Aus der Redaktion

Die Lücke, die uns ersetzt

Bei grossen Schweizer Medienkonzernen, allen voran bei der TX Group, werden Korrektorinnen zur bedrohten Spezies. Wie lange kann beim Korrektorat gespart und abgebaut werden, ohne dass die Qualität leidet?

Von Republik-Korrektor Daniel Meyer, 07.07.2020

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Es war ein freundlicher, aber dennoch etwas unangenehmer Anruf. Der Korrektor sass im Büro am Dammweg in Bern und merzte in der «Berner Zeitung» Fehler aus. Ein Leser meldete sich bei der Dame am Telefon, um auf einen ebensolchen, der wohl leider schon gedruckt war, aufmerksam zu machen. Er sei erst kürzlich aus dem Ausland hierher­gezogen, die Zeitung habe er abonniert, um sein Deutsch zu verbessern. Jeden Tag lese er ein paar Artikel gründlicher, aber an dieser Stelle habe er stark den Eindruck, das gehe so nicht. Die Kollegin gab das ans Korrektorat weiter, wir schauten nach – der Mann lag völlig richtig. Murks erster Güte. Ein stiller Seufzer.

Das Korrektorat ist ein Dienstleister. Wie die Reinigungs­firma im Büro­hochhaus. Wird dieses regelmässig durchgefegt, sieht alles ein wenig freundlicher aus, das Business erscheint professioneller und glaubwürdiger. Nicht alle Besucherinnen interessiert das gleicher­massen. Es gibt Leserinnen und Leser, denen es weniger wichtig ist, wie die Beiträge daher­kommen. Oder die sich eher unsicher fühlen, was ihr Sprach­gefühl betrifft. Man sollte fairerweise zugeben, dass der Duden mit seiner Reform von 1996 und der Reform dieser Reform für einige Verwirrung gesorgt hat. So einige wissen es aber doch zu schätzen, dass man sich ein bisschen Mühe gibt.

Im Idealfall sind alle zufrieden: Der Korrektor liest und verdient damit seinen Lebens­unterhalt, die Beiträge kommen sauber und gepflegt daher, die Leserinnen freuen sich über ein schönes Blatt. Eine heile Welt.

Der Goalie bin ig

Der Korrektor ist wie der Goalie einer Fussball­mannschaft: Er kann noch so gute Reflexe haben, wenn der Haufen vor ihm ein bisschen lusch über den Platz schleicht und inkonsequent verteidigt, wird auch ihm eine reinrutschen. Und eine Korrektorin, die behauptet, sie sehe alle Fehler, dürfen Sie getrost ignorieren. Niemand ist unfehlbar, auch in diesem Job hat man nie ausgelernt. Und niemand ärgert sich mehr über publizierten Unfug als der Korrektor selbst. Ein schönes Beispiel der letzten Tage bei der Republik: die «Endmuräne». Da war am späten Freitag­nachmittag die Konzentration offenbar ganz kurz woanders ... (Und nein, das sagen wir nicht nur so: Wenn Sie sich über Fehler ärgern, schreiben Sie uns – wir nehmen Hinweise gerne und dankbar auf.)

Der Korrektor weiss nicht alles, schaut aber gerne in seinen Regel­werken nach oder scheut die Diskussion mit dem Autor nicht. Das ist nicht immer angenehm: Oft werden ja gerade die etwas exotischeren Formulierungen mit strengem Blick beäugt – die «Darlings», an denen die Autorin besonders viel Freude hatte ... Die Korrektorin hat die Musse und die Konzentration, in den Text einzutauchen und sich die Sätze auf der Zunge zergehen zu lassen. Das Resultat ist im Idealfall ein Beitrag, der die Leserin packt und ihr Raum für ihre Gedanken gibt – und nicht Stirn­runzeln verursacht, weil sie regelmässig über Fehler stolpert.

Eine Korrektorin, die am richtigen Ort ist, macht ihren Job mit Freude, Leidenschaft und Gründlichkeit. Man lernt, jeden Satz dreimal zu lesen: Im ersten Durchgang prüft man, ob er inhaltlich stimmt; ergibt das Sinn? Man macht einen Plausibilitäts­check – ja, kann in etwa hinkommen – oder gleich einen Fakten­check. Dann sind Syntax und Orthografie an der Reihe. Ist der Satz richtig gebaut, passt das ins Regelwerk? Geht alles auf? Im dritten Durchgang ist die Mikro­typografie an der Reihe: Sind alle Zeichen richtig gesetzt, die Abstände korrekt, die Striche zum Beispiel, die Auszeichnungen? Unnötig zu erwähnen, dass es in der Praxis manchmal ein wenig zügiger gehen muss.

Alles in allem: immer noch eine heile Welt. Der man in diesem Sinne bei der Republik recht nahe kommt.

Die Elefanten

In den grossen Medienhäusern ist man nun aber ein wenig klamm – zurzeit noch ein bisschen mehr als sonst. Und für die Dividende sollte es bekanntlich trotz allem auch noch reichen. Also entlässt man ab und zu ein paar Leute. Das macht man in aller Regel auf der untersten Stufe, dort, wo das Produkt hergestellt wird. Es folgt der Moment, wo die Korrektorinnen von vielen in der Führungs­etage zum ersten Mal mit echtem Interesse beäugt werden.

In unguter Erinnerung ist mir die letzte Massen­entlassung im August 2018 bei Tamedia, wo viele Stellen in der Produktions­abteilung (Layout, Bild, Korrektorat) gestrichen wurden. Das Korrektorat hat dort etwa um diese Zeit auch Kompetenzen verloren: Um Zeit zu sparen (es sollte ja fortan mit weniger Leuten gehen), lasen die Korrektorinnen die Texte nun in einem Content-Management-System, die Texte wurden daraufhin aus diesem System auf die Seite gezogen. Damit hat das Korrektorat einen wichtigen Teil seines Jobs verloren: Wenn es nicht mehr direkt auf der Zeitungs­seite unterwegs ist, kann es den Umbruch nicht mehr kontrollieren. Trennungen, Zwischen­titel, «Witwen» und «Waisen», lose Zeilen, zu enge Zeilen, vom Autor gesetzte heftige Spationierungen, eingebettete Zitate, Bildlegenden – eine solche Seiten­revision gehört zu einem gepflegten Schriftsatz dazu. Freuen Sie sich, wenn Ihr Leibblatt Ihnen das noch möglich macht.

Will man wirklich sparen, findet man auch noch andere Möglichkeiten. Die Auslagerung der Tätigkeiten für ein paar Euro die Stunde in ferne Länder, nach Bosnien-Herzegowina zum Beispiel. Dort sitzen Korrektoren, die in Deutschland ein paar Semester mit unserer schönen Sprache verbracht haben, dazu gabs jetzt für diesen Job noch eine Schnell­bleiche in Helvetismen.

Aber das reicht, um in Luzern und in St. Gallen Korrektorinnen zu ersetzen, die viele Jahre lang mit Speuz die Beiträge über ihre Region begutachtet haben. Nichts zeigt den Stellenwert des Korrektorats schöner.

Das entspricht alles durchaus der Logik des Geldes, die in den grossen Medien­häusern herrscht. Am wichtigsten sind die Zahlen. Erstaunlich ist bei alledem nur, dass man es für eine sinnvolle Strategie hält, den Kopf über Wasser zu halten und in die Zukunft zu schreiten, indem man seinem eigenen Produkt und seinen Kundinnen mit unverhohlener Gering­schätzung begegnet. Welche Branche kann sich das sonst noch leisten?

Auftritt Tamedia, Abgang Korrektorat

Tamedia hat nun beschlossen, mit Wirkung per 1. Juli das Korrektorat noch weiter abzubauen. Seiten­revisionen sollen mit Ausnahme der Frontseiten grundsätzlich nicht mehr durchgeführt werden – wobei man hier dem Vernehmen nach zurück­buchstabiert, der stark steigenden Fehlerzahl wegen, und solche Revisionen wieder andenkt, zumindest für die breiter gestreuten Mantel­seiten. Wer macht diese Revisionen nun aber? Bereits gekündigte Mitarbeiter wurden angefragt, ob sie noch einen Monat länger bleiben könnten. Und danach?

Es entsteht der Eindruck, dass man sich in der Führungs­etage meilenweit vom Wissen darüber entfernt hat, wie man am anderen Ende der Hierarchie­skala das Produkt herstellt. Als gesichert kann man annehmen, dass man vom Korrektorat nicht viel hält. Es sei schliesslich der Job eines Journalisten, fehlerfrei zu schreiben, heisst es nun. Als könnte man das Vermeiden von Fehlern per Dekret verordnen.

Ein Argument, das man in diesem Zusammen­hang oft hört: Es reicht sicher, wenn die Autoren – die ja sowieso alle brillant schreiben und keine Fehler machen – die Beiträge ihrer Kolleginnen selber noch einmal gegenlesen. Eine Anekdote dazu. Vor ein paar Jahren las ich eine Spalte und stellte fest: Die besteht aus zweimal dem exakt gleichen Text. Ab Zeile 25 folgen noch einmal die Zeilen 1 bis 24. Copy-and-paste ist nicht immer nur ein Segen. Die Reaktion des Autors am Telefon überraschte mich dann aber doch: «Das kann gar nicht sein. Mein Kollege hat das gegengelesen.» Alles kein Vorwurf an die Journalisten: Woher sollen sie auch die Zeit nehmen, auch noch den Job des Korrektorats gründlich zu machen?

Gar nicht mehr korrigiert werden sollen überdies bei Tamedia die 12-App und kürzere Texte wie Blogs und Rätsel, Kurz- und Agentur­meldungen, Leserbriefe, Ranglisten, Tabellen und Resultate im Sportteil, die Agenda und Veranstaltungs­hinweise, Videos, Beilagen. Dass man Beiträge nicht mehr ein zweites Mal Korrektur liest, die radikal geändert wurden – geschenkt. Das wurde schon vorher eher als Luxus angesehen. Ob sich die künftigen Leserbrief­schreiber freuen werden? Da hatte ein Korrektorat im schlechteren Fall jeweils schon ein paar intensive Minuten. Aber vielleicht kann man ja auch den Lesern verordnen, fehlerfrei zu schreiben.

Ein interessantes Detail: Das Korrektorat soll keine Namen mehr überprüfen, da wird die Verantwortung an den Autor übergeben. Das ist im Grunde ein alter Hut, noch in jedem Korrektorat findet man irgendwo die Regel, Namen könne man ignorieren. Eine Vorgabe, die aus längst vergangenen Zeiten stammt, als der Lokal­redaktor in einen Bergkrachen stapfte und dort Leute traf, von denen nur er den Namen sinnvoll aufnehmen konnte. Auch heute noch ist es manchmal eine Heraus­forderung, Namen zu prüfen, und gelegentlich scheitert man und lässt stehen, was kommt. Jahrelange Erfahrung war mir aber ein strenger Lehrmeister: Es lohnt sich durchaus, Namen von Personen, Ortschaften, Organisationen und so weiter kurz zu checken. Man hat ja auch andere Mittel heutzutage – früher lagen in den Korrektoratsstuben Telefonbücher.

Wenn der Korrektor auf der Frontseite im Anriss dreimal den Namen des ehemaligen italienischen Minister­präsidenten richtigstellt (so geschehen): eher ein einfacher Job. Einer mit Wirkung aber, meine ich: Wenn ich einen Text anlese, in dem vom italienischen Premier «Marco Renzi» die Rede ist, lasse ich es und mache etwas Gescheiteres. Das wirkt auf mich nicht mehr glaubwürdig. Dass uns bei der «Berner Zeitung» statt «Costa Concordia» einmal «Costa Cordalis» reinrutschte: amüsant. Wobei die Mitarbeiterin am Telefon das wohl anders einschätzen würde, sie hatte einen bunten Tag.

Komplizierter wird es in Beiträgen zu Nachrichten-Hotspots wie Syrien, dem Irak, Libyen zum Beispiel. Jedes Korrektorat führt ein internes Glossar, mit dessen Hilfe die Schreib­weisen vereinheitlicht werden – auch das eine gern übersehene Dienst­leistung. Den Namen Muammar al-Ghadhafi beispielsweise kann man auf Dutzende verschiedene Weisen schreiben. Was auch anderswo zu Problemen führt.

Vorbildfunktion

Gelegentlich bekommt man zu hören: Hey, es gibt doch unterdessen Programme, die sind sicher schon sehr gut heutzutage. Ja, auch ich lasse am Schluss jeweils noch ein Programm drüberlaufen. Die heutigen Rechtschreib­prüfer taugen ganz ordentlich dazu, am Schluss noch ein, zwei Buchstaben­fehler rauszunehmen, die man in einem längeren Text überlesen hat. Das wars dann aber auch schon.

Alles andere ist immer noch Handarbeit. Jede Korrektorin ist jedem Programm meilenweit überlegen, weil sie mitdenkt, Feinheiten sieht, die kein Programm erkennt, bei Bedarf aufsteht und den Autor aufsucht, den Text in seiner Komplexität mit der Ganzheit ihres menschlichen Verstandes liest.

Eine wunderbare Tätigkeit übrigens, habe ich das schon erwähnt?

Was fühle ich nun, wenn ich solche Abbau-Meldungen lese? Die Traurigkeit des Dinosauriers, der den Meteoriten am Himmel erblickt. Eine Prise Wehmut. Viel Unverständnis und Ärger.

Sie kennen vielleicht den etwas bösen Spruch, dass manch einer, der geht, eine Lücke hinterlässt, die ihn voll und ganz ersetzt. Ist von einem Korrektorat die Rede, kommt er mir zuverlässig in den Sinn. Fragen darf man sich aber schon, warum der umgekehrte Weg keine Option ist. Warum stehen Medien­unternehmen nicht hin und sagen: Wir legen Wert auf eine gepflegte Sprache und legen uns ordentlich ins Zeug? Wir wollen auch in diesem Bereich die Messlatte setzen? Gerade der grösste Player im Land mit Titeln in der halben Schweiz sollte hier einer gewissen Vorbild­funktion nachkommen. Die Beiträge der Autorinnen, damit verbunden die Glaubwürdigkeit, sind das Kernprodukt eines Medien­unternehmens.

Zu den Regeln bei der Republik

Woran halten wir uns bei der Republik? An den Duden, ein Glossar, an ein paar interne Regeln und an die beste, handlichste formale Grammatik, die wir in der Schweiz haben: den «Heuer» («Richtiges Deutsch», Heuer/Flückiger/Gallmann; die 33., überarbeitete Auflage ist für den August 2020 geplant). Die internen Abläufe zu Korrektorat, Faktencheck und Fehlerkultur haben wir hier ausgeführt.

PS: Wenn Sie sich fragen, ob ich hier bewusst niemanden aus der Redaktion in die Pfanne gehauen habe: natürlich. Aber es wäre auch weder nötig noch möglich gewesen. Jeder Autor schreibt anders, legt mehr oder weniger Wert auf Orthografie und Syntax – mit den Individualitäten der einzelnen Autoren umzugehen, ist ein spannender Aspekt dieses Jobs. Man sollte nicht von den Autorinnen verlangen, dass sie sämtliche grammatischen Feinheiten und alle Rechtschreib­regeln kennen. Sie machen einen anderen Job: Sie erzählen.

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