Inside Huawei

Joe und Sam waren bei Huawei Schweiz angestellt. Doch dann verliessen sie die chinesische Techfirma – weil sie genug hatten von der militärischen Kultur. Ein seltener Einblick in eine Arbeitswelt, in der geopolitische Ziele über allem stehen.

Eine Recherche von Sylke Gruhnwald (Text) und Niklas Wesner (Illustrationen), 13.01.2021

Inside Republik: Bei uns gibts regelmässig Einblicke in die Arbeitswelt – schliesslich gehören wir all unseren Verlegern ein bisschen.

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1. Grüezi, Joe!

Zürich, Sommer 2019. Der Mann, die schwarzen Haare gescheitelt und mit Pomade in Schach gehalten, leichter Bart, Pullover, Jeans, Sneaker, will auspacken. Er hält ein Smartphone in der Hand. Ein mit Joghurt verschmiertes Kinder­gesicht ist auf dem Bildschirm zu erkennen. Es ist sein Kind. Mehr will er von sich nicht in der Presse lesen, er will anonym bleiben.

Wir nennen ihn Joe.

Joe will nicht über Politik reden. Nicht über die Proteste in Hongkong oder den Handels­krieg mit den USA, nicht über die Umerziehungs­lager in Xinjiang im Nordwesten Chinas, nicht über das landesweite Sozialkreditsystem.

Joe will berichten von seiner Arbeit beim Techkonzern Huawei in der Schweiz.

Und wir – eine Journalistin aus der Schweiz mit Reportern des «Telegraph», von «El Mundo» und «Netzpolitik.org» – zeichnen seine Aussagen auf.

2. hǎiguī

Joe ist eine sogenannte Meeres­schildkröte: ein Chinese, der in den Westen gegangen ist und dort gelernt hat, digitale Markt­plätze oder Autos zu bauen. Später, gewissermassen zum Eierlegen, soll er nach China zurückkehren, dort den Aufstieg der Volksrepublik zur Wirtschafts­weltmacht vorantreiben.

Hǎiguī lautet der chinesische Ausdruck dafür – 海龟.

Joe ist in die Schweiz gekommen. Huawei hat ihn geschickt. Er ist Teil einer «regionalen Feldarmee» von «herausragenden chinesischen Mitarbeitern», die im Rotations­prinzip für Huawei im Ausland arbeiten. So beschreibt Ren Zhengfei, der Gründer des Unternehmens, Mitarbeiter wie Joe in einer Rede, die er 2019 bei einer Vereidigungs­zeremonie für Angestellte hielt.

«Männlich, ledig, jung, gut ausgebildet und mit Auslands­aufenthalt» seien diese chinesischen Expats, sagt der amerikanische Ökonom Christopher Balding. Er hat ein Datenleck von fast 600 Millionen Lebensläufen ausgewertet, darunter 30’000 Personaldossiers von Huawei-Angestellten.

Auch wir haben über das Whistleblowing-Netzwerk «The Signals Network» über Monate ehemalige Mitarbeiter von Huawei interviewt, firmeninterne E-Mails, Handbücher und Systeme zur Arbeitszeit­erfassung geprüft, Video- und Audio­aufnahmen gesichtet, Gerichtsakten gewälzt und Einschätzungen von Expertinnen eingeholt – um zu verstehen, welche Rolle Meeres­schildkröten wie Joe bei Huawei spielen. Und wie sie dort behandelt werden.

Denn: Sie sind die Elitetruppen von Huawei, einer der wichtigsten Armeen, die für China den Krieg um die technologische Vorherrschaft gewinnen sollen.

Sie finden diese Rhetorik martialisch? Sie stammt von der Firma selbst.

3. Das zerschossene Flugzeug

«Die Telekommunikation ist eine Frage der nationalen Sicherheit», sagte einst Huawei-Gründer Ren, ein ehemaliger Soldat, Mitte der 1990er-Jahre zum damaligen Staatspräsidenten Jiang Zemin. «Eine Nation ohne eigene Ausrüstung auf diesem Gebiet ist wie eine Nation ohne Armee.»

Ein beliebtes Motiv ist die «Schturmowik», ein Propeller­flugzeug der sowjetischen Luftwaffe. Huawei zeigt es in Broschüren, auf Postern und in E-Mails. Die Tragflächen und die Flosse am Heck sind zerschossen, man sieht Einschuss­löcher am Maschinenraum. Doch der Propeller rotiert, das «Betonflugzeug», wie es deutsche Kampf­piloten im Zweiten Weltkrieg nannten, fliegt über ein weisses Wolkenmeer. Darunter steht: «Helden werden gemacht, nicht geboren.» (Gamer fanden übrigens heraus: Das Bild ist ein Screenshot aus dem Computerspiel «Kampf um Stalingrad»).

Die Mitarbeiter werden mit diesem Kriegsvokabular trainiert.

Der Republik liegt etwa eine Nachricht vor, welche die Personal­abteilung der Europa­zentrale in Düsseldorf im Sommer 2019 an alle Mitarbeiter verschickte – mit einem Bild der «Schturmowik» und einer Rede Rens: Huawei müsse «Elitetruppen» aufbauen und die Fähigkeiten der Teams an der Speerspitze verbessern, die am nächsten an den Kunden sind. Ren spricht vom «Lärm der Artillerie», den Aussendienst­mitarbeiterinnen hören würden.

Zur Inspiration verweist Huawei auch auf Erwin Rommel, einen General der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Auf einer Website der Firma finden wir einen dazugehörigen Blogeintrag aus dem Jahr 2015. Darin wird Rommel als «in Nordafrika unbesiegbar» beschrieben. Nach unserer Anfrage verschwindet der chinesisch­sprachige Beitrag von der Huawei-Seite, doch über Archive.org ist er nach wie vor einsehbar.

Ehemalige Mitarbeiter in Deutschland berichten übereinstimmend: Solche Botschaften seien bei Huawei normal. Führungs­kräfte sprächen gerne von «Generälen» und «Schlachten», die an der «Front» geführt werden. Und in der Schweiz treffe man sich im war room, um heikle Themen zu besprechen.

Das ist mehr als nur Management-Rhetorik.

Angestellte nennen es «Siegessprache».

4. Der Feldzug

Huawei macht Geschäfte in über 170 Ländern und erzielt einen Profit von 9 Milliarden Dollar. Das steht im letzten Jahresbericht.

Dort steht auch: Huawei hat 194’000 Mitarbeiter. Gut 100’000 von ihnen sind finanziell am Unternehmen beteiligt. Wobei nicht ganz klar ist, wer Huawei eigentlich besitzt: Rund 1 Prozent der Unternehmens­anteile gehören Ren Zhengfei – der Rest gehört einer Gewerkschaft von Huawei-Mitarbeitern.

Im Frühjahr 2019 veröffentlicht Ökonom Christopher Balding zusammen mit seinem Kollegen Donald Clarke eine Recherche: Wer kontrolliert Huawei wirklich? Die China-Kenner kommen zum Schluss: Die Mitarbeiter, so wie es Huawei sagt, sind es sicher nicht. Wahrscheinlicher sei, dass der chinesische Staat – falls die Huawei-Gewerkschaft so funktioniert, «wie solche Gremien in China funktionieren» – im Hintergrund eine wesentliche Rolle spiele.

Jiang Xisheng, Generalsekretär von Huawei, lädt daraufhin eine Handvoll Journalisten an den Hauptsitz ein, darunter welche der «New York Times». Er zeigt ihnen ein grosses, blaues Buch mit zehn Bänden, das in einem schlichten weissen Raum hinter Glas aufbewahrt wird. Es enthalte die Namen aller Mitarbeiter, die «eingeschränkte Phantomaktien» des Unternehmens halten – eine Art von Gewinn­beteiligung. Und es sei der Beweis dafür, dass Huawei nicht dem Staat gehöre. Die Gewerkschaft habe keinen Einfluss auf den Geschäfts­betrieb, erklärt Jiang den Reportern.

Und Ren? Dieser habe zwar ein Vetorecht, sagt Jiang, aber «nicht bei allen Dingen». Der Gründer beeinflusse das Unternehmen mit seiner Management-Philosophie. Reporter würden über seine Ideen und Reden alle paar Tage Artikel verfassen. «Das ist seine Art, das Unternehmen zu führen.»

So richtig überzeugend klingt all dies nicht. Wem gehört Huawei? Ist es ein privat­wirtschaftliches oder doch eine Art Staats­unternehmen? «Wenn Huawei wollte, könnten sie das klären», schreiben Balding und Clarke.

Balding vermutet im Gespräch mit uns auch: Es gibt Verbindungen zwischen Huawei, seinen Mitarbeitern und dem chinesischen Geheimdienst. Beweisen kann er es aber nicht.

Unterdessen führt die Firma ihren Feldzug fort.

Mitte 2020 verkauft Huawei weltweit erstmals mehr Handys als jeder andere Hersteller (allerdings hat Samsung Ende 2020 wieder die Nase vorn). Und Huawei ist führend in 5G, der Technologie für den Mobilfunk­standard der nächsten Generation. Mitbewerber sind ZTE aus China, Schwedens Ericsson und die finnische Nokia. Der deutsche Konkurrent Siemens hat den Anschluss verpasst; ein amerikanisches Unternehmen gibt es nicht auf dem Markt.

Rund um 5G besitzt Huawei zahlreiche Patente. Sie sind wichtig, denn ein modernes Smartphone ist durch Hundert­tausende verschiedener Urheber­rechte geschützt, wie der Publizist Evgeny Morozov schreibt. «Jedes Netz, jedes Gerät, das diese nutzen will, muss die technischen Spezifikationen respektieren, also patentierte Technologien nutzen.»

Firmengründer Ren will dieses Jahr mehr als 20 Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung ausgeben. Zum Vergleich: Alle deutschen Autobauer investieren zusammen knapp 55 Milliarden Dollar.

5. Liebe unter Fremden

Zürcher Bahnhofshalle, Café Oscar. Hier treffen wir Joe, wieder und wieder, am Tisch hinten links, gleich bei der Theke. Joe bestellt immer Kaffee mit Rahm ohne Zucker. Wir legen ihm Huawei-interne Dokumente vor, übersetzt aus dem Chinesischen ins Englische. Sie sind als «vertraulich» eingestuft.

Er erzählt von seiner Frau und seinem Kind, zeigt Fotos, die er auf dem Smartphone gespeichert hat. Und er spricht über Loyalität und Kontrolle, und über das Misstrauen – bei Huawei.

Joe, hast du keine Angst, mit uns zu sprechen?
Nein. Ich bin ein viel zu kleiner Fisch, ich war ein einfacher Angestellter. Und ich habe keine Angst, weil ich die Wahrheit sage.

Mitte der 2010er-Jahre kommt Joe als chinesischer Expat in die Schweiz. Da arbeitet er schon einige Jahre für Huawei. Auf dem Papier verdient Joe jetzt so viel wie noch nie: über 100’000 Franken im Jahr. Zudem zahlt Huawei monatlich «mindestens 3000 Franken für Unterkunft und Verpflegung», den «Hin- und Rückflug zwischen China und der Schweiz». So steht es im Arbeitsvertrag.

Bald verliebt sich Joe. Sie ist Westeuropäerin. Sie werden ein Paar, erwarten ein Baby. Was danach passiert, schreibt Joe aus der Erinnerung nieder:

  • Sein Chef erfährt davon und zitiert Joe ins Büro: «Schau dich nach einem neuen Job bei Huawei um. Nicht in Europa.»

  • Der Direktor der Abteilung Human Resources sagt: «Möchtest du in der Schweiz bleiben, dann kündige.»

  • Der neue Personalchef: «Suche dir eine neue Arbeits­stelle innerhalb der Firma, aber ausserhalb Europas.»

  • Sein Chef fordert Joe nochmals auf: «Transfer» – zieh um.

Doch Joe will nicht gehen, er will in der Schweiz bleiben.

Im Sommer 2018 muss Joe erneut zum Personalchef. Dieser will wissen: «Was sind deine Pläne? Willst du in der Schweiz bleiben?»

Joe: «Meine Frau bekommt bald unser Baby, also werde ich wahrscheinlich hierbleiben.»

Der Personalchef: «Aber die Firma hat das Recht, zu entscheiden, wo du arbeitest, und du solltest unseren Anweisungen folgen.»

Joe: «Du denkst, es ist in Ordnung, dass die Firma alles entscheidet, auch wo ich arbeite. Ich sehe das anders. Ich will dabei sein, wenn meine Frau mein Baby zur Welt bringt.»

Diesmal zeichnet Joe das Gespräch auf. Es ist sein Faustpfand gegenüber Huawei – und ein Beweis­mittel für Anwältinnen und Richter.

Huawei hält mit Unternehmens­richtlinien dagegen. In einem internen Dokument heisst es, chinesische Mitarbeiter, die in europäische Länder entsandt werden, dürfen dort maximal fünf Jahre arbeiten. Sollten Mitarbeiter die Staatsbürger­schaft jenes Gastlandes beantragen, haben sie diese bereits erhalten oder heiraten sie EU-Bürgerinnen, müssen sie Europa «so schnell wie möglich» verlassen. Die Mitarbeiter, die sich nicht an die Vorgaben halten und «sich einem Transfer widersetzen», haben «ihren Arbeits­vertrag gebrochen und müssen aus dem Unternehmen oder seiner Tochter­gesellschaft ausscheiden». Das Dokument liegt der Republik vor.

Auf Anfrage der Republik bestätigt Huawei grundsätzlich, dass es solche internen Vorschriften gebe. Mitarbeiter wüssten um die Bedingungen, die für eine Entsendung ins Ausland gelten. Vor Antritt müssten Expats Regeln zur Aufenthalts­dauer und der eigenen Mobilität zustimmen. Tage später schiebt Huawei hinterher: «Die Richtlinie ist nicht mehr gültig.» Wann sie ausser Kraft gesetzt wurde, schreibt Huawei nicht.

Joe ist sich sicher, Huawei wolle verhindern, dass chinesische Angestellte in Europa Wurzeln schlagen. Der Konzern wolle sicherstellen, dass sie früher oder später nach China zurückkehren.

Im Frühjahr 2019 will ihn der CEO von Huawei Schweiz sehen. Er weiss von dem Video, das Joe von dem Gespräch mit dem Personal­chef gemacht hat. Er bietet Joe eine Abfindung an.

Joe lehnt ab und geht.

6. shānzhài

Shenzhen, 14. Oktober 2020. Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping ist angereist, um der Sonder­wirtschaftszone zum 40. Geburtstag zu gratulieren.

Die Stadt, in der Militäringenieur Ren Zhengfei Huawei 1987 gründete, hat sich verändert. Sie ist vom Fischerdorf zum Silicon Valley Chinas geworden und zu einem Symbol für den chinesischen Wirtschafts­boom. Der begann ursprünglich mit Produktpiraterie: Selfiesticks, DVD-Player, die Raubkopien abspielen, Mobiltelefone mit Namen wie «Nokir» oder «Samsing». Sie waren meist keine plumpen Fälschungen, sondern genauso gut wie die Originale.

Auf Mandarin gibt es ein eigenes Wort dafür: 山寨 – shānzhài.

Hier hat Huawei seine Wurzeln. Wo früher Fischer mit ihren Velos zum Hafen fuhren, steigt heute eine Armada von Tech-Arbeitern in einen orangen Zug, der an die Zahnradbahn aufs Jungfraujoch erinnert. Er verbindet auf acht Schienenkilometern Nachbauten von europäischen Städten: Versailles, Brügge, Heidelberg, Granada, Oxford, Luxemburg. Sie gehören zum Huawei-Campus Ox Horn, einer Art Europapark ausserhalb von Shenzhen.

Doch der Eurokitsch auf dem Firmen­gelände von Huawei, die Nachahmung, täuscht: Die Firma meldet heute am meisten Patente weltweit an.

7. Kriegserklärungen

Vancouver, 1. Dezember 2018, Cathay-Pacific-Flug CX838. Meng Wanzhou, Finanzchefin und Tochter des milliardenschweren Firmen­gründers von Huawei, verlässt das Flugzeug. Sie ist auf dem Weg nach Mexiko, will in Vancouver umsteigen, da nehmen sie Grenzpolizisten in Gewahrsam.

Meng: «Warum sollte gegen mich ein Haftbefehl vorliegen?»

Ihr und Huawei werde zur Last gelegt, gegen Sanktionen verstossen zu haben, die die USA gegen den Iran verhängt hatten, erklären die Beamten.

Könne sie wenigstens ihre Familie anrufen?

Die Antwort ist deutlich: «Das können Sie nicht.»

Die kanadischen Beamten stecken Mengs Huawei-Telefon, ihr iPhone, ein roségoldenes iPad und ein rosafarbenes Macbook in Sicherheits­taschen, die jeden Versuch, sie aus der Ferne zu löschen, unmöglich machen. So berichtet es später das Tech-Magazin «Wired».

Tage danach nimmt China zwei Kanadier fest: Michael Kovrig, ehemaliger Diplomat und Berater der Nichtregierungs­organisation International Crisis Group in China, und Michael Spavor, Nordkorea-Experte. Der Vorwurf: Spionage. Im Sommer 2020 werden die «zwei Michaels», wie sie die kanadische Presse bezeichnet, formell angeklagt. Da sitzen sie bereits seit eineinhalb Jahren in chinesischen Gefängnissen. Von Covid-19 erfährt Kovrig erst im Oktober. Für ihn höre sich das an wie ein «Zombie-Apokalypse-Film».

Meng steht in ihren beiden Häusern in Vancouver unter Hausarrest und kämpft gegen ihre Auslieferung in die USA. Tagsüber darf sie sich frei bewegen, eine schwarze elektronische Fussfessel überwacht sie.

Der Handelsstreit, der zwischen den USA und China zu diesem Zeitpunkt bereits länger schwelt, ist eskaliert – zu einem heissen Technologiekrieg.

8. An der Front

«Huawei kann nur dank seiner Kunden existieren», sagt Ren Zhengfei.

Die Schweizer Kunden von Huawei heissen: Swisscom, Sunrise, Salt.

Am 1. Dezember kontaktieren wir Swisscom. Wir wollen wissen: In welchen Bereichen arbeitet Swisscom mit Huawei zusammen? Zwei Tage später antwortet die Presse­sprecherin: im Festnetz­bereich. Seit 2008.

Am 9. Dezember enthüllt «Le Temps»: Swisscom setzt auch im Mobilfunk auf Huawei. Die Firma integriert Komponenten in ihre 4G- und 5G-Antennen. Swisscom beschwichtigt, man kaufe von Huawei bloss Dinge «wie für die Karosserie eines Autos»: Kabel, Bauteile aus Metall für Mobilfunk­antennen.

Sunrise und Salt machen aus der Zusammenarbeit kein Geheimnis.

Alle drei Telecomfirmen sagen: Huawei sei billiger als die Konkurrenz aus Schweden und Finnland, biete ein «gutes Preis-Leistungs-Verhältnis», arbeite «sehr zuverlässig», gehe «sehr präzise auf individuelle Anforderungen ein», habe eine hohe «Kundenorientierung».

Ein ehemaliger Mitarbeiter eines Schweizer Telekommunikations­anbieters bestätigt: «Musste ein Projekt zum Abschluss gebracht werden und die Zeit wurde knapp, wurden Chinesen eingeflogen. Unlimitiert.»

Was Huawei anbietet, ist für die Schweizer Mobilfunk­anbieter wichtig. Ein technischer Angestellter vergleicht den Aufbau des 5G-Netzes mit der Elektrifizierung. Kürzeste Latenzzeiten, selbstfahrende Autos, Operationen, die auf Distanz durchgeführt werden – all dies soll dank 5G möglich werden.

Dafür werden jetzt Basisstationen des Mobilfunk­netzes umgerüstet: grössere mit Sendemasten und Elektronik­schränken, kleinere von der Dimension eines WLAN-Routers mit Miniantenne. Wie dabei überwacht werden soll, dass in diese Geräte keine Spionage­technologie geschmuggelt wird, ist schleierhaft. Die Software wird von den Herstellern regelmässig aktualisiert, Sicherheits­patches müssen überspielt werden, was eine einmalige Überprüfung des Quellcodes durch eine «Cyber-Empa» sinnlos macht.

Ein solches Institut könnte als nationale Prüfstelle agieren, angelehnt an die Eidgenössische Material­prüfungs­anstalt. Der Kanton Zug treibt das Projekt voran und zahlt 450’000 Franken als Anschubfinanzierung. Die «Cyber-Empa» soll die Sicherheit von Hardware überprüfen, «vom Netzwerkrouter bis zur Steuerungskomponente für ein Wasserkraftwerk».

Nationalrat Franz Grüter (SVP) forderte in einer Motion, dass sich der Bund ebenfalls beteiligt. Loslegen will die «Cyber-Empa» noch in diesem Jahr.

9. Im Krieg gibt es keinen Feierabend

Dübendorf, Advent 2020, Mittagszeit. Ein Geschäftshaus in einem Industrie­quartier, klassisch mit Weihnachts­baum im Foyer, geschmückt mit roten und goldenen Kugeln. Daneben ein Flipchart mit dem rot-weissen Poster des Bundesamts für Gesundheit: «Hier gilt Maskenpflicht.»

Normalerweise arbeiten in den Zürcher Büros von Huawei 250 Mitarbeiterinnen. Wegen der Pandemie sind es heute weniger, viele machen Homeoffice. Eine Huawei-Mitarbeiterin sitzt vor der Kantine. Zwei Arbeits­kollegen gehen mit Starbucks-Kaffeebechern vorbei. Alle tragen rote Umhänge­bänder, daran die Zutritts­karten für die oberen Stockwerke, wo sich die Büros von Huawei befinden.

In China wenden Technologiefirmen das 9-9-6-Prinzip an: Arbeit an 6 Tagen von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends. Wobei auch mal auf einer Matratze im Büro übernachtet wird, wie ehemalige Mitarbeitende sagen.

Bei Huawei Schweiz gilt das 9-9-6-Prinzip offiziell nicht.

In einem Handbuch steht: «Der Mitarbeiter arbeitet 40 Stunden pro Woche. Der Mitarbeiter ist flexibel in der Arbeitszeit­einteilung, sollte aber spätestens um 9:00 Uhr kommen und frühestens um 17:00 Uhr gehen.»

Kontrolliert wird dies mit Excel-Tabellen, welche die Personal­abteilung an die Angestellten verschickt. Der Republik liegt ein solches Dokument vor. Die Zellen sind darin bereits ausgefüllt: Jede Mitarbeiterin arbeitet von Januar bis Dezember, von Montag bis Freitag, von 8.30 bis 12 Uhr und von 13 bis 17.30 Uhr. Die Feiertage sind gelb markiert und bleiben leer.

Auf dem Papier stimmt also alles. Ehemalige Mitarbeiter berichten aber von viel längeren Arbeits­tagen, von Sitzungen, die spätabends angesetzt wurden, von Wochenenden, die sie im Büro verbracht haben.

Wir rufen das Arbeitsinspektorat in Zürich an. Die Presse­sprecherin nimmt den Hörer ab, sagt, wir sollen unsere Anfrage per E-Mail stellen. Wir wissen, dass wir keine Antwort erhalten werden. Auch die Wirtschafts­direktion des Kantons Bern sagt ab: «Zu einzelnen Firmen geben wir keine Auskunft.»

Huawei schreibt, die Firma werde in der Schweiz erfolgreich überprüft. Was das heisst, schreibt Huawei nicht.

Im deutschen Düsseldorf, wo die Europa­zentrale von Huawei steht, bestätigt die Behörde hingegen, dass Beschwerden eingegangen sind. Usus sind: Überstunden, die nicht angerechnet werden, und ein Zeiterfassungs­system, das die Ankunft der Mitarbeitenden aufzeichnet, aber nicht das Ende ihres Arbeitstags.

Das gilt aber nicht für alle Angestellten. Nur für die chinesischen.

Huawei Deutschland räumt ein, dass sich Mitarbeiter über die Zeiterfassung beschwert hätten. Zugleich schreibt der Presse­sprecher, es gehe gar nicht um die Arbeitszeit, sondern darum, die Anwesenheit der Mitarbeiter zu dokumentieren.

«Zweiter zu werden, ist für Huawei keine Option», sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. Huawei braucht Arbeitstiere, um ganz vorne dabei zu sein.

10. Tit for Tat

Im März 2014 macht Edward Snowden publik, dass der amerikanische Geheimdienst NSA die Firma Huawei ausspioniert – Codename «Operation Shotgiant».

Die USA behaupten später das Umgekehrte: Der chinesische Sicherheits­apparat nutze Hintertüren in Smartphones, in Routern und in Equipment für 5G-Netze von Huawei. Immer wieder sagt Donald Trump: China spioniere die USA aus.

Huawei bestreitet dies.

Die USA sagen: Ein nationales Informations­gesetz, das 2017 in China in Kraft trat, verpflichte Huawei, mit den dortigen Behörden zu kooperieren.

Auch das bestreitet Huawei.

2018 erlässt die US-Regierung Strafzölle, verhängt Sanktionen.

Auch Peking erhebt Strafzölle, führt Exportkontrollen für Technologien zur Sprach- und Gesichtserkennung ein. Kein Land habe ein Sicherheits­problem wegen Huawei, sagt ein Sprecher des chinesischen Aussenministeriums.

2020 beschliessen die USA das «Clean Network Program» – eine Initiative mit dreissig Ländern, um «bösartige Akteure» wie die Kommunistische Partei Chinas aus den westlichen Kommunikations­netzen fernzuhalten.

China kündigt die «Global Initiative on Data Security» an, eine Gegenallianz, weil «einzelne Länder» andere «schikanieren» und Unternehmen «jagen».

Huawei könnte durch den amerikanischen Druck lahmgelegt werden, befürchten Insider bei Huawei im Magazin «Politico». Auch unter Präsident Joe Biden werde «die Kampagne gegen das Unternehmen mit partei­übergreifender Unter­stützung in Washington weitergehen».

11. Neutralität

Bundesbern, 18. Dezember 2020, letzte Session des Jahres.

Franz Grüter, Nationalrat der SVP, bekämpft das Postulat von Jon Pult, Nationalrat der SP. Dieser will vom Bundesrat wissen, «welche Risiken von Anbietern wie Huawei ausgehen, die in Ländern domiziliert sind, die weder markt­wirtschaftlich noch rechts­staatlich organisiert sind».

Pult will nicht in den Beiwagen der USA steigen. Doch er findet, die Schweiz solle für ihr 5G-Netz eine europäische Lösung mit Ericsson und Nokia finden.

Grüter dagegen will keinen Anbieter kategorisch vom Schweizer Markt ausschliessen. «Spionage, Hintertüren, kill switch: Man stützt sich bei all diesen Vorwürfen gegen Huawei auf Aussagen aus den USA», sagt er am Telefon. «Konkrete Beweise fehlen.»

Am 1. Dezember 2020 zählt das Bakom in der Schweiz 19’504 Mobilfunk­anlagen, davon 4490 für 5G. Der Bund überlässt es Swisscom, Sunrise und Salt, wer die Anlagen mit Soft- und Hardware ausstattet.

Er habe «keine Kompetenzen, um auf die Ausrüstungs­beschaffungen der Netz­betreiberinnen Einfluss zu nehmen», sagt der Bundesrat. Und: Die Telekommunikations­anbieter seien für die «Sicherheit ihrer Netze selber verantwortlich». Gleichzeitig warnt die Landes­regierung jedoch vor der «Implementierung jeglicher Hard- oder Software eines ausländischen Unternehmens». Dies, weil «ein Land, in dem sich der Hauptsitz des Unternehmens befindet, einen Einfluss auf die Sicherheitspolitik hat».

Die Schweiz sitzt zwischen den Stühlen.

Über ihre Botschaft üben die USA Druck auf die Schweiz aus: Sie soll Position beziehen.

Die Schweiz weist auf ihre intensiven Wirtschaftsbeziehungen zu den USA hin. Doch sie arbeitet auch mit China zusammen.

2013 hat sie ein Freihandels­abkommen mit der Volksrepublik vereinbart. Und im April 2019 unterschrieb Bundes­präsident Ueli Maurer eine Absichts­erklärung für die «Neue Seidenstrasse» – Chinas weltweites Infrastruktur­netz, das sich um Häfen, Strassen und Eisenbahn­schienen dreht, aber auch darum, den globalen Wettbewerb um die technologische Vorherrschaft zu gewinnen. Menschenrechte sind da nur am Rande Thema.

12. Geliehener Sold

Zürich Hauptbahnhof, Frühjahr 2020. Ein ehemaliger Mitarbeiter von Huawei sitzt auf einem gepolsterten Barhocker vor der grossen Fenster­front eines Cafés mit Blick auf die Europaallee. Er bestellt grünen Tee. Auch er will erzählen. Und wie Joe stellt er eine Bedingung: Er will nicht erkannt werden.

Wir nennen ihn Sam.

Sam ist gerade auf Jobsuche. Er trägt dunklen Anzug und Krawatte, Leder­schuhe und passenden Gürtel. Fast neun Jahre hat er für Huawei gearbeitet. Dann ging er.

Sam wählt seine Worte vorsichtig. Alles Politische, jegliche Kritik an China umschifft er gekonnt, obwohl kein Tonband mitläuft.

Sam, was ist passiert?
Zunächst will ich eine Sache klarstellen: Mir erging es bei Huawei nicht so schlecht wie Joe. Ich habe gekündigt, weil ich zurück an die Uni wollte. Mir ist wichtig, dass klar wird: Ich bin Huawei bis heute dankbar. Ich konnte im Ausland arbeiten, habe viel gelernt und ordentlich Geld verdient.

Was unterscheidet deinen Werdegang von Joes?
Manche Leute passen in das System und andere eben nicht.

Was bedeutet das?
Vor zehn Jahren gingen Männer zu Huawei, die das Geld angezogen hat wie ein Magnet. Aber die Zeiten haben sich geändert. Heute zieht eine jüngere Generation nach, für die Geld nicht alles ist. Nimm mich als Beispiel: Ich wurde in China angestellt und später in die Schweiz geschickt. Ich kam mit einem Arbeits­vertrag als Expat in die Schweiz, habe immer noch eine Aufenthalts­bewilligung B, bezahle Steuern. Das Gehalt zahlte Huawei auf mein Schweizer Bankkonto, plus Zulagen und Bonus.

Wie hoch war dein Bonus?
Meine Boni waren nicht fix, sondern basierten auf meiner jährlichen Leistung.

Und dann wird es brisant. Sam erklärt, wie die Löhne, die Huawei in der Schweiz auszahlt, im Nachhinein korrigiert werden.

  • Die Firma vergleicht das monatliche Gehalt, das ein Mitarbeiter in China erhalten würde, mit seinem Schweizer Lohn, inklusive Bonus.

  • Bleibt der Mitarbeiter in der Schweiz, passiert: nichts.

  • Verlässt der Mitarbeiter die Schweiz (weil er bei Huawei kündigt, innerhalb des Konzerns den Standort wechselt oder zurück nach China geht), wird eine Berechnung ausgelöst: Entweder er erhält zusätzliches Geld von Huawei (wenn er im Ausland weniger verdient hat), oder er muss Geld an Huawei zurückzahlen (wenn er im Ausland mehr verdient hat).

Letzteres ist der Normalfall.

Bist du ein Normalfall, Sam?
Sechs Monate nach meiner Kündigung erhielt ich eine E-Mail an meine private Adresse: Huawei forderte umgerechnet 60’000 Franken von mir, weil meine Abrechnung negativ sei. Innerhalb von drei bis fünf Arbeits­tagen sollte ich den Betrag auf ein Bankkonto in Shenzhen überweisen. Ich ignorierte die Nachricht.

Wie ging es weiter?
Ich zahlte nicht, und Huawei hat mich auch nicht mehr kontaktiert.

Findest du das nicht unfair?
Weisst du, ich möchte deswegen nicht emotional werden. Das ist vor allem ein grosses Problem für die Mitarbeiter, die zurück nach China gehen. Ihnen wird das Geld direkt von Huawei abgezogen.

Ist diese Praxis illegal? Ist sie bekannt? Die Arbeits­inspektorate in Bern und Zürich verweisen auf den Datenschutz – sie können keine Auskunft geben.

Uns liegen E-Mails vor, die Sams Aussagen belegen. Huawei argumentiert darin mit Gehalts­unterschieden zwischen China und der Schweiz, mit Steuern und Sozial­abgaben. Die E-Mails konnte die Republik einsehen.

Gesehen haben wir auch eine Präsentation, die Huawei im Intranet veröffentlicht hat. Sie ist als «vertraulich» eingestuft und listet die Top-10-Länder auf, in denen chinesische Expats Huawei Geld schulden.

Auf einer Folie zieht sich ein dunkelblauer Balken von links bis weit nach rechts: Es ist die Schweiz.

Sie liegt ganz vorne.

13. Frauen im Feld

Madrid, Mai 2017. Ana erhält ihre Kündigung per Einschreiben. Die Begründung: Ihre Arbeits­leistung habe sich kontinuierlich verschlechtert.

Zu diesem Zeitpunkt arbeitet sie seit fast zehn Jahren in der Finanz­abteilung von Huawei. Sie kam wohl auch als Meeres­schildkröte nach Europa.

Für die Gerichtsakten beschreibt ein Anwalt später Anas Fall: Die Chinesin verliebt sich in einen Spanier. Sie heiraten. Ana wird schwanger und hat 2015 eine Fehlgeburt. Sie meldet sich krank. Huawei kürzt ihren Bonus. Ein Jahr später endet ihre Schwangerschaft wieder mit einer Fehlgeburt. Ana meldet sich wieder krank. Huawei streicht ihren Bonus. Ana beginnt mit einer Kinderwunsch­behandlung. Wieder meldet sie sich krank. Die Diagnose: eine «Störung aufgrund von Trauer und Unglück». Huawei feuert Ana.

Ana will sich wehren und klagt gegen Huawei. Um sie zu schützen, ändert das Gericht ihren Namen. Ihr richtiger Name ist der Republik bekannt.

Vor Gericht sagt eine Betriebsrätin aus. Sie weiss von mindestens fünf Frauen, denen Huawei ebenfalls kündigt, weil sie schwanger oder Mütter sind.

Das spanische Gericht entscheidet 2018: Die Kündigung ist nicht rechtens. Ein Arbeits­rechtler sagt nach dem Urteils­spruch: «Der Umgang des Unternehmens mit seinen chinesischen Mitarbeitern – und insbesondere, wenn es Mitarbeiterinnen betrifft – ist sehr hart.» Der Anwalt hat mehrere Mitarbeiterinnen vor Gericht gegen Huawei verteidigt.

Für das 20-Jahr-Jubiläum in Europa macht Huawei derweil Werbung auf Twitter. Unter dem Hashtag #WomenInTech lädt die Firma zu «Diskussionen über weibliche Führung, wie Technologie helfen kann, die digitale Inklusion zu verbessern» und «wie man geschlechts­spezifische Diskriminierung überwinden kann».

14. Imagekampagne

Minderheiten werden in China unterdrückt. In den vergangenen Jahren wurden bis zu eine Million Uiguren, Kasachen, Kirgisen und Hui in Umerziehungs­lager in Xinjiang gesperrt. Chinas Führung nennt die Gefängnisse: «Bildungszentren».

Anfang Dezember berichtet die «Washington Post», dass Huawei automatisierte «Uiguren-Alarme» testet, die an Regierungs­behörden gesendet werden können. Dafür scannt ein Kamera­system Gesichter in Menschen­mengen, und eine Software schätzt Alter, Geschlecht und ethnische Zugehörigkeit jeder Person. Das geht aus einem als «geheim» eingestuften Dokument hervor, das wohl durch Zufall auf einer europäischen Huawei-Website entdeckt wurde. Huawei habe Software, Kameras und Netzwerk­equipment und seine Cloud dafür bereitgestellt. Das Dokument wurde mittlerweile wieder entfernt.

Ein Huawei-Sprecher sagt der «Washington Post», es sei «lediglich ein Test». Ganz so, als sei es völlig normal, Gesichts­erkennungs­software zu erproben, die rassistisch ist. Wir fragen auch bei Huawei nach und werden auf die offizielle Pressemitteilung verwiesen, die eine Woche nach den Enthüllungen veröffentlicht wurde. Darin steht: «Huawei wendet sich gegen jede Art von Diskriminierung, einschliesslich der Verwendung von Technologie zur Durchführung ethnischer Diskriminierung.»

Zwangsarbeit, Massen­überwachung, Diskriminierung: Dem französischen Fussballspieler Antoine Griezmann ist vor kurzem der Kragen geplatzt. Er hat seinen Sponsoringvertrag mit Huawei gekündigt. Drei Jahre lang war er dessen Werbegesicht.

In der Schweiz ziert das Huawei-Logo die schwarzen Fussballer­hosen der Berner Young Boys. Die Skirennfahrerin Wendy Holdener postet auf Instagram ein Bild von sich im orangen Leibchen, darauf der Huawei-Schriftzug und die Nummer 1. Via Pressemitteilung verkündeten Huawei, Swiss-Ski und die Alpin-Nationalmannschaft vor einem Jahr ihre Zusammenarbeit.

Wir fragen nach: Wie hoch ist das Sponsoring von Huawei an YB?

Der Geschäftsführer des Fussball­clubs, Wanja Greuel, antwortet per E-Mail: Zu vertraglichen Inhalten gebe man keine Details bekannt.

Überdenkt YB die Zusammenarbeit mit Huawei?

«Unsere Partnerschaft hat keinerlei politische Berührungs­punkte; daher stellen sich für uns diese Fragen nicht.»

Dieselben Fragen stellen wir auch Swiss-Ski und dem Management von Wendy Holdener. Über Details geben auch sie keine Auskunft. Man stehe mit den «Kollegen von Huawei Schweiz» in «engem Kontakt» und habe «einen transparenten Austausch, auch bei kritischen Fragen. Die Partnerschaft läuft sehr gut, und wir sehen aktuell keinen Grund, diese infrage zu stellen.»

15. Survival of the Fittest

Madrid, Sozialgericht Nummer 33, 18. November 2020. Der Richter fällt Urteil 323/2020: Huawei hat fünf Mitarbeiter ohne triftigen Grund entlassen. Die Kündigungen sind missbräuchlich.

Was die fünf gemein haben: Sie sind alle über 50 Jahre alt. Als Beweismittel für deren Alters­diskriminierung führt der Richter eine Rede von Huawei-Chef Ren Zhengfei an, datiert auf Mitte 2019. Darin spricht Ren «zwei Punkte» an, auf die man sich «im Krieg konzentrieren sollte»:

  • Ungelernte solle man entlassen und statt ihrer grosse Köpfe anwerben.

  • Huawei müsse «das Tempo beschleunigen, um die Alten durch die Neuen zu ersetzen».

Gemäss dem Richter versetze das «einen Arbeitnehmer, dem wegen Erreichen eines bestimmten Alters gekündigt wurde, in eine Situation, die von Empfindungen wie Leid, Schmerz, Ungewissheit, Angst und Beklemmung bestimmt wird».

Was in den spanischen Gerichts­unterlagen nachzulesen ist, wird uns in Gesprächen in der Schweiz und in Deutschland bestätigt: Huawei will junge Mitarbeiter.

In Shenzhen, am Hauptsitz von Huawei, ist das Durchschnittsalter um die 30 Jahre.

Joe sagt: «34! Das ist das beste Alter bei Huawei.»

Ein Journalist der NZZ zitiert in einem Podcast ebenfalls Ren Zhengfei. Huaweis Gründer habe gesagt, «wenn ein Entwickler unter 35 ist, dann ist er produktiv, und später kann man ihn nicht mehr zu viel gebrauchen».

Der Konzern lade Bewerberinnen über 45 Jahre noch nicht mal mehr zu einem Vorstellungs­gespräch ein, sagt ein anderer ehemaliger Mitarbeiter. Wer nicht freiwillig gehe, der erhalte sinnlose oder gar keine Aufgaben mehr. Mitarbeiterinnen würden versetzt, erst an andere Schreib­tische, später an andere Standorte. Wer dann nicht kündigt, der werde gefeuert. Und erstreitet sich vielleicht sein Recht (und eine Abfindung) vor Gericht.

Auf der Firmenwebsite rechnet Huawei vor, dass nur 2 Prozent der Mitarbeiter über 50 Jahre alt sind.

Wir fragen bei Huawei nach. Ein Konzern­sprecher weist den Vorwurf der Diskriminierung im Alter «strikt zurück».

16. Legionäre zweier Klassen

In London treffen wir einen ehemaligen Mitarbeiter von Huawei. Er sagt: «In der Firma wird es als Verrat erachtet, eine Einheimische zu heiraten und eine andere Staats­bürgerschaft anzunehmen.»

Keine Freunde, keine Liebe, keine Familie – die Loyalität der Entsendeten soll einzig der Firma gelten. Ginge es nach Huawei, blieben die chinesischen Mitarbeiter unter sich, arbeiteten von morgens früh bis abends spät, ässen mittags und abends gemeinsam im Büro (nachts gibt es late night snacks), spielten ab und zu sonntags gemeinsam Fussball.

Die offizielle Arbeitssprache in Europa sei Englisch, schreibt Huawei. «Bitte verrate niemandem, dass ich Deutsch lerne», soll ein chinesischer Mitarbeiter zu seinem deutschen Kollegen gesagt haben. Mit Shenzhen wird auf Chinesisch kommuniziert, eine Auswahl an Dokumenten wird ins Englische übersetzt.

Meeresschildkröten brauchen keine weiteren Fremdsprachen.

Ein ehemaliger Mitarbeiter vergleicht Huawei in Europa mit einer «kleinen chinesischen Botschaft».

Klar wird: Huawei ist ein System, in dem Pass und Arbeitsvertrag die Zugehörigkeit zu einer Kaste bestimmen – hier die chinesischen Expats, da die europäischen Angestellten. Die einen entscheiden, die anderen repräsentieren.

«Es ist schwierig für lokale Mitarbeiter», sagt Sam. «Die höchste Position, die des CEO, wird immer mit einem Chinesen besetzt. Ein Schweizer kann maximal Vice President werden.»

Ein ehemaliger Mitarbeiter in der Europa­zentrale von Huawei hat eine ähnliche Hierarchie der Kulturen erlebt. Er sagt: «Jeder deutsche Manager hatte einen Schatten­manager aus China, der hinter ihm stand.»

Huawei widerspricht: Es gebe weder «gläserne Decken noch chinesische ‹Aufsichtspersonen›», räumt aber zugleich ein, es gebe in einigen Abteilungen «bewährte Doppelspitzen-Strukturen mit klarer und vernünftiger Aufgabenteilung».

17. Zensur und Kritik

Und da ist Li Hongyuan. Li arbeitet seit mehr als zehn Jahren für Huawei in Shenzhen. Anfang 2018 drängt ihn die Personal­abteilung, zu kündigen. Er fordert eine Abfindung und wird später verhaftet.

Als der Fall in China publik wird, trendet auf Weibo, einem chinesischen Mikroblogging-Dienst, die Zahlenreihe 985, 996, 035, 251, 404. Der Code steht für Lis Universitäts­abschluss (als Teil eines Bildungsprogramms, das in China als 985 bekannt ist), für die Arbeitszeit von 9 bis 21 Uhr an 6 Tagen in der Woche, für seine Entlassung im Alter von 35 Jahren, für seine 251-tägige Inhaftierung und die Zensur aller Medien­berichte über seinen Fall.

Online-Kommentatoren werfen Huawei Heuchelei vor: Die Firma predige Patriotismus und beklage die «Entführung» der Finanz­chefin Meng Wanzhou in Kanada, aber bringe ihre eigenen Mitarbeiter ins Gefängnis, berichtet der «Guardian».

Solche Kritik an Huawei in China ist selten, gilt die Firma doch als Stolz der Nation. Als Huawei gegen die Spionage­vorwürfe der USA kämpft, treibt das den Absatz von Huawei-Smartphones in China in die Höhe.

18. Getrennte Systeme

Halbleiter sind ein wichtiges Bauteil für Smartphones und 5G-Basisstationen. Sie sind das kleinste Teil eines Mikrochips. Und Halbleiter sind eine Komponente, die Huawei nicht selbst herstellt, sondern einkaufen muss.

Als Meng Wanzhou im Dezember 2018 in Kanada verhaftet wird, beginnt Huawei, Halbleiter auf Vorrat einzukaufen. Der Vorrat soll noch bis im Frühjahr ausreichen.

Am 16. Mai 2019 setzt das US-Handels­ministerium Huawei auf die schwarze Liste, ebenso das Schweizer Tochter­unternehmen. Die USA wollen Huawei von der Lieferkette abschneiden.

Wie weiter? In China spricht man bereits von der «Strategie des doppelten Kreislaufs», einem Wirtschafts­system, in dem fürs Inland und für den Export produziert wird.

Ein totales Exportverbot würde die USA und China vollständig entkoppeln – es entstünden zwei separate Warenkreise. Sowohl China als auch die USA scheinen bereit, sich ihre Tech-Autarkie teuer zu erkaufen, mit Subventionen in Milliardenhöhe.

19. Adieu, Sam!

Joe ist keine Meeres­schildkröte mehr. Er bleibt in der Schweiz.

Kurz vor Weihnachten schickt er über Whatsapp ein Foto: Schmirgel­papier, Schrauben, Schere, Zange, Hammer, eine blaue Bohrmaschine liegen auf einem Holztisch. Er baut Möbel für die neue Wohnung, die er und seine Frau im Zürcher Umland gekauft haben. Deshalb hat er meinen Anruf verpasst. Joe will gegen Huawei nicht vor Gericht ziehen. Er sucht einen neuen Job.

Sam, die Meeres­schildkröte, ist zurück in China. Wir schreiben ihm wieder. Doch er antwortet nicht.

Zur Autorin und zur Recherche-Kooperation

Sylke Gruhnwald ist freie Reporterin in Zürich. Sie gehörte zur Startcrew der Republik und war Chefredaktorin. An dieser Recherche beteiligt waren Journalistinnen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich, Grossbritannien und Spanien. The Signals Network ist eine europäisch-amerikanische Non-Profit-Organisation. Das Whistleblower-Netzwerk arbeitet mit einem Dutzend Medien­organisationen, die zusammen 165 Millionen Leserinnen in sechs Sprachen erreichen. Die Beiträge der anderen an der Recherche beteiligten Medien zu Huawei finden Sie hier: «El Mundo», «Netzpolitik.org» und «The Telegraph».

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