Schmutzig ans rettende Ufer

Menschenschmuggel gilt als Verbrechen. Warum das in der Geschichte nicht immer so war. Und warum geschlossene, hochgerüstete Grenzen dagegen nicht helfen – im Gegenteil.

Von Volker M. Heins (Text) und Benjamin Güdel (Illustration), 27.03.2021

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Viele der jüdischen Familien aus der Kleinstadt im Süd­schwarz­wald, wo meine Mutter herkommt, haben sich rechtzeitig aus dem Staub gemacht; sie wussten, dass sie in Deutschland ihres Lebens nicht mehr sicher waren. So jedenfalls hat man mir die Geschichte erzählt. Bis 1938 war die weitgehend ungehinderte Ausreise in die nahe gelegene Schweiz noch möglich.

Später machte die Schweiz ihre Grenzen für Juden und politisch Verfolgte dicht, bestrafte die «Emigranten­schlepperei» und drohte illegal Eingereisten mit der Auslieferung an die deutschen Behörden. Man musste sich auf verschlungenen Wegen hinaus­schleichen, etwa in der Region Schaffhausen, wo die Grenze unregel­mässig verläuft und nachts von Deutschland aus die Lichter in den Schweizer Häusern sichtbar waren. Dann, am 30. August 1942, hielt Bundesrat Eduard von Steiger eine berüchtigte Rede, in der er die Schweiz mit einem bereits überfüllten «kleinen Rettungs­boot» verglich. Gerne würde man ja mehr Flüchtlinge aufnehmen, aber, leider, leider: Die Flüchtlinge müssten vor falschen Hoffnungen gewarnt und abgewiesen werden. Die Rede vor dem gut gelaunten Publikum eines christlichen Blasmusik­fests gipfelte in dem Satz: «Das Boot ist voll.»

Zum Autor

Volker M. Heins ist Politik­wissenschaftler und Senior Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Seine Forschungs­schwerpunkte sind Politische Theorie der Moderne, Migration und Exil.

Diese unselige Metapher bedeutete damals wie heute, dass zwischen­staatliche Grenzen für Flüchtlinge zu Todes­fallen werden konnten. Damit blieb Schutz­suchenden, um in der Seemanns­sprache zu bleiben, nichts anderes übrig, als die «Boote» anderer Staaten illegal zu entern. Dies wurde allerdings immer schwieriger, sodass man sich der Hilfe ortskundiger und nerven­starker Flucht­helfer auf beiden Seiten der Grenze bedienen musste. Ohne sie war es fast aussichtslos, über die Grenze in das jeweils noch sichere Nachbar­land zu gelangen: raus aus Belgien, den Niederlanden oder Polen in die Schweiz, über die Pyrenäen nach Spanien oder Portugal. Oder mit gefälschten Papieren auf ein Schiff nach Nord- oder Südamerika, in die Türkei, nach Indien, China, Südafrika.

Um all das zu ermöglichen, brauchte es eine Infra­struktur, zu der auch Kontakte in die Unter­welt gehörten. Nur so liessen sich geheime Verstecke, Werkstätten für die Fälschung von Pässen und Visa, medizinische Nothilfe, Fahrzeuge und schliesslich Schleuser organisieren, die in der Schweiz und Frankreich passeurs genannt wurden, Fährmänner. Deren Aufgabe bestand darin, Menschen aus grösster Gefahr an das rettende Ufer eines halbwegs sicheren Ankunfts­landes zu bringen.

Schon damals wurde der Menschenschmuggel als ein schmutziges Geschäft dargestellt, organisiert von skrupellosen kriminellen Banden. Das war allerdings nur die halbe Wahrheit. Es gab Organisationen, die im besetzten Frankreich und in Polen jüdische Kinder mit gefälschten Papieren ausser Landes schleusten, um sie vor den Menschen­jägern Nazideutschlands in Sicherheit zu bringen. Aktivistinnen für «migrantische Gerechtigkeit» in Vancouver haben vor einiger Zeit Plakate drucken lassen, auf denen zum Beispiel an Irena Sendler erinnert wurde, eine katholische Sozial­arbeiterin, die 2500 Babys und Kinder aus dem Warschauer Ghetto heraus­schmuggelte, manchmal in Kartons oder Koffern.

«I am a human smuggler» stand stolz auf den Plakaten. Die Fluchthilfe während des Zweiten Weltkriegs hat vielen Tausenden das Leben gerettet, und Namen wie die Bibliothekarin Madeleine Barot, der Journalist Varian Fry, die Diplomaten Raoul Wallenberg und Carl Lutz, die Schrift­stellerin Lisa Fittko, der Fotograf Adolfo Kaminsky und viele andere werden auch heute wieder von Menschen gegoogelt, die sich für das Thema Flucht­hilfe als eine Form der Befreiung interessieren.

Die Grenzen des Staates

Manchmal wird behauptet, der erste Menschen­schmuggler sei Moses gewesen, weil er die Israeliten aus Ägypten herausführte ins Gelobte Land. Aber das ist ein schiefer Vergleich.

Menschenschmuggel setzt nicht nur Grenzen zwischen Staaten oder Staaten­bündnissen voraus, sondern auch eine Überwachung dieser Grenzen durch staatliches Personal. All dies bildete sich erst allmählich im 19. Jahrhundert heraus. Den Anfang machten Quarantäne­gesetze in Australien und Neuseeland, die in den 1830er-Jahren eingeführt wurden, um die Einschleppung der Cholera und anderer Seuchen abzuwehren.

So ist es auch heute. Die Corona-Pandemie hat weltweit zu Reise­verboten und verschärften Einreise­kontrollen geführt. Plötzlich ist die Welt ganz klein geworden. Unsere schönen deutschen oder Schweizer Pässe, die uns sonst das Tor zur ganzen Welt aufschliessen, sind wenig wert. Die Einschränkung der weltweiten Bewegungs­freiheit, die für die Menschen im globalen Süden ein Dauer­zustand ist, war im Lockdown eine Erfahrung, die auch wir machen mussten.

Dass Staatsgrenzen überhaupt mit Mauern und Stachel­draht, Drohnen und Daten­banken militärisch geschützt werden, auch wenn weder Krieg noch Seuchen drohen, ist eine relativ neue Entwicklung. Noch neuer ist, dass viele Menschen solche Grenz­regimes normal und notwendig finden. In Europa war es vor allem die Habsburger­monarchie, die frühzeitig strenge Gesetze gegen das unerlaubte «Einschleichen» von Ausländerinnen erliess.

Ansonsten war es auf dem europäischen Festland vor dem 20. Jahrhundert noch weithin üblich, ohne Pässe zu reisen, Papiere zu fälschen und die Grenz­kontrollen, die es bereits gab, über kleine Umwege zu umgehen. Die Routen wandernder Handwerker waren ohnehin schwer zu kontrollieren, und Geistliche konnten sich darauf verlassen, dass Grenz­schutz­beamte sich nicht trauten, die oft gefälschten Reise­pässe allzu genau zu untersuchen.

Grenzen existieren nicht ohne ein Set von Regeln, die die Bedingungen ihrer Über­schreitung festlegen und allgemein akzeptiert werden. Diese Akzeptanz ist in den letzten Jahren brüchig geworden. Der in Berlin lebende syrische Schrift­steller Yassin al-Haj Saleh hat die verstörende Kraft der Flüchtlings­bewegung nach Europa genau darin gesehen, dass sie für einen Augenblick die Staaten­ordnung bedroht hat, indem Hundert­tausende von Menschen mit der Hilfe von Schmugglern – und für alle sichtbar – territoriale Grenzen überwunden haben. Die Flüchtlinge «haben etwas Neues in der internationalen Politik erfunden: viele Grenzen zu überwinden und diese Grenzen gleichsam auszulöschen, und zwar auf eine nie dagewesene Weise und so, dass andere es nachmachen können».

Kriminalisierung der Gastfreundschaft

Staatliche Grenzen gegen Migrantinnen verlaufen aber nicht nur zwischen Staaten, sondern durchziehen allmählich unsere Gesellschaften. Die folgende kleine Geschichte erläutert, was damit gemeint ist.

An einem Montag im September 2015 hörte Lisbeth Andersen im Süden Dänemarks die Nachricht, einige hundert syrische Flüchtlinge seien soeben in Rødby gelandet. Die Flüchtlinge waren von der Insel Fehmarn mit einer Fähre aufgebrochen und, so hiess es im Radio, machten sich jetzt zu Fuss auf den Weg nach Kopenhagen und weiter zur schwedischen Grenze. Ungefähr 160 Kilometer hatten sie noch vor sich.

Andersen, eine ehemalige Vorsitzende des dänischen Kinderschutz­bundes, war gerade in der Nähe und beschloss, einige Flüchtlinge ein Stück mitzunehmen. Sie hatte ein grosses Auto mit sechs leeren Sitzen. In Rødby traf sie auf Hunderte von erschöpften und desorientierten Flüchtlingen, darunter auch kleine Kinder. Andersen bot einer Familie mit zwei kleinen Mädchen eine Mitfahrgelegenheit an, die sofort dankbar angenommen wurde. Noch im Auto teilte sie ihre Erfahrung auf Facebook, und innerhalb kurzer Zeit waren viele ihrer Freunde bereit, ebenfalls Flüchtlinge nach Kopenhagen zu fahren oder ihnen erst mal bei sich zu Hause eine Pause zu gönnen.

Aber was, mögen Sie sich fragen, hat all das mit Menschen­schmuggel zu tun?

Nun, Lisbeth Andersen wurde tatsächlich wegen «Beihilfe zur unerlaubten Ein- und Durchreise» von Migranten angeklagt und von einem dänischen Gericht zu einer Geldstrafe von 4000 Euro oder 14 Tagen Gefängnis verurteilt. Die Verurteilte fiel aus allen Wolken und befand, blosse Menschen­freundlichkeit sei in Dänemark jetzt eine Straftat.

Die Genfer Flüchtlingskonvention aus dem Jahr 1951 geht noch selbst­verständlich davon aus, dass Flüchtlinge auch ohne gültige Papiere in sichere Länder einreisen dürfen. Kein Mensch ist illegal, wenn er irgendwo unrecht­mässig einreist, solange er in einem geordneten Verfahren Gründe für seine irreguläre Einreise darlegen kann. Aus der heutigen Sicht der meisten Staaten ist das inakzeptabel grosszügig: Wenn es Migrantinnen erlaubt ist, ohne gültige Papiere das Territorium eines Staates zu betreten oder in seine Hoheits­gewässer einzulaufen – dann muss verhindert werden, dass sie die entsprechenden Land- und Gewässer­zonen erreichen und damit Gelegenheit bekommen, einen Asylantrag zu stellen.

Der Boom des Menschen­schmuggels ist eine unmittelbare Reaktion auf diese Situation.

Auf den Boom wiederum reagierten betroffene Staaten mit entschlossenen Schritten, um ihn zu unterbinden. So kam es im Jahr 2000 im Rahmen des Über­einkommens der Vereinten Nationen gegen die grenz­überschreitende organisierte Kriminalität zur Unterzeichnung eines internationalen Protokolls gegen die «Schleusung von Migranten». Das Protokoll verlangt von den unterzeichnenden Staaten konkrete Schritte zur strafrechtlichen Verfolgung des Menschen­schmuggels, einschliesslich der Herstellung, der Beschaffung und des Besitzes von gefälschten Ausweisen und Reise­dokumenten. Das Protokoll enthält zudem einen Absatz, der Staaten ermächtigt, gegen Schiffe vorzugehen, deren Besatzung im Verdacht steht, Migrantinnen ohne gültige Papiere nach Europa oder in andere Vertrags­staaten zu transportieren.

Einige Staaten akzeptieren humanitäre Ausnahmen: Solange Menschen nicht aus Profit­interesse über die Grenze gebracht werden, gilt man nicht als krimineller Schleuser.

In einer Richtlinie aus dem Jahr 2002 hat es die EU allerdings ihren Mitgliedern freigestellt, auch die uneigennützige «Beihilfe» zur unerlaubten Ein- und Durchreise unter Strafe zu stellen. Alle möglichen Praktiken des Entgegen­kommens, wie beispielsweise die Mitnahme von Anhaltern, können seitdem als Beihilfe zum Menschen­schmuggel gedeutet und polizeilich verfolgt werden. Genau dies ist Lisbeth Andersen passiert.

Andersen ist dabei nicht allein. In Italien wurden Fischer und mehrere Aktivistinnen angeklagt, weil sie Migranten in italienische Hoheits­gewässer transportiert haben. In Frankreich gab es Anklagen gegen Bauern in Grenz­regionen, die afrikanischen Flüchtlingen aus Italien eine Suppe gekocht und ihnen Unter­schlupf gewährt haben. Ähnliches gilt für Griechenland, wo Ärztinnen, Taxifahrer, Vermieterinnen und andere Dienst­leister ausdrücklich gewarnt wurden, dass jegliche Hilfe für irregulär eingereiste Migrantinnen, auch wenn sie uneigen­nützig erfolgt, strafbar sei. Im Kanton Graubünden ist eine Frau vor Gericht gelandet, die mit einem Sans-Papiers in einer gemeinsamen Wohnung lebte. Ihr Tatmotiv war Liebe.

Die Realität des Menschenschmuggels

Die Politik macht sich falsche Vorstellungen vom Menschen­schmuggel und erst recht von der «Beihilfe» zur Schlepperei.

Falsch ist die Vorstellung, dass Menschen­schmuggel etwas Ausser­gewöhnliches ist.

In der Bundesrepublik Deutschland schätzte man die Zahl illegal eingereister ausländischer Arbeiter bereits im Jahr 1970 auf 30’000 bis 60’000. In Frankreich war die Zahl für die Irregulären aus den ehemaligen afrikanischen Kolonien ähnlich hoch. In den Sechziger­jahren kamen allein aus Spanien und besonders aus Portugal Hundert­tausende illegal über die Pyrenäen, viele mithilfe von Schlepperinnen.

Der Anteil der Migranten, die weltweit Schmuggler­dienste in Anspruch nehmen, ist hoch und wächst. Vor ein paar Jahren lag er bei schätzungs­weise 40 Prozent für die Überwindung der Grenze von Moçambique nach Südafrika und bei über 70 Prozent für Menschen aus Ländern am Horn von Afrika, die nach Europa wollten. Solche Zahlen können in die Irre führen, nicht nur, weil sie ungenau sind, sondern mehr noch, weil Flüchtlinge und Migrantinnen normaler­weise nicht nur eine Grenze zu überwinden haben, sondern viele.

Schleuserdienste lassen sich offenkundig nicht wie eine Pauschal­reise buchen, bei der nur wenig schiefgehen kann. Die Einrichtung eines «Taxiservice» zwischen den Küsten des Mittel­meeres, wie es italienische Politiker Schmugglern und Flüchtlings­aktivistinnen vorgeworfen haben, wäre vielleicht eine gute Idee, entspricht aber bis auf weiteres nicht der Realität. Stattdessen sieht die Wirklichkeit so aus, dass irreguläre internationale Migration für viele sehr gefährlich ist.

Die Schleuser sind dabei nicht das Haupt­problem. Zwar sind einige gewalttätig und rücksichtslos, aber Interviews mit Migranten aus Mali haben auch gezeigt, dass zwei Drittel der Befragten mehr oder weniger zufrieden waren mit den Dienst­leistungen der Schleuserinnen. Flüchtlinge, die in der türkischen Stadt Izmir interviewt wurden, während sie auf eine Gelegenheit zur Weiter­reise nach Griechenland oder Italien warteten, unterschieden klar zwischen moralisch guten und schlechten Schmugglern. Nur wenige betrachteten Schleuser als Kriminelle.

Am Anfang des Dramas stehen nicht der Menschen­schmuggler und seine mögliche kriminelle Energie. Vielmehr beginnt das Drama mit dem ungedeckten Mobilitäts­bedarf von migrations­willigen Personen, die sich mangels legaler Alternativen auf die Dienste von Schmugglern einlassen, um ihrer Situation zu entkommen. Menschen­schmuggel ist eine Reaktion auf ein Missverhältnis, das westliche Regierungen mitgeschaffen haben.

Dieser Markt verschwindet nicht, wenn Staaten ihre Grenzen dichtmachen – sondern er lebt von geschlossenen Grenzen. Was verschwindet, sind Kunden, die unterwegs sterben, sowie Schleuser, die festgenommen werden.

Preise, Transportmittel und das Risiko für Leib und Leben der Flüchtenden ändern sich ständig. So hat zum Beispiel der EU-Türkei-Flüchtlings­deal aus dem Jahr 2016 zu einem Preisanstieg für Schmugglerdienste und häufig auch zum Einsatz besserer und schnellerer Boote geführt.

Schleuser, die Menschen von Syrien nach Europa, von Somalia nach Südafrika oder von Ecuador in die USA bringen, sind in erster Linie nicht Täter, die sich Opfer suchen, sondern eher Anbieter, die für den Verkauf ihrer Ware – die Ermöglichung einer irregulären Einreise – auf Glaubwürdigkeit angewiesen sind.

Moderne Menschen­schmuggler sind mit Gebraucht­wagen­händlern verglichen worden, weil sie wie diese einen grossen Informations­vorsprung vor den Kundinnen haben, deren Vertrauen sie gleichwohl erwecken müssen. Menschen­schmuggler ähneln Gebraucht­wagenhändlern auch darin, dass sie es sind, die von den Interessenten kontaktiert werden, nicht umgekehrt. Dies bestätigen Unter­suchungen über Migrantinnen, die aus Syrien, Somalia oder Ecuador wegwollten und selbst aktiv wurden, um ihre riskanten Pläne zu verwirklichen.

In einigen ehemaligen Sowjet­republiken, etwa Georgien oder in der autonomen Region Somaliland im Norden von Somalia, scheint es vorgekommen zu sein, dass Schmuggler oder ihre Mittels­männer öffentlich für ihre Dienste warben, verschlüsselt auf Plakaten («Schengen-Visa zu einem guten Preis») oder sogar an Schulen. Das ist jedoch eher ungewöhnlich. In Afghanistan gilt die Menschen­schmugglerin manchmal als eine nahe Verwandte des kundigen Reiseleiters, der die Gläubigen auf Pilger­fahrten zu heiligen Stätten im Iran oder im Irak führt. Ein solcher Reiseführer ist ein rāhbalad – einer, der die Wege kennt.

Auch der Ehrentitel für eine Person, die die Pilgerfahrt nach Mekka unternommen hat – hādschī –, wird gelegentlich von muslimischen Flüchtlingen als Anrede für ihre Schmuggler verwendet. Ein älterer Mann aus Afghanistan, den ich in einer deutschen Grossstadt traf, rezitierte einen Vers aus dem Koran, der ihm unterwegs Kraft gab: «Wer auf dem Weg Gottes auswandert, findet auf der Erde viele Auswege und ergiebige Versorgung.» (Sure 4, 100)

Sind Menschenschmuggler immer Männer? Keineswegs. Sowohl für China als auch für die grenznahen Südstaaten der USA ist die Beteiligung von Frauen am Menschen­schmuggel gut belegt. In amerikanischen Chinatowns wird bis heute mit Hoch­achtung von Cheng Chui Ping, kurz: Schwester Ping, gesprochen, die ein komplexes Netzwerk betrieb, das in den Achtziger- und Neunziger­jahren Tausende von Menschen aus dem Südosten Chinas über Hongkong illegal in die USA brachte. In Arizona sind es ebenfalls oft Frauen, die wichtige Beziehungen knüpfen und als coordinadoras von Schmuggler­diensten unauffällig im Hinter­grund wirken.

Die westliche Zwangsvorstellung von Schmugglern als hypersexuellen, gewalttätigen Räubern, die sich über ihre wehrlosen, stummen Opfer hermachen, dient allein der Aufrecht­erhaltung einer anderen Fantasie: dass es westlichen Regierungen, die den Menschen­schmuggel bekämpfen, um die Befreiung und das Wohl­ergehen von Migranten gehe.

Warum der Menschenschmuggel weitergehen wird

Menschen sind spezialisiert darauf, Auswege aus Extrem­situationen zu finden. Sie sind zudem ausser­ordentlich hartnäckig darin, nach Wegen zu suchen, ihr Leben zu verbessern. Wenn ihnen dabei Staats­grenzen und deren oft unvernünftige Regeln zur Überschreitung in die Quere kommen, werden sie versuchen, diese Grenzen auf eigene Faust zu überwinden oder mit der Hilfe von Reise­veranstaltern der etwas anderen Art. Der Schmuggel von Migranten ist eine Antwort auf die Ordnung einer extrem ungleichen Welt, in der die meisten Grenzen für die meisten Menschen geschlossen sind.

Der Kampf gegen den Menschen­schmuggel ist vergeblich, weil er nur ein Symptom behandelt.

Für die Hartnäckigkeit, mit der Menschen auf ihrer körperlichen Freiheit bestehen, bietet die Gegenwart beeindruckende Beispiele. Es gibt Anekdoten von Somaliern, die es nach vielen Monaten auf teils legalen, teils illegalen Routen über China in die USA geschafft haben. Senegalesische Frauen und Männer reisen seit einigen Jahren über Ecuador durch Peru und Bolivien nach Argentinien, wo eine rasch wachsende westafrikanische Community entsteht. Die Reise erfordert streckenweise, etwa an der Grenze zwischen Peru und Bolivien, Hilfe­stellungen durch Schmuggler und kostete bis vor kurzem ungefähr 4600 Euro. Solche weltumspannenden Süd-Süd-Routen, die sich von der Fixierung auf ehemalige koloniale Mutter­länder lösen, werden immer wichtiger.

Als Pioniere bei der Erschliessung neuer Migrations­routen gelten junge Männer aus Mali, die in den Neunziger­jahren auf Baustellen in Libyen arbeiteten und erfolgreich Visa für Brasilien beantragten, wo sie entweder blieben oder weiterzogen nach Argentinien.

Aber es geht auch in die andere Richtung über den Atlantik. So beobachten wir, dass seit einiger Zeit migrations­willige Menschen in El Salvador und anderen zentralamerikanischen Staaten eine neue Rechnung aufmachen. Der Weg nach Norden über Mexiko in die USA ist versperrt, und Schmuggler nehmen inzwischen 10’000 US-Dollar für ihre Dienste. Also kauft man lieber die viel günstigeren Flugtickets in das ehemalige Mutterland Spanien, wo man relativ leicht einreisen kann, dieselbe Sprache spricht und vielleicht auch sonst noch ein paar Kontakte hat. In Spanien angekommen, stellt man einen Asylantrag oder zieht weiter nach Italien oder auch Belgien, wo die in Zentral­amerika herrschenden Banden­kriege als Asylgrund anerkannt werden.

Einige Tausend Latinos sind auf diese Weise seit 2018 nach Europa gekommen. Ganz legal und ohne sich den Gefahren einer Schmuggler­route auszusetzen.

Manchmal ist es die Erfahrung selbst, die uns einen kleinen Wink gibt, wie es in Zukunft gehen könnte. Bald nach dem Fall der Berliner Mauer stiegen auch in Albanien Zehn­tausende von Frauen und Männern in Boote und Schiffe jeder Grösse und Bauart, um über die Adria nach Italien zu fliehen, wo sie vor allem in Brindisi und Bari landeten. Der «albanische Exodus» von 1991 war für Italien in psychologischer Hinsicht durchaus vergleichbar mit späteren Flüchtlings­krisen. Es gab eine harte innen­politische Polarisierung, Flüchtlinge, die in Fussball­stadien eingesperrt wurden, aber auch eine vitale Willkommens­kultur in Apulien.

All das ist inzwischen Schnee von gestern. Seit Ende 2015 können Albanerinnen dank der sogenannten Westbalkan­regelung regulär in die EU einreisen, um zu arbeiten. Aus irregulären Boots­flüchtlingen wurden auf diese Weise, beinahe über Nacht, ganz reguläre Migranten.

Zu diesem Text

Der Essay basiert auf folgendem Buch, das am kommenden Donnerstag (1. April) erscheint: Volker M. Heins, «Offene Grenzen für alle. Eine notwendige Utopie», Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2021, ca. 32 Franken. Copyright für diesen Beitrag © 2021, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg.

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