«Staatliche Entwicklungs­hilfe – schafft sie ab!»

Frankreich kolonialisiert Afrika weiterhin, afrikanische Politiker sind käuflich, und Entwicklungshilfe ist schädlich. Das sagt die westafrikanische Oppositions­politikerin und Schweiz-Kamerunerin Nathalie Yamb. Und eckt damit nicht nur in ihrer Wahlheimat Côte d’Ivoire an, sondern auch bei einer Schweizer Lobbyfirma, die ihr mit einer Klage droht.

Ein Interview von Anja Conzett (Text) und Anne Morgenstern (Bilder), 24.06.2021

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Die Zukunft Afrikas liegt ihr am Herzen: Nathalie Yamb.

An einem Montag im Dezember um 9 Uhr wird Nathalie Yamb, Oppositions­politikerin und Aktivistin der panafrikanischen Bewegung, in ihrer Wahl­heimat Côte d’Ivoire von drei Polizisten festgenommen. Zwölf Stunden später sitzt die Schweiz-Kamerunerin im Flugzeug nach Zürich. Alles, was sie dabei hat, ist ihre Handtasche, der Schweizer Pass und die Medikamente für ihre Schild­drüsen­erkrankung, die ihr einer der Polizisten noch am Flughafen kauft. Das war 2019. Seither lebt Nathalie Yamb an einem Ort in der Schweiz, den wir hier nicht offenlegen dürfen.

Nathalie Yamb, warum hat Côte d’Ivoire Sie in die Schweiz ausgeschafft?
Offiziell wurde ich ausgeschafft, weil meine Aktivitäten unvereinbar mit dem nationalen Interesse seien. Inoffiziell wurde ich ausgeschafft, weil mein Engagement mit den Interessen der Françafrique kollidiert – also dem französischen Einfluss auf Afrika. Frankreich betrachtet seine offiziell ehemaligen Kolonien in West- und Zentral­afrika als einen Hinter­hof von Paris, in dem es sich bedienen kann.

Woran machen Sie diese Kritik fest?
Ein Beispiel: Frankreich hat noch immer das Vorkaufs­recht auf natürliche Ressourcen in diversen afrikanischen Ländern. Das geht auf den pacte colonial zurück, Verträge, die den Kolonien nach dem Zweiten Weltkrieg im Tausch gegen ihre «Unabhängigkeit» aufgedrückt wurden. Mit der Feststellung, dass Frankreich Afrika mit Methoden wie diesen nach wie vor kolonialisiert, habe ich Alassane Ouattara, den Präsidenten von Côte d’Ivoire, und vor allem auch Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron beleidigt. Die Ausschaffung war ein Versuch, mich mundtot zu machen. Das hat nicht funktioniert, ich bin lauter denn je.

Sie glauben, dass Frankreich Einfluss auf Ihre Ausschaffung hatte?
Fünf Wochen vor meiner Ausschaffung hielt ich am Russland-Afrika-Summit in Sotschi eine Rede, in der ich Frankreichs Afrikapolitik kritisierte. Es war eigentlich die gleiche Rede, die ich in Afrika seit Jahren gehalten und die nie zu einer Festnahme geführt hatte. Aber dieses Mal war die Bühne grösser, internationaler. Die Rede ging viral. Und als selbst die französische Zeitung «Le Monde» darüber berichtete und ich nach meiner Rückkehr auf der Strasse immer wieder gefragt wurde, ob ich «la dame de Sotchi» sei, wusste ich, dass sich mein Leben grund­legend ändern wird. Et voilà.

Zur Person

Nathalie Yamb wird 1969 als Tochter einer Schweizer Schneiderin und eines Zimmermanns aus Kamerun in La Chaux-de-Fonds geboren. In ihrem achten Lebensjahr zieht die Familie nach Kamerun. Mit 18 kehrt sie alleine zurück nach Europa, um in Deutschland Journalismus, Politik­wissenschaft und Germanistik zu studieren. Nach Anstellungen bei deutschen Fernseh­sendern kehrt sie 1999 schwanger zurück nach Kamerun, weil sie ihren Sohn Malik in Afrika aufziehen will. Sie muss ihrem Vater versprechen, dass sie in Afrika nie als Journalistin arbeiten wird – zu gefährlich –, und wechselt in die Kommunikation. Dort arbeitet sie für multinationale Konzerne wie Exxon, McCann und Geodis und wird schliesslich von der dänischen Firma A. P. Moller-Maersk abgeworben, die vor allem in den Bereichen Transport und Logistik tätig ist. Yamb hat unter anderem als HR-Direktorin von APM Terminals Nigeria 1200 Angestellte unter sich. Nebenbei schreibt sie politische Analysen und frankreich­kritische Artikel – wegen Bedenken ihres Arbeitgebers unter anderem unter dem Pseudonym «Mahalia Nteby». Um sich vermehrt politisch engagieren zu können, wechselt sie 2007 in die Führungs­etage von der in Südafrika beheimateten MTN Group, der neuntgrösste Mobile Network Operator der Welt. 2011 gründet sie parallel dazu in ihrer Wahlheimat Côte d’Ivoire die Oppositions­partei Lider mit und wechselt schliesslich 2015 ganz in die Politik. Seit ihrer Ausschaffung in die Schweiz im Jahr 2019 und auch aufgrund der Pandemie hat sie vorerst ihre politischen Aktivitäten ins Internet verlagert.

In Ihrer Rede in Sotschi kritisierten Sie unter anderem den CFA-Franc – die Währung, die von 14 west- und zentral­afrikanischen Staaten genutzt wird. Was stört Sie daran?
Der CFA-Franc wurde vom «Wall Street Journal» als «monetärer Kolonialismus» bezeichnet. Genau das ist der CFA, der bei seiner Gründung 1945 «Franc der französischen Kolonien» hiess. Noch heute sitzen im Aufsichts­rat der westafrikanischen Zentralbank zwei Franzosen, bei der zentralafrikanischen Zentralbank ist es ein Franzose. 50 Prozent unserer Devisen­reserven müssen wir im trésor public in Paris einlagern – im Gegenzug garantiert Frankreich die Konvertibilität des CFA-Franc. Der Wert des CFA-Franc war ursprünglich an den Franc gebunden, heute an den Euro, ohne dass die jeweiligen Völker konsultiert worden sind. Die Länder der CFA-Zonen haben also keine Möglichkeit, ihre Währung auf- oder abzuwerten, und deshalb eine viel zu harte Währung. Der CFA-Franc agiert als Export­steuer und als Import­subvention. Dadurch sind unsere eigenen Produkte nicht wettbewerbs­fähig. Das verhindert die Industrialisierung Afrikas.

Die garantierte Konvertibilität macht den CFA-Franc aber auch zu einer äusserst stabilen Währung, was für ausländische Investoren attraktiv ist und bei Staats­schulden einen tieferen Zins garantiert. Ist das nicht ein wesentlicher Vorteil?
Wenn der CFA-Franc so attraktiv ist, warum tätigt dann ausgerechnet Frankreich die grössten Investitionen in Angola, Südafrika, Kenia, Moçambique und Algerien? Keines dieser Länder hat den CFA-Franc. Grundsätzlich wird in Afrika am meisten in Länder investiert, die Erdöl­vorkommen haben oder wo der Rechts­staat funktioniert – unabhängig von der Währung. Nein, die einzige Stabilität, die der CFA-Franc garantiert, ist die Armut. Frankreich dagegen profitiert. Ein Beispiel: Die Scheine und Münzen für den CFA-Franc werden in Frankreich geprägt und gedruckt, was 40 bis 50 Prozent des Auftrags­volumens der französischen National­bank in diesem Bereich gleichkommt – und die CFA-Länder zu «wichtigen Kunden» macht, die man halten möchte, wie die Banque de France selbst sagt.

Wenn nur Frankreich profitiert, warum halten dennoch die meisten west- und zentral­afrikanischen Staatschefs an der Währung fest?
Malcolm X verwendete den Begriff «Haussklave» House Negro») für Schwarze, die sich mit ihrem Master überidentifizieren. Frankreich hat sich in den CFA-Ländern loyale Eliten herangezogen, die nicht im Interesse ihres Volkes handeln, sondern in ihrem eigenen Interesse. Und letztlich im Interesse Frankreichs. Wenn trotzdem ein Präsident beschliesst, aus dem CFA-Franc auszusteigen, muss sein Land mit Repressalien rechnen.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Nehmen Sie die «Opération Persil»: Als Guinea 1959 aus der Communauté française und dem CFA ausstieg und eine eigene Währung lancierte, brachte der französische Geheim­dienst Blüten in Umlauf, um die Währung zu destabilisieren. Aber Frankreich soll kein Interesse am Erhalt des CFA-Franc haben? (macht eine wegwerfende Handbewegung)

Dennoch soll der CFA-Franc schon bald Geschichte sein: Emmanuel Macron selbst hat das Ende der Währung Ende 2019 verkündet. Sie soll vom Eco abgelöst werden, einem Generationen­projekt der west­afrikanischen Wirtschafts­gemeinschaft Ecowas, der auch Schwer­gewichte wie Nigeria oder Ghana angehören, die nicht zur CFA-Franc-Zone zählen. Gute Nachrichten?
Halt. Der Eco von Macron hat nichts mit dem Eco der Ecowas zu tun. Macron hat den Namen schlicht gekapert. Sein Eco ist nichts als ein Rebranding des unterdessen nicht zuletzt durch unsere Arbeit in der Bevölkerung unpopulär gewordenen CFA-Franc – ein Rebranding, bei dem Nigeria und Ghana, die englisch­sprachig sind und nicht Teil der CFA-Zone, glücklicher­weise niemals mitmachen werden.

Immerhin würde bei Macrons Eco der Zwang wegfallen, 50 Prozent der Devisen in Paris zu deponieren.
Zwei Dinge sollen gemäss Macron anders sein: Die Länder könnten selbst entscheiden, wo sie 50 Prozent der Devisen einlagern, und die Franzosen zögen sich aus den Aufsichts­räten der afrikanischen Zentral­banken zurück. Doch für Macron stellt das kein Problem dar: Dank der von Frankreich herangezogenen afrikanischen Politelite, welche die Aufsichtsrats­sitze unter sich aufteilen wird, werden die Devisen weiterhin in Paris gelagert werden. Ausserdem sagt der neue Vertrag, der vor der Assemblée nationale française letztes Jahr diskutiert worden ist, dass Frankreich trotzdem noch einen Sitz haben kann. Es ändert sich nichts.

In einem Interview mit «Jeune Afrique» hat Macron gesagt, dass frankreich­kritische Stimmen wie Ihre unter anderem von Russland bestochen seien. Madame, sind Sie eine russische Agentin?
(lacht) Sollte das so sein, warte ich seit über 20 Jahren auf meinen ersten Scheck von Putin. Spass beiseite. Ich bin weder gegen Frankreich noch für China oder Russland – ich bin kompromisslos für Afrika.

Was heisst das für Sie?
Das heisst, dass ich gegen die Politik bin, die Frankreich in Afrika macht. Und ja, es heisst auch, dass ich Russland oder China für wichtige Partner halte, wenn es darum geht, uns von den kolonialen Fesseln zu befreien. Deshalb sind China und Russland aber keineswegs unbedenklich oder einfach Wohltäter. Auch ihnen muss klar sein – Afrika ist nicht auf der Suche nach neuen Eigentümern. Wir Afrikanerinnen müssen lernen, Deals auszuhandeln, bei denen beide Seiten gleicher­massen profitieren. Das kann irgendwann auch mit Frankreich der Fall sein, aber nicht, solange dieses Land uns gegenüber auftritt wie bisher. Erst brauchen wir einen sauberen Bruch: fünf bis zehn Jahre Moratorium.

«Staatliche Entwicklungsgelder sind Tropfen, die uns vor dem Verdursten retten, aber keine Quelle, die uns nährt»: Nathalie Yamb.

Ist der Eco im Sinne der Ecowas – komplett ohne Frankreich, dafür mit Nigeria als stabilisierendem Rückgrat – ein taugliches Mittel, um Afrika bei zukünftigen Verhandlungen in eine bessere Position zu bringen?
Auch wenn bei dieser Frage viele meiner Mitstreiterinnen anderer Ansicht sind: Nein, meiner Meinung nach wird der Eco der Ecowas eine Utopie bleiben. Eine Währungsunion mit wirtschaftlich derart unter­schiedlich starken Ländern wie Nigeria und Guinea-Bissau ergibt nur dann Sinn, wenn es zu einer Integration auf allen Ebenen kommt. Die Länder der Ecowas müssten werden wie die Schweiz: ein föderalistischer Staaten­bund mit einer Armee, einer Regierung – und einem Finanz­ausgleich. So weit aber sind wir noch lange nicht.

Was fehlt?
Keiner der amtierenden Staatschefs ist bereit, Macht abzugeben – selbst innerhalb der einzelnen Landes­grenzen ist das Stammes­denken noch immer ein dividierender Faktor. Solange dieses Denken nicht überwunden ist, sollte jedes Land seine eigene Währung haben. And we need to make serious business. Und wenn ich «wir» sage, meine ich Afrika, nicht Côte d’Ivoire oder Kamerun – denn die Landes­grenzen, die 1884 von den Kolonial­herren ohne Anwesenheit auch nur eines Afrikaners in Berlin gezeichnet wurden, respektiere ich nicht.

Im Februar 2020 hat der ghanaische Präsident Nana Akufo-Addo bei seinem Staats­besuch in der Schweiz angekündigt, künftig keine Kakao­bohnen mehr an Schweizer Schokolade­­produzenten zu liefern, sondern selbst Schokolade zu produzieren. Kann das ein Weg sein, serious business zu machen?
Das ist mit Sicherheit ein Weg. Im Gegensatz zu anderen afrikanischen Präsidenten hat Akufo-Addo eine Vision. Allerdings hat sie einen kleinen Schönheits­fehler, weil es bei diesem konkreten Beispiel um Kakao geht. Wir konsumieren in Afrika gerade einmal vier Prozent des Kakaos, den wir anpflanzen. Ja, wir müssen Wertschöpfungs­ketten ausbauen, um nicht nur Rohstoffe zu exportieren, sondern weiter­verarbeitete Produkte. Aber wir sollten primär anpflanzen und produzieren, was wir auch selbst konsumieren. Die westafrikanischen Länder sind die Nummer eins im Kakaoanbau, essen aber keine Schokolade; wir pflanzen Gummi an, importieren die Reifen für unsere Autos; und obwohl unser Grund­nahrungs­mittel Reis ist, pflanzt kein einziges Land in Westafrika auch nur annähernd genug Reis an. Ich hoffe, dass uns die Pandemie, während der viele Länder auf ihren Exporten sitzen geblieben sind, aufweckt.

Ist Afrika nicht zu spät dran, um wettbewerbs­fähige Wertschöpfungs­ketten aufzuziehen?
Bei Schokolade trifft das wahrscheinlich zu. Bei anderen Gütern – nicht zwingend. Ein Beispiel: Als ich vor 15 Jahren zum ersten Mal in Nigeria lebte, begannen die Nigerianer, ihre eigenen Busse zu bauen. Jeder, der mit einem importierten 4×4 vorbei­gefahren ist, hat über die eher primitiven Fahrzeuge gelacht – auch ich. Aber schauen Sie sich Nigeria heute an – das Land hat mit Abstand die stärkste Wirtschaft Afrikas, und VW baut dort unterdessen Montage­werke. Ein anderes Beispiel: Wenn zum ersten Mal ein Nigerianer Nudeln produziert, verhängt die Regierung einen Import­stopp auf Nudeln  für drei Monate, sechs Monate, ein Jahr. Natürlich ist es dann nicht Barilla-Qualität, aber man kann Feedback geben, und die Produzenten können sich verbessern. So entsteht Know-how, so entwickeln wir uns. Unser grösstes Potenzial sind menschliche Ressourcen – dort müssen wir investieren. Wenn ich jeweils sehe, was für ungeheure Mühen junge Afrikanerinnen auf sich nehmen, um nach Europa zu gelangen, stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn sie die Möglichkeit hätten, diese Energie in ihrem Heimat­land einzusetzen.

Was muss passieren, damit das möglich wird?
Der jüngste Bericht der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung hielt fest, dass Afrika jährlich rund 88 Milliarden US-Dollar durch illegale Kapital­flucht verliert. Dem müssen wir mit griffigen Gesetzen entgegentreten – und vor allem: multinationale Konzerne in die Pflicht nehmen.

Wie?
Multinationale Konzerne, die in Afrika Niederlassungen haben, dürfen fast ihren ganzen Profit mit in ihre Ursprungs­länder nehmen – ohne wirklich Steuern zu bezahlen. So bleibt praktisch nichts von dem erwirtschafteten Geld in Afrika. Äthiopien ist bislang das einzige Land, das Konzerne dazu zwingt, ihre Gewinne zu versteuern – und vor allem: einen Teil davon zu reinvestieren. Das bringt nicht nur ökonomische Vorteile, denn: Konzerne, die investieren, werden sich dafür einsetzen, dass die Länder politisch stabil sind und einen funktionierenden Rechtsstaat haben.

Sie haben selbst viele Jahre als Managerin in Führungs­positionen solcher multi­nationalen Konzerne gearbeitet. Für wie realistisch halten Sie es, dass einzelne Länder solche Gesetze durchsetzen können?
Wichtig: Es ist nicht allein die Verantwortung der Konzerne, hier müssen auch die Länder Afrikas ihre Hausaufgaben machen. Das ist viel politische und diplomatische Arbeit, aber machbar – in Ghana finden diese Diskussionen gerade statt. Ich habe es mal für Westafrika überschlagen: Wenn mindestens die Hälfte der Profite reinvestiert wird, können wir seelenruhig auf Entwicklungs­hilfe verzichten. Entwicklungshilfe schadet ohnehin mehr, als dass sie nützt. Wobei wir unterscheiden müssen: Ich spreche nicht von privater, sondern von staatlicher Entwicklungs­hilfe, von all den Milliarden, die Europa und die USA jährlich nach Afrika schicken. Streicht sie!

Sind Sie sicher, dass dann alles besser würde?
Schauen Sie: 60 Jahre Entwicklungshilfe haben kaum eine Verbesserung gebracht. Was wir brauchen, sind Schulen, Universitäten und Lehrplätze, an denen gute Leute richtig ausgebildet werden und die Entrepreneure hervorbringen, die eigene Produkte herstellen und Arbeits­plätze schaffen.

Wäre die Entwicklungshilfe nicht unter anderem dafür gedacht, solche Schulen zu bauen?
Ich glaube, staatliche Entwicklungs­gelder sind vor allem dazu da, den Spendern ein gutes Gefühl zu geben – es ist ein einziges grosses Theater! Die Geberländer wissen ganz genau, dass unsere Regierungschefs mit den Geldern krumme Sachen anstellen – überflüssige, aufgeblasene Infra­struktur­projekte lancieren, die der Bevölkerung nichts bringen – oder sie direkt in die eigene Tasche abzweigen. Bei den Bürgerinnen und Bürgern kommt praktisch nichts an, aber wir sind es, die nachher in der Schuld stehen.

Mit anderen Worten: Gut gemeint ist das Gegenteil von gut?
So ist es. Staatliche Entwicklungs­gelder sind Tropfen, die uns vor dem Verdursten retten, aber keine Quelle, die uns nährt. Wenn die Staaten, die so grosszügig Entwicklungs­hilfe schicken, die Armut in Afrika tatsächlich bekämpfen wollen, sollten sie dem französischen Präsidenten tief in die Augen sehen und sagen: Ça suffit. Europas Komplizenschaft muss aufhören.

Sie sind Führungsmitglied der progressiven Oppositions­partei Lider, einer Schwester­partei der Schweizer Sozial­demokraten. Ihre Kritik an der Entwicklungs­hilfe und an der Rolle Frankreichs in Afrika teilen aber vor allem Rechts­aussen-Politiker wie Marine Le Pen, wie Matteo Salvini oder Luigi Di Maio. Ein Widerspruch?
Es ist immer wieder verwunderlich, dass es in Europa kaum jemanden zu interessieren scheint, dass die EU via Frankreich faktisch in einer Währungs­union mit 14 Ländern aus West- und Zentralafrika ist. Die Rechten wollen uns nicht hier haben, und Gewisse haben offenbar realisiert, dass die Menschen vor Armut flüchten und diese Armut unter anderem vom CFA-Franc gefördert wird. Es sind jedoch nicht nur Rechte, die diesen Standpunkt teilen – auf der linken Seite sind es vor allem private Stiftungen oder Kommunisten –, aber ja, es scheint eigentlich nur auf dem sehr rechten oder sehr linken Spektrum überhaupt eine Debatte über den CFA oder Sinn und Unsinn von Entwicklungs­hilfe zu geben.

Selbst wenn Europa Frankreich tief in die Augen sehen würde: Was ist mit den anderen 40 Ländern Afrikas, die nicht in der CFA-Zone sind? Wenn nicht mit Entwicklungshilfe, wie soll Europa sonst unterstützend wirken?
Lassen Sie mich erst sagen, was man nicht tun sollte. Aktuelles Beispiel aus der Covid-Krise: Frankreich hat Millionen Dosen von Astra Zeneca bestellt, die französische Bevölkerung ist skeptisch, also werden die Impfungen nach Afrika geschickt. Was nicht gut genug ist für euch, ist gut genug für uns – und dann sollten wir auch noch dankbar sein. Genau das ist Europas Haltung gegenüber Afrika: eine Zumutung.

Und was sollte man tun?
Die Konzern­verantwortungs­initiative, die in der Schweiz im vergangenen November leider am Ständemehr gescheitert ist, hätte richtungs­weisend sein können. Das wäre akzeptable Hilfe gewesen: Denn genau so, wie ihr eure Arbeiter in Luzern oder Neuenburg behandelt, müsst ihr auch eure Arbeiter in Maputo, Lagos oder Douala behandeln – oder euch sonst vor dem Schweizer Rechtsstaat verantworten. Schluss mit Doppelstandards!

Während des Abstimmungs­kampfs weilte Harouna Kaboré, der Wirtschafts­minister von Burkina Faso, auf Schweizbesuch – und sagte, die Initiative gründe in neokolonialem Gedankengut.
Ich erkenne nichts Neokoloniales am Grundsatz, dass Schweizer Firmen sich auch anderswo an Schweizer Gesetze halten sollen. Das ist schlicht not­wendig – gerade auch in Burkina Faso, wo es grosse Probleme mit Kinder­arbeit gibt; so gross, dass das Land Kinder­arbeiter in andere Länder exportiert. Kaborés Auftritt war hinterhältig, wusste in Afrika doch niemand von der Konzern­verantwortungs­initiative. Im Januar veröffentlichte ich ein Youtube-Video über seinen Auftritt in Bern und über die Initiative, die Resonanz war sehr gross. Kaboré musste sich rechtfertigen, eine Debatte wurde lanciert. Übrigens: Auch aus der Schweiz erhielt ich amüsante Reaktionen.

Was für Reaktionen?
In einem ellenlangen Mail drohte Lorenz Furrer, der Inhaber der PR-Agentur Furrerhugi, rechtlich gegen mich vorzugehen. Der Witz: Ich habe Furrerhugi gar nie erwähnt, weder im Youtube-Video noch in Interviews.

Sie sprechen von Harouna Kaboré, und Lorenz Furrer droht mit Klage?
So ist es. In welchem Namen will er mich verklagen? Sein Unternehmen ist keine Anwalts­kanzlei, sondern auf Lobbying spezialisiert. Welche Interessen vertritt Lorenz Furrer hier und warum?

Zur Stellungnahme von Furrerhugi

Die Mail, die Lorenz Furrer an Nathalie Yamb geschrieben hat, liegt der Republik vor. Sie umfasst fast drei ausgedruckte A4-Seiten in Französisch. Wir haben sie übersetzt. Die Mail endet mit:

«In Ihrer Anprangerung eines Systems, in dem die Reichen sich nicht um die Menschenwürde scheren, stellen Sie Behauptungen auf, für die Sie ganz einfach keine Beweise haben. Mit anderen Worten, Madame, Sie betreiben Diffamierung. Um Sie zu zitieren:

  • Ein Handelsminister, ‹der von einer Schweizer Lobbyfirma fett bezahlt wird›; ‹geleitet von einer Schweizer Abgeordneten›;

  • Führer, ‹die lieber Bestechungs­gelder annehmen, als ausländische multinationale Unternehmen in Afrika zu installieren.›

  • Multinationale Konzerne, die ‹unsere Umwelt verschmutzen, um anschliessend Geld abzuziehen, [...] lassen die Angestellten arbeiten, ohne ihnen die notwendige Schutz­ausrüstung zu geben [...], versklaven unsere Kinder.›

Wir behalten uns das Recht auf strafrechtliche Schritte gegen Sie vor.»

Wir haben bei Furrerhugi nachgefragt, was Managing Partner Lorenz Furrer dazu bewog, die Mail zu schreiben, und in welchem Namen er rechtlich gegen Nathalie Yamb vorgehen wollte.

Die Antwort: Gegen Yamb vorgehen wolle man als Furrerhugi. Zwar sei das Unternehmen nicht direkt erwähnt. Es könne aber eindeutig von der Presse­bericht­erstattung abgeleitet werden, dass die «firme de lobbying suisse» eine klare Anspielung auf seine Agentur sei, die verantwortlich dafür war, die Veranstaltung, an der Kaboré auftrat, umzusetzen und zu finanzieren. «In diesem Zusammenhang zu behaupten, dass der Handels­minister von Furrerhugi ‹grassement rémunéré[‹fett bezahlt›; Anm. d. Red.] worden war, ist falsch. Solche Fake-News müssen in aller Deutlichkeit aufgedeckt und widerlegt werden, da sie letztlich auch dem Ruf unserer Agentur schaden», schreibt Furrerhugi.

Warum er Yamb auch bei Passagen Diffamierung vorwirft, in denen sie nicht von einer Lobbyfirma spricht, sondern von korrupten Politikern respektive von multinationalen Konzernen, die die Umwelt verschmutzen und Kinder für sich arbeiten lassen – darauf geht Furrer nicht ein.

Nathalie Yamb lächelt und sagt: «In Afrika sagen wir: Nur wer die Nase voll hat, schnäuzt sich. Ich habe kein Publikum in der Schweiz und bezweifle, dass Furrer meinen Youtube-Kanal abonniert hat. Keine Ahnung also, wie einer der Partner einer der einfluss­reichsten Schweizer Lobbyfirmen dazu kommt, mir diese Mail zu schreiben – aber ich kann es mir denken. Jeden­falls: Die Mail vermittelt einen guten Eindruck davon, welche Beziehungen millionen­schwere Schweizer Konzerne offenbar zu afrikanischen Politikern pflegen.»

Ich schätze, Reaktionen wie die von Lorenz Furrer sind aber nicht der Grund, weshalb wir Ihren Aufenthaltsort nicht preisgeben dürfen, oder?
Ich erhalte nicht jeden Tag Mord­drohungen, aber doch sehr regelmässig. So geht es vielen, die auf meiner Seite stehen – das ist fast schon normal. Aber keine Sorge: Ich habe vor, sehr alt zu werden.

Ist der Schweizer Pass ein Schutz?
In Afrika schon. In der Schweiz aber bedeutet der Schweizer Pass keinen Schutz. Der kamerunische, antikolonialistische Unabhängigkeits­kämpfer Félix-Roland Moumié wurde 1960 auch auf Schweizer Boden vom französischen Geheim­dienst ermordet. Abgesehen davon habe ich nach dem Verhalten der Schweizer Botschaft in Abidjan vor, während und nach meiner Ausschaffung erhebliche Zweifel, dass die Schweiz daran interessiert ist, mich zu schützen. Nun, da die Pandemie auf dem Rückzug ist, werde ich aber ohnehin bald nach Afrika zurückkehren.

Sie sagten, die Konzern­verantwortungs­initiative sei eine verpasste Chance. Was erwarten Sie von Ihrem Mutter­land Schweiz in Zukunft?
Ich erwarte von der politischen Schweiz, dass sie darauf hört, was 50,7 Prozent der Schweizer Bevölkerung im November zum Ausdruck gebracht haben: dass Schweizer Konzerne in Afrika und überall sonst auf der Welt die gleiche Verantwortung wahrzunehmen haben wie hier. Ich wünsche mir, dass eine Debatte entsteht über Sinn und Unsinn der Entwicklungs­hilfe, über postkoloniale Strukturen – und ich wünsche mir, dass die Hausfrau realisiert, dass das Stück Schoggi, das sie isst, eine Geschichte hat, die in direktem Zusammen­hang mit den Migranten steht, über die die Zeitungen schreiben. Nicht nur die Schweiz, auch Europa, Afrika und der Rest der Welt müssen realisieren: Wir kämpfen alle gegen den gleichen – den einzig wahren – Gegner. Und das ist die Armut.

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