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Spitzelbank

19.05.2020

Liebe Leserinnen und Leser

In Basel wurde in dieser Pandemie bis jetzt genau zweimal gegen die Quarantäne-Regeln verstossen oder genauer: angefeiert. Am 2. März – da trotzten ein paar Fasnächtler dem gerade ausgerufenen Verbot von Grossveranstaltungen. Und am vergangenen Samstag – da fand man es an der Zeit, endlich wieder einmal in der «Steine» zu feiern.

Die unterschiedlichen Reaktionen auf den jeweiligen Fall von Übermut zeigen sehr gut: Auch bei der Freizeitfreude sind manche halt gleicher als andere. Republik-Trainee Ronja Beck ist in Basel geboren und aufgewachsen. Sie ordnet ein.

Am vergangenen Samstag also zogen Dutzende Menschen am Abend durch die Steinenvorstadt, auch Steine genannt. Eine Gasse mit Kommerz-Kinos und rausgestuhlten Bars voller Besucher, die immer gaffen – dafür wird ja schliesslich rausgestuhlt. Besucht wird die Steine meist von Menschen mit Migrationshintergrund, aus fernen Gefilden stammend wie – dem Baselland. Legendär ist die Steine mitunter wegen des «Tiefseetauchers» im «Bücheli», eines Drinks, den niemand wirklich will, weil er furchtbar ist, der aber auch furchtbar schnell betrunken macht, weshalb man ihn manchmal eben trotzdem will. So wie die Steine an sich.

An diesem Ort trafen sich nun vergangenen Samstagabend so viele Menschen, dass von Abstand keine Rede mehr war und die Menschen zu einem Knäuel wurden. «Hundertschaften» sollen es gewesen sein. Vielleicht waren es auch einige Dutzend. Wie gewöhnlich eben. Doch es ist Pandemie, und damit ist eben nichts mehr wie gewöhnlich. Trotzdem waren die Menschen da, jetzt, wo das Land sich nach langen Lockdown-Wochen langsam wieder öffnet.

An dieser Stelle ein kleiner Rachenputzer: Es ist dumm, so etwas in einer Pandemie zu tun. Diese Menschen riskieren, sich oder andere zu infizieren. Darüber sprechen wir mittlerweile seit Monaten, und jede Epidemiologin würde es bestätigen. In der südkoreanischen Hauptstadt Seoul mussten gerade 1500 Menschen isoliert werden, weil sich ein Erkrankter in ein paar Bars und Clubs eine schöne Nacht gegönnt hatte.

Nun aber einen Blick zurück, zu jenem 2. März. Wenige Tage zuvor hatte die Basler Regierung die Basler Fasnacht abgesagt. Sie sagte die Basler Fasnacht ab. Selbst für Leute, die keine aktiven Fasnächtler sind, war das ein Schock. You don’t just cancel the Fasnacht. Wir guckten aus unseren Fenstern und sahen plötzlich Pandemie.

Damit war auch der Morgestraich dieses Jahr Geschichte. Eigentlich. Denn mehr als tausend Menschen liessen sich nicht lumpen und versammelten sich am frühen Montagmorgen auf dem Marktplatz. Grosi und Enkelkind zogen Arm in Arm pfeifend durch die Gassen. Ohne Mählsuppe, aber immerhin.

Die Polizei entschied damals, nicht einzugreifen: Lasst ihnen doch ihre Trauer. Die lokalen Medien begleiteten die Mahnwache mit lustig-melancholischen Bildern und Livetickern. 14 Tage später waren in Basel-Stadt fast 150 Menschen offiziell an Covid-19 erkrankt, 20 Tage später hatte Basel an einem Tag so viele neue Fälle wie noch nie.

So war das damals im März. Natürlich wussten wir in jenen Tagen nicht, was noch alles auf uns zukommen würde. Wir schenkten der Tatsache nicht so viel Aufmerksamkeit, dass chinesische Behörden unlängst ganze Spitäler aus dem Boden hatten stampfen müssen, um der Situation Herr zu werden. Oder dass in Italien über Nacht Hunderte Menschen erkrankten, und am nächsten Tag gleich doppelt so viele. Oder eben dem Umstand, dass die Regierung zum ersten Mal seit der Grippe-Pandemie 1918 die Fasnacht abgesagt hatte!

Und selbst etwas später, als wir sehr gut wussten, was da gerade passiert, war das unerlaubte Beisammensein nie mehr Thema. Aber die Basler Fasnacht, das ist natürlich etwas ganz anderes als Versammlungen von feierfreudigem Volk aus so fernen Orten wie Maisprach oder Dornach. Und die anderen sind etwas anderes als wir selber.

In Basel wurde natürlich nicht nur am 2. März und am vergangenen Samstagabend gegen die Regeln verstossen. Es wurde und wird Tausende Male gegen die Regeln verstossen. Als manche von uns mit dem Zug zu unserer frischen Liebschaft nach Zürich fuhren zum Beispiel, weil das ja irgendwie eine zwingende Reise war. Oder beim Treffen mit unseren alten Freunden im Park, wo die zwei Meter Abstand von Minute zu Minute schrumpften. Oder als wir ins Engadin in unser Häuschen fuhren, trotz der Bitte von offizieller Seite, dies nicht zu tun. Für irgendetwas hat man ja schliesslich ein Häuschen im Engadin.

Es waren aber die Menschen in der Steine, die die Frontseiten der Boulevardpresse abbekamen, und die Berichterstattung klang deutlich anders als im März. Manchmal riefen die Chefredaktoren höchstpersönlich nach den Denunzianten: Wo seid ihr denn, wenn man euch braucht? Und das versammelte Denunziantentum schrie im Chor aus den Kommentarspalten zurück, zum Beispiel:

«Diese Menschen sollte man registrieren und ihnen die medizinische Hilfe nach einer Ansteckung verwehren!»

Oder:

«Glückwunsch an Regierung und Polizei, finde es komisch das dort nicht eingegriffen wird???»

Oder:

«Bitte Reegle yyhalte – oder deheime blyybe!»

Ja, meine lieben Baslerinnen und Basler: Bitte d Reegle yyhalte.

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Die neuesten Fallzahlen: Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit zählten die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein heute Morgen 30’618 positiv auf Covid-19 getestete Personen. Im Vergleich zu gestern sind das 21 Fälle mehr.

SBB erlassen Mieten: Läden, die von Schliessungen betroffen sind, müssen den SBB für die Dauer des Lockdown keine Miete bezahlen. Dabei handelt es sich vor allem um Laden- und Gastrobetriebe in den Bahnhöfen, wie die SBB heute mitteilten.

Österreich öffnet weitere Grenzen: Mitte Juni plant Österreich eine gemeinsame Grenzöffnung mit seinen Nachbarn Tschechien, der Slowakei und Ungarn. Österreich hat bisher erst mit Deutschland und der Schweiz eine vollständige Grenzöffnung vereinbart, die ebenfalls ab Mitte Juni gilt.

Trump droht WHO mit Austritt: Der US-Präsident wirft der Weltgesundheitsorganisation (WHO) schon länger eine zu grosse Nähe zu China und Versagen im Umgang mit Corona vor. Nachdem China der WHO nun 2 Milliarden Dollar zusätzliche Gelder versprochen hat, erhöht Donald Trump den Druck: Er droht mit dem Austritt, sollte sich die WHO nicht zu «wesentlichen Verbesserungen» verpflichten.

Die besten Tipps und interessantesten Artikel

Nur keine Panik: Lange schien es, als wären wenigstens die Kinder mehr oder weniger sicher vor einer schweren Erkrankung im Zusammenhang mit Corona. Doch viele Eltern beobachten mit wachsender Sorge, wie ein neuartiges Kawasaki-ähnliches Syndrom in den Fokus rückt, das mit dem Virus in Verbindung gebracht wird und bei Kindern auftaucht. Wie bedrohlich ist es? Ein Kinderarzt nimmt im «Spiegel» Stellung.

Plötzlich diese Leere: Es gab kaum einen Ort in Europa, der in den letzten Jahren einen stärkeren Besucherandrang verzeichnete: In das kleine Dorf Hallstatt im österreichischen Salzkammergut strömten, gemessen an der Anzahl Einwohnerinnen, rund fünfzehnmal so viele Touristen wie nach Barcelona. Jetzt hat Corona den Ort leer gefegt. Die NZZ beschreibt in einer schönen Reportage, was das mit dem Dorf macht.

Wenn alles stagniert: Darüber, was die Corona-Krise für Asylsuchende in Unterkünften bedeutet, wurde einiges geschrieben. Aber was ist eigentlich mit denjenigen, die bereits dabei waren, sich ein unabhängiges Leben aufzubauen? Die TAZ hat sich umgehört und beschreibt, wieso Integration im Moment für all jene noch schwieriger ist, die nicht schon seit Jahren gefestigt in Deutschland leben.

Frage aus der Community: Der Bund verteilt Millionen als Rettungspakete. Wie viele Geldreserven hat die Schweiz?

Tatsächlich hat der Bund in den letzten Wochen Millionen gesprochen, um unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zu unterstützen. Er hat beispielsweise die Gelder für Kurzarbeit und bei Erwerbsausfall erhöht, Sofortkredite für Unternehmen garantiert, 280 Millionen für die Kultur und bis zu 500 Millionen für Sportorganisationen gesprochen. Dazu werden in den nächsten Monaten mögliche Rettungspakete für unterschiedliche Branchen kommen – viel zu reden gaben bereits die 1,9 Milliarden Franken für die Luftfahrtunternehmen. Über diese und über weitere ähnliche Forderungen wird das Parlament entscheiden müssen.

Wichtig: Für all diese Rettungspakete gibt es keine eigentlichen Reserven. Alles, was der Bund ausgibt, bezahlt er aus seinen jährlichen Einnahmen, also vor allem aus Steuergeldern. Er hat jetzt bereits einen Teil der Ausgaben nachträglich in das Budget für 2020 gepackt, damit nicht alles später die Rechnung für 2021 und folgende Jahre belasten wird. Oft geht auch vergessen, dass sich in einer Krise nicht nur die Ausgaben ändern: Meistens nehmen gleichzeitig auch noch die Einnahmen ab, weil Bürger und Unternehmen in einer Rezession auch weniger Steuern zahlen. Mit anderen Worten: Wir dürfen davon ausgehen, dass der Bund nächstes Jahr neue Schulden machen muss. Eine erste Schätzung über die Finanzen hat der Bundesrat für Ende Juni angekündigt.

Diese neuen Schulden sind allerdings an sich keine Katastrophe. Im Gegenteil: Es ist die Idee von staatlicher Konjunkturpolitik, in schwierigen Zeiten rasch und grosszügig Geld auszugeben, um damit viel schlimmere langfristige Einbrüche zu verhindern – gespart werden soll dann wieder in besseren Zeiten. Eine solche sogenannte antizyklische Finanzpolitik geht unter anderem zurück auf den Ökonomen John Maynard Keynes. Die Schweiz hat diesen Grundgedanken mit der Schuldenbremse in die Verfassung geschrieben: Der Bund darf in der Rezession Schulden machen, muss diese aber im Aufschwung wieder ausgleichen. Die tatsächliche Anwendung allerdings erntet seit Jahren Kritik von Parlamentarierinnen: Sie werfen dem Bundesrat vor, ständig viel zu streng zu budgetieren und damit den politischen Gestaltungsspielraum einzuengen.

Diese politische Debatte dürfte nun in den nächsten Monaten noch wichtiger werden.

Zum Schluss

Schon vor zwei Wochen wurde bekannt, dass der Künstler Banksy den jetzt stark geforderten Medizinerinnen und Pflegern ein Bild widmete. Darauf spielt ein kleiner Junge mit einer Heldenfigur im Spitalkittel, während Batman und Spiderman im Abfall landen. Doch Künstlerinnen überall auf der Welt beschäftigen sich auf vielfältige Weise mit der Krise und ihren Folgen. Etwa in Argentinien, wo noch immer eine strenge Ausgangssperre herrscht – und Künstler ihre Haustüren als Leinwand nutzten. Im schottischen Glasgow, das auch sonst für seine lebendige Street-Art-Szene bekannt ist, hinterliess ein «Rebel Bear» gleich mehrere Bilder. Auch im indischen Rajasthan, in Gaza oder in Indonesien entstehen Wandgemälde.

Wie sagte Banksy einst? «Alles wird gut. Wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende.»

Bleiben Sie umsichtig, bleiben Sie freundlich, bleiben Sie gesund.

Bis morgen.

Ronja Beck, Oliver Fuchs, Bettina Hamilton-Irvine und Olivia Kühni

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

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PPPS: Manchmal müssen sich auch Männer an der Macht Fragen zu ihrem Aussehen gefallen lassen. Etwa der deutsche Aussenminister Heiko Maas, der kürzlich zum Thema Reisen in Corona-Zeiten Auskunft gab – und gleichzeitig die Zuschauerfrage zu beantworten hatte, wie er es schaffe, immer so «unfassbar gut» auszusehen. Seine Antwort war, wir müssen es zugeben, charmant.

PPPPS: Apropos gutes Aussehen: Auch die gehobene Modeindustrie sucht in der Krise neue Opportunitäten – und preist seit kurzem aparte Mund-Nasen-Masken an. Diese hier ist laut Hersteller speziell auch für männliche «Fashionistos» geeignet.

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