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Kein Ich ohne Du

26.05.2020

Liebe Leserinnen und Leser

Die Erfahrung des Lockdown hat viele Leute nachdenklich gemacht, wie Sie vielleicht auch in Ihrem Bekanntenkreis beobachtet haben. Manche dachten über ihr Verhältnis zum Büro und zur Arbeit an sich nach, andere über ihre private Lebenssituation. Und sehr viele erstaunt und erschüttert noch immer, wie hart es sie mitnahm, für einige Wochen von anderen abgeschnitten oder gar ganz allein zu sein.

Warum nur hat man ganz offensichtlich für sich allein so wenig Erde unter den Füssen? Geht das anderen auch so?

Wir haben die Psychoanalytikerin Jeannette Fischer, mit der wir schon zu Anfang der Pandemie über Angst und mögliche Rezepte dagegen gesprochen haben, gefragt: Warum ist die Isolation so schlimm für Menschen? Hier ihre Antwort, die auch in weniger aussergewöhnlichen Zeiten hilfreich sein kann:

Wenn dem Menschen der Mensch genommen wird, dann wird ihm das Ich genommen. Das bedeutet Angst, das ist Angst. Angst ist das Zeichen, dass das Ich ein abgetrenntes, ein isoliertes ist, also nicht nur eines, das von anderen getrennt ist, sondern auch von sich selber. In der Angst fehlen uns die Gefühle, sie sind versickert in die Wehrlosigkeit, auch die Gefühle für uns selber, wir sind von uns Weggebrochene.

Um das Ich zu bilden, brauchen wir ein Du, brauchen wir Gemeinschaft, Auseinandersetzung, Konflikt, Begehren. Wir brauchen die Differenz zum anderen Ich. Das Ich ist keine fixe Grösse, die, einmal geboren und gebildet, nun bewahrt werden muss, sondern das Ich ist in ständiger Bewegung und bildet sich unentwegt um. Wie könnte es denn anders sein? Wie könnten wir wachsen und lernen, ohne uns fortwährend zu verändern? Ist nicht dieser Prozess das Sinngebende im Leben? Das, was Lust und Freude macht? Aus diesem Grunde ist es langweilig, Macht über einen oder viele andere zu haben. In der Differenz erst wird Ichsein, Begehren und Genuss möglich.

Ich kann nicht sein ohne ein anderes Ich, daher ist auch die Isolationshaft anerkannt als Foltermethode. Um den Menschen zu brechen, um ihn der Angst auszuliefern, nehmen wir ihm den Menschen weg. Dies wiederum hat zur Folge, dass wir anfällig werden für Manipulation und Unterwerfung. Damit sind wir Entmenschlichte.

Wenn nun, wie das bei einer Pandemie wie Corona der Fall ist, der andere Mensch nicht als different, sondern als möglicher Mörder an mir oder ich an ihm positioniert wird, dann bedeutet dies, dass Auseinandersetzung und Begehren tödlich werden. Wohin dann mit all dieser kreativen und potenten Energie, die Auseinandersetzung, Nähe und Differenz sucht? Wenn sie plötzlich umgedeutet wird in Schädlichkeit? Dann implodiert sie, und das nennen wir Depression.

Die Depression wird individualisiert und in Einzelbehandlungen therapiert. Die gesellschaftlichen Strukturen, die ein Ich zwingen, seine Sehnsucht nach Auseinandersetzung in der Differenz zu beschwichtigen, bleiben unhinterfragt. Die meisten Gruppierungen und Gemeinschaften bilden sich über den Ausschluss und nicht über den Einschluss von Differenz. Gemeinschaft wird in der Übereinstimmung und im Gleichklang und nicht in der Heterogenität gesucht, in der Symbiose und nicht in der Differenz. Macht über einen anderen Menschen können wir haben, wenn wir sein Ich als uns schädlich ins Bild setzen.

Ich ist ein potentes Ich, wenn es sich in der Differenz spiegeln kann. Wenn eine Gemeinschaft heterogen ist, dann bedeutet dies, dass Ich Raum hat. In dieser Konstellation ist es nicht mehr möglich, Macht über einen anderen Menschen auszuüben, weil Macht sich nur im hierarchischen Gefälle einrichten lässt und nicht in der Gleichwertigkeit der Differenz.

Wenn das einzig Verbindende in jeder Art menschlicher Beziehung die Anerkennung der Differenz ist, wird jeglichem Bestreben nach Macht über den andern die Nahrung entzogen. Weil Macht über den anderen zu haben heisst, Gewalt über ihn zu haben. Wir haben es in der Hand, das Gefälle in Anerkennung der Differenz umzuformulieren.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Die neuesten Fallzahlen: Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit zählten die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein heute Morgen 30’761 positiv auf Covid-19 getestete Personen. Im Vergleich zu gestern sind das 15 Fälle mehr. Gestorben sind bisher im Zusammen­hang mit einer labor­bestätigten Covid-19-Erkrankung 1648 Personen.

Schweizer Regierung will offenbar «ausserordentliche Lage» beenden: Gesundheitsminister Alain Berset werde morgen Mittwoch im Bundesrat beantragen, die «ausserordentliche Lage» zu beenden, die seit dem 16. März gilt, schreibt der «Blick». Damit dürfte die Regierung kein Notrecht mehr anwenden. Dasselbe schreibt auch der «Tages-Anzeiger»: Ab «Mitte Juni» soll vorerst die «besondere Lage» gelten. Sie belässt dem Bundesrat weitgehende Kompetenzen, doch muss er zuerst die Kantone anhören.

Pandemie-Management des Bundesrats wird überprüft: Die Geschäftsprüfungskommissionen (GPK) von National- und Ständerat schauen sich die Arbeit der Bundesbehörden im Umgang mit der Pandemie genauer an. Ihre Unterkommissionen würden die zu untersuchenden Bereiche definieren und sie anschliessend auch untersuchen, hiess es heute in Bern. Die Überprüfung solle dazu beitragen, die demokratische Verantwortlichkeit von Bundesrat und Bundesverwaltung zu stärken und Lehren für die Bewältigung künftiger Krisen zu ziehen.

Bald wieder Enkel hüten: Wegen der tiefen Zahl an Neuansteckungen stellte Daniel Koch, der Covid-19-Delegierte des Bundes, weitere Lockerungen in Aussicht. Insbesondere dürften Grosseltern bald wieder ihre Enkel hüten, wie Koch am Montag vor den Medien sagte. Die Empfehlungen würden in den nächsten Tagen oder Wochen angepasst.

Mutmasslicher Betrug mit Corona-Krediten: Im Kanton Waadt sollen mehrere Täter mit gefälschten Unterlagen zum Umsatz ihrer Firmen Notkredite im Umfang von mehreren Millionen Franken erschlichen haben. Mit Verordnung des Bundesrats können Firmen in Notsituationen seit März rasch und unbürokratisch Überbrückungskredite von bis zu 10 Prozent ihres Umsatzes beziehen. Dieses Angebot sollen die mutmasslichen Täter nun missbraucht haben.

Die interessantesten Artikel

  • Ungeliebtes Homeoffice: Apropos Isolation: Trotz vieler objektiver Vorzüge hat sich das Homeoffice als Arbeitsform bis heute in den meisten Ländern nie wirklich durchgesetzt. Das liegt nicht nur an skeptischen Chefs, wie diese spannende Analyse im «New Yorker» zeigt. Sondern auch schlicht daran, dass Menschen soziale Wesen sind. In der Schweiz geniesst das Homeoffice immerhin grosse Akzeptanz unter den Arbeitnehmenden.

  • Jetzt alle im Chor: Für Pandemie-Zeiten etwas zu sozial hingegen sind Chöre. Wie wir inzwischen wissen, hat sich das Virus bei Chortreffen besonders stark verbreitet. Auch sonst aber deutet einiges darauf hin, dass sich Corona nicht gleichmässig ausbreitet, sondern vor allem punktuell über sogenannte «Superspreader». Hier ein interessanter Artikel dazu.

  • Grundeinkommen für alle? Die jüngste Krisenerfahrung belebt die öffentliche Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) neu. Wer sich dafür interessiert, findet hier und hier interessante Gedanken dazu. Finnland übrigens veröffentlichte vor wenigen Wochen den Abschlussbericht zu einem BGE-Experiment. Fazit: Es machte die Menschen zufriedener – für weitere Erkenntnisse braucht es nach Ansicht der Forscher zusätzliche Studien.

Frage aus der Community: Ich habe gehört, die Grenzen zu Italien seien ab dem 3. Juni wieder offen. Kann ich ungehindert einen Ausflug machen und wieder heimkehren?

Wir empfehlen Ihnen, mit Ausflugsplänen noch ein wenig abzuwarten. Seit dem 15. Mai sind die Grenzen nach Österreich und Deutschland für Verwandtenbesuche, Familienfeiern und ähnliche Anlässe wieder möglich. Ab dem 15. Juni sollen diese Grenzen sowie die nach Frankreich wieder vollständig aufgehen, sofern die epidemiologische Lage das erlaubt.

Mit Italien, das die Grenzöffnung unabgesprochen und für die Schweiz überraschend ankündigte, gibt es allerdings noch keine offizielle Einigung – und es ist unklar, unter welchen Bedingungen Reisen tatsächlich möglich sind. Heute berichten italienische Medien, nördliche Regionen wie Lombardei oder Piemont blieben möglicherweise länger gesperrt.

Im Moment raten die Behörden nach wie vor von nicht dringlichen Auslandsreisen ab. Die jeweils aktuellsten Reisehinweise zu Italien finden Sie auf der Website des Aussendepartements.

Zum Schluss: Loyale Manager mit flatterhaften Gehirnen

Menschen neigen dazu, ihre eigene Zukunft viel positiver einzuschätzen als die der Allgemeinheit. Man ist beispielsweise überzeugt, dass man selber immer irgendwie über die Runden kommt, dass aber die Aussichten für das ganze Land oder einfach vage im Allgemeinen düster sind. Oder man schätzt, dass Scheidungen zunehmen – die eigene Ehe aber halten wird.

Das Phänomen ist als optimism bias gut erforscht, und es gibt zahlreiche Beispiele dafür. Jetzt können wir erfreulicherweise feststellen, dass auch Unternehmerinnen und Topmanager davon betroffen sind: In einer aktuellen Umfrage des «Economist»-Prognoseteams zu den wirtschaftlichen Aussichten der nächsten drei Monate äussern sich die Businessprofis zwar rundherum pessimistisch. Sie schöpfen aber tapfer mehr Zuversicht, je näher es an das eigene Unternehmen geht: Während es der Weltwirtschaft ihrer Einschätzung nach bald drastisch schlechter geht, rechnen sie bei ihrer eigenen Firma nur mit einer leichten Verschlechterung.

Geradezu rührend ist auch die Interpretation der Studienautoren, die offenbar noch nichts von der chronischen Flatterhaftigkeit des menschlichen Gehirns erfahren haben. Möglicherweise erlebten die Befragten gerade «eine Art kurzfristige kognitive Dissonanz aufgrund der Pandemie», rätseln sie.

Möge der Optimismus nie ausgehen!

Bleiben Sie umsichtig, bleiben Sie freundlich, bleiben Sie gesund.

Bis morgen.

Olivia Kühni

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

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PPPS: Was machen Skateboarder mit Bewegungsdrang, wenn sämtliche Skateparks gesperrt sind? Genau, sie «ermorden ihr Haus».

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