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Komplett umgekrempelt

06.05.2020

Liebe Leserinnen und Leser

Während die Intensivmedizinerin in den letzten Wochen Extraschichten schob, drehte der Orthopäde Däumchen, weil seine Operationen ausgesetzt waren. Verwaltungsmitarbeiter A starrte im Homeoffice auf den leeren Bildschirm, während seine Kollegin B versuchte, Berge von Unterstützungsgesuchen zu bewältigen.

Wer wochenlang freihat und ganz ohne Aufgabe und Ziel durch die Isolation tingelt, mag daran verzweifeln. Freie Zeit, so sehr wir uns im Normalfall nach ihr sehnen, kann in der Überdosis toxisch wirken. Und wenn sich dann noch alle älteren Damen in der Nachbarschaft standhaft weigern, die gut gemeinten Hilfsangebote anzunehmen – ja, was fängt man dann mit seiner Zeit an? Am besten etwas Sinnvolles.

Aber was ist sinnvoll?

Alles war so weit Anfang 2020. Axel Eckstein und Alexander Kranz-Mars gründeten in Zürich ihre Kreativagentur und waren bereit für Kunden und deren Aufträge. Dann begann die Corona-Krise. Und bei den beiden kam die Gewissheit auf, dass sie vorerst von ihrem Ersparten zehren müssen. Doch Nichtstun war keine Option.

«Ich wollte wissen, was die Leute im Gesundheitswesen am meisten nervt», sagt Axel Eckstein.

Eine befreundete Ärztin lieferte ihm das Stichwort: Latexhandschuhe ausziehen. Tagein, tagaus quälen sich weltweit Millionen Menschen im Gesundheitswesen damit herum.

«Also haben wir den weltersten Handschuhabstreifer erfunden», sagt Eckstein. Eine Art umgedrehter, fix montierter Schuhlöffel, der Pflegern und Ärztinnen das umständliche Ausziehen von Latexhandschuhen abnehmen soll. Ausserdem soll er verhindern, dass sie wie beim herkömmlichen Abstreifen ihre eigenen Handflächen kontaminieren.

Herstellen kann man den weltweit ersten Handschuhabstreifer mit jedem zeitgemässen 3-D-Drucker, die Daten lassen sich kostenlos herunterladen. Open-Source-Hardware, sozusagen. Egal, ob in Mumbai oder in Feuerland, innerhalb weniger Stunden ist der Abstreifer produziert und angebracht. Solange sich ein Drucker findet, der so etwas bewerkstelligt. Die Erfinder geben auch bekannt, wie man sie unterstützen kann: indem man ihnen Verbesserungsvorschläge für ihr Produkt schickt.

Manchmal haben die einfachsten Ideen die grösste Wirkung. Welches Schicksal wird dem Handschuhabstreifer blühen? Wird er Leben retten? Oder auf der Müllhalde der unnützen Erfindungen landen?

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

Die neuesten Fallzahlen: Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit zählten die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein heute Morgen 30’060 positiv auf Covid-19 getestete Personen. Im Vergleich zu gestern sind das nur 51 Fälle mehr. Bis Mitte April kamen täglich neue Fälle in einem hohen dreistelligen Bereich dazu.

Das Neueste aus der Sondersession: Gestern Abend entschied der Nationalrat, dass Firmen mit Kurzarbeitsentschädigungen während zweier Jahre keine Dividenden an die Aktionärinnen ausschütten sollen. Doch der Ständerat hat das Dividendenverbot versenkt. Damit ist der Vorstoss vom Tisch. Bisher haben 187’000 Firmen Kurzarbeit für insgesamt 1,9 Millionen Mitarbeitende beantragt. Ausserdem haben die eidgenössischen Räte Folgendes entschieden:

  • Öffnung der Landesgrenzen: Per Motion fordert der Nationalrat vom Bundesrat einen Fahrplan für die schrittweise Öffnung des Landes. Sobald es die Lage zulässt, soll der freie Personenverkehr wieder möglich sein. Die Motion muss noch im Ständerat behandelt werden.

  • App braucht ein Gesetz: Das Parlament fordert eine gesetzliche Grundlage für eine Contact-Tracing-App. Im Sommer soll diese von den beiden Kammern verabschiedet werden. Die Testphase für die App kann aber trotzdem bereits starten.

  • Unterstützung für den ÖV: Das Parlament verlangt, dass der Bund zusammen mit den Kantonen und den Transportunternehmen eine Vorlage ausarbeitet, die Ertragsausfälle im öffentlichen Verkehr abschwächen soll. Nach dem Nationalrat hat auch der Ständerat einer entsprechenden Motion zugestimmt.

  • Keine Einigung bei Geschäftsmieten: Der Nationalrat will, dass der Bund krisengebeutelte Unternehmen unterstützt, indem er einen Teil ihrer Geschäftsmieten übernimmt und Vermieter zu einer Mietreduktion gezwungen werden. Im Grundsatz stimmt der Ständerat dieser Motion zu; die beiden Kammern sind sich aber in der genauen Ausgestaltung der Vorlage uneinig. Ein definitiver Entscheid wird deshalb erst in der regulären Sommersession getroffen.

  • In Indien steigt Zahl der Ansteckungen wieder: Bisher hatte der 1,3-Milliarden-Einwohner-Staat die Pandemie gut im Griff. Mit einem sehr harten Lockdown scheint die Regierung verhindert zu haben, dass sich das Virus in den Slums ungehindert verbreitet. Nun hat Indien seine Massnahmen aber gelockert, und die Zahl der festgestellten Corona-Infektionen steigt im Vergleich zu den Wochen davor wieder stark an. Vor allem die dicht besiedelten urbanen Gebiete entwickeln sich zu Hotspots. Zwei Drittel aller Ansteckungen wurden in den Millionenstädten Delhi und Mumbai registriert.

Empfehlungen aus der Republik-Feuilletonredaktion

Der Lockdown wird lockerer. Doch ein Grossteil des Kulturlebens ist weiterhin auf Improvisationskunst angewiesen. Während die Schweizer Museen und der Buchhandel ab kommendem Montag wieder öffnen können, müssen sich die Fans von Kulturveranstaltungen aller Genres weiter mit Livestreams und Online-Archiven begnügen. Und die Kunstschaffenden?

Müssen sich einmal mehr als Überlebenskünstlerinnen beweisen – lange klang das Klischee nicht so zynisch. Umso staunenswerter, was die Kreativen zuletzt auf die Beine oder besser: ins Netz gestellt haben. Die Theater, Konzerthäuser und Kunsttempel. Oder die Clubszene, die es besonders hart trifft und die sich dennoch, buchstäblich, mit Händen und Füssen wehrt.

Das SRF hat eine beeindruckende Liste an Online-Aktivitäten unter Lockdown-Bedingungen zusammengestellt, auf der garantiert jede und jeder etwas gegen den Quarantäne-Koller findet – also vielleicht einfach wild drauflosstöbern, als wärs der Sommerschlussverkauf?

Wir sekundieren mit folgenden Tipps:

  • die Lieblingsbuchhandlung stürmen: Keine Lust mehr auf Serien-Binge-Watching? Die Buchhändlerin Ihres Vertrauens weiss Alternativen – und hat ab Montag höchstwahrscheinlich auch wieder geöffnet. Vorab-Inspiration für Anspruchsvolle: Hier gehts zu den Lyrik-Empfehlungen 2020.

  • den Kalender zücken: Nächste Woche findet das Schaffhauser Jazzfestival statt. Und die Woche darauf die Solothurner Literaturtage (die ab 14. Mai schon mal zur Einstimmung ein Logbuch starten). Beide Festivals sind Highlights, beide gibts dieses Jahr ganz und gar online. Das Improvisieren geht weiter!

Zum Schluss ein Blick nach Irland, wo sich gerade Hunderte Menschen für einen alten Gefallen revanchieren

1847 spendete der indigene Choctaw-Stamm 170 Dollar an irische Familien, die von der Grossen Hungersnot betroffen waren. Eine Skulptur in der Stadt Midleton erinnert immer noch an die grosszügige Geste der amerikanischen Ureinwohner, die heute wie damals in grosser Armut leben. Nun hat sich eine irische Crowdfunding-Kampagne zum Ziel gesetzt, 3 Millionen Dollar zu sammeln und damit zwei amerikanische Native-Stämme zu unterstützen, die besonders stark unter der Pandemie leiden. Bis heute Nachmittag sind bereits 2,5 Millionen Dollar zusammengekommen. Ein irischer Spender kommentiert seinen Beitrag auf der Crowdfunding-Website mit folgenden Worten: «170 Jahre später: Als Dank für unsere indigenen Brüder und Schwestern.»

Seien Sie grosszügig, bleiben Sie umsichtig, bleiben Sie freundlich, bleiben Sie gesund.

Bis morgen.

Elia Blülle, Daniel Graf und Michael Rüegg

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilten. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Die US-Regierung trug sich gestern mit dem Gedanken, die Corona-Taskforce bald aufzulösen. Schliesslich habe man «enormen Fortschritt» gemacht, sagte der Vizepräsident. Da hat er recht. Die Fallzahlen zum Beispiel sind enorm fortgeschritten, seit es die Taskforce gibt. Heute ruderte der Präsident zurück: Weil man ja so gut unterwegs sei, werde man die Taskforce «indefinitely» weiterführen.

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