden kommt.

Auch Adelina selbst wirkt bisweilen wie ein Demonstrations­objekt: Vieles erscheint (zumindest aus Leserinnen­perspektive) psychologisch nicht plausibel, etwa wie sie als Mutter agiert.

Am Ende des Romans verzichtet sie darauf, die wieder­gefundene Emma zu sich zu nehmen, und wieder ist nicht ganz klar, wer hier spricht. Die entscheidende Passage am Bett des schlafenden Kindes setzt in der übergeordneten Erzähl­stimme ein: «Wenn sie jetzt an dieses Bett ginge, wenn sie ihre Tochter wecken und umarmen würde, wie würde es weitergehen? Woher das Geld, woher die Krume Brot?», so heisst es titel­gebend. Dann wechselt die Perspektive: «Und Adelina konnte sich vorstellen» – wir sind jetzt in Adelinas Kopf –, «welcher Mühsal und Sorge sie ausgeliefert wäre an jedem Tag der Woche.» Sie habe kein Recht, ihre Tochter «in diese Armut zu ziehen, in den Kerker einer Existenz, in der es nur um den eigenen Vorteil ging, in eine Welt aus Täuschung und Betrug, in der es gewiss auch Liebe gab, auch Wahrheit, aber ebenso gewiss war es, dass niemand weder das eine noch das andere zweifelsfrei erkennen konnte».

In der Jury­begründung für den Georg-Büchner-Preis von 2019 hiess es, in Lukas Bärfuss’ Dramen und Romanen würden sich «nervöses politisches Krisen­bewusstsein und die Fähigkeit zur Gesellschafts­analyse am exemplarischen Einzelfall» durch­dringen. Mit jedem Roman legt Lukas Bärfuss den Finger in eine andere Wunde der Gesellschaft. Überspitzt könnte man etwa sagen, dass es in «Hundert Tage» um die kolonialistischen Verflechtungen der Schweiz ging, in «Koala» um die psychischen Verwerfungen der Leistungs­gesellschaft, in «Hagard» um die innere Entfremdung der Wohlstands­welt.

Laut der Vorschau des Rowohlt-Verlags steht hinter Bärfuss’ neuer Trilogie die Frage, wo die Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft bleibe. Der Roman passt in keine der handels­üblichen Schubladen: Weder erzählt «Die Krume Brot» eine klassische Migrations­geschichte (die italienische Herkunft spielt für Adelinas Unglück kaum eine Rolle) noch liegt der Fokus auf dem Frauen­schicksal (trotz aller Attribute, die darauf verweisen). Auch die Idee von Klassen­kampf greift zu kurz, trotz Renatos muster­gültiger linker Ideologie: «Auch du glaubst, deine Geschichte habe dich in dieses Zimmer geführt, die Entscheidungen, die du getroffen hast. Aber du hast keine eigene Geschichte.» Eine Frau wie Adelina hat keine eigene Geschichte, an ihrem Unglück sind nur die Verhältnisse schuld, so kann man Renatos Rede deuten.

Der altertümelnde Titel «Die Krume Brot» zielt auf die elementare Gerechtigkeit, an der es der Gesellschaft gebricht – nicht einmal zur Krume Brot reicht es einer Frau wie Adelina! –, und der linke Terrorist Renato liefert dazu den rhetorisch fein ziselierten Überbau. Doch zugleich ist die Figur Adelina auf ihre Rolle als Opfer der Verhältnisse zugeschnitten: Adelina hat keine Träume, Wünsche oder Begabungen, die sie verfolgen möchte. Ihr Autor gewährt ihr wenig Handlungs­freiheit, im Gegenteil: Er manövriert sie gezielt in Situationen, in denen sie keine Wahl hat. Als allein­erziehende Mutter ohne jegliche Ressourcen ist sie in der Schweiz der späten 1970er-Jahre ihrer Umgebung ausgeliefert, vor allem den Männern darin.

Vieles bleibt offen in diesem ersten Band – so etwa die Behauptung, Adelinas Unglück habe mit ihrem Grossvater begonnen: Geht es um Nach­wirkungen des Faschismus oder nur um die Folgen der Auswanderung ihrer Eltern in die Schweiz? Und worin besteht Adelinas Unglück überhaupt? «Unglücke geschahen keine, das Leben war das Unglück, es floss dahin und kannte nur eine Richtung, hin zur allgemeinen Zermürbung», so heisst es anfangs über diese unglückliche Familie.

Der erste Band der Trilogie endet offen – einem Überraschungs­autor wie Bärfuss ist es zuzutrauen, dass es im zweiten Band ganz anders weitergeht, als die im ersten Band vorgestellte Gesellschafts­analyse erwarten lässt.

Zum Buch

Lukas Bärfuss: «Die Krume Brot». Roman. Rowohlt, Hamburg 2023. 224 Seiten, ca. 33 Franken.

Zur Autorin

Sieglinde Geisel lebt als Literatur­kritikerin, Buchautorin und Schreibcoach in Berlin. 2016 hat sie das Online-Magazin «tell» gegründet. Ihre letzte Buch­veröffentlichung war der Interview­band «Ein geträumtes Leben. Alberto Manguel im Gespräch mit Sieglinde Geisel» (Kampa 2021).

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