Sie hat Bock! Die Journalistin Katja Lewina sorgt mit ihrem Buch für Aufsehen. Manuela Clemens

Überraschung! Frauen wollen auch ficken

Wie steht es eigentlich um das weibliche Begehren und den Feminismus im Allgemeinen? Eine Buchvorstellung in Berlin zeigt, was Feministinnen gerade diskutieren und warum sich viele auch 2020 noch vor dem Thema Sex fürchten.

Von Charlotte Theile, 10.03.2020

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Die beste Szene des Abends ist gleichzeitig die unangenehmste. Eine Frau zwischen dreissig und vierzig steht auf der leeren Bühne, sie ist ziemlich besoffen. «KATJA LEWINA IST DIE GEILSTE FRAU DER WELT», singt, nein, brüllt sie. Katja Lewina, die Frau, die an diesem Abend ihr Buch («Sie hat Bock») über weibliche Lust, offene Beziehungen und sexuelle Freiheit im Allgemeinen vorgestellt hat, versucht leise, die Besucherin ein bisschen runterzudämmen. Keine Chance. «WO IST DEIN MANN?», fängt die Betrunkene an zu rufen, in jenem Sprechchor-Ton, in dem sonst Fussball­fans «Schiri» oder «Ausziehn» sing-brüllen.

Die Gäste grinsen sich an, einige zucken mit den Schultern. Den ganzen Abend ging es darum, dass Frauen sich endlich trauen sollen, laut zu sein, zu ihren Bedürfnissen zu stehen, einzufordern, worauf sie Bock haben. Und jetzt ist hier eine Frau, die sich so schlecht benimmt, wie das betrunkene Männer schon immer tun – und alle sind überfordert.

Salomé Balthus, in der Schweiz bekannt als Luxus-Escort-Frau, die von Roger Schawinski vor der Kamera nach Missbrauchs­erfahrungen gefragt wurde, tut das Naheliegende. Sie nimmt die Betrunkene in den Arm und rät ihr, ein Wasser zu trinken. Dankbares Aufatmen, die Gespräche laufen weiter.

«Respect»

Wer wissen will, wo die feministische Diskussion in Deutsch­land gerade steht, kann das wohl nirgendwo besser beobachten als an diesem Abend Anfang März in Berlin. Katja Lewina ist freie Journalistin, seit einigen Jahren schreibt sie für «Jetzt», das Online­magazin der «Süddeutschen Zeitung», für den «Playboy», die «Brigitte» und «Zeit online». Fast immer über Sex, der Einfachheit halber über ihren eigenen.

Lewina ist Mutter von drei Kindern, lebt in Branden­burg und führt mit ihrem Mann seit einigen Jahren eine offene Beziehung. Wenn sie zum Beispiel über den «Oral Sex Gap» schreibt, also die Tatsache, dass viele Frauen vor allem blasen, aber sehr viel seltener geleckt werden, dann beginnt der Text so: «Ich blase wirklich gerne. Beim Vorspiel, beim Happy End und auch mal zwischendurch. Es macht mir Spass, es macht mich an, alles super.» Volles Leben also, volle Action – und keine Angst davor, öffentlich zu dem zu stehen, was viele nicht einmal mit ihrer Ehefrau oder ihrem Freund besprechen.

Lewinas erste Lesung ist ausverkauft, 100 Frauen und gut 20 Männer sitzen dicht gedrängt in einem Backstein­saal im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Genau wie die Autorin sind die meisten Gäste Mitte der 1980er-Jahre geboren. Die Moderatorin, Teresa Bücker, ist eine der bekanntesten Stimmen des deutschen Netz­feminismus – im Moment beschreibt sie für das «SZ Magazin» als «freie Radikale» ihre Sicht auf die Welt.

Doch bevor Lewina und Bücker anfangen, betritt ein Mann die Bühne. Der Veranstalter, wie ihn alle ehrfürchtig nennen, beschreibt Lewina als eine, «die freimütig über ihre Sexualität schreibt», und wünscht «einen anregenden Abend». Lewina und Bücker kommen auf die Bühne und geben die Aufmerksam­keit erst mal an einen Gitarren­musiker weiter.

Der erzählt ein paar Minuten über sich und seine Büro­gemeinschaft mit Lewina, dann bittet er seine Freundin auf die Bühne – «weil die viel besser singen kann als ich». Seine Freundin trägt ein Shirt mit der Aufschrift «The booty don’t lie» (in etwa: «Der Hintern lügt nicht») und singt in der Tat grossartig. Ein hetero­sexuelles Paar, das gemeinsam (und ziemlich verliebt) «Respect» von Aretha Franklin singt – das gefällt allen.

«Zur Hölle, schwere Frage, keine Ahnung»

Lewina liest aus dem «Herzstück» ihres Buches, dem Kapitel mit der Überschrift «Sie hat Bock». «Überraschung! Frauen wollen auch ficken», heisst es darin, Lewina schaut zurück. In die Zeit vor der Aufklärung, als Frauen als nimmersatte, sexbesessene Ungetüme galten, vor denen Männer sich nach Möglich­keit in Acht nehmen sollten, zu Eva, die Adam mit dem Apfel verführte – und dann ins heute, wo Frauen in Umfragen angeben, selten an Sex zu denken, und die klassische Beziehungs­routine so aussieht: Er hat Lust, sie hat Migräne. Viele Frauen im Publikum nicken, als Lewina liest: «Ich zum Beispiel dachte lange, ich hätte einen schlimmen Fehler im System, nur weil ich mehr Bock auf Sex hatte als die meisten meiner Partner. Und so regulierte ich mich in jeder Beziehung so weit herunter, bis sich zwischen meinen Beinen überhaupt nichts mehr regte.»

Moderatorin Teresa Bücker (links) hat das Publikum während der Lesung von Katja Lewina im Blick. Manuela Clemens

Netzfeministin Teresa Bücker, die an diesem Abend einen der letzten Termine vor der Baby­pause wahrnimmt, ist deutlich theoretischer. Sie fragt nach Männlichkeits­bildern, nach patriarchalen Strukturen und Reflexions­räumen, die sich öffnen. Lewina antwortet darauf meist so, wie sie schreibt. «Zur Hölle, schwere Frage, keine Ahnung. Ich habs inzwischen geschafft, ohne Pornos zu masturbieren, und kann euch sagen: Das ist noch mal viel, viel geiler.»

Dieser Ton ist es wohl, der «Sie hat Bock» für Feuilletonisten und grosse Zeitungen schwer erträglich macht. Im Internet und in Frauen­zeitschriften wird das Buch seit Wochen gefeiert, in der «Zeit» oder der «FAZ» dagegen sucht man vergeblich nach einer Besprechung. Das liegt sicher nicht am Thema – die Frage nach dem weiblichen Begehren ist aktueller denn je –, sondern an der Art und Weise, wie Lewina schreibt. Explizit, furchtlos, manchmal auch peinlich. Ein bisschen wie Charlotte Roche, die das Buch auf dem Umschlag enthusiastisch lobt. Wer so schreibt, ist für viele bis heute vor allem eines: unseriös. Besonders, wenn klar ist, dass die Autorin das, was sie da beschreibt, selbst erlebt hat.

Moderatorin Teresa Bücker wird daher auch erkennbar nervös, als Lewina ihr die Frage «Worauf stehst du?», die man zu Beginn einer sexuellen Begegnung öfter mal stellen könnte, ziemlich unbedarft zurückspielt. «Keine Ahnung. Was würdest du denn darauf antworten?» Bücker weicht aus – so, wie das fast jede Frau (und vermutlich auch viele Männer) tun würden.

Nach der Lesung muss Bücker selber lachen. «Ja, das war genau so ein Moment, in dem man merkt, dass man selber eine Grenze hat.» Die Moderatorin wünscht sich, dass die Redaktionen «erkennen, wie politisch dieses Buch ist. Dass es darin nicht um offene Beziehungen geht, sondern um so viel mehr.» Dass Katja Lewina nicht mehr nur diejenige ist, die für den «Playboy» übers Rumvögeln in Berlin schreibt – sondern dass man die Autorin in Talk­shows einlädt, in denen über Ungleich­heit und Familien­politik debattiert wird.

«Ich, die Schlampe»

Für sich selbst sieht Bücker noch ein anderes Problem. Als freie Autorin ist sie gefragt, einen festen Job, den sie sich eigentlich wünscht, bietet ihr niemand an. «Weil ich Feministin bin, höre ich immer, ich sei Aktivistin. Wenn Männer über Wirtschaft schreiben und ganz klar offen­legen, dass sie, zum Beispiel, Hayek-Schüler sind, ist das dagegen kein Problem.» Bücker seufzt. Jede Frau hier kann solche Geschichten erzählen.

Auch Salomé Balthus, die gerade im Rechts­streit mit der «Weltwoche» liegt, nachdem ein Journalist sich als Kunde ausgegeben hatte, um ein Porträt über sie zu schreiben, weiss, gegen welche Wände Frauen bis heute laufen. «Katja ist meine Freundin. Was sie macht, ist so selbstlos. Sie schreibt über ihr Leben, ihren Sex, darüber, dass sie vergewaltigt wurde. Einfach, weil sie will, dass andere ein gutes Leben haben. Aber irgendwie sieht das keiner.»

Immer wieder kommt Balthus auf das Geld zu sprechen. Die finanziellen Anreize, die viele Frauen bis heute motivieren, Sex als etwas möglichst Exklusives nur an denjenigen zu «verkaufen», der ihnen dafür ein gutes Leben bietet. Sie selbst macht es anders – Sex an einen klar definierten Betrag zu knüpfen, sei die ehrlichere Variante.

Auch Katja Lewina findet: Dass so viele Menschen Sexarbeit abschaffen wollen, hänge mit einem verqueren Bild von weiblicher Sexualität zusammen. «Man kann sich nicht vorstellen, dass es Frauen gibt, die Freude daran haben, mit richtig vielen Menschen zu schlafen.»

Es ist nur einer von vielen Sätzen an diesem Abend, über die man länger diskutieren könnte. Die Frage, warum auch viele Frauen andere Frauen dafür bestrafen, viel Sex zu haben, wie eine freie Erziehung aussieht oder was die Männer eigentlich gerade tun sollten, wäre eine eigene Veranstaltung wert. Hier werden all diese Fragen kurz angerissen, Lewina bemerkt hin und wieder, wohl noch ein Buch schreiben zu müssen.

Viel Applaus und viele Fragen: Bücker und Lewina im Backsteinbau am Prenzlauer Berg. Manuela Clemens

In «Sie hat Bock» geht es vor allem darum, mithilfe von Studien und eigenen Erlebnissen ein bisschen von dem Scham­gefühl einzureissen, das es Frauen schwer macht, ihre Sexualität zu geniessen. Das zielt in das Zentrum der Diskussionen, die seit #MeToo geführt werden. Was ein Nein zum Sex heisst, ist inzwischen etwas klarer geworden. Das klare und laute Ja dagegen hat es schwer.

Das hat nicht nur Katja Lewina erkannt. Wenige Stunden nach der Veranstaltung veröffentlicht die Schrift­stellerin Kathrin Wessling einen Text unter der Über­schrift «Ich, die Schlampe». Nicht auf einer grossen Meinungs­seite, sondern bei der kleinen Berliner Publikation «Der Freitag». In dem Artikel geht es vor allem um Angst. Angst, sich mit einem solchen Text für immer unmöglich zu machen, Arbeit­geber zu verlieren, beschimpft zu werden. Es ist die Klammer des Artikels: Wessling hat Angst vor der Anfrage, Angst vor dem Schreiben, Angst davor, auf Senden zu drücken.

«Hallelujah»

Katja Lewina hat sich entschieden, diese Angst hinter sich zu lassen, aus der sprach­losen Lücke, die Frauen lassen, ein Geschäft zu machen. An diesem Abend in Berlin wird sie dafür mit viel Applaus und noch viel mehr Publikums­fragen belohnt. Die meisten davon sind ziemlich persönlich. Wer so viel von sich erzählt, wird mit Offen­heit belohnt. Der Gitarren­musiker, der gegen Ende wieder auf die Bühne kommt, sagt, er habe an diesem Abend einiges von seiner Verunsicherung verloren und wolle nun einfach reden. Darüber, was sich Männer und Frauen wirklich wünschen. Dann fängt er an zu singen – und der ganze Saal bricht in erlösendes Lachen aus.

Kurze Zeit später steht auf dieser Bühne die betrunkene Frau und singt lauthals, was ihr gerade so einfällt, etwa «Hallelujah» von Leonard Cohen. Wieder genervte Blicke – und wieder Salomé Balthus, die sich dazustellt und ganz sanft zu singen beginnt.

Well I’ve heard there was a secret chord
That David played and it pleased the Lord
But you don’t really care for music, do you?

Wenn dieser Abend ein Skript hätte, hätten an dieser Stelle alle gemeinsam eingestimmt und hätten sich Hallelujah-singend in den Armen gelegen. Stattdessen schaltet der Veranstalter die Bar aus und das Licht an. Katja Lewinas Mann nimmt ein paar Leute im Auto mit nach Brandenburg. Sie selbst zieht mit ihrem Freund und ein paar Freunden in die nächste Bar – und sieht sehr, sehr glücklich aus.

Zum Buch

Katja Lewina: «Sie hat Bock». Dumont-Verlag 2020, 224 Seiten, ca. 30 Franken. Der Verlag bietet eine Leseprobe an.

Zur Autorin

Charlotte Theile, geboren 1987, deutsch-schweizerische Doppelbürgerin, war von 2014 bis 2018 Korrespondentin der «Süddeutschen Zeitung» für die Schweiz. Von Zürich aus berichtete sie über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Sie studierte in Aachen und Bern Politik und Volkswirtschaft. 2017 veröffentlichte sie ein Sachbuch unter dem Titel: «Ist die AfD zu stoppen? Die Schweiz als Vorbild der neuen Rechten». Heute arbeitet sie als freie Journalistin und lebt in Leipzig. Für die Republik schrieb sie zuletzt über das «Leidmedium» NZZ.

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