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Gute Absichten in schlechten Zeiten

24.03.2020

Liebe Leserinnen und Leser

Es gibt unter Journalistinnen einen Glaubenssatz, der da heisst: «Mache dich nicht mit einer Sache gemein, auch nicht mit einer guten.» Angepasst an die Zeiten von Covid-19, könnte er vielleicht auch lauten: «Gute Absichten bedeuten noch lange nicht, dass man jede Massnahme einfach so gut finden sollte.»

Im Kampf gegen die Pandemie beschliessen Staaten im Rekordtempo Dinge, die noch vor Wochen völlig undenkbar gewesen wären: Sie ordnen die Schliessung von Geschäften an, machen die Grenzen dicht und verbieten Versammlungen.

Keine Frage, meistens stecken hinter diesen Massnahmen saubere Absichten; die Regierungen wollen Leben retten. Aber eben nicht nur.

Russland zum Beispiel rühmt sich damit, dass es im Land kaum Corona-Fälle gebe – und verbietet gleichzeitig wegen der Corona-Gefahr politische Demonstrationen. In Israel nutzt der Premierminister die Pandemie, um das Parlament auszuhebeln und die Justiz gleich mit. Die Übergangsregierung in Bolivien – die heftig in der Kritik steht, weil sie ohne demokratische Legitimation das Land komplett umkrempelt – hat die für den Mai geplanten Wahlen gerade verschoben. Sie ahnen, mit welcher Begründung.

Und in der Schweiz? Nun, auch hier tun sich gerade Dinge, bei denen alle wachsam hinschauen sollten. Denn in der «ausserordentlichen Lage» verfügt der Bundesrat über eine enorme Machtfülle. Er hat entschieden, dass Menschen dafür gebüsst werden können, wenn sie zu nahe beieinander stehen oder eine Face-to-Face-Unterhaltung in der Öffentlichkeit führen. Und manche fordern bereits noch härtere Massnahmen – eine komplette Ausgangssperre zum Beispiel.

Unser Reporter Carlos Hanimann hat mit Daniel Moeckli, Professor für Öffentliches Recht, über die Gefahren des Ausnahmezustands gesprochen. Zum Beispiel darüber, warum Verhältnismässigkeit eine so wichtige Sache ist. Wie man Freiheiten und Rechte gegeneinander abwägen kann. Und warum wir es uns zweimal überlegen sollten, bevor wir uns an China ein Vorbild nehmen.

Daniel Moeckli sagt mit Blick auf die Zukunft: «Vielleicht, wenn wir dann in einem halben Jahr erstmals wieder gemeinsam in einer grösseren Gruppe zusammen­kommen, sind wir uns etwas bewusster, was das bedeutet: Freiheitsrechte.»

Die wichtigsten Nachrichten des Tages:

  • Die neuesten Fallzahlen: Heute zählt die Schweiz gemäss Bundesamt für Gesundheit (BAG) 8836 infizierte Personen. Am Montag waren es noch 8060 – die Fallzahlen verdoppeln sich derzeit innerhalb von etwa vier Tagen.

  • Indien ruft den Lockdown aus: Die 1,3 Milliarden Menschen im Land mit der weltweit zweithöchsten Bevölkerungszahl dürfen ab heute Mitternacht ihr Haus nur noch in Ausnahmefällen verlassen. Das gab Premierminister Narendra Modi in einer Fernsehansprache bekannt. Der Lockdown soll vorerst drei Wochen gelten.

  • Versorgung mit Schutzmasken vorläufig sichergestellt: Die Schweizer Spitäler haben sich in den vergangenen Tagen immer wieder über fehlende Hygiene­masken beklagt. Nun hat der Bund reagiert und 10 Millionen alte Masken freigegeben, die er über die Armee verteilen lässt. Ausserdem fordert er die Bevölkerung dazu auf, vorrätige Masken an Gesundheitsinstitutionen wie zum Beispiel lokale Pflege- oder Altersheime zu spenden.

  • Hubei hebt Quarantäne auf: Ab morgen dürfen rund 50 Millionen Menschen in der zentralchinesischen Provinz Hubei ihren Wohnort wieder verlassen und in andere Regionen reisen. Einzige Ausnahme bildet die Stadt Wuhan: In der 11-Millionen-Metropole bleiben die Reise­restriktionen vorläufig bis Anfang April bestehen. Die Stadt gilt als der wahrscheinliche Ursprungsort von Sars-CoV-2. Am 23. Januar hatten die chinesischen Behörden alle Städte in Hubei unter Quarantäne gestellt.

  • Olympische Spiele verschoben: Vom 24. Juli bis 9. August hätten in Japan die Olympischen Sommerspiele stattfinden sollen. Das Internationale Olympische Komitee und die japanische Regierung haben sich nun aber dazu entschieden, die Spiele um ein Jahr zu verschieben.

Die besten Tipps und interessantesten Artikel:

  1. Waschen Sie die Hände gründlich, und zwar so lange, wie es dauert, zweimal «Happy Birthday» zu singen. (Oder eine Strophe von Mani Matters «Zündhölzli» … jedenfalls etwas, das ungefähr 20 Sekunden dauert.)

  2. Kaufen Sie einen Putzspray, der verspricht, 99,9 Prozent aller Keime abzutöten.

  3. Wischen Sie oft berührte Oberflächen täglich ab. Also: Lichtschalter, Griffe, Fernbedienung, WC-Spülung, Tischplatte.

  4. Werden Sie dabei nicht neurotisch. Mit dem Lappen kurz abwischen reicht.

Was sich auch zu lesen und zu browsen lohnt:

  • SRF hat mit «Corona kompakt» einen täglichen Pandemie-Podcast gestartet. Hauptthema heute: «Werden bald unsere Handys überwacht?» Er erscheint immer zur Mittagszeit – und Sie können sich damit gut die Zeit vertreiben, bis endlich der Newsletter der Republik erscheint.

  • «Die Menschheit muss eine Entscheidung treffen. Gehen wir den Weg der Zwietracht oder wählen wir den Pfad der globalen Solidarität?», fragt der israelische Historiker Yuval Harari in seinem neuesten Essay. Darin erklärt er die Pandemie zum Globalisierungs-Stresstest: «Wenn wir uns (…) für die globale Solidarität entscheiden, trägt uns das nicht nur den Sieg gegen das Virus ein, sondern gegen alle Epidemien und Krisen, die die Menschheit im 21. Jahrhundert treffen können.»

  • In den Spitälern im Tessin ist die Situation kritisch. Doch was heisst das genau? Das Schweizer Fernsehen hat das Personal im Spital La Carità mit der Kamera begleitet. Entstanden ist ein Dokumentarfilm über endlose Schichten und Zimmer, die sich schneller füllen, als es die schlimmsten Szenarien prognostiziert haben.

Frage aus der Community: Überträgt meine Katze das Virus?

Keine Angst: Sie müssen Ihr Haustier nicht einsperren oder abgeben. In der ARD-«Tagesschau» erklärt der Virologe Thomas Mettenleiter, es gäbe bisher keinerlei Hinweise, dass Katzen oder Hunde oder überhaupt Heimtiere bei der Entwicklung dieser Pandemie eine signifikante epidemiologische Rolle spielten. Bisher ist kein einziger Fall von einem infizierten Haustier bekannt geworden. Wie bei den Menschen sollte man aber auch bei den Tieren auf die Hygiene achten. Viren könnten sich beim Streicheln im Fell ablagern und sich so auf den Menschen übertragen; die Wahrscheinlichkeit einer Infektion ist aber selbst dann äusserst gering.

Zum Schluss eine gute Nachricht: Entwarnung bei Ibuprofen

Vergangene Woche warnten das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und die Weltgesundheits­organisation (WHO) vor der Einnahme des Entzündungs­hemmers Ibuprofen. Corona-Erkrankte sollten auf das Medikament verzichten, hiess es. «Einzelfälle» hätten gezeigt, dass der Arzneistoff den Krankheits­verlauf verschlechtern könnte. Dementsprechend empfahlen wir Ihnen im Newsletter vor genau einer Woche, bei einer Erkrankung an Covid-19 besser ein anderes Schmerzmittel zu wählen. Nun haben die WHO und auch das BAG ihre Warnung wieder zurückgezogen. Die Schweizer Gesundheits­behörde schreibt: «Das Medikament Ibuprofen beeinflusst den Krankheitsverlauf von Covid-19 nicht nachweislich.»

Bleiben Sie lieber umsichtig, bleiben Sie freundlich, bleiben Sie gesund.

Bis morgen

Ronja Beck, Oliver Fuchs und Elia Blülle

PS: Haben Sie Fragen und Feedback, schreiben Sie an: covid19@republik.ch.

PPS: Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Newsletter mit Freundinnen und Bekannten teilen. Er ist ein kostenloses Angebot der Republik.

PPPS: Vom 3. bis 5. April organisiert ein Team unter der Schirmherrschaft des Bundes einen Hackathon. Dabei suchen Freiwillige digitale Lösungen, mit denen sie die Eindämmung der Pandemie unterstützen und das Leben in der Isolation vereinfachen wollen. Einzige Teilnahmebedingung: Internetzugang und Mailadresse.

PPPPS: In Italien darf zurzeit niemand mehr in die Kirche. Deshalb streamt ein Priester seine Messen via Smartphone. Die Wunder der Technik schlagen dem Geistlichen dabei ein Schnippchen: Bevor er vor die Kamera tritt, aktiviert er (wohl versehentlich) die Videoeffekte seines Smartphones – und spricht plötzlich als Mafioso oder mit Schweissband und Hanteln zu seiner Gemeinde.

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