Elf Jahre alt und voller Vorfreude auf das neue Leben: Izidor im Juni 1991 vor dem Heim, in dem er lebte. Marlys Ruckel

Die verlorenen Kinder

Keine Liebe, kein menschlicher Kontakt, siechend im Heim vergessen: Unter dem rumänischen Diktator Nicolae Ceaușescu wurden Babys, die nicht in die Norm passten, gnadenlos aussortiert. Was ist aus ihnen geworden?

Von Melissa Fay Greene (Text) und Sarah Fuhrmann (Übersetzung), 02.04.2021

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Die ersten drei Jahre seines Lebens verbrachte Izidor im Krankenhaus.

Der dunkeläugige, dunkelhaarige Junge, geboren am 20. Juni 1980, war zurück­gelassen worden, als er wenige Wochen alt war. Der Grund dafür war offensichtlich für alle, die hinschauten: Sein rechtes Bein war verdreht. Nach einer Krankheit (wahrscheinlich Kinder­lähmung) war er in das Meer von verlassenen Klein­kindern in der Sozialistischen Republik Rumänien geworfen worden.

In Filmen aus jener Zeit, die die Betreuung von Waisen­kindern festhalten, sieht man Kranken­schwestern, die wie Fliessband­arbeiterinnen Neugeborene aus einem scheinbar unerschöpflichen Vorrat einwickeln; mit muskulösen Armen und sorgloser Gleich­gültigkeit werfen sie die Kinder auf ein quadratisches Tuch, knoten es fachmännisch zu einem ordentlichen Paket zusammen und legen es an das Ende einer Reihe von stillen, besorgt aussehenden Babys. Die Frauen sprechen nicht sanft mit ihnen oder singen ihnen etwas vor. Man sieht in den kleinen Gesichtern, wie sie zu verstehen versuchen, was geschieht, während ihre Köpfe beim Wickel­manöver hin- und herrollen.

In seinem Krankenhaus in Sighetu Marmaţiei, einer Gebirgs­stadt im Norden Rumäniens, wurde Izidor wahrscheinlich mit einer Flasche gefüttert, die ihm in den Mund gesteckt und gegen die Stäbe seines Gitter­betts gelehnt wurde. Weit über das Alter hinaus, in dem Kinder in der Welt draussen beginnen, feste Nahrung zu probieren und dann selbst zu essen, blieben er und seine Alters­genossinnen auf dem Rücken und saugten aus Flaschen, deren Öffnung man erweitert hatte, damit auch wässeriger Hafer­schleim hindurchfloss. Ohne richtige Pflege oder Physiotherapie verkümmerte die Beinmuskulatur des Babys. Mit drei Jahren wurde er für «defizitär» befunden und auf die andere Seite der Stadt in ein Cămin Spital Pentru Copii Deficienţi, überführt – ein Heim für unrettbare Kinder.

Aus dieser Betonfestung drang kein Lärm von spielenden Kindern, obwohl zeitweise bis zu 500 von ihnen darin lebten. Sie stand traurig abseits der Kopfsteinpflaster­strassen und des glitzernden Flusses in der Stadt.

Auf Izidors Station im dritten Stock waren die Fenster vergittert. Als Kind stand er oft dort und schaute hinab auf einen leeren Hof mit Lehmboden, der von einem Stacheldraht­zaun umschlossen war. Im Winter konnte Izidor durch die kahlen Zweige ein weiteres Kranken­haus sehen, das sein Gebäude von der Strasse abschirmte. Echte Kinder, Kinder mit Schuhen und Mänteln, Kinder, die ihre Eltern an den Händen hielten, besuchten dieses Krankenhaus und verliessen es wieder. Niemand aus Izidors Cămin Spital wurde jemals dort hingebracht, egal wie krank sie waren, noch nicht einmal, wenn sie im Sterben lagen.

Als der Diktator weg war, fand sich auch ein Netzwerk von «Kinder-Gulags»

Wie alle Jungen und Mädchen, die in dem Kranken­haus für «Verlorene» lebten, ass Izidor nahezu ungeniessbares, wässriges Essen an langen Tischen, nackte Kinder sassen auf Bänken und schlugen mit ihren Blech­schüsseln auf die Tische. Er wuchs in überfüllten Räumen auf, wo die anderen Waisen­kinder sich endlos wiegten oder selbst ins Gesicht schlugen oder kreischten. Ausser Kontrolle geratene Kinder bekamen Beruhigungs­mittel für Erwachsene verabreicht, mit nicht sterilen Nadeln; viele, die krank wurden, bekamen Transfusionen mit Blut, das nicht untersucht worden war. Hepatitis B und HIV/Aids wüteten verheerend in den rumänischen Waisenhäusern.

Izidor war dazu verurteilt, seine restliche Kindheit in diesem Gebäude zu verbringen, das Tor erst mit achtzehn hinter sich zu lassen. Und dann würde er, falls er komplett arbeits­unfähig wäre, in ein Heim für alte Männer verlegt. Falls er minimal funktionierte, würde man ihn hinaus­werfen, damit er sich auf der Strasse durchschlägt. Es war aber sehr wahrscheinlich, dass er gar nicht so lange überleben würde, dass dieser Junge mit dem zusammen­geschrumpften Bein noch als Kind sterben würde, unterernährt, zitternd, ungeliebt.

Am letzten Weihnachtstag jährte sich zum 31. Mal die öffentliche Hinrichtung durch ein Erschiessungs­kommando von Rumäniens letztem kommunistischem Diktator, Nicolae Ceaușescu, der 24 Jahre lang regiert hatte. 1990 entdeckte die Aussenwelt sein Netzwerk aus «Kinder-Gulags», in denen geschätzt 170’000 zurück­gelassene Säuglinge, Kinder und Jugendliche aufgezogen wurden. Im Glauben, dass eine grössere Bevölkerung Rumäniens Wirtschaft stärken würde, hatte Ceaușescu den Zugang zu Verhütung und Abtreibung eingeschränkt, kinderlosen Menschen Straf­steuern auferlegt und Frauen, die zehn oder mehr Kinder gebaren, als «Helden­mütter» feiern lassen. Eltern, die keinesfalls ein weiteres Baby verkraften konnten, nannten ihren Neuzuwachs manchmal «Ceaușescus Kind», und was sie damit meinten, war: «Soll er es aufziehen.»

Um eine Generation von ungewollten, ökonomisch nicht tragbaren Kindern unter­zubringen, befahl Ceaușescu den Bau oder die Umnutzung von Hunderten Gebäuden im Land. Auf Schildern stand die Parole: Der Staat kann sich besser um dein Kind kümmern als du.

Im Alter von drei Jahren wurden verlassene Kinder sortiert.

Zukünftige Arbeiterinnen erhielten Kleider, Schuhe, Essen und ein wenig Schul­bildung in den Case de copii, den «Kinderheimen» – während «defizitäre» Kinder in den Cămine Spitale praktisch gar nichts bekamen. Die in der Sowjetunion entwickelte Wissenschaft der Defektologie sah Behinderungen bei Kleinkindern als intrinsisch und unheilbar an. Selbst Kinder mit behandelbaren Problemen – vielleicht schielten sie, waren blutarm oder hatten eine Lippenspalte – wurden als «unrettbar» klassifiziert.

In einem eiskalten Gebäude schleichen sie wie Kobolde herum, winzig, dreckig

Nach der rumänischen Revolution wurden Kinder in schrecklichem Zustand – skelettartig, in Urin auf dem Boden liegend, mit Exkrementen verklebt – entdeckt und von ausländischen Nachrichten­sendern gefilmt, darunter der US-Sender ABC, der 1990 «Shame of a Nation» ausstrahlte. Ähnlich wie die Befreier von Auschwitz 45 Jahre zuvor wurden die ersten Besucherinnen dieser Institutionen ihr Leben lang verfolgt von dem, was sie sahen. «Wir flogen mit dem Helikopter über den Schnee nach Siret, landeten nach Mitter­nacht, es herrschten Minus­temperaturen, wir wurden begleitet von rumänischen Bodyguards mit Uzis», erzählt Jane Aronson.

Sie ist eine in Manhattan praktizierende Kinderärztin und Adoptions­spezialistin und war Teil eines der ersten pädiatrischen Teams, die von der neuen Regierung nach Rumänien geholt wurden. «Wir gehen in ein stockdunkles, eiskaltes Gebäude und merken, dass dort Kinder herumschleichen – sie sind winzig, aber älter, seltsam, wie Kobolde, dreckig, stinkend. Sie singen eintönig, Kauder­welsch. Wir öffnen eine Tür und finden eine Gruppe von ‹Kretins› – heute kennt man es als angeborenes Jodmangel-Syndrom: Eine unbehandelte Unter­funktion der Schild­drüsen hemmt das Wachstum und die Hirn­entwicklung. Ich weiss nicht, wie alt sie waren, sie waren einen Meter gross, könnten zwanzig Jahre alt gewesen sein. In anderen Räumen sehen wir Jugendliche so gross wie Sechs- oder Sieben­jährige, ohne sekundäre Geschlechts­merkmale. Kinder mit tief liegenden genetischen Erkrankungen lagen in Käfigen. Man fängt beinahe an, sich innerlich zu verkriechen.»

Als «unrettbar» eingestuft: Kinder im Heim in Sighetu Marmaţiei, Rumänien (September 1992). Thomas Szalay

«Ich kam eines Nachmittags in eine Institution in Bukarest, und da stand ein kleiner Junge und schluchzte», erinnert sich Charles A. Nelson III, Professor für Pädiatrie und Neuro­wissenschaften an der Harvard Medical School und dem Boston Children’s Hospital. «Er war untröstlich und hatte in die Hose gemacht. Ich fragte: ‹Was ist los mit diesem Kind?› Eine Arbeiterin sagte: ‹Ach, seine Mutter hat ihn heute Morgen zurück­gelassen, und er ist schon den ganzen Tag so.› Das war alles. Niemand tröstete den kleinen Jungen oder hob ihn hoch. Das war meine Einführung.»

Die rumänischen Waisenkinder waren nicht die ersten furchtbar vernachlässigten Kinder, die Psychologinnen im 20. Jahrhundert gesehen hatten. Abgestumpfte Waisenkinder nach dem Zweiten Weltkrieg und Kinder, die lange Zeit in Kranken­häusern isoliert gewesen waren, hatten die Koryphäen der kindlichen Entwicklung wie René A. Spitz und John Bowlby in der Mitte des Jahrhunderts schwer beunruhigt. In einem Zeitalter, das sich dem Kampf gegen Mangel­ernährung, Verletzungen und Infektionen widmete, war die Vorstellung, dass ausreichend ernährte und medizinisch stabile Kinder verkümmerten, weil sie ihre Eltern vermissten, schwer nachzuvollziehen. Die Forschung auf dem Gebiet der Psychologie führte zu der damals kühnen, vor allem von Bowlby vertretenen Auffassung, dass das blosse Fehlen einer «Bindungs­person» – eines Elternteils oder einer Betreuungsperson – sich verheerend auf die psychische und physische Gesundheit auswirken kann.

Neurowissenschaftlerinnen neigten dazu, die «Bindungs­theorie» als suggestive und zum Nachdenken anregende Arbeit innerhalb der «weichen Wissenschaft» der Psychologie zu sehen. Sie stützte sich grösstenteils auf Fallstudien, Korrelations­belege oder Tierforschung. Bei den berüchtigten «Verlust der Mutter»-Experimenten des Psychologen Harry Harlow sperrte dieser kleine Rhesusaffen allein in einen Käfig und gab ihnen nur mütterliche Nachbildungen aus Draht und Holz oder Schaum­stoff und Frottee.

Izidor war auch in einem dieser Heime, er hatte Glück, jetzt lebt er in den USA

Im Jahr 1998, bei einem kleinen wissenschaftlichen Treffen, veränderte die Nebeneinander­stellung von Tierforschung und Bildern aus rumänischen Waisen­häusern das Studium der Bindung für immer. Zuerst zeigte Dana Johnson, ein Spezialist für Neugeborene von der University of Minnesota, Fotos und Videos, die er in Rumänien aufgenommen hatte, zu sehen waren Zimmer voller Kinder, die «stereotype motorische Störungen» aufwiesen: Wiegen, Anschlagen des Kopfes, Kreischen. Anschliessend folgte eine Rednerin, die Videos ihrer Arbeit mit mutterlosen Primaten­kindern wie jenen von Harlow zeigte – Schwanken, Drehen, Selbst­verletzungen. Das Publikum war schockiert über die Parallelen. «Wir waren alle in Tränen aufgelöst», erzählte der Neuro­wissenschaftler Nelson.

In den zehn Jahren nach dem Sturz von Diktator Ceaușescu lud die neue rumänische Regierung westliche Experten für kindliche Entwicklung ein, um den Zehntausenden Kindern, die noch in staatlicher Obhut lebten, zu helfen und sie gleichzeitig zu studieren. Die Forscherinnen hofften, einige seit langem offene Fragen zu beantworten: Gibt es eine sensible Periode in der neuronalen Entwicklung, nach der das Gehirn eines vernachlässigten Kindes mit der mentalen, emotionalen und körperlichen Stimulation, die es später empfängt, nicht mehr so viel anfangen kann? Können die Auswirkungen des «Verlusts der Mutter» oder des «Fehlens einer Bezugs­person» mit modernen Hirnscans sichtbar gemacht werden? Und schliesslich: Kann ein Kind, das aus einer Institution in ein familiäres Umfeld überführt wird, bis dahin nicht entwickelte Fähigkeiten doch noch erlangen? Dabei war die eindringliche Frage impliziert: Kann ein Mensch, der in der Kindheit nicht geliebt wurde, lernen zu lieben?

Um den Flughafen von Denver herum breiten sich fächer­förmig Reihen­haus­siedlungen aus wie Spielkarten auf einem Tisch. Die Gegend ist hier zur Ödnis geschliffen worden, zu Wind und Dreck und Müll auf dem Seiten­streifen des Highways, zu Apotheken­ketten und Schnell­imbissen und Shops für Autozubehör. Mit einem Mietauto fahre ich langsam durch die Halbkreise und Sackgassen von Izidors Ortsteil, bis ich ihn aus dem Schatten eines grossen, pompösen Hauses treten und halbherzig winken sehe. Er hat hier ein Zimmer gemietet, wie viele andere, darunter einige Familien – eine stadtnahe Kommune in einem Einfamilien­anwesen, das für Goliaths gebaut wurde. Izidor ist 39, ein eleganter, drahtiger Mann mit traurigen Augen. Sein Auftreten ist wachsam und zögerlich. Er ist Geschäfts­führer bei einem Kentucky Fried Chicken und arbeitet 60 bis 65 Stunden pro Woche.

«Willkommen in Rumänien», verkündet er und öffnet seine Schlafzimmertür. Es ist ein Tor zu einer anderen Zeit, einem anderen Ort. Von jedem Besuch in seinem Heimatland hat Izidor Volkskunst und Souvenirs mitgebracht – handbemalte glasierte Teller und Teetassen, bestickte Geschirr­tücher, rumänische Flaggen, Schnaps­gläser, Holzfiguren, geschliffene Fläschchen mit Pflaumen­schnaps und CDs mit rumänischer Volksmusik, viel davon mit Geigen­klängen. Er könnte einen Souvenirladen ausstatten. Izidor hat weinfarbene Vorleger, Decken und Wandbehänge. Das Raumlicht ist rötlich braun, die Vorhänge schliessen das Sonnenlicht in der grossen Höhe aus. Fünfzehn Kilometer südwestlich des Flughafens von Denver lebt Izidor – in der billigen Kopie eines rumänischen Häuschens.

Auf Lebenszeit ausgesetzt: So lautet der (übersetzte) Titel der Autobiografie von Izidor Ruckel (in der Nähe seiner Wohnung bei Denver, Colorado). Benjamin Rasmussen

«Alle in Maramureş leben so», sagt er und meint damit die kulturelle Region im Norden Rumäniens, wo er geboren wurde.

Ich denke: Tun sie das wirklich?

«Viele Leute dort haben solche Dinge zu Hause», sagt er.

Das klingt schon überzeugender. Die Leute mögen Nippes. «Klingen sie wie ein Rumäne, wenn sie dort hinfahren?», frage ich.

«Nein», sagt er. «Wenn ich anfange zu sprechen, fragen sie: ‹Wo kommst du her?› Ich antworte: ‹Aus Maramureş!›» Niemand glaubt ihm, wegen seines Akzents, also muss er erklären: «Eigentlich, wenn man es genau nimmt, bin ich Rumäne, aber ich lebe seit mehr als zwanzig Jahren in Amerika.»

«Wenn Sie neue Menschen kennenlernen, reden Sie über Ihre Geschichte?»

«Nein, ich versuche, das nicht zu tun. Ich versuche, Rumänien als ein normaler Mensch zu erleben. Ich will nicht irgendwo als ‹das Waisenkind› bekannt sein.»

Eine Betreuerin bot dem Kind die ganz grosse Chance. Es liess sie ungenutzt, Prügel folgten

Sein präzises Englisch lässt sogar beiläufige Sätze förmlich klingen. In seinem Zimmer hat Izidor die rumänische Folklore eingefangen, aber unter der Oberfläche regt sich noch etwas anderes. Ich erinnere mich an das Buch, das er mit 22 Jahren selbst heraus­gegeben hat, mit dem Titel «Abandoned for Life».

Es ist eine trostlose Geschichte, aber einmal, da war er ungefähr acht, hatte Izidor einen glücklichen Tag.

Eine freundliche Betreuerin hatte gerade im Kranken­haus zu arbeiten begonnen. «Onisa war eine junge Frau, ein bisschen rundlich, mit langen schwarzen Haaren und runden, rosigen Wangen», schreibt Izidor in seinen Memoiren. «Sie sang gern und brachte uns oft ihre Lieder bei.» Eines Tages ging Onisa dazwischen, als eine andere Betreuerin Izidor mit einem Besenstiel schlug. Wie einigen anderen vor ihr war Onisa seine Intelligenz aufgefallen. Auf einer Station mit zur Hälfte gehfähigen (manche krabbelten oder krochen), nur teilweise sprechenden Kindern (manche machten nur Geräusche) war Izidor das Kind, an das man sich wandte, wenn ein Erwachsener Fragen hatte, zum Beispiel, wie dieses Kind hiess oder wann jenes Kind gestorben war. Der Direktor schaute manchmal vorbei und fragte Izidor, ob er und die anderen Kinder geschlagen würden. Um einer Strafe zu entgehen, sagte Izidor immer Nein.

Um ihn an jenem Tag nach seiner Tracht Prügel aufzumuntern, versprach Onisa, dass sie ihn eines Tages für einen Übernachtungs­besuch mit zu sich nach Hause nehmen werde. Izidor war skeptisch, ob ein so ausser­gewöhnliches Ereignis je eintreten würde. Aber er dankte ihr für die nette Idee.

Ein paar Wochen später, an einem verschneiten Wintertag, zog Onisa Izidor warme Kleider und Schuhe an, die sie von zu Hause mitgebracht hatte, nahm ihn an der Hand und führte ihn aus der Eingangstür und durch das Tor des Waisen­hauses. Langsam lief sie mit dem kleinen Jungen, der auf ungleichen Beinen schwankte und stark hinkte, die Strasse entlang, am öffentlichen Krankenhaus vorbei und in die Stadt. Kalte, frische Luft streifte seine Wangen, der Schnee knirschte unter seinen Schuhen, der Wind liess die Zweige knacken, ein Vogel sass auf einem Schornstein. «Es war das erste Mal, dass ich überhaupt hinaus in die Welt ging», erzählt Izidor mir jetzt. Er blickte verwundert auf die Autos und Häuser und Läden. Er versuchte alles aufzusaugen und sich zu merken, um es später den Kindern auf seiner Station zu erzählen.

«Als ich Onisas Wohnung betrat», schreibt er, «konnte ich nicht glauben, wie schön es war. An den Wänden hingen dunkle Wand­teppiche, und auf einem war ein Bild des letzten Abend­mahls. Die Teppiche am Boden waren rot.» Die Nachbars­kinder klopften an Onisas Tür, um zu sehen, ob der fremde Junge aus dem Waisenhaus nach draussen zum Spielen kommen wolle. Er wollte.

Onisas Kinder kamen von der Schule nach Hause, und Izidor erfuhr, dass es der Beginn ihrer Weihnachts­ferien war. Er schlemmte an dem Abend mit Onisas Familie am Tisch bei Freunden und probierte dabei zum ersten Mal rumänische Spezialitäten, darunter sarmale (gefüllter Wirsing), Kartoffel­gulasch mit dicken Nudeln und süsse gelbe Biskuit­torte mit Sahne­füllung. Er erinnert sich an jeden Bissen. Nach dem Abendessen liess das Kind des Hauses Izidor im Wohnzimmer mit seinen Spiel­sachen spielen. Izidor folgte dem Beispiel des Jungen und schob kleine Züge über den Teppich. Zurück bei Onisa schlief er das erste Mal in einem weichen, sauberen Bett.

Am nächsten Morgen fragte Onisa Izidor, ob er mit ihr zur Arbeit gehen oder bei ihren Kindern bleiben wolle. Hier machte er einen Fehler, der so schrecklich war, dass er sich 31 Jahre später immer noch voller Kummer daran erinnert.

Er rief: «Ich will mit dir zur Arbeit gehen!»

Er war in der Fantasie versunken, dass Onisa seine Mutter wäre, und wollte sich nicht von ihr trennen. «Ich zog mich so schnell an, wie ich konnte, und wir traten aus der Tür», erinnert er sich. «Als wir in der Nähe ihrer Arbeits­stelle waren, wurde mir klar, dass ihre Arbeit im Krankenhaus war, in meinem Krankenhaus, und ich begann zu weinen … es waren nur 24 Stunden gewesen, aber irgendwie dachte ich, dass ich von nun an ein Teil von Onisas Familie sein würde. Es kam mir gar nicht in den Sinn, dass ihre Arbeit ja im Krankenhaus war, bis wir wieder am Tor waren. Ich war so geschockt, als wir auf den Hof bogen, als hätte ich vergessen, dass ich von dort gekommen war.»

Izidor versuchte umzukehren, aber das wurde ihm verwehrt. Er hatte den wunderbarsten Ort auf der Welt gefunden – Onisas Wohnung – und durch seine eigene Dummheit wieder verloren. Er schluchzte, wie ein Neuankömmling im Heim, bis die anderen Betreuerinnen drohten, ihn zu ohrfeigen.

Heute lebt Izidor 9500 Kilometer entfernt von Rumänien. Er führt ein einsames Leben. Aber in seinem Schlaf­zimmer auf der asphaltierten Prärie hat er die Kulisse des glücklichsten Abends seiner Kindheit nachgebaut.

«An jenem Abend bei Onisa», frage ich, «glauben Sie, dass Sie gespürt haben, dass es dort Familien­beziehungen und Gefühle gab, die Sie zuvor nie gesehen oder gefühlt hatten?»

«Nein, ich war zu jung, um das wahrzunehmen.»

«Aber Sie haben die wunderschöne Einrichtung bemerkt?»

«Ja! Sehen Sie das?», sagt Izidor und hebt einen Wand­teppich, auf den burgunder­rote Rosen auf einem dunklen Hinter­grund aus Blättern gewebt sind. «Der ist praktisch identisch mit dem bei Onisa. Genau deshalb habe ich ihn in Rumänien gekauft!»

«All diese Dinge …?» Ich zeige darauf.

«Ja.»

«Aber nicht, weil sie für Sie ‹Familie› bedeuten?»

«Nein, aber sie bedeuten ‹Frieden› für mich. Es war das erste Mal, dass ich in einem richtigen Zuhause schlief. Viele Jahre lang dachte ich: Warum kann ich kein solches Zuhause haben?»

Jetzt hat er es. Aber er weiss, dass Teile fehlen – egal, wie viele Schnaps­gläser er noch sammelt.

Im Westen wurden die Missstände in Rumänien bekannt, Marlys und Danny machten sich auf den Weg

In den frühen 1990ern lebten Danny und Marlys Ruckel mit ihren drei kleinen Töchtern in einer Eigentums­wohnung in San Diego. Sie fanden, es wäre schön, wenn ein Junge dazukäme. John Upton, ein unabhängiger Filmemacher aus der Gegend, organisierte die Adoptionen von rumänischen Waisen­kindern. Marlys rief ihn an und sagte, dass sie gern einen kleinen Jungen adoptieren würden. «Es gibt dort Tausende von Kindern», antwortete Upton. «Das wird einfach sein.»

Marlys lacht. «Nicht viel davon stimmte», sagt sie. Wir sitzen im Wohn­zimmer eines mit weissem Stuck verzierten Hauses im südkalifornischen Temecula, einem Ort zwischen Los Angeles und San Diego, umgeben von Weinreben. Kinder und Hunde poltern an dem grellheissen Tag herein und hinaus (die Ruckels haben in den letzten Jahren fünf Pflege­kinder adoptiert). Marlys, die heute als Mentorin für Erwachsene mit Beeinträchtigungen arbeitet, wirkt schüchtern hinter grossen Brillen­gläsern und einem Vorhang aus langen Haaren. Aber manchmal hat sie mutige Ausbrüche. Danny, ein Programmierer, ist ein entspannter Typ. Marlys beschreibt sich selbst als häuslichen Menschen, aber es gab eine Zeit, als sie für zwei Monate nach Rumänien zog, um zu versuchen, einen Jungen zu adoptieren, den sie in einem Video gesehen hatte.

Geschockt vom Dokumentarfilm «Shame of a Nation», war Filmemacher Upton vier Tage nach der Ausstrahlung nach Rumänien geflogen und zum schlimmsten Ort in der Sendung gefahren, dem Heim für verlorene Kinder in Sighetu Marmaţiei. Er kehrte mehrmals dorthin zurück, 2013 kam Upton bei einem Nachbarschaftsstreit ums Leben.

Bei einem seiner Besuche in Rumänien versammelte Upton ein paar Kinder in einem leeren Raum, um sie für mögliche Adoptiv­eltern zu filmen. Sein Video zeigte die Kinder nicht nackt zusammen­gepfercht «wie kleine Reptilien in einem Aquarium», wie er es beschrieben hatte, sondern als Menschen, mit Kleidern und Sprache.

In der Zwischenzeit waren Sachspenden von Hilfs­organisationen auf der ganzen Welt eingegangen. Bei den Kindern kam wenig an, weil die Angestellten sich die besten Sachen heraus­griffen, aber an jenem Tag hatten die Betreuerinnen den Kindern aus Respekt vor dem Amerikaner, der zu Besuch war, gespendete Pullover angezogen. Obwohl die Kinder begeistert schienen, im Mittel­punkt zu stehen, fanden Upton und sein rumänischer Assistent alles mühsam. Manche Kinder sprachen gar nicht, und andere konnten nicht aufrecht stehen oder sich still halten. Als die Filmemacher nach den Namen der Kinder fragten, zuckten die Betreuerinnen mit den Schultern.

An einem Ende einer Holzbank sass ein Junge von der Grösse eines Sechsjährigen – im Alter von zehn Jahren wog Izidor etwa 25 Kilo. Upton war der erste Amerikaner, den er je gesehen hatte. Izidor kannte Amerikaner aus der Fernseh­sendung «Dallas». Eines Tages war ein gespendeter Fernseher angekommen, und er hatte sich dafür eingesetzt, dass zumindest dieser eine Gegenstand im Kranken­haus verblieb. Der Direktor hatte eingewilligt. Sonntagabends um 20 Uhr versammelten sich die Kinder, die laufen konnten, die Betreuerinnen und Arbeiter aus anderen Stockwerken, um gemeinsam «Dallas» zu schauen. Als sich an jenem Tag Gerüchte die Treppe hinauf verbreiteten, dass ein Amerikaner angekommen sei, war die Reaktion im Waisen­haus: Mein Gott, jemand aus dem Land der riesigen Häuser!

Izidor wusste Dinge, die die Betreuerinnen nicht wussten. Er erzählt: «John Upton fragte ein Kind: ‹Wie alt bist du?› Und das Kind sagte: ‹Ich weiss es nicht›, und die Betreuerin sagte: ‹Ich weiss es nicht›, und ich rief: ‹Er ist vierzehn!› Er fragte bei einem anderen Kind: ‹Wie heisst er mit Nachnamen?›, und ich rief: ‹Dumka!›»

«Izidor kennt die Kinder hier besser als die Angestellten», schimpft Upton in einem der Videos. Bevor er die Versammlung beendet, hebt er Izidor auf seinen Schoss und fragt ihn, ob er nach Amerika will. Izidor sagt, er wolle.

Zurück in San Diego erzählte Upton den Ruckels von dem, wie er sagte, etwa siebenjährigen intelligenten Jungen, der hoffte, in die Vereinigten Staaten zu kommen. «Wir hatten ein Baby adoptieren wollen», sagt Marlys. «Dann sahen wir Johns Video und verliebten uns in Izidor.»

Im Mai 1991 flog Marlys nach Rumänien, um den Jungen zu treffen und zu versuchen, ihn zu sich nach Hause zu holen. Kurz vor der Reise erfuhr sie, dass Izidor fast elf war, davon liess sie sich nicht abschrecken. Sie reiste zusammen mit einer neuen Freundin, Debbie Principe, für die Upton ebenfalls ein Kind gefunden hatte. Im Büro des Heim­direktors wartete Marlys darauf, Izidor zu treffen, und Debbie wartete darauf, ein kleines blondes Energie­bündel namens Ciprian zu treffen.

«Als Izidor hereinkam», sagt Marlys, «sah ich nur ihn, alles andere war verschwommen. Er war so schön, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Unsere Übersetzerin fragte ihn, welche von den Besucherinnen im Büro seine neue Mutter werden solle, und er zeigte auf mich!»

Izidor hatte eine Frage für die Übersetzerin: «Wo werde ich leben? Ist es wie bei ‹Dallas›?»

«Nun … nein», antwortete Marlys, «wir wohnen in einem Wohnhaus, in einer Wohnung. Aber du wirst drei Schwestern haben. Du wirst sie lieben.»

Dieser Deal schien Izidor nicht gerade zu begeistern. Trocken antwortete er der Übersetzerin: «Wir werden sehen.»

An jenem Abend freute sich Marlys, welch Engel Izidor war.

«Dann will ich sie als meine Mutter haben»: Izidor trifft erstmals Marlys Ruckel (links, mit einer Pflegerin des Heims). Marlys Ruckel

Debbie lachte. «Er schien mir eher wie ein kühler, gerissener Kerl, ein cleverer Politikertyp», sagte sie zu Marlys. «Er hatte viel mehr alles im Griff, anders als Chippy.» Ciprian hatte die Zeit im Büro damit verbracht, wild alles zu durchwühlen, auch die Schreibtisch­schubladen und die Hosen­taschen aller Anwesenden.

«Nein, er ist ein Unschuldiger. Er ist bezaubernd», sagte Marlys. «Hast du gesehen, wie er mich als seine Mutter ausgesucht hat?»

Jahre später, in seinen Memoiren, erzählte Izidor diesen Moment:

Marlys war die grosse Amerikanerin und Debbie die kleine Amerikanerin … «Roxana, welche wird meine neue Mutter sein?», fragte ich (die Übersetzerin).

«Welche möchtest du als deine Mutter haben?»

«Welche ist meine Mutter?», wollte ich noch einmal wissen.

«Die grosse Amerikanerin», antwortete sie.

«Dann will ich sie als meine Mutter haben», sagte ich.

Als ich auf Marlys zeigte, fing sie an zu weinen, voller Freude, dass ich sie gewählt hatte.

Der Kinderarzt und Neurowissenschaftler Charles A. Nelson ist bekannt dafür, gesellig und freundlich zu sein, er hat gewellte, graublonde Haare und einen Schnurrbart. Im Herbst 2000 startete er gemeinsam mit seinen Kollegen Nathan A. Fox, Professor für menschliche Entwicklung an der University of Maryland, und Charles H. Zeanah, Kinderpsychiatrie-Professor an der medizinischen Fakultät der Tulane University, das Bucharest Early Intervention Project (BEIP). Sie hatten die Erlaubnis, mit 136 Kindern zwischen sechs Monaten und zweieinhalb Jahren aus sechs leagãne, Baby-Anstalten, in Bukarest zu arbeiten. Keine davon war ein Heim für verlorene Kinder wie das von Izidor; sie waren etwas besser ausgestattet, auch was das Personal betrifft.

Geplant war, dass 68 der Kinder weiterhin die «übliche Pflege» erhielten, während die anderen 68 zu Pflege­familien kamen, die das BEIP angeworben und ausgebildet hatte. (Rumänien hatte keine Tradition der Pflege­unterbringung; die Polit­funktionäre waren der Meinung, Waisen­häuser seien für Kinder sicherer.) Einheimische Kinder, deren Eltern freiwillig teilnahmen, bildeten eine dritte Gruppe. Die BEIP-Studie wurde die erste randomisierte kontrollierte Studie, die den Einfluss von früher Institutionalisierung auf die Entwicklung von Gehirn und Verhalten erhob – und hochwertige Pflege­unterbringung als Alternative untersuchte.

Zu Beginn wendeten die Forscher den klassischen «Fremde-Situation-Test» der Entwicklungs­psychologin Mary Ainsworth an, um die Qualität der Bindung zwischen den Kindern und ihren Betreuungs­personen oder Eltern zu bewerten. In einer typischen Anordnung kommt ein Baby zwischen neun und achtzehn Monaten mit seiner «Bindungs­person» in ein unbekanntes Spielzimmer und erlebt einige zunehmend beunruhigende Ereignisse. Wie zum Beispiel die Ankunft einer fremden Person und den Weggang seiner erwachsenen Bezugs­person, während die Forschenden das Verhalten des Babys hinter einem Einweg­spiegel beurteilen. «Unsere Beurteiler, die den Hinter­grund des Kindes nicht kannten, sahen bei 100 Prozent der Kinder, die im Ort lebten, voll entwickelte Bindungen zu ihren Müttern», sagte Zeanah. «Bei den Kindern aus den Heimen waren es gerade mal 3 Prozent.»

Fast zwei Drittel der Kinder wurden als «desorganisiert» eingestuft, was bedeutet, dass sie wider­sprüchliches, unzusammen­hängendes Verhalten zeigten, etwa erstarrten oder plötzlich die Richtung wechselten, nachdem sie auf die erwachsene Person zugegangen waren. Dieses Muster hat den deutlichsten Bezug zu späterer Psycho­pathologie. Noch verstörender sei gewesen, erzählte Zeanah, dass 13 Prozent als «nicht klassifiziert» gegolten hätten, was bedeutet, dass sie gar kein Bindungs­verhalten zeigten. «Ainsworth und Bowlby glaubten, dass Kleinkinder sich auch dann an Erwachsene binden, wenn die Person sich missbräuchlich verhält», sagte Zeanah. «Sie hatten die Möglichkeit von Kleinkindern ohne Bindung gar nicht in Erwägung gezogen.»

Bis zum Bukarest-Projekt, sagte Kinderpsychiatrie-Professor Zeanah, habe er nicht realisiert, dass die Suche nach Trost in der Not ein erlerntes Verhalten ist. «Diese Kinder hatten keine Ahnung, dass eine erwachsene Person dafür sorgen könnte, dass sie sich besser fühlen», sagte er. «Stellen Sie sich vor, wie sich das anfühlen muss – unglücklich zu sein und nicht einmal zu wissen, dass ein anderer Mensch dagegen helfen kann.»

Als Izidor im Auto angeschnallt wird, bricht die nackte Panik aus

Im Oktober 1991 flogen Izidor und Ciprian mit rumänischen Begleit­personen nach San Diego, Kalifornien. Die neuen Familien der Jungen warteten am Flughafen, um sie zu begrüssen, zusammen mit Upton und bereits zuvor adoptierten rumänischen Kindern – eine kleine Gruppe mit Ballons und Schildern, die jubelte und winkte. Izidor schaute sich zufrieden im Terminal um. «Wo ist mein Zimmer?», fragte er. Als Marlys ihm sagte, dass sie in einem Flughafen seien und nicht in seinem neuen Zuhause, war Izidor überrascht. Obwohl sie ihm erklärt hatte, dass die Ruckels nicht wie die Ewings in «Dallas» lebten, hatte er ihr nicht geglaubt. Er hatte die Ankunfts­halle für sein neues Wohn­zimmer gehalten.

Lächeln fürs Familienalbum: Izidor fotografiert Marlys am San Diego Airport. Thomas Szalay

Eine Siebzehn­jährige aus dem Waisenhaus, Izabela, war Teil des Empfangs­komitees am Flughafen. Sie war mit einem Wasser­kopf auf die Welt gekommen und konnte nicht laufen, weil sie ihr ganzes Leben in einem Gitterbett verbracht hatte. Sie sass im Rollstuhl, schön angezogen und hübsch anzusehen. Upton hatte sie bei einer früheren Reise gerettet, sie hatte aus humanitären, medizinischen Gründen in die Vereinigten Staaten einreisen können und lebte als Pflege­kind bei den Ruckels.

Izidor war überrascht, Izabela zu sehen. «Wer ist deine Mutter?»

«Meine Mutter ist deine Mutter, Izidor.»

«Das gefiel mir nicht», erinnert er sich. Um sicher­zugehen, dass er es richtig verstanden hatte, fragte er noch einmal: «Wer ist deine Mutter hier in Amerika?»

«Izidor, du und ich, wir haben dieselbe Mutter», sagte sie und zeigte auf Marlys.

Nun musste er sich also an vier Schwestern gewöhnen.

Als Danny im Auto versuchte, den Gurt um Izidors Taille zu schliessen, bäumte er sich auf und schrie; er fürchtete, festgebunden zu werden.

Marlys unterrichtete die Mädchen zu Hause, aber Izidor bestand darauf, in der vierten Klasse der örtlichen Schule anzufangen. Er lernte schnell Englisch. Seine Fähigkeit, die Atmosphäre in einem Raum zu erfassen, kam ihm bei den Lehr­personen zugute, aber zu Hause schien er ständig gereizt. Immer wieder war er plötzlich beleidigt, stürmte in sein Zimmer und nahm alles auseinander. «Er zerriss Bücher, Plakate, Familien­fotos», erzählt Marlys, «und dann stand er auf dem Balkon und liess die Teile in den Garten rieseln. Wenn ich eine Stunde wegmusste, waren bei meiner Rückkehr alle völlig aus dem Häuschen: ‹Er hat dies gemacht, er hat das gemacht.› Er mochte die Mädchen nicht.»

Marlys und Danny hatten gehofft, das Einbinden eines weiteren Kindes würde noch mehr Freude und Glück in die Familie bringen. Aber das neueste Familien­mitglied lachte fast nie. Er mochte es nicht, berührt zu werden. Er war wachsam, verletzt, stolz. «Im Alter von etwa vierzehn war er wütend auf alles», erzählt Marlys. «Er beschloss, Präsident von Amerika zu werden, wenn er gross sei. Als er erfuhr, dass das nicht möglich war, weil er in einem anderen Land geboren war, sagte er: ‹Gut, dann gehe ich zurück nach Rumänien.› Damals fing es an – sein Plan, nach Rumänien zurück­zukehren. Wir dachten, es wäre gut für ihn, einen Plan, ein Ziel zu haben, also sagten wir: Klar, such dir einen Job, spar dein Geld, und wenn du achtzehn bist, kannst du zurück nach Rumänien ziehen.» Izidor arbeitete nun jeden Tag nach der Schule in einem Fast-Food-Restaurant.

«Das waren schwierige Jahre. Ich ging wie auf Eiern, versuchte ihn nicht zu verärgern. Die Mädchen waren völlig am Ende. Sie waren wütend auf mich. Nicht weil ich Izidor in die Familie gebracht hatte, sondern weil ich so … so unter seinem Pantoffel stand. Sie sagten: ‹Mom, du versuchst immer nur, ihn zu heilen!› Ich war so darauf konzentriert, ihm dabei zu helfen, sich einzuleben, dass ich aus dem Blick verlor, dass die anderen Kinder mit einem Bruchteil meiner Zeit auskommen mussten.»

Gemeinsam mit Ehemann Danny versuchte sie, ihn in Therapie zu schicken, aber er weigerte sich, noch einmal hinzugehen. Er habe ihnen gesagt, er brauche keine Therapie, «ihr braucht eine Therapie. Warum geht ihr nicht hin? Also taten wir das. Er sagte: ‹Mir gehts gut, wenn niemand im Haus ist.› Wir sagten: ‹Aber Izidor, es ist unser Haus.›»

Vernachlässigte Kinder können gerettet werden. Aber der Zeit­punkt ist entscheidend

Bereits 2003 war den Wissenschaftlerinnen des BEIP und ihren rumänischen Forschungs­partnern klar, dass die Kinder in Pflege­familien Fortschritte machten. In den Daten habe sich ein kritischer Zeitraum von 24 Monaten abgezeichnet, der entscheidend dafür gewesen sei, dass ein Kind eine Bindung zu einer Betreuungs­person aufgebaut habe, sagt Zeanah. Kinder, die vor ihrem zweiten Geburtstag aus einem Waisen­haus genommen wurden, profitierten weit mehr davon, bei Familien zu leben, als jene, die länger blieben. «Wenn man eine Studie durchführt und die ersten Anzeichen darauf hindeuten, dass die Inter­vention wirksam ist, muss man fragen: Hören wir jetzt auf, und stellen wir das Medikament allen zur Verfügung?», sagt Zeanah. «Für uns war das ‹wirksame Medikament› die Pflege­unterbringung, aber wir konnten kein nationales System mit Pflege­familien aufbauen.» Stattdessen verkündeten die Forschenden ihre Ergebnisse öffentlich, und im Jahr darauf verbot die rumänische Regierung die Institutionalisierung von Kindern unter zwei Jahren. Seit damals hat sie das Mindest­alter auf sieben Jahre herauf­gesetzt, und die staatlich geförderte Pflege­unterbringung wurde stark ausgebaut.

Währenddessen ging die Studie weiter. Als die Kinder mit dreieinhalb Jahren erneut in einem Spielzimmer mit dem «Fremde-Situation-Test» beurteilt wurden, kletterte der Anteil jener, die eine sichere Bindung zeigten, unter den Pflege­kindern von 3 Prozent bei Beginn auf fast 50 Prozent, aber auf nur 18 Prozent bei den Kindern, die in Institutionen verblieben waren – und auch hier ging es den Kindern, die vor ihrem zweiten Geburtstag in Pflege gekommen waren, am besten. «Der Zeitpunkt ist entscheidend», schrieben die Forschenden. Die neuronale Plastizität sei nicht «unbegrenzt», warnten sie. «Früher ist besser.»

Der Nutzen für die Kinder, die sichere Bindungen aufgebaut hatten, wurde im Laufe der Zeit grösser. Im Alter von viereinhalb Jahren hatten sie erheblich niedrigere Anteile an Depressionen und Ängsten und weniger «emotionslose Eigenschaften» (begrenzte Empathie, Fehlen von Schuld­gefühl, geringe Gemüts­bewegungen) als Gleichaltrige, die noch in Anstalten lebten. Bei etwa 40 Prozent der an der Studie beteiligten Teenager, die in Waisen­häusern gelebt hatten, wurde schliesslich sogar eine schwere psychiatrische Erkrankung diagnostiziert. Sie waren im Wachstum zurück­geblieben, und ihre motorischen Fertigkeiten und ihre Sprach­entwicklung waren verzögert. MRT-Studien zeigten, dass das Hirnvolumen der Kinder, die noch in Anstalten waren, unter jenem von den Kindern lag, die nie institutionalisiert wurden, und ihre Hirnstrom­messungen zeigten viel weniger Aktivität.

«Wenn man sich das Gehirn wie eine Glühbirne vorstellt», sagte Kinderarzt und Neurowissenschaftler Charles Nelson, «dann ist es, als gäbe es einen Dimmer, der eine 100-Watt-Birne auf 30 Watt reduziert hat.»

Laut der Entwicklungstheorie bindet sich ein Baby nur an eine kleine Anzahl Erwachsener, weil es der effizienteste Weg ist, Hilfe zu bekommen. «Wenn es viele Bindungs­personen gäbe und Gefahr drohte, wüsste das Kleinkind nicht, an wen es das Signal senden soll», erklärt Martha Pott, Hochschul­dozentin für kindliche Entwicklung an der Tufts University. Ungebundene Kinder sehen überall Bedrohungen, eine These, die aus den Hirnstudien entstand. Überflutet von Stress­hormonen wie Cortisol und Adrenalin, schien die Amygdala – der Teil des Gehirns, der hauptsächlich Angst und Gefühle verarbeitet – bei den noch institutionalisierten Kindern Mehrarbeit zu leisten.

Der Vergleich von Daten aus Waisen­häusern auf der ganzen Welt zeigt den tief reichenden Einfluss, den die Institutionalisierung auch im besten Fall auf die sozial-emotionale Entwicklung hat. «In den Sechziger­jahren gab es in Englands Kinder­heimen eine angemessene Anzahl von Betreuungs­personen, und die Kinder waren materiell gut versorgt. Ihr IQ war, wenn auch niedriger als der von Kindern in Familien, im Normal­bereich, um die 90», sagt Zeanah. «In jüngerer Zeit war das Betreuungs­person-Kind-Verhältnis in griechischen Waisen­häusern nicht so gut, und sie waren auch materiell nicht so gut ausgestattet. Jene Kinder hatten einen IQ, der im unteren Normal­bereich lag. Und dann, in Rumänien, haben wir unsere Kinder mit wirklich riesigen Defiziten. Aber hier ist das Bemerkens­werte: In all diesen Verhältnissen sind die Bindungs­beeinträchtigungen ähnlich.»

All die Zuneigung der Eltern, der Schwestern, und er kann nichts damit anfangen

Als die Kinder bei der Bukarest-Studie acht Jahre alt waren, arrangierten die Forschenden Spiel­treffen. Sie wollten damit herausfinden, inwiefern frühe Bindungsbeeinträchtigungen die spätere Fähigkeit eines Kindes blockieren, mit Gleich­altrigen zu interagieren. In einem Video davon kommen zwei Jungen, die sich nicht kennen, in ein Spielzimmer. Innerhalb von Sekunden läuft alles aus dem Ruder. Ein Junge mit einem weissen Rollkragen­pullover nimmt begierig die Hand des anderen Jungen und kaut daran. Dieser Junge, in einem gestreiften Pullover, reisst seine Hand weg und schaut, ob Zahnspuren daran sind. Die Wissenschaftlerin bietet ein Spielzeug an, aber der Junge in Weiss ist damit beschäftigt, das andere Kind an der Hand zu halten oder ihn an den Handgelenken zu packen oder ihn zu umarmen, als versuche er, einen riesigen Teddybär zu tragen. Er versucht den Tisch umzukippen. Der andere Junge macht einen halbherzigen Versuch, den Tisch zu retten und lässt ihn dann fallen. Man meint geradezu, ihn denken zu hören: Der ist komisch, kann ich jetzt nach Hause gehen?

Der Junge mit dem weissen Rollkragen­pullover lebte in einer Anstalt, der Junge im gestreiften Pullover war ein Kind aus der Nachbarschaft.

Der Neurowissenschaftler Nelson beschwichtigt, dass die Tür nicht «zuschlägt» für Kinder, die nach 24 Monaten noch immer in einer Institution leben. «Aber je länger damit gewartet wird, die Kinder in einer Familie unterzubringen», sagt er, «desto schwieriger wird es, sie wieder auf ein ausgeglichenes Level zu bekommen.»

«Jedes Mal, wenn wir uns wieder stritten», erinnert sich Izidor, «wollte ich, dass einer von ihnen sagt: ‹Izidor, wir wünschten, wir hätten dich nie adoptiert, und wir schicken dich zurück ins Krankenhaus.› Aber sie sagten es nicht.»

Die Freiheit, die Izidor auf dem T-Shirt preist, war auch mit Regeln und Grenzen verbunden: Mit Danny Ruckel auf dem Heimweg vom Flughafen. Thomas Szalay

Er war nicht in der Lage, die Zuwendung seiner Familie zu verarbeiten, und wollte einfach wissen, woran er war. Es war einfacher gewesen im Waisenhaus, wo man entweder geschlagen wurde oder nicht. «Ich kam besser damit zurecht, verprügelt zu werden», erzählt mir Izidor. «In Amerika hatten sie ‹Regeln› und ‹Konsequenzen›. So viel Gerede. Ich hasste den Ausdruck ‹Lass uns darüber reden›. Als Kind hatte ich nie Sätze gehört wie ‹Du bist besonders› oder ‹Du bist unser Kind›. Wenn einem später deine Adoptiv­eltern so etwas sagen, denkst du: Okay, wie auch immer, danke. Ich weiss noch nicht einmal, wovon du redest. Ich weiss nicht, was du von mir willst oder was ich für dich tun soll.» Wenn er auf sein Zimmer geschickt wurde, weil er ungezogen gewesen war oder geflucht hatte oder gemein zu den Mädchen gewesen war, stampfte Izidor die Treppe hinauf und liess laut rumänische Musik laufen; oder er schlug von innen mit den Fäusten oder einem Schuh gegen seine Tür.

Marlys gab sich selbst die Schuld. «Er sagte, dass er zurück zu seiner ersten Mutter wolle, einer Frau, die ihn noch nicht einmal gewollt hatte, einer Frau, an die er sich nicht erinnerte. Als ich mit ihm zur Bank ging, um sein Sparkonto zu eröffnen, fragte der Bank­angestellte, der das Formular ausfüllte, wie der Mädchen­name seiner Mutter laute. Ich öffnete den Mund, um zu antworten, aber er sagte sofort ‹Maria›. Das ist der Name seiner biologischen Mutter. Ich weiss, es ist wahrscheinlich dumm, dass mich das verletzte.»

Eines Abends, Izidor war sechzehn, machte ein Wutausbruch von ihm Marlys und Danny so Angst, dass sie die Polizei riefen. «Ich bringe euch um!», hatte er geschrien. Nachdem ein Polizei­beamter Izidor zum Polizeiauto begleitet hatte, bestand er darauf, dass seine Eltern ihn «misshandelten».

«Um Himmels willen!», sagte Danny, als der Polizist zurückkam und ihm mitteilte, was Izidor gesagt hatte.

«Toll», sagte Marlys. «Hat er zufällig erwähnt, wie wir ihn misshandeln?»

Der Beamte ging zum Auto und fragte: «Wie misshandeln dich deine Eltern?»

«Ich gehe arbeiten, und sie nehmen mir all mein Geld», brüllte Izidor. Im Haus durchsuchte der Beamte Izidors Zimmer und fand sein Sparbuch. «Wir können ihn nicht mitnehmen», sagte der Polizist den Ruckels. «Er ist wütend, aber hier ist alles in Ordnung. Ich schlage vor, dass Sie heute Abend Ihre Schlafzimmertür abschliessen.»

Und wieder kam ihnen der Gedanke: Aber es ist unser Haus.

Und immer wieder der dringende Wunsch, nach Rumänien zurückzugehen

Am nächsten Morgen boten Marlys und Danny Izidor an, ihn zur Schule zu fahren. Stattdessen fuhren sie ihn direkt zu einer psychiatrischen Klinik. «Wir konnten es uns nicht leisten, aber wir machten einen Rundgang, und es ängstigte ihn», erzählt Marlys. «Er sagte: ‹Lasst mich nicht hier! Ich werde eure Regeln befolgen. Schickt mich nicht hierher!› Zurück im Auto sagten wir: ‹Hör zu, Izidor, du musst uns nicht lieben, aber du musst sicher sein, und wir müssen sicher sein. Du kannst zu Hause wohnen, arbeiten und zur Schule gehen, bis du achtzehn bist. Wir lieben dich.›» Dann fügt Marlys an: «Aber weisst du, das sentimentale Zeugs zog bei ihm nicht.»

Nach den Regeln zu leben, funktionierte nicht lange. Eines Nachts blieb Izidor bis zwei Uhr morgens weg und fand das Haus verschlossen vor. Er hämmerte an die Tür. Marlys öffnete sie einen Spalt breit. «Deine Sachen sind in der Garage», sagte sie.

Izidor wohnte nach dieser Nacht nie mehr zu Hause. Er zog mit ein paar Jungs zusammen, die er kannte; ihre Gleichgültigkeit passte ihm. «Er betrank sich und rief uns mitten in der Nacht an, und seine Freunde sprachen ins Telefon und sagten vulgäre Sachen über unsere Töchter», sagt Marlys. «Es war zugegebener­massen endlich friedlich in unserem Haus – aber ich machte mir Sorgen um ihn.»

An Izidors achtzehntem Geburtstag buk Marlys einen Kuchen und packte sein Geschenk ein, ein Fotoalbum, das ihr gemeinsames Leben dokumentierte: sein erster Tag in Amerika, sein erster Zahnarzt­termin, sein erster Job, seine erste Rasur. Sie brachte die Geschenke zu dem Haus, von dem sie gehört hatte, dass ihr Sohn dort wohnte. Die Person, die zur Tür kam, versprach, sie Izidor zu geben, wenn er zurückkam. «Mitten in der Nacht», sagt Marlys, «hörten wir ein Auto durch die Sackgasse quietschen, dann einen dumpfen Schlag gegen die Eingangs­tür, und das Auto fuhr wieder weg. Ich ging nach unten und öffnete die Tür. Es war das Fotoalbum.»

Mit zwanzig, im Jahr 2001, verspürte Izidor ein dringendes Bedürfnis, nach Rumänien zurückzukehren. Weil ihm das Geld fehlte, schrieb er Briefe an TV-Sender und pries die exklusive Geschichte eines rumänischen Waisen­jungen an, der seine erste Reise zurück in sein Heimatland macht. Die Sendung «20/20» ging darauf ein – dieselbe Show, die damals «Shame of a Nation» gemacht hatte. Am 25. März 2001 traf ihn eine Filmcrew am Flughafen von Los Angeles. Wer auch kam, waren die Ruckels.

«Ich dachte: Das wars, ich werde ihn nie wiedersehen», sagt Marlys. «Ich umarmte und küsste ihn, ob er wollte oder nicht. Ich sagte ihm: Du wirst immer unser Sohn bleiben, und wir werden dich immer lieben.»

Sie haben durchgehalten: Marlys and Danny Ruckel in ihrem Heim in Temecula, Kalifornien. Ryan Pfluger

Izidor zeigte den Ruckels sein Portemonnaie, in das er zwei Familien­fotos gesteckt hatte. Er sagte: «Falls ich beschliesse, dort zu bleiben, habe ich etwas, womit ich mich an euch erinnern kann.» Obwohl er es nett meinte, erschauerte Marlys ob der Leichtigkeit, mit der Izidor ihr Leben zu verlassen schien.

In Rumänien nahmen die «20/20»-Produzentinnen Izidor mit zu seinem alten Waisenhaus, wo er gefeiert wurde wie ein zurück­gekehrter Prinz. Dann legten sie vor laufenden Kameras offen, dass sie seine Herkunfts­familie ausserhalb eines Bauerndorfes drei Stunden entfernt gefunden hatten. Sie fuhren durch eine verschneite Landschaft und hielten auf einem Feld an. Eine Einzimmerhütte stand auf einer baumlosen Schlamm­fläche. In einem weissen Hemd, in Anzugs­hose und mit Krawatte hinkte Izidor über den durchweichten, unebenen Boden. Er zitterte. Ein schmal­gesichtiger Mann kam aus der Hütte und lief über das Feld auf ihn zu. Seltsamer­weise gingen sie aneinander vorbei wie zwei Fremde auf einem Bürgersteig. «Ce mai faci?», nuschelte der Mann, als er vorbei­ging, wie geht es Ihnen?

«Bun», murmelte Izidor. Gut.

Es war Izidors Vater, der Mann, nach dem er benannt worden war. Zwei junge Frauen eilten aus der Hütte und begrüssten Izidor mit Küssen auf jede Wange; es waren seine Schwestern. Schliesslich gab sich eine kleine, schwarzhaarige Frau, die noch keine fünfzig war, als Maria zu erkennen – seine Mutter – und wollte ihn umarmen. Plötzlich wurde Izidor wütend, er wich aus. Wie kann ich jemanden begrüssen, den ich kaum kenne? Das habe er gedacht, sagt er in der Erinnerung. Sie kreuzte die Hände vor der Brust und fing an zu jammern: «Fiul meu! Fiul meu!» Mein Sohn! Mein Sohn!

Dann kam die Erschöpfung, er musste diese Leute so schnell wie möglich verlassen

Das Haus hatte einen Lehmboden, eine Öllampe warf mattes Licht. Es gab keinen Strom, kein fliessendes Wasser. Die Familie bot Izidor den besten Platz im Haus an, einen Hocker. «Warum bin ich damals überhaupt ins Kranken­haus gekommen?», fragte er.

«Du warst sechs Wochen alt, als du krank wurdest», sagte Maria. «Wir brachten dich zum Arzt, um zu sehen, was dir fehlte. Deine Grosseltern sahen ein paar Wochen später nach dir, aber etwas war mit deinem rechten Bein nicht in Ordnung. Wir baten den Arzt, dein Bein zu richten, aber niemand half uns. Also brachten wir dich zum Kranken­haus in Sighetu Marmaţiei und liessen dich dort.»

«Warum hat mich elf Jahre lang niemand besucht? Ich hing dort fest und niemand sagte mir, dass ich Eltern habe.»

«Dein Vater hatte keine Arbeit. Ich habe mich um die anderen Kinder gekümmert. Wir konnten es uns nicht leisten, dich zu besuchen.»

«Wisst ihr, dass es die Hölle auf Erden war, im Cămin Spital zu leben?»

«Mein Herz», rief Maria. «Du musst verstehen, dass wir arme Leute sind, wir zogen von einem Ort zum anderen.»

Aufgewühlt, kaum imstande, Luft zu holen, stand Izidor auf und ging hinaus. Seine rumänische Familie lud ihn ein, ein paar Bilder seiner älteren Geschwister anzuschauen, die bereits ausgezogen waren, und er zeigte ihnen sein Fotoalbum: hier ein sonnen­beschienener, grinsender Izidor am Schwimm­becken, mit Medaillen von einem Schwimm­wettbewerb. Hier die Ruckels am Strand in Oceanside, Kalifornien. Hier an einem Picknick­tisch in einem grünen Park. Die Rumänen blätterten die glänzenden Seiten wortlos um. Als die Kameras ausgeschaltet worden seien, erzählt mir Izidor, habe Maria gefragt, ob die Ruckels ihm wehgetan hätten oder ihn hätten betteln lassen. Er versicherte ihr, dass keines von beidem der Fall gewesen sei.

«Du siehst dünn aus», sprach Maria weiter. «Zieh bei uns ein. Ich werde mich um dich kümmern.» Dann quetschte sie ihn zu Einzelheiten über seinen Job und die Löhne in Amerika aus und fragte, ob er der Familie ein neues Haus bauen wolle. Nach drei Stunden war Izidor erschöpft und wollte dringend gehen. «Er rief mich aus Bukarest an», sagt Marlys, «und er sagte: ‹Ich muss nach Hause. Hol mich hier raus. Diese Leute sind schrecklich.›»

«Meine Herkunfts­familie machte mir Angst, vor allem Maria», sagt Izidor. «Ich hatte das Gefühl, dass ich dort in eine Falle geraten könnte.»

Ein paar Wochen später war er zurück in Temecula und arbeitete in einem Fast-Food-Restaurant. Aber plötzlich sehnte er sich wieder nach Rumänien. Es wurde ein Muster, rastlose Standort­wechsel auf der Suche nach einem Ort, der sich nach einem Zuhause anfühlte.

Freunde erzählten ihm, es gebe Jobs in Denver, also beschloss er, nach Colorado zu ziehen. Danny und Marlys besuchen ihn dort und begleiteten ihn auf Reisen nach Rumänien. Es sei schwieriger für ihn, nach Hause nach Kalifornien zu kommen, sagt Marlys. «Thanksgiving, Weihnachten – das ist zu viel für ihn. Selbst als er allein in der Nähe wohnte, konnte er schlecht mit Feiertagen umgehen. Er hatte immer eine Ausrede wie ‹Ich muss den Pizzateig machen›. Wenn unsere ganze Familie hier ist und jemand fragt, ob Izidor auch kommt, sagt immer jemand: ‹Nein, er macht den Pizzateig.›»

Der Neuropsychologe Ron Federici ist ein weiterer Experte für kindliche Entwicklung der ersten Welle, der die Anstalten für die «Unrettbaren» besuchte. Heute ist er einer der weltweit führenden Spezialisten, der sich um Kinder kümmert, die institutionalisiert waren und im Westen adoptiert wurden. «In den Anfangs­jahren waren alle idealistisch», sagt Federici. «Sie dachten, liebende, fürsorgliche Familien könnten diese Kinder heilen. Ich warnte sie: Diese Kinder werden euch an die Grenzen eurer Belastbarkeit bringen. Lernt, mit Kindern mit besonderem Förder­bedarf zu arbeiten. Richtet ihre Zimmer spartanisch und einfach ein. Sag ihnen anstatt ‹Ich liebe dich› einfach: ‹Du bist sicher.›»

Aber die meisten neuen oder angehenden Eltern konnten es nicht ertragen, Federici zuzuhören, und die Adoptions­agenturen, die über Nacht in Rumänien aus dem Boden geschossen waren, vermittelten keine so düsteren Botschaften. «Ich bekam viele Drohbriefe», sagt Federici. «Sie sind kalt! Die Kinder brauchen Liebe! Sie müssen umarmt werden!» Aber dem früheren Marine­soldaten, dem einst von vielen Seiten vorgeworfen wurde, zu pessimistisch angesichts der Zukunft der Kinder zu sein, wird heute Voraussicht attestiert.

Federici und seine Frau adoptierten selbst acht Kinder aus brutalen Anstalten: drei aus Russland und fünf aus Rumänien, darunter drei Brüder im Alter von acht, zehn und zwölf. Die ältesten beiden wogen jeweils 15 Kilo und lagen wegen einer unbehandelten Bluterkrankheit und Hepatitis C im Sterben, als er sie aus der Eingangs­tür ihres Waisen­hauses trug. Das Paar brauchte zwei Jahre, um den jüngeren Bruder der Jungen in einem anderen Heim zu finden. Seit damals hat Federici in seiner Praxis im Norden von Virginia 9000 junge Menschen behandelt, fast ein Drittel von ihnen aus Rumänien. Er begleitet seine Patientinnen und Patienten über die Jahrzehnte und hat herausgefunden, dass 25 Prozent von ihnen Rund-um-die-Uhr-Betreuung brauchen, 55 Prozent «erhebliche» Einschränkungen haben, die mit Unter­stützung durch Erwachsene behandelt werden können, etwa 20 Prozent von ihnen können eigenständig leben.

Die erfolgreichsten Eltern, glaubt er, hätten sich darauf konzentrieren können, grundlegende Lebens­kompetenzen und angemessenes Verhalten zu vermitteln. «Die Ruckels sind ein gutes Beispiel – sie haben durchgehalten, und er kommt zurecht. Aber ich hatte gerade heute eine Familie. Ich kannte das Mädchen aus Rumänien seit Ewigkeiten, habe sie das erste Mal gesehen, als sie ein kleines Mädchen mit allen Aspekten posttraumatischen Stresses war: Angst, Unruhe, Unsicherheit, Depression. Sie ist jetzt zweiundzwanzig. Die Eltern sagten: ‹Wir sind fertig. Sie nimmt Drogen, Alkohol, verletzt sich selbst. Sie ist auf der Strasse.› Ich sagte: ‹Wir nehmen euch wieder ins Familien­programm auf.› Sie antworteten: ‹Nein, wir sind erschöpft, wir können uns keine Behandlung mehr leisten – es ist Zeit, uns auf unsere anderen Kinder zu konzentrieren.›»

Innerhalb seiner eigenen Familie sind Federici und seine Frau der ständige gesetzliche Vormund für vier seiner rumänischen Kinder, die jetzt alle erwachsen sind. Zwei von ihnen arbeiten, unter Aufsicht, für eine Stiftung, die er in Bukarest gegründet hat. Die anderen beiden leben bei ihren Eltern in Virginia. (Der Fünfte ist ein leuchtendes Beispiel für die glücklichen 20 Prozent – er ist Notfall­mediziner in Wisconsin.)

Seine beiden erwachsenen Söhne, die noch zu Hause leben, sind kognitiv beeinträchtigt, aber sie haben Jobs und sind laut Federici angenehm im Umgang. «Sie sind glücklich», sagt er und fügt selbst Fragen und Antworten an: «Sind sie zu hundert Prozent an uns gebunden? Ganz und gar nicht. Sind sie zufrieden mit der Familie? Ja. Können sie in der Welt funktionieren, mit anderen Menschen? Absolut.»

Dann sagt Federici: «Sie haben einen Weg gefunden – nicht um zu überwinden, was ihnen widerfahren ist, das kann man nicht wirklich überwinden. Aber man kann damit leben, ohne andere Menschen als Geisel zu nehmen.»

Als vor neun Jahren ein Baby in die Familie geboren wurde – das einzige leibliche Kind der Familie – sah Federici neue Verhaltens­weisen bei seinen älteren Kindern: «Für sie ist der Kleine ein Rockstar. Die grossen Brüder zu Hause sind so beschützend ihm gegenüber. In der Öffentlichkeit, in Restaurants darf ihm um Gottes willen niemand wehtun.» Es sei eine interessante Dynamik: Niemand habe sie in ihrer Kindheit beschützt, aber sie hätten sich zu seinen Bodyguards ernannt. «Er ist ihr kleiner Bruder», sagt Federici. «Er war mit ihnen in Rumänien. Ist das Liebe? Es ist irgendetwas. Sie sind mehr an ihn gebunden als an uns, was völlig in Ordnung ist.»

Und dann war da noch diese schwere Holztür, die geöffnet werden musste

Izidor – der eigenständig lebt – ist in jeder Hinsicht eine Erfolgs­geschichte unter den Überlebenden von Ceauşescus Anstalten. «Können Sie sich vorstellen, jemals eine Familie zu haben?», frage ich ihn. Wir sind in seinem Zimmer in dem riesigen Haus ausserhalb von Denver. «Sie meinen, eine eigene? Nein. Ich wusste, seit ich fünfzehn war, dass ich keine Familie haben würde. Wenn ich all meine Freunde in dämlichen Beziehungen sah, mit Eifersucht und Kontrolle und Depressionen, dachte ich: Wirklich? All das für eine Beziehung? Nein. So wie ich mich sehe, wird es nie ein menschliches Wesen geben, das mir nahe sein will. Man könnte sagen, dass das falsch ist, aber so sehe ich mich. Wenn jemand versucht, sich zu nähern, laufe ich weg. Ich bin es gewohnt. Man nennt es ein zölibatäres Leben.»

Er sagt, er vermisse nicht, was er nie gekannt habe, was er nicht einmal wahrnehme. Vielleicht ist es wie Farben­blindheit. Vermissen Menschen mit Farben­blindheit Grün? Er konzentriert sich auf die Aufgaben vor sich und versucht sich so zu verhalten, wie Menschen es von anderen Menschen erwarten.

«Man kann das schlaueste Waisenkind im Krankenhaus sein. Aber man verpasst Dinge», sagt Izidor. «Ich bin kein Mensch, der eine innige Beziehung haben kann. Das ist schwer für die Eltern, weil sie einem Liebe zeigen und man sie nicht zurück­geben kann.»

Obwohl Izidor sagt, er wolle ein «normales» Leben leben, übernimmt er immer noch regelmässig die Rolle des früheren Waisen­kindes, um in den USA und in Rumänien öffentlich darüber zu sprechen, was diese Institutionalisierung mit kleinen Kindern macht.

Er arbeitet mit einem Drehbuchautor an einer Miniserie über sein Leben. Er hegt dabei die Hoffnung, dass die Menschen, wenn sie verstehen können, wie es ist, hinter Zäunen, in Käfigen zu leben, aufhören, Kinder dorthin zu schicken. Ihm ist sehr bewusst, dass bis zu acht Millionen Kinder auf der ganzen Welt in solchen Institutionen leben, darunter jene an der südlichen Grenze der USA.

Izidors Traum ist es, ein Haus in Rumänien zu kaufen und eine Wohngruppe für seine früheren Stations­genossen aufzubauen – jene, die in Altersheime überführt oder auf die Strasse gesetzt wurden. Eine Wohngruppe für die anderen Erwachsenen, die früher mit ihm institutionalisiert waren, ist so nah an seiner Vorstellung einer Familie, wie es ihm möglich ist.

Im Gehirn eines Babys, das mit liebender Aufmerksamkeit überschüttet wird, gedeihen die Nerven­bahnen. Die Bahnen vermehren sich, überschneiden sich und winden sich durch ferne Regionen des Hirns wie ein Autobahn­netz im Aufbau. Aber im Gehirn eines vernachlässigten Babys – eines Babys, das Woche für Woche, Jahr für Jahr allein und ungewollt daliegt – werden weniger von diesen Verbindungen gebaut. Die nasse Windel des Babys wird nicht gewechselt. Das Lächeln des Babys wird nicht beantwortet. Das Baby wird still. Die Tür schliesst sich, aber ein Licht­streifen scheint durch den Türrahmen.

Menschen schenkten dem Baby mit dem verdrehten Bein manchmal Aufmerksamkeit. Betreuerinnen fanden ihn sympathisch und geistig rege. Der Direktor sprach mit ihm. An einem glanzvollen Winter­nachmittag nahm Onisa ihn mit aus dem Waisen­haus, und er lief eine Strasse entlang.

Manchmal hat Izidor Gefühle.

Zwei Jahre nachdem die Ruckels ihn hinaus­geworfen hatten, liess sich Izidor bei einer Coiffeuse, die die Familie kannte, die Haare schneiden. «Hast du gehört, was mit deiner Familie passiert ist?», fragte sie. «Deine Mutter und deine Schwestern hatten gestern einen schrecklichen Autounfall. Sie sind im Krankenhaus.»

Izidor rannte hinaus, nahm sich den Tag frei, kaufte drei Dutzend rote Rosen und tauchte im Krankenhaus auf.

«Wir waren im Truck und kamen vom Einkaufen», erinnert sich Marlys, «und ein Typ fuhr richtig fest in uns hinein – es war ein Unfall mit fünf Autos. Nach ein paar Stunden im Krankenhaus entliess man uns. Ich rief Izidor nicht an, um es ihm mitzuteilen. Wir sprachen ja nicht miteinander. Aber er fand es heraus, und ich nehme an, im Kranken­haus sagte er: ‹Ich bin hier, um die Familie Ruckel zu besuchen.› Und sie sagten: ‹Sie sind nicht mehr hier›, was für ihn hiess: ‹Sie sind tot.›»

Izidor raste vom Spital zum Haus der Ruckels – dem Haus, das er boykottierte, zu der Familie, die er hasste.

Danny Ruckel wollte ihn nicht ohne Verhandlung herein­lassen. «Was hast du vor?», fragte er. «Versprichst du, anständig zu uns zu sein?» Izidor versprach es. Danny liess Izidor ins Wohnzimmer, wo er allen gegenüber­stand, die Arme voller Blumen und mit Tränen in den Augen. Bevor er an jenem Tag wieder ging, legte Izidor seiner Mutter die Blumen in den Arm und sagte, mit der grössten Ernsthaftigkeit, die sie je gehört hatten: «Die sind alle für dich. Ich liebe dich.»

Es sollte ein Wendepunkt werden. Von jenem Tag an war etwas in ihm weicher, was die Familie Ruckel betraf.

Aber zuerst hatte Izidor auf die schwere Holztür zugehen müssen; die Tür, gegen die er das Fotoalbum geworfen hatte, das Marlys ihm zum Geburtstag gemacht hatte; die Tür, die er Hunderte Male hinter sich zugeschlagen hatte; die Tür, gegen die er gehämmert und getreten hatte, als er ausgeschlossen war. Er klopfte und stand auf der Vorder­treppe, mit hängendem Kopf, pochendem Herzen, unsicher, ob er eingelassen würde. Ich habe sie verlassen, ich habe sie vernachlässigt, ich habe sie Höllen­qualen leiden lassen, dachte er.

Die stacheligen Stiele der burgunder­roten Rosen, mit dunklen Blättern und Plastik darum, stachen seine Arme.

Und dann öffnete sich die Tür.

Zur Autorin

Melissa Fay Greene ist freie Journalistin und Autorin. Dieser Beitrag erschien im Magazin «The Atlantic» in der Printausgabe Juli/August 2020 unter dem Titel «Can an Unloved Child Learn to Love?». Er ist auch online abrufbar.

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