Schnell muss es gehen: Hilfsgüter warten im Verteilzentrum Debrecen auf den Weitertransport in die Ukraine.

Der Weg der Hilfe

Humanitäre Hilfe ist wie ein Medikament mit unerwünschten Nebenwirkungen. Das sagt Thomas Büeler, Chef­logistiker des Schweizerischen Roten Kreuzes. Unterwegs mit dem St. Galler an seinem Einsatzort in Budapest, wo er darum ringt, Hilfsgüter in die Ukraine zu bringen.

Von Anja Conzett (Text) und Balázs Fromm (Bilder), 26.04.2022

Die Republik ist ein digitales Magazin für Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur – finanziert von seinen Leserinnen. Es ist komplett werbefrei und unabhängig. Überzeugen Sie sich selber: Lesen Sie 21 Tage lang kostenlos und unverbindlich Probe:

Donnerstag, 17. März, drei Wochen nach Kriegs­beginn. Russische Schiffe blockieren weiterhin die ukrainischen Häfen am Schwarzen Meer, die ukrainische Armee schiesst zwei russische Kampf­flieger über Kiew ab, US-Präsident Joe Biden bezeichnet Wladimir Putin zum ersten Mal als Kriegs­verbrecher.

In einem Büro in Budapest brieft Thomas Büeler zwei Mitarbeiter. «Am Montag stossen wir von Lublin nach Lwiw vor. Cassie, ich möchte, dass du parallel dazu aus Debrecen die Versorgung der Region um Uschhorod übernimmst.»

Cassie: «Und Pedro?»

Büeler: «Pedro ziehe ich ab nach Moldawien. Wir brauchen einen vierten Versorgungs­arm und Moldawiens Infra­struktur ist nicht gerüstet, den antizipierten Flüchtlings­strömen standzuhalten.»

Cassie: «Okay. Bauen wir den Hub direkt in Uschhorod? Ist eine halbe Stunde von der Grenze. Um welche Zeit ist Ausgangs­sperre?»

Pedro: «Für Ausländer um 18 Uhr. Der Vorteil von Uschhorod – es hat einen Flughafen. Aber auch eine Militär­basis …»

Büeler: «Hmm. Und Tschop, direkt an der Grenze zu Ungarn?»

Pedro: «Die Grenze zu Ungarn ist ein Fluss. Mit nur einer Brücke.»

Büeler: «Dann hoffen wir, dass sie die Brücke stehen lassen. Ok für dich, Cassie?»

Cassie: «Klar. Haben wir schon grünes Licht von der Security?»

Büeler schaut auf die Uhr: «In zwei Stunden, hoffentlich.»

Die Australierin ist am Vortag aus ihrer Heimat in Budapest ange­kommen. Pedro stammt aus Portugal, Thomas Büeler ist Schweizer. Was sie an diesem Donnerstag im Osten Europas zusammen­führt, ist ihre Expertise auf einem Gebiet, das Laien selten mit humanitärer Hilfe in Verbindung bringen: Sie sind Logistikerinnen.

Logistik, das ist der Weg, den die Dinge nehmen – von A nach B. Und es ist viel mehr als das.

Logistik ist die Blut­bahn, die sämtliche lebenswichtige Organe mit Sauer­stoff versorgt.

Logistik entscheidet darüber, ob ein Unter­nehmen zum Milliarden­konzern wird oder bankrott geht. Logistik ist die Grund­bedingung für eine globalisierte Gesellschaft – und Voraussetzung für Wohl­stand und Stabilität. Logistik kann auch zum Umbruch führen: Sie war Treiberin der industriellen Revolution. Und verhalf 1956 der Bürgerrechts­bewegung zum Durchbruch, nachdem ein Logistiker namens Rufus Lewis den Bus­boykott in Montgomery, Alabama, ermöglicht hatte. Lewis hatte eine ausgeklügelte Infrastruktur für Mitfahr­gelegenheiten entwickelt, dank der sich die afro­amerikanische Community dem öffentlichen Verkehr entziehen konnte – und dem Rassismus, den sie in den Bussen erlebte.

Gute Logistik gewinnt Kriege. Aber vor allem rettet sie Leben, wenn die Welt mal wieder aus den Fugen gerät. Oder mindert wenigstens das Leid.

Eine fast militärische Operation

Thomas Büeler hat zwei Telefone. Beide klingeln – und er hat keine Zeit, ranzugehen.

Das geht schon seit zwei Wochen so. Büeler ist vier Tage nach Beginn der russischen Invasion nach Budapest gereist, wo die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond­gesellschaften ihr Hauptquartier für die Region Europa hat.

«Wir können den Menschen in der Ukraine nicht das Trauma nehmen, nur eine Stütze sein, ein Mantel der Wärme in einem langen, kalten Winter, der ihnen bevorsteht»: Thomas Büeler.

Die Logistiker sind im sechsten Stock. Im Gang stapeln sich Koffer und Kisten mit Funk­geräten und Satelliten­telefonen. Nebenan ist die Security, die fortlaufend die Lage sondiert und jede Aktion bewilligen muss – «Please do not enter» steht auf der Tür. Zutritt für Unbefugte verboten.

Büeler ist Teil des 50-köpfigen Emergency-Response-Teams, das nach dem Hilfe­ruf des ukrainischen Roten Kreuzes mobilisiert wurde. Als Chef der Logistik ist er integraler Teil einer Operation, die ohne ihn stillstehen würde.

Sein Auftrag ist es, eine Logistik­struktur aufzu­bauen, die es ermöglicht, die Ukrainerinnen und die Helfer mit den Gütern zu versorgen, die sie brauchen: Wasser, Nahrung, Hygiene­artikel, Zelte, Erste-Hilfe-Kits, Schlaf­anzüge. Dafür muss er ein Netz aus Lager­häusern, Flotten und Kanälen spannen, das sich in einer höchst volatilen Situation beliebig erweitern lässt. «Letztlich also ein System», sagt Büeler, «das möglichst robust und möglichst flexibel ist.»

Zwei Monate hat er Zeit. Dann muss das System ohne Zutun seines Teams funktionieren.

Gleichzeitig rollen die Camions mit Hilfsgütern bereits über die Strassen der Ukraine und ihrer Nachbar­länder. Büeler muss dafür sorgen, dass sie am richtigen Ort ankommen, während er parallel dazu die Struktur baut, die das ermöglicht. Fire fighting nennt er das, und darum hat er jetzt auch keine Zeit für Telefon­anrufe – er muss Mails beantworten.

«Wir haben 15’200 Matratzen, die aus Versicherungs­gründen von der Transport­firma nicht in die Ukraine gebracht werden können. Der Supplier will sie nicht länger lagern.» – «Halt den Supplier hin, wir brauchen drei bis vier Tage.»

«Wie verteilen wir die Migrant-Kits?» – «30 Prozent nach Polen, 30 Prozent nach Ungarn, 30 Prozent nach Rumänien und 10 Prozent nach Moldawien.»

«Lwiw braucht einen Dolmetscher.» – «Dann stellt einen an.»

Auf jede beantwortete Mail kommt eine neue rein. Entscheidungen im Minuten­takt.

Seit 15 Jahren ist Büeler Logistiker beim Roten Kreuz. Seither hat er Emergency-Response-Einsätze auf der ganzen Welt absolviert.

2007 bei einer Flut in Pakistan; 2009, Erdbeben im italienischen L’Aquila; 2009, Taifun in Vietnam; 2011, Erdbeben in der Türkei; 2013, Taifun auf den Philippinen; 2015, Erdbeben in Nepal, 2018 auf der indonesischen Insel Lombok; 2008, 2010, 2016, Hurrikan, Erdbeben, Hurrikan in Haiti. Und letztes Jahr der Vulkan­ausbruch im Kongo.

Der Einsatz in der Ukraine ist anders als viele der früheren Einsätze, sagt er. In vielerlei Hinsicht.

Im Hauptquartier der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond­gesellschaften in Budapest ...
... laufen alle Fäden und Planungen zusammen ...
... damit Kommunikation und letztlich die Logistik so reibungslos wie möglich funktionieren.

Anders als das Internationale Komitee des Roten Kreuzes, das ausschliesslich in Konflikt­zonen unterwegs ist, macht seine Schwester­organisation, die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond­gesellschaften, vornehmlich Disaster-Relief, Hilfe nach Natur­katastrophen.

«Bei den meisten Natur­katastrophen ist der Druck zwar auf einen Schlag sehr hoch – teilweise höher als in Konflikten – nimmt von dort an aber stetig ab und fällt relativ rasch wieder auf ein kontrollier­bares Level», sagt Büeler. «Menschgemachte Katastrophen wie Kriege sind dagegen unberechenbar. Man weiss nicht, wie lange es geht, wie heftig es noch wird.»

Das erschwere den systematischen Aufbau enorm. Für Büeler stellt sich die Frage: «Bis wie weit ins Land sollen wir diese Versorgungs­punkte aufbauen, ab wo können wir nur noch mobil arbeiten?» Die Logistik muss deshalb ähnlich vorgehen wie bei einer militärischen Opera­tion: möglichst viele Einfalls­punkte mit Stütz­punkten jenseits der Grenze aufbauen, auf die man zurück­fallen kann.

Über vier Nachbar­länder eröffnet Büelers Team Versorgungs­achsen, die von vier Haupt­versorgungspunkten ausgehen: einer in Lublin, Polen, einer in Suceava, Rumänien, einer in Debrecen, Ungarn, und möglichst bald einer in Moldawien. An diesen Stand­orten füllen sich bereits die Lager­häuser mit Hilfsgütern – einerseits für die Weiter­fahrt in die Ukraine, andererseits, um die Flüchtlinge zu versorgen, die bereits dies­seits der Grenze sind.

Für den Fall, dass die Lage sich im Westen der Ukraine verschärft, dienen diese Hubs als Rückzugs­orte. Andernfalls dienen sie als Ausgangs­ort, um neue Gebiete in der Ukraine zu erschliessen, wo wieder neue Hubs gebildet werden, mit eigenen Lager­häusern, Flotten und Distributions­kanälen.

Gleich ins Land zu fahren, ohne diese vorgelagerten Hubs, wäre ein fataler Fehler. «Wenn wir direkt einfliegen, im Land etwas aufbauen und wir plötzlich evakuieren müssen, dann bricht die ganze Versorgungs­kette auf einen Schlag zusammen», sagt Büeler. «Und ohne Nachschub­versorgung stirbt die ganze Operation.»

Ein Fehler, der schnell passieren kann, wenn die humanitäre Hilfe nicht professionell organisiert ist. «Das sehen wir immer wieder», sagt Büeler: «Die stossen relativ kopflos direkt ins Land, bauen auf und realisieren dann, dass wir keine Autos, kein Personal, keinen Nachschub haben … Ein grosses Geschrei, und am Ende bringen sie sich selbst in Gefahr.»

Er seufzt. «Dieses Vorpreschen mit wehender Flagge nützt wirklich niemandem.»

Aber selbst eine Organisation wie die Föderation des Roten Kreuzes musste gute Logistik und Koordination erst einmal lernen.

Und wie so oft beim Lernen stand am Anfang auch wüstes Versagen.

Ein Tsunami von Helfern und seine Folgen

Freitag, 18. März. Russische U-Boote feuern Raketen auf den Stadt­rand von Lwiw in der Westukraine, wo rund 200’000 geflüchtete Personen aus dem Osten Unterschlupf gefunden haben. In der Schweiz beschliesst der Bundesrat, weitere Sanktionen gegen Russland zu über­nehmen. Auf Social Media machen Bilder von kiloweise gespendeten, aber nicht benötigten, Kleidern an der polnisch-ukrainischen Grenze die Runde. In Deutschland werden unbrauchbare Spenden­güter verbrannt, was für Empörung und Verschwörungs­theorien sorgt.

In Budapest ist es 8 Uhr morgens. Die Security hat grünes Licht gegeben, und Thomas Büeler ist mit Cassie unterwegs nach Debrecen im Osten Ungarns. Dort wollen sie das Lager­haus inspizieren, von dem aus das ukrainische Gebiet rund um Uschhorod versorgt werden soll. Drei Stunden Fahrt dauert ein Weg.

Büeler hofft, auf der Fahrt noch etwas Schlaf nach­holen zu können. Daraus wird nichts – stattdessen gibt es Mails und Telefon­gespräche mit seinen 31 Mitarbeiterinnen, die in Grenzländern und der Ukraine verteilt sind. Es sind Prokuristen, Lageristinnen, Flotten- und Supply-Chain-Manager, die jeweils aus der ganzen Welt zusammen­getrommelt werden, wenn irgendwo eine humanitäre Katastrophe passiert.

Ein Drittel davon sind Freiwillige aus der Privat­wirtschaft, wie Cassie und Pedro. Sie haben mit ihren Arbeit­gebern Verträge, die ihnen erlauben, ein Mal im Jahr für mindestens einen Monat Emergency Response für das Rote Kreuz zu machen.

Geschickt werden diese Spezialisten von den nationalen Rotkreuz-Organisationen. Wobei sich gewisse Länder als feder­führend auf bestimmten Gebieten hervor­getan haben. So ist das Deutsche Rote Kreuz Spitzen­reiter bei Pflege und Medizin – es hat nahezu ein ganzes Spital auf Rädern. Die spanische Einheit ist stark, wenn es um die sanitäre Versorgung geht. Und das Schweizerische Rote Kreuz, zu Hause im Land der vielen Alpen­durchstiche und überpünktlichen Züge, hat den Lead bei der Logistik. Nicht zuletzt dank Thomas Büeler.

Büeler hat ursprünglich Maschinen­zeichner gelernt, danach folgte die Ausbildung zum Technischen Kaufmann. Anfang 20 sass er irgendwann in seinem Büro, die vier Wände vor der Nase und fragte sich: «Ist es das? Für den Rest meines Lebens?» Die Antwort war ein entschlossenes Nein. Er kündigte seinen Job und reiste um die Welt. Als er aus Neusee­land zurück­kam, suchte die Schweizer Armee gerade Logistiker für die Friedens­mission der Swisscoy in Kosovo. Er unterzeichnete.

In Kosovo arbeitete er an der Seite eines Arztes, der auch für die Uno Not­einsätze machte. Für Büeler klang das nach einem guten Zugang, sich der Welt zu nähern. Einer Arbeit, die Sinn ergibt. Bald darauf war er im Krisen­einsatz für eine NGO in Somalia.

Warum Logistik?

Büeler zuckt die Schultern. «Ich bin ein Mensch, der einfach macht. Mir kann man einen Auftrag geben und dann fang ich an.» Diplomatie, diese «oft einfach unglaublich lange Abfolge von Wörtern ohne Inhalt, schlechte Kommunikation, mit Politikern palavern, verhandeln, welche Interessen anzapfen und ausspielen dagegen …» Er verzieht das Gesicht, als hätte ihm jemand einen Ellenbogen in die Rippen gerammt. «Nicht meine Welt, gut, wenn das andere machen.»

Das rote Kreuz ist allgegenwärtig ...
... wenn Thomas Büeler und das Team auf ihrer Mission unterwegs sind.

Drei Jahre wollte er damals Krisen­logistik für NGOs machen, mehr nicht. Zwischen diesem Vorhaben und heute liegen 15 Jahre und ein Master­studium Humanitäre Logistik und Management.

2006 wurde Büeler vom Schweizerischen Roten Kreuz angestellt. Man wollte damals bewusst fokussieren, nachdem zwei Jahre zuvor in Indonesien gravierende Fehler gemacht worden waren. Nachdem ein Tsunami die Insel­gruppe verwüstet hatte, brach eine zweite, zerstörerische Welle über Indonesien herein – eine unkoordinierte Masse Hilfs­williger aus zig Nationen und Organisationen.

Auch das Rote Kreuz habe Fehler gemacht, sagt Büeler. Die nationalen Gesellschaften hätten, ohne sich abzusprechen, Leute und Waren ins Land geschickt – «im Stil von: Das brauchen die in Indonesien jetzt sicher», sagt Büeler. «Und diese Leute haben dann nach Ressourcen geschrien – nach Fahrzeugen, Diesel für ihre Fahrzeuge, nach Unterkunft und Verpflegung.»

Die Folge: Hotels, die ausgebucht waren von Retterinnen und nicht mehr für Gerettete zur Verfügung standen. Lastwagen, die plötzlich eine exorbitante Miete pro Tag kosteten, weil sich die verschiedenen Organisationen gegenseitig überboten. Kurz, ein Chaos. «Die fatalste Folge aber war, dass die Kapazitäten der Regierung sowie der ansässigen Hilfswerke dadurch komplett blockiert wurden, weil Helfer vor Ort erst den Helfern von ausserhalb helfen mussten, sich zurecht­zufinden.»

Die Selbsthilfe­struktur Indonesiens brauchte Jahre, um sich davon zu erholen. Und für die Rotkreuz- und Rothalbmond­bewegung weltweit war klar: So etwas darf nie wieder passieren. «Die Antwort darauf: Hilfe bündeln, koordinieren, staffeln, priorisieren, die Sender von Hilfsgütern und Response-Teams instruieren.» Die nationalen Organisationen des Roten Kreuzes mussten sich also überlegen, in welchen Bereichen sie Experten­pools anlegen wollen.

Warum sind die Schweizer eigentlich so gut in Logistik?

«Oh, wir sind einfach wahnsinnige Sicherheits- und Kontroll­fanatiker», sagt Büeler. «Fast schon zwangs­neurotisch.» Und wer Sicherheit und Kontrolle will, braucht eine gute Logistik. Das Gleiche gilt für die Koordination.

Nicht nur innerhalb des Roten Kreuzes – auch ausserhalb wird seit dem Debakel in Indonesien besser koordiniert. Die Uno hat sogenannte Cluster für die einzelnen Response-Bereiche bei Katastrophen. Bei der Logistik ist die Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond­gesellschaften ein prominenter Gast am Tisch.

In Sachen Logistik hat das Rote Kreuz denn auch einen entscheidenden Vorteil: In 192 Ländern sind sie schon vor Ort. Wenn es zu einer Katastrophe kommt, stellt die betroffene nationale Organisation einen Appell, und es wird finanzielle Sofort­hilfe von bis zu einer Million geleistet. Gleichzeitig werden Spezialisten wie Thomas Büeler mobilisiert.

Die Amerikaner und andere Probleme

Der Weg zum Flughafen von Debrecen ist gesäumt von Hangars, die noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammen. Erst von der ungarischen, dann von der deutschen Luftwaffe genutzt, sind sie heute mit Moos und Gras überwachsene Denkmäler, die aus den Feldern ragen. Wie die Schultern schlafender Titanen, die sich jederzeit erheben könnten. Mittendrin das Lagerhaus, das sich seit zwei Wochen mit Hilfs­gütern füllt.

Noch an der Türe werden Büeler und Cassie von Juha in Empfang genommen, dem Lagerhaus­manager aus Finnland. «Die Amerikaner sind hier», sagt er. Büeler und Cassie tauschen einen Blick. Büeler seufzt. «Auf gehts.»

Die «Amerikaner», das sind zwei Frauen vom US-Government und eine Fotografin. Der amerikanische Staat hat für die Ukraine 105 Paletten mit 10’000 Boxen geschickt, die je 100 Personen mit Gütern wie Decken, Seifen und Hygiene­artikeln versorgen.

Und weil die USA der grösste Einzel­spender von Hilfsgütern und Geldern für die humanitäre Hilfe weltweit sind, kann sie es sich leisten, die Spenden an Forderungen zu knüpfen, die einen Logistiker zum Seufzen bringen.

Die erste Bedingung: Die Waren dürfen nicht in die Hubs in den Nachbar­ländern gebracht werden, sondern müssen direkt von Debrecen in die Ukraine geschafft werden – obwohl sie ideal für Durchgangs­zentren wären, in denen Zehn­tausende ukrainische Flücht­linge versorgt werden. «Auch die Grenz­gebiete werden stark gefordert, auch dort leeren sich die Super­märkte. Sollen wir den Ukrainerinnen nicht mehr helfen, weil sie diesseits der Grenze sind?», fragt Büeler.

Die zweite Bedingung: Die Pakete dürfen nicht geöffnet werden, sondern müssen original­verpackt verteilt werden. Für eine Organisation, die sich der Unparteilich­keit so sehr verpflichtet hat wie das Rote Kreuz, ist es aber nicht unbedenklich, dass auf den Kisten prominent das Logo der US-Regierung prangt. «Die Amerikaner sind am Krieg beteiligt. Und je nachdem, in welcher Zone diese Schachteln unter der Flagge des Roten Kreuzes landen, ergibt das ein schiefes Bild», sagt Büeler.

Die dritte und unmöglichste der Bedingungen: «Die Amerikaner wollen ganz genau wissen, wohin ihre Waren gehen. Und zu diesem Zeitpunkt der Operation können wir keine Quittungen dafür geben. Wir sind einfach froh, wenn wir wissen, dass das ukrainische Rote Kreuz die Waren erhalten hat.»

Bei Spenden, die ohne den Umweg über NGOs direkt von Regierungen an Regierungen gehen, sind die Bedingungen oft noch viel problematischer. «Meist versuchen die Spender dann noch einen Deal, ein Abkommen daran zu knüpfen», sagt Büeler. Das sei etwas, was man der Schweiz zugute­halten müsse: «Die Schweiz ist eines der wenigen Länder, die auf eine sympathische, fast naiv wirkende Art extrem unkompliziert und unbürokratisch sind, wenn es um humanitäre Hilfe geht. Hauptsache, es wird geholfen. Ohne versteckte Bedingungen.»

Skischuhe für Haiti

Während der Chef den Amerikanerinnen erklärt, was machbar und was unmöglich ist, läuft Cassie zusammen mit Juha die Halle ab. Vorbei an surrenden Gabel­staplern, Türmen von Planen, Feld­betten, Windeln, Zelten und Rucksäcken mit Erste-Hilfe-Utensilien.

Cassie scannt das Lager. «Warum hat es hier drinnen keine Regale? Wir könnten den Platz vervierfachen. Wie lange brauchen wir, um einen Lastwagen zu beladen? Wie können wir das beschleunigen?»

Irgendwann bleibt sie vor einem Material­turm stehen und schüttelt den Kopf: «Kitchen-Sets?!» Juha nickt. «Ich weiss, ich weiss.» Rund 5000 Sets mit Pfannen und Tellern stehen im Lager.

«Die Küchensets werden wenn, dann in Regionen gebraucht, wo die Infra­struktur massiv beschädigt ist – also in den Konflikt­zonen», erklärt Thomas Büeler, der die Amerikanerinnen unterdessen zufrieden­gestellt und auf ihren Weg geschickt hat. «In diesen Gebieten haben die Menschen aber gerade noch ganz andere, sehr viel dringendere Bedürfnisse, wie zum Beispiel medizinische Versorgung, Nahrung, Wasser – und dann kommt irgendwann mal sehr weit hinten eine Salat­schüssel.»

Mit anderen Worten: Die Küchen­sets sind ein Laden­hüter. Miscellaneous items heisst das bei den Logistikern: Sonstiges. Wobei Pfannen und Töpfe noch harmlos sind. In Albanien hat Cassie einmal eine Lieferung Ball­kleider bekommen. Und in Haiti bekam Thomas Büeler von einer europäischen Firma einen Container Ski­schuhe. Sie mussten schliesslich entsorgt werden.

Auch kleinere Spenden von Privat­personen können logistische Probleme verursachen. Entweder, weil Dinge geschickt werden, die es nicht braucht, oder weil Dinge geschickt werden, die es zwar braucht, aber nicht in dieser Form. Zum Beispiel Lebens­mittel: Jedes Paket muss ausgepackt und sortiert werden, damit Qualität und Standard gewährleistet sind – «ein gigantischer Personalaufwand», sagt Büeler.

Im Fall Ukraine ist es noch einmal speziell: Weil die Infra­struktur im Westen des Landes und in den umliegenden Ländern weitgehend intakt sei, brauche man viel eher Bargeld, sagt Büeler, mit dem sich die Leute Verpflegung und Unterkunft selbst beschaffen können. «Das gibt Menschen, die gerade fast alles verloren haben, auch ein Stück Auto­nomie zurück.»

Und es hat den Vorteil, dass es die in weiten Teilen noch funktionierende Wirt­schaft im Land ankurbelt, was auch den indirekt Geschädigten zugute­kommt. «Die Hilfe darf nie dazu führen, das Einkommen der Menschen vor Ort zu zerstören», sagt Büeler. «Die Destabilisierung der lokalen Wirtschaft ist einer der schlimmsten Schäden, die humanitäre Hilfe zufügen kann.»

Ein Lastwagen rollt ins Lager ein. «Das ist es, was wir in Uschhorod brauchen», sagt Cassie. «Keine Container, sondern Planen, die sich hochrollen lassen, damit wir die Verteilung besser direkt auf Rädern machen können.»

Thomas Büelers Team arbeitet beim Einsatz in der Ukraine nicht mit eigenen Last­wagen, sondern heuert primär lokale Logistik­unternehmen an. Das hat wieder den Vorteil, dass die Wirtschaft vor Ort profitiert – und es erlaubt eine grössere Flexibilität.

Aber es bringt auch Nachteile: Ungarische, polnische, rumänische oder moldawische Sub­unternehmer finden niemanden, der sie versichert, um durch ein Land im Krieg zu fahren. Und in der Ukraine selbst? «Logistik ist eine Männer­domäne, und in der Ukraine gilt martial law», sagt Cassie. «Wir wissen nicht, wie viele Männer noch arbeiten oder bereits an der Front sind. Oder vor dem Dienst an der Front geflüchtet sind.»

«Das wird eine Challenge», sagt Büeler. «Aber Cassie wird das lösen.» Cassie nickt. No worries.

Feuer löschen rund um die Uhr

Auf der Rückfahrt nach Budapest muss Thomas Büeler wieder Feuer löschen. Das Lagerhaus in Lwiw, das einem multi­nationalen Bier­konzern gehört, stellt seine Hallen nun doch nicht gratis zur Verfügung, wie angekündigt. «Sie wollen 50 Cent pro Palette», sagt Cassie. «Pro Tag? Pro Monat?», fragt der Chef. «Zum Glück haben wir noch nichts geliefert. Alles auf Halt. Wir machen erst weiter, wenn wir die Bedingungen schriftlich haben.»

Es gehe nicht darum, dass man keine Miete zahlen wolle, sagt Büeler. «Aber wenn sich mitten­drin die Bedingungen ändern, wenn das Lager schon voll ist, kann das fatale Folgen haben.»

Finanziell steht es gut um den Einsatz. Die Solidarität mit der Ukraine ist gross. 97 Prozent der Operation sind bereits gedeckt. «Die meisten Einsätze sind unter­finanziert», sagt Büeler. «Bei Operationen in Afrika sind es teilweise 10 Prozent, die gedeckt sind.»

Zeit, darüber nachzudenken, bleibt nicht. Eine Anfrage des IKRK kommt rein: Eine Ladung Narkotika für die Spital­versorgung muss in die Ukraine. «Die müssen wir direkt in das Land einfliegen und vor Ort registrieren, sonst brechen wir eine Reihe von Gesetzen», sagt Büeler. «Am besten stellen wir in Uschhorod einen Apotheker ein, der die Einfuhr­gesetze kennt und die legale Basis garantiert.»

Auch mitten in der Krise gilt: Alle Hilfsgüter des Roten Kreuzes werden verzollt. Auch dann, wenn die Lieferung dringend benötigt wird. «Es ist enorm wichtig, dass wir uns an die bestehenden Gesetze halten, selbst wenn es eilt», sagt Büeler. Die Rechts­staatlichkeit stehe in einer Krisen­situation bereits so auf wackligen Beinen. «Wenn wir mit unserem Verhalten dazu beitragen, dass Gesetz­mässigkeiten erodieren – egal wie gut unsere Intention ist – ist das immer ein Tür­öffner für Korruption.»

Krisen bedeuten immer Umbruch. Und wie dieser Umbruch begleitet wird, kann ein Land über Jahr­zehnte prägen. Also: «Kein Auge zudrücken, keine Präzedenz­fälle schaffen.»

Um 18 Uhr, immer noch auf der Auto­bahn, hat Büeler sein tägliches Video-Meeting mit seinen «Loggies», verteilt über die verschiedenen Länder. «Look at all these people!», ruft er begeistert in den Bild­schirm.

Wenn seine Prokuristinnen, Flotten­manager oder «Warenhäusler» etwas brauchen, fragt Büeler nie, warum. Er sei ein Generalist, der eine Armada von Spezialisten anführe, sagt er. Sein Auftrag ist, das grosse Bild im Kopf zu haben: Ziele formulieren, die Situation antizipieren – wie verhalten sich Flüchtlings­ströme, wie verteilen wir die Waren, was kommt wo wann rein. Die Details überlässt er seinen Mitarbeiterinnen im Feld: «Die kennen sich auf ihrem Gebiet meist besser aus als ich.» Micromanaging? Er lacht. «Viel Glück damit!»

Krisen­logistik braucht Vertrauen. Verdammt viel Vertrauen. «In einer Situation, die so volatil ist, nehmen Beziehungen zu anderen Menschen – zu Leuten vor Ort, in den Teams, und jenen, die wir zu Partnern mitbringen – eine immens wichtige Rolle ein», sagt Büeler. Auf Software und Infrastruktur dagegen kann man sich kaum verlassen.

Das ist nicht ohne. Denn Logistik schafft zwar Stabilität – aber sie liebt auch Stabilität. Für die Logistik ausserhalb von Krisen bedeutet das hoch­komplexe Programme, die das Grosse und Ganze, das Büeler bei den unzähligen Entscheidungen, die er am Tag im Kopf haben muss, längst vollständig automatisiert haben.

Für Kriseneinsätze aber sind diese Programme unbrauchbar – «weil sie viel zu rigid sind, keine Unvorher­sehbarkeiten vertragen», sagt Büeler. Deshalb verwendet sein Team simple Programme wie Logic, Excel. «Am Ende der Kette dann Stift und Papier. Keine Elektronik, nichts, was Internet braucht.»

Momentan gibt es drei Hauptversorgungspunkte: Hier in Debrecen, daneben noch in Lublin (Polen) und Suceava (Rumänien).

Kurz vor 19 Uhr ist Büeler zurück in der Tief­garage. Er will nur noch kurz hoch ins Büro – es ist Freitag, er würde sich gerne etwas erholen. Seit 18 Tagen arbeitet er durch. Er sagt, er versuche, nicht mehr als 12 bis 14 Stunden zu arbeiten, weil er danach nicht mehr effizient sei.

Und wie viele Stunden am Tag arbeitet er wirklich?

«Das kommt darauf an, in welchem Zeitfenster man gerade lebt.» Jetzt, in den ersten vier Wochen des Einsatzes, die besonders kritisch sind, bedeutet das schon einmal 100-Stunden-Wochen.

Unmittelbar nach einem Krisen­einsatz den Schalter umlegen und Pause machen geht nicht. «Es braucht eine gewisse Zeit, um aus dem Feuerlösch-Modus raus­zukommen.» Die ersten Tage greift er immer wieder nach seinem Telefon, schreckt mitten in der Nacht hoch. Eine Kollegin griff jeweils, Wochen nachdem sie wieder zu Hause war, am Abend im Reflex nach der Mittel­konsole ihres Autos – um sich per Funk abzumelden.

Aus dem frühen Feier­abend wird nichts für Büeler. Der regionale Hub aus Dubai schickt 21 Fahrzeuge per Flieger nach Budapest. Das Problem: Der Flughafen Budapest macht für gewöhnlich kein Cargo. Pedro, der früher für Airbus gearbeitet hat, muss sein privates Netzwerk aktivieren, damit der Flieger überhaupt landen darf. Büeler unterstützt ihn dabei.

Feuer löschen bis 10 Uhr nachts.

Humanitäre Hilfe mit Nebenwirkungen

Samstag, 19. März. 816 Tote und 1333 Verletzte hat der Krieg auf ukrainischer Seite nach diversen Angaben bis zu diesem Tag gefordert. Die Ukraine wirft Russland vor, in belagerten Städten wie Mariupol humanitäre Hilfe zu blockieren.

In Budapest sind die Büros des Roten Kreuzes nahezu leer – bis auf das Stockwerk der Logistiker. Auch das ist speziell an diesem Einsatz, sagt Thomas Büeler: «Wir arbeiten im Krisen­modus, während die Menschen um uns herum ganz normal weiter­leben.» Aber eben – auch an Arbeits­gesetze muss sich die humanitäre Hilfe halten. Ausser bei der Emergency Response Unit natürlich.

Feuer müssen auch am Wochen­ende gelöscht werden: Der Flieger mit den Autos aus Dubai ist unter­wegs, die Bewilligung da, aber das Equipment, um die Fahrzeuge abzuladen, fehlt dem Flughafen. Pedro aktiviert seine Kontakte am Pariser Flughafen Charles de Gaulle, aber es wird Montag, bis die Gabel­stapler und Rampen kommen. Zu spät.

«Cassie, kannst du das UN-Cluster-Meeting übernehmen?», fragt Büeler. «Yes, my supreme leader», sagt Cassie mit theatralisch unterwürfigem Ton. Büeler grinst. «Ich glaube, Cassie braucht noch ein paar mehr Kitchen-Sets in Debrecen.»

Alexander der Grosse sagte einst über seine Logistiker, sie seien eine humorlose Truppe: «Sie wissen, sie sind die ersten, die ich hinrichte, wenn mein Feldzug scheitert.»

Die Logistiker des Roten Kreuzes hingegen sind alles andere als humorlos. Besonders wenn es um gegenseitige Neckereien geht. «Humor ist ein mächtiges Ventil», sagt Büeler. «Bei diesen Operationen geht so viel schief – da ist es wichtig, zu signalisieren: Nur weil etwas nicht klappt, reisst dir hier niemand den Kopf ab.»

Es brauche enorm viel Toleranz, Nachsicht. «Nur nicht nachtragend sein», sagt Büeler, der mit sieben Geschwistern auf einem Bauernhof in Rüeterswil, St. Gallen, aufgewachsen ist. Unnötige Konflikte will er – wenn immer möglich – vermeiden.

Was ist gute Logistik?

Büeler nimmt einen Stift und zeichnet ein Dreieck. In eine Ecke schreibt er «Kosten», in die andere «Zeit», in die dritte «Qualität». «Jede Ecke zieht in eine andere Richtung», sagt Büeler. «Gute Qualität ist schlecht für die Kosten, je länger etwas geht, desto günstiger, und so weiter.»

Dann zeichnet er in jede Ecke ein weiteres Dreieck, und in die Ecken dieser Dreiecke weitere Dreiecke, bis das Papier fast voll ist. «Kosten, Zeit und Qualität sind die wichtigsten Parameter. Aber dazu kommen noch weitere, die auf diese Parameter einwirken – wie ethisch, wie ökologisch gehen wir vor? Woher kommen die Produkte, unter welchen Bedingungen werden sie hergestellt? Nehmen wir einen Flieger? Das ist gut für die Zeit, schlecht für die Umwelt. Wie dicht bauen wir das Distributions­netz, wie nahe kommen wir an die Bedürftigen? Von aussen wirkt der Druck von Spendern und Medien, die Erwartungen haben. Warum dauert das so lange? Warum produziert ihr so viel Abfall?»

Büeler könnte wahrscheinlich stunden­lang aufzählen, welche Verknüpfungen er alle im Kopf haben muss, wenn er Entscheidungen trifft. Aber bevor es allen schwindelig wird, sagt er: «Letztlich ist alles, was wir tun, ein Trade-off.» Und sein Job ist es, die perfekte Balance zu finden, alle diese Elemente zu harmonisieren und mit idealem Energie­aufwand möglichst schnell die grösst­mögliche Zahl von Menschen mit dem zu erreichen, was sie wirklich brauchen.

«Eine perfekte Balance schaffst du nicht. Wenn du 80 Prozent hinkriegst, bist du schon sehr gut.»

Auch das ist sein Job: Den kollateralen Schaden seiner Arbeit möglichst gering zu halten. Denn: «Eine Krise ist, als hättest du Kopf­schmerzen. Humanitäre Hilfe ist das Medikament, das du dagegen nimmst», sagt Büeler. «Und jedes Medikament hat unerwünschte Neben­wirkungen. Vor allem, wenn du es über eine lange Zeit täglich einnimmst.»

Er zögert kurz. Er weiss, dass in NGO-Kreisen umstritten ist, was er gleich sagt. «Es gibt Situationen, in denen man sich als humanitärer Helfer selbstkritisch fragen muss, ob man wirklich noch Menschen hilft, oder eher zu Strukturen beiträgt, die eine Krise aufrecht­halten.»

Er selbst hat nie eine solche Mission erlebt. Es würde ihn zerreissen. Er müsste nach Hause.

Hat es Einsätze gegeben, bei denen er an seine Grenzen gestossen ist?

«Jeder Einsatz bringt dich irgendwann an deine Grenzen», sagt Büeler. «Aber Haiti war schon besonders intensiv.» 2010 erschüttert ein Erdbeben der Stärke 7 die Insel in der karibischen See. Über 300’000 Menschen verlieren ihr Leben, weitere rund 300’000 werden verletzt, bis zu 90 Prozent der Häuser werden zerstört. Zum grossen menschlichen Leid kam hinzu, dass die Versorgung einer Insel mit fast vollständig zerstörter Infra­struktur ein logistischer Albtraum war. Büeler kehrt mit bleibenden Schäden in seinen Beinen vom Einsatz zurück: Throm­bosen vom Hinflug im Cargo-Flieger.

In seiner Freizeit macht er viel Sport – Mountain­biken, Alpinismus, Hochtouren. «Körperliche Resilienz ist wichtig», sagt er. «Auch psychisch hält man länger durch, wenn man vom Körper zehren kann.» Trotzdem fordert die Arbeit ihren Tribut.

Büeler, 45 Jahre alt, hat keine Kinder. Das verträgt sich nicht mit seinem Beruf. Es gibt auch nur wenige, die diesen Job so lange machen wie er. Einen Exit-Plan hat er keinen – zurück in die Privat­wirtschaft könne er nicht, dafür sei er zu spezialisiert, zu deformiert. «Manchmal macht mir das Sorgen, aber …»

Büeler hat die Angewohn­heit, plötzlich mitten im Satz aufzuhören, ohne sich zu erklären. Als hätte er entschieden, dass sich der Energie­aufwand, den Gedanken zu Ende zu führen, gerade nicht lohnt. Gleichzeitig besitzt er die Fähigkeit, wenn er mitten im Gespräch unter­brochen wird, später an der gleichen Stelle mit dem Satz fort­zufahren, ohne eine Sekunde nach­denken zu müssen – selbst wenn der Unterbruch mehrere Minuten dauert.

Die Ruhe täuscht: Blick aus dem Hauptquartier in Budapest.

Was für ein Typ Mensch muss man sein, wenn man diesen Job macht?

«Privat bin ich ein Chaot, alles andere als organisiert oder strukturiert», sagt Büeler. Seine Freunde und Familie würden sich wohl öfters fragen, ob er im richtigen Beruf sei.

Aber vielleicht muss man auch ein Chaot sein, um sich im Chaos einer Krise zurecht­zufinden.

«Ich sehe die Schönheit in agilen und dynamischen Systemen», sagt er. «Auch in einem vibrierenden Umfeld ergeben sich immer wieder Alignements. Die zu sehen, im richtigen Moment zu schieben, ich glaube, das liegt mir.»

Ach ja: «Und einen gewissen Fatalismus muss man haben.» Akzeptieren, dass es Dinge gibt, auf die man keinen Einfluss hat. Nicht frustrieren lassen, wenn wieder mal alles zusammen­zubrechen droht. Oder wenn man weniger als erwünscht bewirken kann.

«Die Hilfe, die wir hier in der Ukraine leisten können, ist eine bescheidene Basishilfe», sagt Büeler. «Wir können den Menschen nicht das Trauma nehmen, nur eine Stütze sein, ein Mantel der Wärme in einem langen, kalten Winter, der ihnen bevorsteht.»

90 Prozent der Kraft, glaubt er, müssen die Ukrainerinnen am Ende selbst aufbringen. «Da dürfen wir uns nichts vormachen.»

Auch dass die humanitäre Hilfe alle Probleme dieser Welt lösen kann, glaubt er nicht. «Wahrscheinlich braucht die Menschheit auch einen gewissen Anteil an Problemen, damit wir weiter­kommen, uns entwickeln.»

Wie jetzt in dieser Logistik­operation: «Wir haben eine hohe Fehler­quote, aber das Gute ist: In jedem Fehler liegt irgendwo auch seine Lösung – ein Weg, das Puzzle zu lösen.»

Man muss den Weg nur finden.

Sonntag, 20. März. Russland bombardiert eine Kunstschule in Mariupol, in der sich 400 Menschen befinden. Australien unterbindet den Export gewisser Rohstoffe wie Aluminium nach Russland.

Am Flughafen in Budapest steht am Rand der Rollfelder einsam ein Flugzeug. «Cargo», steht darauf. Am späten Abend werden die 21 Fahrzeuge abgeladen – mit gebastelten Konstruktionen und behelfsmässigen Mitteln.

Pedro und Büeler haben einen Weg gefunden.

2323

Sie sind sich immer noch nicht sicher, ob die Republik etwas für Sie ist? Dann testen Sie uns! Für 21 Tage, kostenlos und unverbindlich:

seit 2018

Republik AG
Sihlhallenstrasse 1
8004 Zürich
Schweiz

kontakt@republik.ch
Medieninformationen

Der Republik Code ist Open Source