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Können wir bitte zahlen?

11.05.2020

Liebe Leserinnen und Leser

Heute beginnt in der Schweiz eine neue Normalität: Nach acht Wochen Lockdown dürfen Läden, Restaurants, Bars, Schulen, Museen und Bibliotheken wieder öffnen. Doch nichts wird so sein wie vorher. Wir haben mit dem Zürcher Wirt Andrea Giancane darüber gesprochen, was die Wiedereröffnung seines Restaurants für ihn bedeutet.

Um 9 Uhr heute Morgen sagte Andrea Giancane zu seinem Team: «Nessuno sa come funzionerà.» Niemand weiss, wie es wird – auch in der Quartierpizzeria San Gennaro in Zürich-Wipkingen nicht. Aber irgendwie muss es weitergehen.

Seiner 26-köpfigen «Squadra San Gennaro», wie er sein allesamt aus Italienern bestehendes Team liebevoll nennt, hat Giancane das Schutzkonzept von Gastrosuisse per Whatsapp zugeschickt. Schnell wird es laut im Lokal: Tische werden gerückt, zwei Meter Abstand müssen sein. Es wird geputzt, geputzt, geputzt. Die Pizzaioli gewöhnen sich derweil schon mal an das Tragen einer Schutzmaske.

Vor zwei Jahren hat der Betriebsökonom das heruntergewirtschaftete Lokal direkt an der Limmat übernommen, zehn Tage später bewirtete er die ersten Gäste. «Am Anfang hatten wir nicht mal Besteck», erinnert er sich. Mittlerweile gilt das San Gennaro als der Laden mit der besten Pizza in der Stadt.

Dann kam Corona, und die 150 Innen- und 150 Aussenplätze waren verwaist. Einen Kredit aufnehmen, um über die Runden zu kommen? «Das ist betriebswirtschaftlich eine Katastrophe», sagt Giancane, der früher Unternehmensberatung betrieb. Wenn man danach die Produktion nicht skalieren könne, renne man jahrelang nur den Schulden hinterher. «Und wenn du nach 16-Stunden-Tagen fünf Prozent Betriebsgewinn hast, wie willst du da die Leidenschaft behalten, wenn dir ein Kredit im Nacken steckt?»

Also versucht er es ohne. Und prangert Gastrosuisse an: Die hätten, «ganz die Beizer», zuerst nur gejammert, statt sich lobbymässig gut aufzustellen. «Während der Mieterverband sich sammeln konnte und eine Verteidigungslinie aufgebaut hat.» Eine Pandemie-Versicherung hat Andrea Giancane nicht, dafür seien seine zwei Restaurants zu klein.

Einen hohen vierstelligen Betrag an Monatsmiete zahlt der 53-Jährige für seine Pizzeria. Jetzt muss er bis Juni warten, bis er weiss, ob und welchen Mieterlass er für die zwei Corona-Monate erhält. Das Parlament hatte just diesen Entscheid an der Sondersession nicht zustande gebracht.

Ganz ohne Einnahmen stand Giancane während des Lockdown nicht da: Mit Take-away machte er 10 Prozent des Normalumsatzes, wie er sagt. Und er stellte in der Not kurzerhand sein Lager ins Schaufenster: Die 1,5-Liter-Chianti-Bauchflasche für 18 Franken, Pelati in der 3-Liter-Büchse, sogar Toilettenpapier. Zudem verkaufte er täglich 15 Kilo selbst gebackenes Brot – ein neuer Geschäftszweig, der Corona überdauern wird.

Ob es sich rechnen wird, die Pizzeria wieder zu öffnen, muss sich noch zeigen. Langfristig rechnet Giancane mit 30 Prozent weniger Umsatz, weil er 60 Prozent weniger Plätze anbieten kann. «Auch wenn es ökonomisch wenig Sinn ergibt: Wir werden nicht krampfhaft versuchen, die Tische doppelt und dreifach zu besetzen», sagt er. «Wenn jemand sitzen bleibt, dann gehört es zu unserer Philosophie, dass er das so lange tun kann, wie er will.» Und klar, helfen würde, wenn der Gast dann noch eine Flasche Wein bestellte.

Das San Gennaro, das wissen Stammgäste, lebt neben der original neapolitanischen Pizza von der Stimmung, die die squadra verbreitet. Hier ein Schwatz, dort eine battuta – ein Scherz. Doch Corona zwingt die Italiener zu helvetischen Tugenden: «Bitte bleibt nicht länger als dringend nötig an den Tischen», instruiert Giancane seine Kellner. Dass sie nach jedem Gast alles desinfizieren müssen: geschenkt. Wer will, kann seine Kontaktdaten hinterlassen. Dass dies gemäss Gastrosuisse auf Papier geschehen muss, obwohl sein Restaurant digital organisiert ist, ärgert Giancane.

Wenn ab heute Abend die Amalfi, die Pompei und die Napoli wieder durchs Lokal getragen werden, bleibt neben viel Zuversicht und Pragmatismus ein kleiner Wunsch für den Alltag: «Ich hoffe, dass die Menschen dank Corona endlich verinnerlichen, dass man sich nach dem WC die Hände wäscht», sagt Giancane. Und fügt kopfschüttelnd an: «Sie glauben gar nicht, wie viele Leute nach dem Toilettengang am Waschbecken vorbeispazieren – und dann in eine Pizza beissen.»

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Die neuesten Fallzahlen: Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit zählten die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein heute Morgen 30’344 positiv auf Covid-19 getestete Personen. Im Vergleich zu gestern sind das 39 Fälle mehr. Bis Mitte April kamen täglich neue Fälle in einem hohen dreistelligen Bereich dazu.

Ab heute werden die Wirtschaft und das gesellschaftliche Leben in der Schweiz langsam wieder hochgefahren. Am Tag der grossen Lockerungen hat der Bund an einer Medienkonferenz über die neuesten Entwicklungen informiert. Das Wichtigste:

  • Jüngere trifft Arbeitslosigkeit besonders hart: Bisher haben 185’000 Firmen Kurzarbeitsgesuche für 1,9 Millionen Mitarbeiterinnen eingereicht. Die Zahlen haben sich stabilisiert. Auch die Arbeitslosigkeit steigt nicht mehr so schnell an. Während auf dem Höhepunkt täglich 2000 neue Stellensuchende registriert wurden, sind es jetzt noch 600 bis 700. Besonders stark betroffen sind Junge.

  • Grenzen werden langsam geöffnet: Von den rund 130 geschlossenen Grenzübergängen sind bisher 20 wieder offen. Weitere sollen in Absprache mit den Nachbarstaaten geöffnet werden. Seit Mitte März wurde 68’000 Personen die Einreise in die Schweiz verweigert.

  • Altersheime können lockern: Nach acht Wochen können Altersheime gemäss Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit ihre strengen Regimes wieder lockern – und Besuche unter Einhaltung von Schutzmassnahmen ermöglichen.

Die interessantesten Artikel

Nach wie vor beherrscht das Thema Corona die Medien. Wir haben aus dem Meer von Artikeln drei Perlen herausgefischt, die sich lohnen, wie wir finden.

  • Für Grafik-Liebhaber: In einer ausgesprochen hübschen interaktiven Grafik zeigt die NZZ parallel auf mehreren Schienen, wie sich das Coronavirus in der Welt und in verschiedenen Ländern ausgebreitet hat und welche Massnahmen wo getroffen wurden.

  • Für Sprach-Besessene: Corona ist überall – jedoch nicht erst seit der Pandemie. Die deutsche Zeitung TAZ hat in einem «Rehabilitations-Glossar» zusammengetragen, woher der in Verruf geratene Name stammt, welche Bedeutungen er hat und wo er überall eingesetzt wird.

  • Für Simulations-Fans: «Piloten trainieren mit Flugsimulatoren, um Abstürze zu verhindern. Epidemiologinnen trainieren in Epidemie­simulatoren, um den Absturz der Menschheit zu verhindern.» So erklärt der Epidemiologe Marcel Salathé die spielbare Simulation (das Original ist auf Englisch, hier eine deutsche Übersetzung), die er mit Entwickler*in Nicky Case entworfen hat und anhand deren wir verstehen sollen, was in den nächsten Monaten und Jahren geschehen wird.

Ausserdem. Ein Tipp für Fans von klassischer Musik:

  • Eigentlich würde der Opernsänger Sascha Emanuel Kramer zurzeit gerade auf der Bühne der Mailänder Scala stehen. Doch nachdem ihm Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte, wurde er selber aktiv: Gemeinsam mit Tonmeister Marcel Babazadeh hat Kramer digitale Konzerte mit international bekannten Künstlerinnen aus der klassischen Musikszene auf die Beine gestellt. Heute um 20.30 Uhr zum ersten Mal und danach einmal pro Woche geben diese in einer ehemaligen Chemiefabrik am Zürichsee ein kostenloses Online-Konzert.

Frage aus der Community: Werden die auf Covid-19 zurückgeführten Todesfälle in den Schweizer Altersheimen überhaupt erfasst?

Bis vor kurzem fehlten in den offiziellen Corona-Statistiken Grossbritanniens die Zahlen all jener Personen, die in einem Alters- oder Pflegeheim an Covid-19 verstorben waren. Als dies bekannt wurde, musste die Regierung die Anzahl der Verstorbenen von einem Tag auf den anderen um mehrere tausend Personen nach oben korrigieren. Gibt es in der Schweiz eine vergleichbare Dunkelziffer?

Die kurze Antwort dazu: Nein. Altersheime sind verpflichtet, Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 zu melden. Einzelne Kantone weisen die Zahl auch in ihrem Lagebulletin aus: So lebten in Zürich gemäss offizieller Statistik von den 126 an Covid-19 verstorbenen Personen 76 in einem Alters- oder Pflegeheim. Auch das BAG bestätigt auf Anfrage der Republik, dass Todesfälle in Altersheimen in die Statistik einfliessen.

Theoretisch zumindest. Womit wir zum zweiten Teil der Antwort kommen: Erfasst werden nur Personen, die auf Covid-19 getestet wurden. Wer ohne Test in einem Altersheim stirbt, taucht in der Statistik nicht auf, weshalb eine Dunkelziffer wahrscheinlich ist. Darauf deutet auch die Übersterblichkeit hin – die erhöhte Zahl von Sterbefällen verglichen mit der üblichen Sterblichkeit zu dieser Zeit. Wer nun zum Beispiel die fünf Wochen von Mitte März bis April nimmt, stellt fest, dass in dieser Zeit in der Schweiz 1660 Menschen mehr starben als sonst üblich. Von diesen sind aber nur 1210 als Covid-19-Todesfälle gelistet. Zumindest ein Teil der verbleibenden 450 Personen ist wahrscheinlich zu Hause oder in einem Altersheim an den Folgen von Covid-19 verstorben, ohne dass sie getestet worden waren.

Zum Schluss

Lamas helfen uns, die Corona-Krise zu meistern. Wie das? Wir haben bereits darüber berichtet, wie sie nervige Videokonferenzen auflockern. Nun wird bekannt, dass Lamas bei der Bekämpfung des Coronavirus helfen könnten. Sie bilden nämlich Antikörper, die der Mensch selbst nicht herstellen kann. Herausgefunden haben das Forscher bereits vor vier Jahren: Sie gaben einem Lama ungefährliche Dosen von Coronaviren, worauf dieses verschiedene Antikörper bildete, die die Viren neutralisierten. Das funktioniert auch mit dem neuen Virus Sars-CoV-2. Weil Lamas im Gegensatz zu Menschen, die nur eine Art von Antikörpern bilden, zwei verschiedene herstellen können, werden sie schon länger in der Wissenschaft eingesetzt. Auch Haie hätten übrigens die gleiche Fähigkeit. Aber mal ehrlich, würden Sie nicht auch lieber mit einem Lama zusammenarbeiten als mit einem Hai?

Bleiben Sie umsichtig, bleiben Sie freundlich, bleiben Sie gesund.

Bis morgen.

Bettina Hamilton-Irvine und Cinzia Venafro

PS: Haben Sie Fragen oder Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Aus unerklärlichen Gründen hat niemand auf der Redaktion bemerkt, dass wir Niedergösgen im letzten Covid-19-Newsletter fälschlicherweise in den Kanton Aargau (statt Solothurn) versetzt haben. Nicht einmal unser stellvertretender Chefredaktor, der buchstäblich im Nachbardorf aufgewachsen ist (Gretzenbach). Wir entschuldigen uns hiermit in aller Form für diesen Fauxpas.

PPPPS: Social Distancing? Ein schwedisches Restaurant hebt das Konzept gerade auf eine ganz neue Ebene. Ein einzelner Gast findet sich dabei mitten auf einer Wiese an einem einzelnen Tisch wieder, wo ihm per an einem Seilzug befestigten Korb die wunderbarsten Speisen serviert werden. Das Ganze sieht so zauberhaft aus, dass man den unschönen Grund dafür augenblicklich vergisst.

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