Kiyaks Exil

Endlich

Entkorkt die Champagner­flaschen, serviert erlesene Häppchen, feiert! Es gibt einen Gott, Moria brennt.

Von Mely Kiyak, 15.09.2020

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Nein, ganz bestimmt folgt jetzt keine Einleitung mit «Entsetzen, Scham und Trauer». Kein klagendes Ich, das die europäische Flüchtlings­politik in Zweifel zieht und sich in Betroffenheits­rhetorik zurücklehnt, «deprimierend, ekel­erregend, desaströs» und so weiter. Denn ein politisches Stück, das sich dem Flüchtlings­thema aus der sicheren Distanz des teilnehmenden Beobachters nähert, handelt selten von der Sache selbst, sondern vor allem von der eigenen Befindlichkeit.

Diese Meinungsäusserungen, angefangen von «Ich empfinde Mitleid» bis «Wir können nicht jede retten», sind schlicht nicht von Belang. Es ist nicht wichtig, wie es uns dabei geht, wenn wir über Flüchtlings­lager lesen, hören oder – albernes Wort – etwas darüber «erfahren». Es geht nicht um unsere emotionale Unversehrtheit und unsere Empörung und Ohnmacht und diese ganze vor Selbst­mitleid triefende Wehleidigkeits­prosa; es geht einzig um die physische und psychische Stabilität einer zwei­jährigen Lager­insassin, die sich aus Mangelernährung und Mangelfürsorge die Haare ausreisst.

Es darf keine Rolle mehr spielen, was Sie oder ich oder irgendeine Zeitungs­leserin denkt und fühlt. Was gebraucht wird, sind endlich objektive und neutrale Massstäbe im Umgang mit Flüchtlingen. Messbare Kriterien wie Menschlichkeit, Humanität und Gnade.

Moria brennt, und es ist kaum zu glauben, dass dieses Freiluft­gefängnis, das einmal für 3000 Menschen geplant und als Zwischen­station gedacht war – auf der innerhalb kurzer Zeit über das Asyl­verfahren entschieden werden sollte –, dass also dieser Insel­ort zur Endstation für 13’000 Menschen wurde.

Alles begann damit, dass auf Lesbos erstmals 1000 Flüchtlinge in einer ehemaligen Fabrik­halle interniert wurden. Internieren, das weiss sicher jeder, nennt man es, wenn Menschen isoliert und festgesetzt werden, wenn man sie zu Gefangenen macht, allerdings ohne rechtliche Prüfung, ohne juristisches Urteil – und vor allem ohne Schuld. Dieses nur 1000 Menschen umfassende Lager nannte der einstige griechische Vize­minister für Sicherheit, Spyros Vouyia, einmal «schlimmer als Dantes Inferno».

Wisst ihr, wann das war? 2009.

Seit über einem Jahrzehnt ist aus einer Verlegenheits­idee eine Dauer­lösung geworden. Die aktuelle Regierung plant, die Elends­lager unter freiem Himmel durch geschlossene Einrichtungen zu ersetzen. So was nennt man dann wohl Gefängnisse. Also mit echten Mauern und Stachel­draht statt provisorischen Zäunen.

Dantes Inferno ist nicht mehr eine achthundert Jahre alte Fiktion, keine göttliche Komödie über ewige Folter und Höllen­qual. Dantes Inferno ist politische Normalität, europäischer Alltag. Einen Denk­fehler hat die Analogie des ehemaligen Vize­ministers aber doch: In Dantes Hölle sassen Sünder. Was aber ist das Vergehen der Flüchtlinge? Worin genau besteht ihre Schuld? Macht der Umstand, dass sie flohen, dass sie ihren Höllen zu entrinnen versuchten, sie zu Tätern, die nun ihrerseits in Höllen schmoren müssen?

Ein Lager, das muss man vielleicht noch einmal erklären, ist ein Ort, der aus Menschen Niemande macht. Wer in Moria oder einem der anderen vier Camps auf den ägäischen Inseln – auf Chios, Leros, Samos und Kos – endet, war einst ein Mensch mit einem Namen und einem Zuhause. Einem Recht auf Leben, einer Würde und dem Irrglauben, Gleiche unter Gleichen zu sein. Wo ein Mensch aufbrach, um sein Leben zu retten, und als Irgendwer irgendwo gefangen gehalten wird, lässt sich nicht mehr von Zuflucht und Schutz sprechen. Wo Menschen in Lagern enden, beginnt das Unrecht.

Das muss man sich mal vorstellen: Menschen fliehen und landen zu Zehn­tausenden auf europäischen Inseln, ohne die Errungenschaften einer zivilisierten Welt. Keine Kanalisation, keine Toiletten, kein Strom, sie hausen wie im Mittelalter. Gebären ihre Kinder in Zelten, ziehen sie dort gross. Die Kinder werden niemals erfahren, dass eine andere Kindheit möglich wäre. Hinter den Lagern beginnt das wunderbare Europa, Touristen übernachten in 4-Stern- und 5-Stern-Einrichtungen. Daneben: Wellblech­siedlungen. Die Menschen hungern, sie frieren, sie werden krank, sie haben keine Polizei, die sie schützt, keine Anwältinnen, keine politischen Fürsprecher. Sie versuchen sich das Leben zu nehmen. Kinder. Erwachsene. Nicht der Krieg oder die Armut veranlassten sie, sich töten zu wollen, sondern unsere Lager. «Ärzte ohne Grenzen» berichtet seit Anbeginn ihrer Arbeit in den griechischen Lagern über die hohe Suizidalität, vor allem unter Kindern.

Nun also ist dieses grosse Feuer ausgebrochen, und manche sagen, Moria sei de facto abgebrannt. Andere behaupten, die Menschen könnten wieder zurück. Aber wozu? Warum sollen sie wieder zurück? Mit welchem Recht wollte man sie am Fliehen hindern, ihre Flucht für beendet erklären?

Zehntausend Menschen irren auf Lesbos umher. Es gibt Fotos, wo sie zu Hunderten auf dem Seiten­streifen einer Strasse übernachteten. Wie ausgekippt aus der Zivilisation. Manche Eltern betteten die kleinen Körper ihrer Kinder zwischen sich, unter ihnen Schmutz und Staub, über ihnen der Himmel.

Der Krieg hat aus den Menschen Heimatlose gemacht, aber Europa machte sie zu Obdachlosen.

Moria hat keine offizielle Post­adresse, man kann den Flüchtlingen nichts schreiben und schicken. Moria ist das offizielle Ende der Europäischen Union, das Ende von Politik.

Nun geifern sie wieder, die Rechts­extremen, die Faschisten, die Nieder­trächtigen in Menschen­gestalt: Die Flüchtlinge hätten die Feuer absichtlich gelegt, um europäisches Asyl zu erpressen. Na und, muss ihnen jeder anständige Demokrat entgegen­schreien: NA UND? Wer grundlos eingesperrt ist, muss sich wehren, muss laut und sichtbar aufbegehren, oder seine Seele ist längst tot. Wessen Haus sich als Gefängnis entpuppt, der hat keine andere Wahl.

Nur wer nichts davon versteht, was ein Leben wert ist, kann von «Erpressung» sprechen. Wenn sie das Feuer selber legten, taten sie das einzig Richtige. Ein mutiger Akt. Ein Aufstand der Verzweifelten. Unsere Aufgabe ist es nun, ihnen beizustehen. Die Flüchtlinge haben das moralische Recht, aufzubegehren. Mit allen Mitteln, die ihnen in einem undemokratischen Herrschafts­system zur Verfügung stehen. Denn nichts anderes ist Moria, ein Elendsort ohne Gewalten­teilung und ohne politisches Mitsprache­recht. Sie haben nichts. Sie haben nur die Möglichkeit des Feuers oder des Selbstmords.

Unsere Angst wurde ihnen zum Verhängnis. Die Angst der Europäer vor kriegs­versehrten, armen und hilflosen Flüchtlingen, vor Musliminnen und Schwarzen. Die Angst vor allen Menschen, die sie nicht als ebenbürtig empfinden, bringt die Europäerinnen schier um den Verstand. Macht aus aufgeklärten und alphabetisierten Bürgern Wahnsinnige. Macht aus ihnen Brand­stifterinnen, Attentäter, Zerstörerinnen von Demokratie und Frieden, macht sie millionenfach zu glühenden Faschisten.

Nichts setzt diesen Kontinent und seine Bewohnerinnen so sehr unter Druck wie ihre Angst vor dem vermeintlich Fremden, der an die Tür klopft. Was den Fremden vom Bruder unterscheidet? Natürlich die Herkunft, die Religion, die Hautfarbe. Nur wenn die Richtige klopft, wird offenherzig, grosszügig und solidarisch gehandelt.

Die Abstimmung zum Brexit hat die Migration von Britinnen nach Europa massiv verstärkt. Die Anzahl der britischen Bürger, die einen EU-27-Pass erhalten haben, stieg in der gesamten EU seit 2016 um über 500 Prozent; in Deutschland sogar um mehr als 2000 Prozent. Seit dem Referendum haben 31’600 Britinnen die deutsche Staats­bürgerschaft angenommen, das entspricht fast einem Drittel der britischen Bevölkerung in Deutschland. Kein Deutscher hat Angst vor Briten.

Aus Moria wurden dieses Jahr 47 Kinder nach Hannover geholt.

Selam
Ihre Kiyak

Illustration: Alex Solman

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