Die Macht der Worte: Amanda Gorman rezitiert ihr Gedicht «The Hill We Climb» am 20. Januar 2021. Patrick Semansky-Pool/Getty Images

Der weite Weg den Hügel hinauf

Bestimmt die Hautfarbe, wer Amanda Gormans weltberühmtes Gedicht zu Joe Bidens Amtseinsetzung übersetzen darf? Diese Frage hat zu hitzigen Debatten geführt. Das Problem: Es ist die falsche Frage.

Von Daniel Graf, 30.03.2021

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Wenn die halbe Welt plötzlich auf den einen Gedicht­band wartet; wenn wochenlang erbittert über die Voraussetzungen literarischer Über­setzung gestritten wird; wenn die Zunft der Übersetzerinnen, die sonst weitestgehend übersehen wird, unversehens im Zentrum der Aufmerksamkeit steht – dann liegt das wohl kaum daran, dass die Menschen über Nacht alle zu Lyrikfans geworden sind oder sich auf einmal brennend für Übersetzungs­fragen interessieren.

Das Gedicht «The Hill We Climb», das Amanda Gorman am 20. Januar zur Inauguration von US-Präsident Joe Biden vorgetragen hat und das Menschen auf der ganzen Welt begeistert, erscheint heute international als Sonder­ausgabe in Buchform, auf Deutsch unter dem Titel «Den Hügel hinauf». Doch lange bevor irgend­jemand irgendeine der Übersetzungen zu Gesicht bekommen hätte, ist in Europa ein Debatten­sturm losgebrochen. «The Hill We Climb» dürfte nicht nur das derzeit berühmteste literarische Werk überhaupt sein. Sondern auch das am heftigsten umtoste.

Angeblich geht es in der Kontroverse, die seit Wochen die Medien beherrscht, um die Frage: Dürfen nur Schwarze die Literatur einer schwarzen Autorin übersetzen? Aber mit dieser Frage­stellung hat die Diskussion bereits eine falsche Abbiegung genommen.

Was ist überhaupt passiert?

Nachdem die Spoken-Word-Dichterin Amanda Gorman mit ihrem Inaugurations­gedicht schlagartig weltbekannt geworden war, begann ein internationaler Bieter­wettstreit um die Buchrechte. Wie in den USA wird es in etlichen Ländern im Lauf des Jahres zwei Editionen geben: zuerst die heute Dienstag (und in manchen Ländern etwas später) erscheinende Sonder­ausgabe, allein mit dem Gedicht zur Amts­einsetzung plus Kommentar und Vorwort (eher Vorwörtchen) von Oprah Winfrey; ein schmales Bändchen also, das in der zwei­sprachigen deutschen Ausgabe auf insgesamt 64 Seiten kommt. Dann ein Lyrik­band mit dem Inaugurations­text und anderen Gedichten, der im September erscheinen soll.

Natürlich geht es bei all dem auch um sehr viel Geld. Der Hamburger Publikums­verlag Hoffmann und Campe, der den Zuschlag für den deutsch­sprachigen Raum bekommen hat, setzte die Start­auflage nach eigenen Angaben auf 50’000 Exemplare an, man habe aufgrund der Nachfrage aber bereits vor Erscheinen zwei weitere Auflagen in Druck gegeben. Das sind Dimensionen, von denen auf Lyrik spezialisierte Verlage mit ihren Bänden nicht einmal träumen können. Für Buch­projekte dieser Art kommen im internationalen Lizenz­geschäft von vornherein nur die big players infrage.

Das gilt auch für die Niederlande, wo die Rechte an den renommierten Meulenhoff-Verlag gingen. Und dort hat der identitäts­politisch aufgeladene Streit seinen Anfang genommen.

Meulenhoff hatte für die Übersetzung zunächst Marieke Lucas Rijneveld engagiert – eine Wahl, die auch den Segen von Gormans Berater­team hatte. Rijneveld schreibt Lyrik und Romane und wurde 2020, 29-jährig, mit dem International Booker Prize ausgezeichnet: ein rising star der nieder­ländischen Literatur also, aber bisher ohne übersetzerische Erfahrung. Als die Journalistin und Aktivistin Janice Deul in einem Meinungs­artikel diese Besetzung als «unverständlich» kritisierte und monierte, man hätte diesen Auftrag einer woman of color übertragen können, kochte die Debatte darüber hoch, wer aus welchen Gründen für eine Übersetzung besser oder schlechter geeignet sei; und was das mit der Identität der Übersetzenden beziehungs­weise der Übersetzten zu tun habe.

Rijneveld, als non-binäre Person selbst mit Diskriminierungs­erfahrungen vertraut, gab als Reaktion auf die Kritik und die Entrüstung in den Social Media schliesslich den Auftrag zurück – und schrieb über die eigenen Überlegungen ein Gedicht, in dem es heisst:

Den Widerstand nie aufgegeben, und dennoch einsehen müssen, wenn
es nicht an dir ist, wenn du vor einem Gedicht auf die Knie gehst,
weil ein anderer es besser bewohnbar macht, nicht aus Unwillen,
nicht aus Bestürzung, sondern weil du weisst, da ist so viel
Ungleichheit, Menschen werden noch immer benachteiligt,

und du willst ja gerade Verbrüderung (…)

Ins Deutsche übersetzt von Ruth Löbner.

Solche ebenso selbst­kritischen wie versöhnlichen Töne gerieten allerdings umgehend wieder in den Hinter­grund, als die Debatte aus Barcelona den nächsten Eskalations­schub erhielt.

Dort hatte der Verlag Univers den 60-jährigen Shakespeare-Übersetzer Victor Obiols mit der Übertragung von Gormans Gedicht ins Katalanische beauftragt – und ihm den Auftrag im Zuge der hitzigen Diskussionen wieder entzogen. Obiols gab darauf Medien aus aller Welt Interviews und erklärte im Gespräch mit dem «Spiegel», sein Verlag habe ihm nach einer E-Mail von Gormans Agenten­team mitgeteilt, er habe das falsche Profil, sprich: die falsche Hautfarbe und das falsche Geschlecht. Spätestens jetzt stand der Vorwurf «Cancel-Culture» im Raum – und in weiten Teilen auch der hiesigen Öffentlichkeit sah man in dem Vorfall das Urteil bestätigt, dass linke Identitäts­politik die Welt dogmatisch entlang von Identitäts­grenzen einteile, ja gar als «ätzendes Gift» ... «die Gesellschaft zersetzt» (Eric Gujer).

Der deutsche Verlag Hoffmann und Campe hatte – laut Auskunft gegenüber der Republik schon «mehrere Wochen vor den Ereignissen in den Niederlanden und in Katalonien» – eine andere Entscheidung getroffen und ein diverses dreiköpfiges Team mit der Übersetzung beauftragt: bestehend aus der erfahrenen Übersetzerin Uda Strätling, der Rassismus­forscherin Hadija Haruna-Oelker, die auch bei der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland engagiert ist, sowie der Autorin Kübra Gümüşay.

Obwohl die Debatte für den deutschen Verlag deutlich weniger hitzig verlief, stiess auch diese Entscheidung auf Kritik von unterschiedlichen Seiten: weil zwei von drei in diesem Team gar keine Übersetzerinnen seien. Weil das Trio nach den Massstäben der Political Correctness ausgesucht worden sei. Oder weil eine Team­lösung für einen so kurzen Text ohnehin keinen Sinn ergebe. Insbesondere die Personalie Kübra Gümüşay stiess auf Irritation und Kritik, da sich das Kriterium für ihre Nominierung tatsächlich nicht recht erschliesst und ihre Wahl, so wurde gemutmasst, wohl vor allem mit ihrem Status als Bestseller­autorin zu tun habe.

Kurzum: Ausgerechnet um das Gorman-Gedicht, das ein flammender Appell zur Überwindung gesellschaftlicher Spaltungs­tendenzen ist, hat sich eine Debatte entwickelt, die tiefe Gräben aufriss – oder vielleicht besser: die längst existierende Gräben vertiefte.

So ist es kein Wunder, dass umsichtige Kommentatoren wie Thomas Hummitzsch nach wochen­langer Diskussion, Hunderten von Artikeln und unzähligen Tweets resümierten, es gebe in diesem Streit «nur Verlierer».

Denn wie so oft, wo identitäts­politische Fragen verhandelt werden, gilt auch in dieser Diskussion allzu häufig: Das Erregungs­level geht steil nach oben, der Differenzierungs­wille in den Keller.

Umso wichtiger, auf die Stellung­nahmen zu verweisen, die klug, besonnen und konstruktiv aufzeigen, dass das Thema wesentlich komplexer ist, als all die «starken Meinungen» und einfachen Antworten glauben machen wollen. Und es ist wohl kein Zufall, dass diese besonnenen Stimmen auffallend oft aus der Übersetzer-Community kommen: von Patricia Klobusiczky etwa oder Frank Heibert, von der Autorin und Übersetzerin Canan Marasligil oder der Utrechter Übersetzungs­wissenschaftlerin Haidee Kotze.

Auch diese Beiträge sind in ihren Argumenten, Akzentuierungen und Positionen zu vielfältig, um sich auf ihre gemeinsamen Nenner reduzieren zu lassen. Aber sie zeigen allesamt: Wer der Debatte weniger von ihren Lautstärke­zentren aus folgt, kommt vielleicht zu einem etwas anderen Schluss als im Social-Media-Getöse – und in weiten Teilen des medialen Meinungsmarktes.

Dürfen? Können? Müssen? Falsche Fragen

Auf den ersten Blick ist es eine maliziöse Pointe, dass die Diskussion ausgerechnet im Feld der literarischen Übersetzung ausgetragen wird. Seit Jahren kämpfen die Übersetzerinnen für mehr Wert­schätzung und Sichtbarkeit ihrer Arbeit. Und ausgerechnet auf diesen Bereich, den selbst die Literatur­kritik nicht immer adäquat zur Kenntnis nimmt, waren nun grell die Schein­werfer gerichtet.

Mehr noch, und viel entscheidender: Literatur generell und ihre Übersetzung im Besonderen sind Parade­disziplinen für die Begegnung mit dem Anderen, dem Nicht-Eigenen, dem Unbekannten und (noch) Fremden. Differenz in sprachlicher, kultureller und individueller Hinsicht ist geradezu die Voraussetzung für Übersetzung – und der Grund, warum es sie braucht. Sollte nun also ausgerechnet hier als Regel gelten, dass nur Gleich und Gleich sich zusammen­gesellt? Abgesehen davon, dass am Ende jede und jeder nur mit sich selbst identisch ist?

Es ist eine denkbar falsche Vorstellung, dass bestimmte Identitäts­merkmale die Voraus­setzung seien, um angemessen übersetzen zu können (oder um Texte verlegen, besprechen, ja nur schon lesen zu können, denn dieselbe Überlegung müsste dann konsequenter­weise für jede Art des Umgangs mit Literatur gelten). Würde also – und dieser Konjunktiv ist wichtig – zum Beispiel behauptet, dass Weisse qua Hautfarbe nicht in der Lage oder nicht befugt seien, Texte von people of color zu übersetzen, die Argumentation wäre blanker Essenzialismus. Und müsste unmissverständlich als gefährlicher Unsinn zurück­gewiesen werden.

Nur: Diese Ansicht hat Janice Deul in ihrer Kritik an Meulenhoff gar nicht vertreten. Nirgendwo behauptet Deul, Weisse könnten oder dürften keine Werke von Schwarzen übersetzen. Und ebenso wenig taten das andere kritische Statements von Canan Marasligil oder von der afrodeutschen Autorin und Übersetzerin Marion Kraft, die essenzialistischen und pauschalisierenden Sicht­weisen explizit eine Absage erteilten.

Trotzdem läuft die Debatte seit Wochen unter der Überschrift: Dürfen Weisse keine Literatur von Schwarzen übersetzen? Der Grund­tenor dabei: Eine völlig masslos gewordene Identitäts­politik von links mit ihrer Cancel-Culture wolle ihnen dieses Recht absprechen.

Dabei ist die Frage, ob Weisse die Werke von people of color übersetzen dürfen, längst beantwortet: Denn das geschieht seit jeher, und es geschieht natürlich auch aktuell. Um nur zwei bereits genannte exzellente Übersetzerinnen als Beispiel anzuführen: Patricia Klobusiczky bringt die Werke der simbabwischen Autorin Petina Gappah ins Deutsche. Uda Strätling, die auch beim Gorman-Übersetzungs­projekt beteiligt ist, übersetzt unter anderem Teju Cole oder Claudia Rankine, von der soeben erst ein neuer Band auf Deutsch erschien. Niemand hat diese Konstellationen je infrage gestellt, niemand daran Anstoss genommen.

Die Argumentation von Janice Deul und anderen formulierte auch kein Regelwerk für künftige Auftrags­vergaben. Vielmehr sprach Deul in ihrem Meinungs­artikel (hier in englischer Übersetzung) von einer verpassten Chance, und sie bezog sich spezifisch

  • auf das eine Gedicht von Amanda Gorman, das von Anfang an, seit Bidens Inauguration, auch eine symbol­politische Dimension hat;

  • auf Repräsentations- und Macht­verhältnisse im internationalen Literaturbetrieb;

  • und konkret auf die Auftrags­politik des Meulenhoff-Verlags.

Diese Kontexte und der argumentative Zusammen­hang aber wurden, wie Haidee Kotze ausführlich dargelegt hat, in der Debatte weitestgehend ausgeblendet. Damit geriet auch der zentrale Punkt von Janice Deul aus dem Blick: die Frage, wer im Literatur­betrieb eine Bühne erhält und wieso. Wer darf mitmachen? Wer verteilt, wer bekommt die Prestige­posten? Und nicht zuletzt: Wie gut sind jeweils die Gründe dafür?

Meulenhoff hat den Auftrag an Marieke Lucas Rijneveld gegeben, obwohl Rijneveld erstens keine Übersetzungs­erfahrung hat und zweitens nach eigener Auskunft über eher mässige Englisch­kenntnisse verfügt. Offensichtlich also war die Auswahl von Rijnevelds Status als Star und dem damit erhofften Marketing­effekt motiviert. Das kann man natürlich machen – Verlage sind keine wohltätigen Einrichtungen, sondern Unternehmen. Wenn aber Meulenhoff trotz dieses eher ungewöhnlichen Profils für einen Übersetzungs­auftrag verkündet, man habe in Rijneveld seine Traum­besetzung für die Übertragung von Gormans Gedichten gefunden, spricht das zumindest nicht für allzu grosse Diskurssensibilität.

Gormans Inaugurations­gedicht ist ein performatives Bühnen­werk, das den spezifischen Kontext, in dem es steht, selbst zum Thema macht. Ein Gedicht, bei dem Gormans Sichtbarkeit als junge, schwarze Frau auf der Bühne Teil der Botschaft war. Auf diese symbolische Dimension ist das Gedicht weder zu reduzieren, noch lässt sie sich ausblenden. Es ist deshalb alles andere als abwegig, hier auch bei der Übersetzer­auswahl den symbol­politischen Aspekt in die Überlegungen miteinzubeziehen – als einen Faktor neben vielen anderen, die es dann zu gewichten gilt. Nur hat man im Hause Meulenhoff diesen Gesichts­punkt offenbar nicht einmal in Betracht gezogen.

Vielleicht also lässt sich die verpasste Gelegenheit, von der Deul spricht, folgender­massen umschreiben. Die Übersetzung von Amanda Gormans Inaugurations­gedicht hätte sich in besonderer Weise angeboten, analog zur Inaugurations­feier, eine Message der Zugehörigkeit an people of color zu senden: «Auch ihr könnt im Literatur­betrieb Haupt­rollen spielen. Es ist möglich, es ist normal, dass ihr Teil des literarischen Feldes seid. Und es ist selbst­verständlich, dass ihr nicht nur dann Teil des Spiels werden könnt, wenn wir eure Memoirs zum Thema Alltags­rassismus vermarkten wollen.»

Sicher, es gäbe auch andere Gelegenheiten, eine solche Botschaft auszusenden: Von systemischen Problemen kann man keine Zwangs­läufigkeiten für den individuellen Fall ableiten. Und die Verhältnisse im einen Land lassen sich nie einfach auf ein anderes übertragen. Aber von alternativen Möglichkeiten war bei Meulenhoff ja gar nicht die Rede.

Eine wohl noch problematischere Rolle in der Sache spielte der katalanische Univers-Verlag, der zunächst Victor Obiols beauftragt hatte.

Wenn man hört, was Obiols nach seiner Demission so über schwarze Schuh­creme und seine «schwarze Seele» als Jazzmusiker verlautbarte, kann man Zweifel bekommen, ob er die ideale Besetzung für diese Aufgabe gewesen wäre – zumal sich die Tätigkeit von Übersetzern nicht auf die Textarbeit beschränkt, sondern potenziell auch öffentliche Auftritte, Lesungen, Interviews miteinschliesst. Dass aber der Verlag ihm zuerst das Vertrauen aussprach und ihm dann, als die Debatte hochkochte, den Laufpass gab, war nicht nur opportunistisch und illoyal, sondern auch ein fatales Signal.

Nachdem Marieke Lucas Rijneveld mit beeindruckender Klarheit und ohne Groll ihren Verzicht begründet hatte, war es erst Obiols Rausschmiss, der die Cancel-Culture-Vorwürfe so richtig befeuerte. Umso mehr sollte das Problem präzise verortet werden: Es sind nicht Aktivistinnen, sondern offenbar ziemlich konfus agierende Protagonisten der Buch­industrie, die diese Entscheidung zu verantworten haben.

Die öffentliche Debatte war zu diesem Zeitpunkt aber ohnehin bereits auf ein Grundmuster festgefahren: Statt den argumentativen Zusammen­hang von Deuls Kritik zu berücksichtigen, wurde ein allgemeines Droh­szenario von einem Übersetzungs­verbot für Weisse aufgebaut. Anders gesagt: Die Diskussion arbeitete sich in weiten Teilen an der Wider­legung von Thesen ab, die Janice Deul gar nicht aufgestellt hatte.

Für den Universalismus

Vielleicht ist es doch nötig, noch einmal ins Prinzipielle zu gehen.

Der Grundgedanke linker Identitäts­politik lautet: Das Versprechen des Universalismus ist (noch) nicht verwirklicht. Und zwar auch nicht in den Demokratien, deren gesamtes Werte­fundament und zentrales Versprechen auf dem universalistischen Gedanken fusst: unantastbare Menschen­würde, rechtliche und moralische Gleich­stellung für alle, Diskriminierungs­verbot, Geltung der Menschenrechte.

Aus diesem Befund kann man theoretisch zwei grund­verschiedene Haltungen ableiten, eine destruktive und eine konstruktive. Die destruktive wäre: den Universalismus als Idee und Werte­fundament abzulehnen. Die konstruktive bedeutet: weiter an seiner Verwirklichung zu arbeiten.

Der Universalismus ist eben nicht, wie manchmal zu hören ist, ein bloss westliches Konstrukt: Der Werte­kanon der Menschen­rechte wird von Menschen weltweit kultur-, religions- und kontinent­übergreifend getragen (und ebenso wenig sind Verstösse dagegen auf bestimmte Welt­regionen oder Kulturen beschränkt). Und auch wenn historisch von Unzähligen, die das Wort «Universalismus» im Mund führten, auf unterschiedlichste Weise gegen dieses Prinzip verstossen wurde: Es hat noch nirgendwo eine wichtigere und zustimmungs­fähigere Idee gegeben als die universelle Gleichheit und Würde aller Menschen.

In diesem Sinne lässt sich das Projekt der modernen Demokratie als work in progress begreifen: als unvollendete Arbeit an der Verwirklichung dessen, wozu man sich längst bekannt hat. Es ist die kollektive Arbeit an einer more perfect democracy, wie man in Variation der US-Präambel und einer anspielungs­reichen Amanda-Gorman-Zeile sagen könnte.

Damit löst sich auch der angebliche Gegensatz zwischen emanzipatorischen identity politics und den jeweiligen Mehrheits­gesellschaften auf. In den Worten eines einschlägigen Essays von Paula-Irene Villa und Andrea Geier:

Hinter so manchen Anekdoten von «übertriebenen» Formen der Identitäts­politik stecken genuin moderne, zur Demokratie gehörende Kämpfe um Partizipation, um die Teilnahme am politischen, kulturellen, ökonomischen Leben. Es sind Kämpfe darum, ebenfalls zu denjenigen zu gehören, die an Universalismus, Menschen­rechten, Demokratie, Gerechtigkeit und Solidarität teilhaben. (…)

Auf dem Weg dahin muss die Spannung zwischen dem Projekt des Universalen und einer Praxis des Partikularen ausgehalten werden. Daraus folgen paradoxe Emanzipations­formen, nämlich solche, die zunächst Differenz betonen müssen, um sie langfristig zu relativieren.

Was heisst das für die Gorman-Kontroverse?

Vielleicht, dass es sich lohnen könnte, künftig ein Gespräch zu versuchen statt eine sogenannte «Debatte». Und sich eine angenehm leise, dafür umso gewichtigere Headline aus dem Medien­feuerwerk der letzten Wochen als Motto zu nehmen: «Die Welt weiten». Mehr Fantasie wagen. Mehr Dialog.

Dann

  • bräuchte man als Debatten­teilnehmer nicht gleich mit der grossen Empörungs­geste einzusteigen (wie Wolfgang Matz in der FAZ); oder schon mal als Erstes sich selbst und die ganze Journalisten­branche zum künftigen Opfer zu erklären (wie Serge Michel von «Heidi News»);

  • müssten verdienst­volle Literatur­kritiker wie Martin Ebel nicht zu Polemiken greifen, die weit unter ihrem sonstigen Argumentations­niveau liegen;

  • würde eine Kritik, wie sie Janice Deul vorgebracht hat, noch stärker möglichen Missverständnissen vorbeugen (auch wenn man sich gegen fahrlässiges oder gar mutwilliges Missverstehen niemals vollständig absichern kann);

  • könnte in den Verlagen darüber nachgedacht werden, wie man Diversität nachhaltig und kontext­unabhängig macht.

Denn wenn man aus gutem Grund gerade nicht möchte, dass über den Einzelfall hinaus Übersetzerinnen of color genau dann zum Zug kommen, wenn die Autorinnen Nicht-Weisse sind, dann muss sich langfristig systemisch etwas ändern. Bis zu einer echten Diversität, die nicht mehr unter dem Verdacht steht, dass Menschen einander nach einzelnen Identitäts­markern zugeteilt werden, ist es also ein weiter Weg. Nur darf der Blick auf die vielen Schritte, die zu tun sind, eben nicht dazu führen, dass schon die ersten unterbleiben – und es jedes Mal heisst: diesmal nicht. Komplementär gilt aber auch: Aktivistinnen, die legitime Argumente vorbringen, und alle, die mit ihnen sympathisieren, sollten sich womöglich noch vernehmbarer als bisher und in aller Klarheit von den Vulgär­auslegern und Dogmatikerinnen aus dem eigenen politischen Lager distanzieren.

In der Buchbranche jedenfalls werden künftig reflektiertere Vergabe­entscheidungen nötig sein. Und egal, wie man zu der Teamlösung von Hoffmann und Campe steht: Dort hat man sich zumindest erkennbar Gedanken gemacht – und zwar mit Blick auf den Einzelfall und die spezifische Ausgangs­situation. Das ist vermutlich auch in Zukunft die bessere Idee, als sich Patent­rezepte zu verordnen.

Überhaupt: Vielleicht sollte man hie und da auch von Autorinnen- und Agenturseite das Branchen­übliche unterlaufen. Wäre es nicht zum Beispiel auch denkbar gewesen, zumindest die Rechte an «The Hill We Climb», diesem einen heraus­gehobenen Gedicht, ausnahms­weise mal nicht exklusiv zu vergeben? Sodass verschiedene Übersetzungen oder sogar verschiedene Ausgaben nebeneinander stehen könnten?

Zukunftsmusik. Und nach so viel Übersetzungs­debatte ohne Textbezug ist eine Übersetzung ja erst mal Ereignis genug.

Wie also klingt nun Amanda Gorman im Deutsch von Uda Strätling, Hadija Haruna-Oelker und Kübra Gümüşay?

Finally: «Den Hügel hinauf»

Auf der ersten von insgesamt 20 Seiten, über die sich das Gedicht im Druck verteilt, stehen lediglich drei Zeilen:

Mr. President und Dr. Biden,
Madam Vice President und Mr. Emhoff,
Bürger*innen Amerikas und der Welt:

Beginnt so ein Gedicht? Nun, dieses in gewisser Weise schon. Man kann die Zeilen auch den «Vorspann» zum eigentlichen Gedicht nennen, wie es die Übersetzerinnen tun. Jedenfalls ist es eine kluge Entscheidung der Edition, deutlich zu unterstreichen, dass «The Hill We Climb» untrennbar verbunden ist mit dem Rahmen, in dem es vorgetragen wurde.

Denn in dieser Konstellation sind zwei Botschaften miteinander gekoppelt.

Erstens: Gormans Gedicht ist ein emphatisches Bekenntnis zu einem noch nicht verwirklichten, aber unbedingt anzustrebenden Universalismus, in dem die individuell Verschiedenen allesamt durch gleiche Rechte und Würde verbunden sind. Zu schaffen gelte es «ein Land für Menschen aller Art, jeder Kultur und Lage, jeden Schlags», wie es in der deutschen Übersetzung heisst. Wobei diese klanglich durch die gehäuften A- und L-Laute den Effekt imitiert, der in Gormans Original durch eine Kaskade an gleichen Anfangs­konsonanten entsteht:

To compose a country committed
To all cultures, colors, characters,
And conditions of man.

«We close the divide», «wir schliessen die Gräben», lautet die Kurzformel für dieses Programm.

Zweitens: Diese Sätze, und auch das unterstreicht Gormans Gedicht, spricht das einstige «skinny Black girl» (etwas unelegant als «kleines, dünnes Schwarzes Mädchen» übersetzt), das nun als junge woman of color die Amtszeit eines neu gewählten Präsidenten einläutet. Indem sie also auf dieser Bühne vor dem Kapitol steht, spricht sie nicht nur vom Versprechen auf gleiche Teilhabe – sondern verkörpert es auch.

Beides, die universalistische und die identitäts­politische Botschaft, gehören zusammen. Gormans Verse formulieren eine Vision und repräsentieren sie zugleich.

Damit korrespondiert die poetische Form des Textes, deren zentrale wirkungs­ästhetische Mittel – Gleichklang und Rhythmus – ebenfalls universell sind: Man muss nicht einmal Englisch verstehen, um unmittelbar zu spüren, wie bewusst Gorman mit Laut und Akzent arbeitet, den kleinsten Einheiten der Sprache.

Gerade daraus resultiert die immense Heraus­forderung für jede Übersetzung eines formal durchkomponierten Textes: Die «musikalische», über die Wort­bedeutung hinaus­reichende Dimension von Sprache ist eben mit den spezifischen Mitteln der einen Sprache gemacht. Das führt automatisch in Konflikte zwischen Semantik und Form, zwischen Wort­bedeutung und poetischer Gestaltung.

Wie hat das deutsche Übersetzungstrio diese Aufgabe bewältigt? Alles in allem ziemlich gut, stellenweise sogar virtuos.

Wenn zum Beispiel Gorman aus der «wounded world» eine «wondrous one» macht, geht das Wortspiel auch im Deutschen fast automatisch auf: Die «verwundete Welt» wird zur «wundersamen» erhöht. Aber was tun, wenn Gorman zuerst mit der Doppel­deutigkeit von «arms» spielt – «Waffen» und «Arme» – und dies direkt weiterführt in den Reim mit «harm» und «harmony»? Das Trio hat eine ziemlich brillante Lösung gefunden – und aus den Armen Hände gemacht:

We lay down our arms
So that we can reach our arms out to one another.
We seek harm to none, and harmony for all.

Wir wollen nicht die Hand gegeneinander erheben,
sondern einander die Hände reichen.
Wir wollen ohne Hader in Harmonie leben.

Es sind etliche solche kleinen, aber kniffligen Stellen, für die es in dieser Übersetzung überzeugende, kreative Umsetzungen gibt. Und wenn sich Reime partout nicht ins Deutsche retten lassen, tut es eben hie und da auch der Gleichklang der Vokale.

Umso mehr fallen Stellen ins Auge, die gegenüber den glücklichen Einfällen dieser Über­setzung wirken, als seien sie unter dem Zeitdruck noch im Entwurfs­stadium stecken geblieben.

Keine Frage, auch dieser Passus ist tricky:

We’ve braved the belly of the beast.
We’ve learned that quiet isn’t always peace,
And the norms and notions of what «just is»
Isn’t always justice.

In der deutschen Fassung setzt der Puls dann aber leider fast völlig aus:

Wir haben tief in den Abgrund geblickt.
Wir haben gesehen, dass Ruhe nicht immer gleich Friede ist,
unsere Anschauung und Auslegung dessen,
was scheinbar recht ist, nicht immer gerecht.

Es ist nicht die einzige Schwach­stelle der Übersetzung. Mal entstehen Register­brüche aus unmotivierten Flapsigkeiten; mal übertreibt es das Trio mit der Verortung des Textes im Hier und Jetzt des 20. Januar 2021 an Stellen, wo das Original diese Marker eben nicht setzt. Und im Kommentar, der kenntnisreich Anspielungen auf andere Texte aufschlüsselt und so interessante zusätzliche Einsichten ermöglicht, schiessen die Assoziationen manchmal auch übers Ziel hinaus. Insgesamt aber ist hier unter beträchtlichem Zeitdruck und in stürmischem Umfeld eine überzeugende, für die Beschäftigung mit Gormans Gedicht anregende deutsch­sprachige Ausgabe entstanden.

Und beim Wiederlesen von Gormans Gedicht sticht noch einmal deutlicher ins Auge, woher dieser Text seine Energie bezieht. Angefüllt mit Zitaten und Gedanken anderer Texte und früherer Reden, kommen die sprachliche Wucht und das Pathos von «The Hill We Climb» aus der Entschlossenheit, idealistisch gegen eine defizitäre Realität anzuschreiben. «Move to what shall be»: Dieses Gedicht spricht weniger von dem, was ist, als vielmehr von dem, was werden soll. «Den Hügel hinauf» ist ein Beschwörungstext. Mit der Vision von Einheit, von Überwindung der gesellschaftlichen Spaltung zeigt Gormans Gedicht vor allem auch, wie weit der Weg «den Hügel hinauf» noch ist: zu einer weniger imperfekten Demokratie. Zu einer besseren Verwirklichung des universalistischen Versprechens.

All das ist in diesem Gedicht primär mit Fokus auf die USA gesprochen. Aber die Übersetzungs­debatte der letzten Wochen hat eindrucksvoll demonstriert, wie viel Wegstrecke auch die Gesellschaften im alten Europa noch vor sich haben.

Zum Buch

Amanda Gorman: «The Hill We Climb / Den Hügel hinauf». Zweisprachige Ausgabe. Aus dem amerikanischen Englisch von Uda Strätling, Hadija Haruna-Oelker, Kübra Gümüşay. Hoffmann und Campe, Hamburg 2021. 64 Seiten, ca. 14 Franken.

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