Anmelden

Jubel zum Ende einer Ära: Demonstranten feiern in Boliviens Hauptstadt den Rücktritt von Evo Morales. Marcelo Perez Del Carpio/Anadolu Agency/Getty Images

Die «Generation Evo» stürzt ihren Präsidenten

Erlebt Bolivien einen Putsch? Oder einen Umsturz made in USA? Ein genauer Blick ohne kolonialistische Hybris zeigt etwas ganz anderes.

Eine Analyse von Michael Ebmeyer, 21.11.2019

Unabhängiger Journalismus kostet. Die Republik ist werbefrei und wird finanziert von ihren Leserinnen. Trotzdem können Sie diesen Beitrag lesen.

Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!

Ein Spruch macht die Runde in Lateinamerika: Hier von einem Land ins andere Land umzuziehen ist, wie auf der Titanic die Kabine zu wechseln. Denn wohin man sich auch wendet im Südwesten der Welt, fast überall betritt man Krisen­gebiet. Und war der Subkontinent noch im vorigen Jahr den europäischen Medien kaum eine Schlag­zeile wert, lösen seine Länder einander inzwischen auf den Titel­seiten ab – je nachdem, wo es gerade am schlimmsten zugeht: Venezuela, Mexiko, Brasilien, Peru, Ecuador, Chile ...

In diesen Wochen ist es Bolivien. Evo Morales ist am Versuch gescheitert, die vierte der ihm verfassungs­mässig zustehenden zwei Amtszeiten als Präsident anzutreten, anschliessend entwich er mit Getöse nach Mexiko. Die Protest­bewegung in Bolivien ruft ihm seine eigenen Worte nach: «Wer flieht, ist ein geständiger Verbrecher.»

Dafür, dass das Land auch nach seinem Abgang nicht zur Ruhe kommt, hat Morales gesorgt – und wenn nicht er persönlich, dann sein Mann fürs Grobe: Juan Ramón Quintana, zuletzt Präsidial­minister; ein Ex-Militär, ausgebildet in der Escuela de las Américas, dem US-Trainings­camp für die «schmutzigen Kriege» der südamerikanischen Diktaturen der 1970er- und 1980er-Jahre. Quintana drohte Anfang November, falls Morales nicht weiter regieren könne, werde Bolivien sich «in ein Schlachtfeld, ein Vietnam» verwandeln.

Seither versucht ein Verbund aus aufwiegelnden Funktionären, den Grupos de Choque von Morales’ Partei MAS (Movimiento al Socialismo) und den bolivianischen Kokain-Kartellen einen Bürger­krieg anzuzetteln. Zugleich blockieren MAS-Anhängerinnen die Versorgungswege in die Grossstadt La Paz, den bolivianischen Regierungssitz.

Die Rücktrittswelle der Evo-Getreuen hat eine rechts­gerichtete Übergangs­präsidentin namens Jeanine Áñez ins Amt gespült, deren Behelfs­regierung die Lage unter Kontrolle zu bringen versucht und ihr sonstiges Wirken hoffentlich darauf konzentriert, innerhalb der gesetzlichen Frist von drei Monaten saubere Neuwahlen zu gewährleisten.

Bisher allerdings fehlt Áñez dazu die parlamentarische Legitimation: In der ablaufenden Legislatur­periode verfügt der MAS in der Kammer über die absolute Mehrheit, und seine Abgeordneten blieben der Bestallung der Übergangs­regierung fern. Daher ist auch noch nicht abzusehen, welche Kandidatinnen bei der Neuwahl antreten werden.

Mehr als nur eine Übergangspräsidentin? Jeanine Áñez spricht vor dem Präsidialpalast zur Polizei. Juan Karita/AP/Keystone

In den internationalen Medien tobt derweil ein Wettstreit der Deutungen dessen, was in Bolivien geschieht. Die wenigsten dieser Medien, gleich ob «etabliert» oder «alternativ», haben Bericht­erstatterinnen vor Ort. Sie greifen entweder auf Korrespondenten zurück, die in Argentinien, Brasilien oder Mexiko sitzen, oder sie treffen ihre Einschätzungen vom heimischen Schreib­tisch aus. Es scheint ja so einfach: Südamerika, ein Staatschef muss abdanken, obendrein einer, den wir für links halten. Das nennen wir einen Putsch, sagen die einen. Die anderen belehren uns über einen Rückschlag für «sozialistische Diktaturen».

Ich möchte diese Debatte hier nicht aufrollen, sondern nur zwei Beobachtungen darlegen. Erstens: Die Protest­bewegung, die zum Sturz Evo Morales’ führte, ist vor allem eine Jugend­bewegung. Zweitens: Der Blick europäischer Kommentatorinnen auf die Ereignisse in Bolivien ist oft beschämend kolonialistisch.

Altersschnitt 22,14 Jahre

Nach behutsamen Schätzungen gingen im Oktober in Bolivien dreieinhalb Millionen Menschen auf die Strassen, um gegen Morales’ drohende Verstetigung an der Macht zu demonstrieren. Das ist fast ein Drittel der Bevölkerung. Allein zu den Bürger­versammlungen in Santa Cruz und La Paz – den beiden Metropolen des Tieflands und des Altiplano – fand sich jeweils etwa eine Million ein.

Die Bewegung gewann ihre Stärke aus der eigenen Verblüffung. Dass der Überdruss an den autokratischen Ambitionen der einstigen Lichtgestalt Evo Morales so umfassend war, damit hatten die Teilnehmerinnen selbst nicht gerechnet. Es gab, über ein lose gefügtes Nationales Komitee zur Verteidigung der Demokratie (Conade) hinaus, keine Zentrale, um die Kund­gebungen zu koordinieren. Als der Zulauf immer grösser wurde, übernahmen die Comités Cívicos, die Bürgerräte der jeweiligen Provinzen, die Organisation.

Die Proteste einten nicht nur Hoch- und Tiefland (ein in der bolivianischen Geschichte fast beispielloses Phänomen), sie brachten alle Schichten und ethnischen Gruppen des Landes zusammen; der «Plurinationale Staat Bolivien» umfasst offiziell 36 «Nationen», und nur etwa 15 Prozent der Bevölkerung sind k’aras («Weisse»).

Auffällig war von Beginn an der Protagonismus der Jugend: Studentinnen, Schüler und junge Arbeiterinnen machten überall den weitaus grössten Teil der Demonstrierenden aus. Ihre Präsenz, ihre Slogans und Transparente prägten die Protest­bewegung.

Das hat demografische und politische Gründe. Boliviens Bevölkerung zählt zu den jüngsten der Welt, ihr Alters­durchschnitt liegt bei kaum über 22 Jahren. Jene, die in den letzten Wochen gegen den Wahlbetrug aufstanden und immer lauter den Rücktritt des Präsidenten forderten, sind just die «Generation Evo». Eine Jugend, die keine andere Regierung als die von Morales bewusst erlebt hat.

Zweifel an der Richtigkeit des Wahlresultats: Anhänger von Carlos Mesa, dem unterlegenen Gegenkandidaten von Evo Morales, gehen auf die Strasse (22. Oktober 2019). Martin Alipaz/EFE/Keystone

Eine Jugend aber auch, die das grosse Versprechen verinnerlicht hat, mit dem Evo Morales 2006 als Präsident antrat und das er zumindest in seiner ersten und noch in Teilen seiner zweiten Amtszeit energisch umsetzte: die Dominanz der alten europäisch­stämmigen Oberschicht zu überwinden, gegen Armut und Analphabetismus vorzugehen, der indigenen Bevölkerungs­mehrheit endlich zu voller gesellschaftlicher Teilhabe zu verhelfen und die Einmischung der USA in Bolivien (vor allem unter dem Deckmantel ihres angeblichen war on drugs) zu unterbinden.

Über Morales’ Wandel vom linken Reformer zum konservativen Quasi-Autokraten habe ich zusammen mit der bolivianischen Kollegin Rery Maldonado vor einigen Monaten in der Republik geschrieben. Doch der Erfolg der emanzipatorischen Politik seiner frühen Regierungs­jahre erweist sich als grösser und nachhaltiger, als ihm heute offenbar lieb ist. «¡Bolivia se respeta, carajo!», ruft ihm die Jugend entgegen, «Respekt für Bolivien!» – und dass sie keine Lust habe, in einer Diktatur zu leben. Es ist der immer grössere Druck von der Strasse, den die jungen Leute aufbauen, der Morales letztlich zum Abdanken zwingt.

Am 10. November, als er seinen Rücktritt verkündet hat, strömt die Bevölkerung wieder millionenfach ins Freie: um zu feiern. Weil aber ein Quasi-Autokrat ein schlechter Verlierer ist, schicken Morales und seine Hardliner noch in derselben Nacht ihre Schläger­trupps aus, um das Land ins Chaos zu stürzen.

Eine traurige Symbolkraft liegt darin, dass die erste Schwer­verletzte des Konflikts ein 16-jähriges Mädchen war – von einem Tränengas­geschoss der Polizei in La Paz am Kopf getroffen, Schädel­bruch. Wenige Tage später gab es die ersten Toten, von Morales-Anhängern erschossen. Ein MAS-Parlamentarier drängte mit der Frage in die Presse, «wie viele Mütter bereit [seien], ihre Kinder zu opfern». Und seit Morales’ Abgang nach Mexiko haben die Zusammen­stösse der von Quintana und anderen Kriegs­treibern aufgehetzten Gruppen mit Polizei und Militär etliche weitere Menschen das Leben gekostet; die meisten von ihnen blutjung.

Ein bitterer Cartoon wird dieser Tage in Bolivien in den sozialen Netzwerken herumgereicht. Er zeigt, wie ein älterer Evo – der heutige – einem jüngeren Evo einen Dolch in die Brust rammt.

Schablonen statt Analysen

Dass der Morales von heute nicht mehr der von 2006 ist, scheint viele internationale Kommentatoren nicht zu kümmern. Gleich, ob sie von rechts eine Schlappe für ein «linkspopulistisches Ensemble» in Lateinamerika bejubeln oder von links einen «Staatsstreich» beklagen: Für sie folgte Morales vom Anfang bis zum Ende seiner Präsidentschaft derselben Agenda.

Und welche Rolle spielt die bolivianische Bevölkerung bei den Ereignissen der letzten Wochen? Hier wird es unangenehm für eine Fraktion der europäischen Welt­erklärerinnen, die sich für links hält. Für sie ist der Fall klar: Morales fiel, das sagt er schliesslich selbst, einem «Putsch der Rechten» und «antidemokratischen Vorgängen» zum Opfer. Dahinter stehen, wie sollte es anders sein, eine weisse Oberschicht im Land sowie «knallharte geopolitische Begehrlichkeiten». Bolivien hat ja Lithium, und Lithium ist das weisse Gold des E-Auto-Zeitalters.

Ausserdem betrachten doch die USA Lateinamerika als ihren «Hinterhof». Liegt es da nicht auf der Hand, dass Evos Sturz auf das Konto von Yankees und Konzernen geht? Wozu noch weiter recherchieren? So wird ein Text nach dem anderen um dürre Agentur­meldungen herumgebastelt (deren Verfasserinnen ebenfalls nicht vor Ort sind), und die übrigen Zutaten entstammen einem Baukasten von 1982, als Linke in Lateinamerika noch Freiheits­kämpfer gegen US-alimentierte Militär­diktaturen waren.

Willkommen im Exil: Mexikos Aussenminister Marcelo Ebrard (links) empfängt Evo Morales offiziell am 12. November. Jair Cabrera Torres/DPA/Keystone

Das Problem an diesen Schablonen sind weniger die geopolitischen Annahmen, auch wenn im heutigen Bolivien kaum die USA Wirtschafts­interessen geltend machen, dafür umso mehr China – und Deutschland: Den grössten, für Bolivien besonders nachteiligen Lithium-Deal kungelte die Morales-Regierung letztes Jahr mit der Firma Acisa aus Baden-Württemberg aus. Dass sie ihn Ende Oktober platzen liess, war keiner jähen Rückbesinnung auf linke Politik zu verdanken, sondern ein Versuch, die Protest­bewegung im Minen-Departement Potosí zu beschwichtigen.

Einblick in solche Details muss der internationalen Bericht­erstattung vielleicht nicht abgefordert werden, vielleicht auch kein Gedächtnis für die vom MAS betriebenen Brand­rodungen, die allein in diesem Jahr über 5 Millionen Hektar Wald und Buschland in Bolivien vernichtet haben (eine Fläche weit grösser als die der Schweiz). Wohl aber dürfen wir eine Reflexion darüber verlangen, welchen Stellen­wert die Bolivianerinnen selbst in den Analysen haben.

Ihnen wird durchweg kein eigenständiges politisches Denken und Handeln zugestanden. Sie werden reduziert auf eine willenlose Verfügungs­masse für höhere Mächte. Das aber ist keine linke Perspektive. Im Gegenteil: Es ist eine bornierte Haltung, verblendet von kolonialistischer Hybris.

Millionen protestieren in Bolivien gegen die Regierung und für den Erhalt der einst vom jüngeren Evo verfochtenen plurinationalen Demokratie? Egal, man schreibt von rechten Oligarchen, die sich ihre Pfründen zurückholen wollen. Die eifrigsten Verschwörungs­theoretikerinnen machen uns sogar weis, die USA hätten Morales’ Wahlbetrug eingefädelt – als hätten nicht nur die Menschen in Bolivien keine eigene Meinung, sondern als wären auch noch der MAS und die von ihm kontrollierte Wahlbehörde ohnmächtige Marionetten des «Imperiums».

Am Tag nach Morales’ Rücktritt bemerkte der bolivianische Schriftsteller Sebastián Antezana: «Was viele Bolivianer heute in den sozialen Netzwerken erleben, könnte die ‹international-politische› Version des Mansplaining sein. Lauter Leute, die wenig über Bolivien wissen, kommen an, um uns zu erklären, wie wir diese grausame Zeit zu verstehen, zu verarbeiten und zu erleben haben.»

Der plurinationale Weg

Die Kritik an kolonialistischen Deutungs­mustern von links impliziert nicht, dass die Vereinnahmungen der bolivianischen Protest­bewegung von konservativer Seite – als «bedeutender Moment für die Demokratie in der westlichen Hemisphäre» und dergleichen – angemessener wären. Sie neigen dazu, die Anliegen der Protest­bewegung mit europäischen oder US-amerikanischen Gesellschafts- und Wirtschafts­modellen gleichzusetzen.

Es ist aber nicht unser Leben, das die Bolivianerinnen wollen. Es ist ihr eigener, plurinationaler Weg. «¡Bolivia se respeta, carajo!» – deshalb wählten sie vor 14 Jahren Evo Morales zum Präsidenten, und deshalb haben sie ihn jetzt aus dem Amt gejagt.

Der zusammengestoppelten rechts­liberalen Riege, die in La Paz vorläufig die Regierungs­geschäfte übernommen hat, ist kaum zuzutrauen, dass sie das Land zur Ruhe bringt. Das kann nur die Zivil­gesellschaft selbst schaffen. Doch die ist in Bolivien zum Glück sehr stark. Entscheidend für die nächsten Wochen wird sein, ob es gelingt, den Grossteil der MAS-Anhängerschaft, der sich nicht für die Bürgerkriegs­gelüste der Morales-Clique hergeben und auch nicht länger zum Blockieren zwingen lassen will, in den Prozess hin zu transparenten Neuwahlen einzubinden.

Dass bei diesen Wahlen eine neoliberale, dabei fanatisch christliche Rechte um die Aushilfs­präsidentin Áñez und den bibelschwenkenden Volkstribun Luis Fernando Camacho stärkste Kraft wird, ist nicht auszuschliessen. Weite Teile der Protest­bewegung hoffen jedoch auf Marco Pumari, den Vorsitzenden des Comité Cívico von Potosí. Der Sohn eines Minen­arbeiters ist Quechua und könnte, anders als der Evo Morales der letzten Jahre, die Interessen der indigenen Bevölkerungs­mehrheit glaubwürdig vertreten. Noch ist aber unklar, ob Pumari überhaupt kandidieren wird; er gehört bisher keiner Partei an.

Fest steht nur: Wenn wir wissen wollen, was in Bolivien passiert, müssen wir hinschauen. Und um hinschauen zu können, müssen wir auch lieb gewonnene Dogmen beiseite­lassen. Eine Binsen­weisheit eigentlich. Doch anscheinend schwer zu befolgen in diesem Fall. Und so sei hier abschliessend – auf Englisch – ein Appell aus Boliviens angesehenster Universität verlinkt: der Universidad Mayor de San Andrés (UMSA) in La Paz. Sie bildet seit Jahrzehnten ein Bollwerk der Demokratie im Land. Und heute tun ihre Professorinnen ihre «Empörung über simplifizierende Darstellungen aktueller politischer Ereignisse in Bolivien» seitens ausländischer Medien kund.

In einer früheren Version schrieben wir in einer Bildlegende fälschlicherweise, dass Anhänger von Evo Morales zu sehen seien. Korrekt sind es Unterstützerinnen von Carlos Mesa.

Zum Autor

Der Autor und Übersetzer Michael Ebmeyer, Jahrgang 1973, arbeitet zurzeit schwer­punkt­mässig zu Bolivien. Im Mai 2019 erschien in der Republik seine Reportage über den Wandel der Präsidentschaft von Evo Morales, die er gemeinsam mit der bolivianischen Journalistin Rery Maldonado schrieb. Zuletzt war Ebmeyer im Oktober/November in Bolivien und hat über die cabildos – Bürgerversammlungen –, die Wahlen vom 20. Oktober und die Unruhen seither recherchiert.

Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!


seit 2018