Armin Nassehi, Autor von «Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft». Lengemann/WELT/ullstein bild via Getty Images

Die grossen Fragen zwischen Null und Eins

Die Digitalisierung ist eine Revolution, die im 19. Jahrhundert begann, schreibt Armin Nassehi in einem viel beachteten Buch. Wie kann man so etwas Abstraktes wie die Digitalisierung in eine anschauliche Theorie fassen? Und gelingt es Nassehi?

Von Philipp Hübl, 31.10.2019

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Beim Stichwort «Digitalisierung» denken wir an Smartphones und Kauf­empfehlungen von Amazon. An Disruption und den Plattform-Kapitalismus von Airbnb oder Uber. Und an die Dating-App Tinder, vor der Wissenschaftler warnen, weil sie unser Liebesleben kommerzialisiere. Für den Soziologen Armin Nassehi bleiben solche Beobachtungen an der Oberfläche.

Denn die alles entscheidende Frage stellen sie nicht: «Welches Problem der Gesellschaft wird durch die Digitalisierung gelöst?» Das ist die Leitfrage in seinem aktuellen Buch «Muster», mit dem der Münchner Soziologe eine ambitionierte «Theorie der digitalen Gesellschaft» vorlegt.

Eine der vielen originellen Thesen lautet: Die Digitalisierung unserer Gesellschaft hat bereits im 19. Jahrhundert begonnen, als Sozial­statistiker Daten erhoben und verknüpften, damit etwa Stadt­planer Kanalisationen anlegen konnten. Heutige Big-Data-Algorithmen seien nur eine Extrem­form dieser Praxis.

Armin Nassehi ist inzwischen einer der wichtigsten und meistgefragten public intellectuals im deutsch­sprachigen Raum. In Interviews nimmt er zu vielen Gesellschafts­fragen Stellung: hellsichtig, verständlich, konkret.

Mit seinem Buch allerdings verhält es sich komplizierter.

Nassehis Grundthese lässt sich auf die Formel «Selbst­kenntnis» bringen: Die Digitalisierung mache gleichbleibende «Muster» in der modernen Gesellschaft sichtbar, die auf den ersten Blick verborgen blieben. In weiten Teilen geht es dem Autor aber eher um eine andere Frage, nämlich welche sozialen Voraussetzungen den Boden für die technologische Digitalisierung bereitet haben.

Die zentrale Pointe des Buches: Obwohl wir mit der Digitalisierung radikale gesellschaftliche Umbrüche verbinden, zeigt gerade sie, wie träge und musterartig die Gesellschaft ist. Denn Algorithmen erkennen und produzieren Ordnungsmuster.

Wie geht Nassehi vor, um seine Theorie plausibel zu machen?

Sein wichtigstes Mittel: tieferlegen. Die zentrale Argumentation verläuft nach dem Schema: «Problem X ist nur ein Epiphänomen. Das eigentliche Problem der Digitalisierung liegt tiefer.» So kommen die Kolleginnen und Kollegen bei Nassehi nicht so gut weg: Sie beackern zwar brav Themen wie Selbst­optimierung oder digitalen Kapitalismus, doch sie kratzen nur an der Oberfläche und bleiben blind für das, was darunter verborgen ist.

Neben der Tieferlegung arbeitet der Autor mit ungewöhnlichen Analogien und überraschenden Einsichten. Alle drei Elemente betont er mit seinen Lieblings-Füllwörtern: Über 120-mal schreibt er «letztlich« (Tieferlegung), über 70-mal «gewissermassen» (Analogie) und immerhin knapp 20-mal «sic!» (Überraschung).

Beim Lesen fragt man sich daher unwillkürlich: Wofür ist dieses Buch eigentlich eine Lösung? Den Anspruch, unterschiedliche Perspektiven zu einer zusammen­zuführen, kann man dem Autor nicht absprechen. All die anspruchs­vollen Theorien von Luhmann, Husserl, Heidegger, Derrida, Foucault und Latour, die die wenigsten Leser parat haben dürften, verknüpft Nassehi originell miteinander. Insofern gehorcht er selbst der Regel, die er für die digitale Gesellschaft aufstellt: Alles lässt sich mit allem vernetzen.

Und gerade durch seine überraschenden oder provokanten Thesen lädt das Buch dazu ein, zentrale Fragen der digitalen Gesellschaft noch einmal präziser zu stellen – manchmal auch gegen die Absichten des Autors.

1. Was sind «Daten»?

Nassehi schreibt, die Gesellschaft habe sich früher nicht als Gesellschaft «beschrieben» und Daten seien «Beobachter» einer Welt. Da weder Gesellschaften noch Daten Personen sind, die etwas beschreiben oder beobachten können, scheint etwas anderes gemeint zu sein. Doch das bleibt offen, denn Nassehi sagt an keiner Stelle, was «Daten» genau sind. Hätte er es getan, wäre ihm vielleicht aufgefallen, dass Ausdrücke wie «Daten», «Information» und «Intelligenz» ein Doppelleben führen, auf das Informatiker und Philosophen schon vor Jahrzehnten hingewiesen haben.

Im Alltag sind «Informationen» oder «Daten» Einheiten mit einem Bedeutungs­gehalt: Wie Sätze oder Gedanken sagen sie etwas über die Welt. Philosophen nennen das Semantik. Im Standardwerk der Computer­theorie von Shannon und Weaver, an das Nassehi anknüpft, ist mit «Information» hingegen etwas ganz anderes gemeint: die berühmten «Bits» nämlich, verstanden als die Menge der Nullen und Einsen, die nötig sind, um die Zeichen­folge einer Nachricht vollständig zu entschlüsseln.

Weil Nassehi diese Mehrdeutig­keit nie auflöst, changiert er zwischen beiden Lesarten. Sieht man Daten als rohe Reize ohne eigenen Bedeutungs­gehalt an, verweisen sie trivialer­weise auf nichts. Menschen müssen sie verbinden und interpretieren, damit sie eine Bedeutung bekommen.

An anderen Stellen meint Nassehi mit «Daten» offenbar semantische Einheiten. So sieht er ein Merkmal des Digitalen darin, dass es zu einer «Verdopplung der Welt in Datenform» führe – genau wie die Schrift «Rockefeller Center» vor dem Rockefeller Center die Welt verdoppeln würde.

Die Rede von «Verdopplung» klingt mystisch, denn das Rockefeller Center gibt es nur einmal, selbst wenn wir den Namen daneben schreiben. Wörter und Bilder sind Repräsentationen: Sie stehen für Dinge in der Welt. Aber das Bild einer Pfeife ist selbst keine Pfeife. Es verdoppelt die Pfeife nicht, was man schon daran sieht, dass man das Bild nicht rauchen kann.

Da genaue Definitionen fehlen und vieles metaphorisch bleibt, sind Nassehis Thesen bei näherer Betrachtung oft fragwürdig – oder sie klingen trivial. Theorie braucht klare Begriffe.

2. Was heisst «digital»? Und was ist «das Moderne»?

Eine weitere starke These des Autors: Moderne Gesellschaften und die Digitalisierung funktionieren im Grundsatz gleich. Nämlich auf Basis zweistelliger abstrakter Codes, mit denen man Komplexität erzeugen kann. In den Gesellschafts­systemen Politik, Kunst und Wissenschaft sind das zum Beispiel: Macht/Nicht-Macht, schön / nicht schön, wahr / nicht wahr; beim Computercode sind es die Nullen und Einsen.

Doch was der Soziologe für eine Entdeckung der Moderne hält, ist in Wirklichkeit ein alter Hut. Schon das Zählen mit den Fingern ist digital (von lateinisch «digitus» für «Finger» – Nassehi würde hier ein «sic!» setzen). Weil die Finger dann jeweils stellvertretend für eine Zahl stehen, während man von ihren anderen Eigenschaften abstrahiert.

Auch andere Aspekte, die Nassehi der digitalen Gesellschaft zuschreibt, sind in Wirklichkeit wesentliche Eigenschaften von Sprache und Denken.

In der Natur haben die Dinge keine scharfen Grenzen. Mit Begriffen jedoch ziehen wir «diskrete» Trenn­linien: Kaulquappen grenzen wir beispiels­weise von Fröschen ab, auch wenn die Übergänge zwischen beiden fliessend sind. Begriffe fassen Einzel­dinge zusammen.

Nicht erst die Digitalisierung ist «diskret» – sondern schon die Begriffs­bildung. Während ein Bild einen Tiger analog repräsentiert, durch ähnliche Form und Proportion, hat der Begriff eines Tigers keinerlei Ähnlichkeit mit ihm. Das Wort repräsentiert ihn abstrakt (man könnte auch sagen «symbolisch»).

Das ist der grosse Vorteil unserer Begriffe: Wir können mit ihnen über alles nachdenken, über Konkretes und Abstraktes, Notwendiges und Unmögliches. Begriffe zu bilden, ist übrigens nichts anderes, als Muster zu entdecken. Schon der Begriff «Baum» erkennt ein Muster, das alle grossen verholzenden Pflanzen gemeinsam haben, das «Baumartige» sozusagen. Für diese Muster­erkennung braucht man weder die moderne Gesellschaft noch die Digitalisierung.

Auch die Rekombinierbar­keit von Grund­elementen ist keine Erfindung der Moderne, wie Nassehi meint, sondern eine wesentliche Eigenschaft der natürlichen Sprachen. Menschen können von «endlichen Mitteln unendlichen Gebrauch machen» (Wilhelm von Humboldt): nämlich mit einer endlichen Zahl diskreter Wörter und rekursiver Grammatik­regeln unendliche viele Sätze bilden, und das vermutlich schon seit 100’000 Jahren.

3. Wie funktioniert Erkenntnis durch Daten?

Nassehi sieht eine Analogie zwischen Hirn und Wissenschaft. Da uns und der Wissenschaft der Zugang zur Welt «verstellt» sei, müssten wir mit Daten operieren. So würde die moderne Wissenschaft nicht «unmittelbar auf die Natur» zugreifen. Das Bewusstsein «konstruiere» vielmehr die Welt. Doch auch hier ist die Herleitung fraglich.

Zum Beispiel, wenn Nassehi in Anknüpfung an den Phänomeno­logen Edmund Husserl behauptet, die Muster schlummerten nicht in den Gegenständen, sondern erst unsere «gegenständliche» Wahrnehmung gebe der Welt Struktur. Die Wahrnehmung einer roten Rose beruht aber nicht nur auf den Eigenschaften unseres visuellen Systems, sondern eben auch auf denen der Blume. Hätte die Rose eine andere Struktur, würden sie uns nicht rot, sondern weiss erscheinen.

Auf die Wissenschaft lässt sich Nassehis Gedanke ohnehin nicht übertragen: Zwar können wir ohne Wahrnehmungs­organe kein empirisches Wissen erlangen. Doch wer weiss, dass Rom die Hauptstadt von Italien ist, kann es gehört, im Lexikon nachgelesen oder über eine Braille-Schrift erfühlt haben. Entscheidend sind hier nicht die sinnlichen Eindrücke des Hörens, Sehens oder Fühlens, sondern der Teil unseres Wissens, den man als «propositional» bezeichnet: Es besteht aus Begriffen (Italien, Hauptstadt), die durch eine Satz­struktur verbunden sind.

Kurz: Weder die Wissenschaft noch unser Hirn «konstruiert» die «Welt». Der Welt ist es ziemlich egal, was wir über sie denken. Sie besteht einfach.

Das führt noch einmal zu Nassehis Behauptung, dass Daten zwar auf nichts referierten, jedoch mit anderen Daten kombinierbar und damit nützlich seien. Nützlich sind sie aber nur, wenn sie Korrelationen in der Welt repräsentieren: idealerweise kausale Beziehungen. Nur also, wenn Menschen mit einem bestimmten Gen tatsächlich ein erhöhtes Diabetes­risiko haben, ist diese Daten­korrelation aussagekräftig.

Laut Nassehi ähnelt die Digitalisierung der Soziologie darin, dass sie Regel­mässigkeiten hinter dem «Rücken der Akteure» aufdeckt. Sein Fach in allen Ehren, doch das gilt für jede Wissenschaft. So helfen Big-Data-Programme Forschern, bisher unbekannte Rätsel der Welt zu entschlüsseln. Aber nicht, weil die Welt «datenförmig» vorliegt, wie der Soziologe annimmt, sondern weil sie genug Regel­mässigkeiten enthält, dass die Wissenschaft sie mit Zahlen «datenförmig» beschreiben kann.

4. Welche Probleme lösen Algorithmen?

Bleibt die Frage, ob die Digitalisierung wirklich ein «gesellschaftliches Problem» löst. Gerade diese zentrale und originelle These ist empirisch fraglich.

Algorithmen, ein Kernstück der Digitalisierung, werden vor allem auf technische, natur­wissenschaftliche und mentale Parameter angewandt: Man will Autos optimieren, Klima­modelle entwickeln oder Kauf- und Gesundheits­prognosen liefern. Eine gesellschaftliche Dimension haben aber nur wenige Daten über den Menschen: Einkommen oder Nationalität zum Beispiel.

Viele andere Daten jedoch bilden individuelle Faktoren ab wie Alter, Geschlecht oder Persönlichkeits­merkmale. Das ist auch naheliegend: Wer die Fugen von Bach mag, hört sie auch dann noch, wenn sich seine Staats­bürgerschaft oder der Familien­stand ändert.

Kaufalgorithmen tracken nicht primär soziologische Kategorien wie Milieus oder Rollen­verständnisse, sondern vor allem subjektive Präferenzen. Mit Big Data lernen wir Menschen mehr über uns und die Welt. Natürlich passiert all das «in der Gesellschaft». Aber es ist schon recht weit hergeholt, solche Erkenntnisse als Lösung eines gesellschaftlichen «Problems» anzusehen.

Was bleibt als Fazit?

Erhellend sind Nassehis Analysen dort, wo er konkret wird, vor allem in den Kapiteln über Privatheit und das Internet: warum die Social Media «Beobachter zweiter Ordnung» erschaffen, die die Gespräche anderer bewerten. Warum Smart­phones elektronische Fuss­fesseln sind. Wie die Technik uns dazu bringt, unsere Entscheidungs­matrix unmerklich zu verschieben. Und warum die Kommunikation im Netz so aufgeheizt ist.

Gerade für diese Beobachtungen hätte man grosse Teile der Theorie gar nicht gebraucht.

Aber vielleicht ist Nassehis Theorie genau das: ein Vorschlag, der so gewagt ist, dass er unweigerlich zu Widerspruch führt – und damit zu mehr Genauigkeit beim Nachdenken über Digitalisierung. Dann ist das Buch dadurch eine Lösung, dass es viele neue Probleme aufwirft.

Das Buch

Armin Nassehi: «Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft». Verlag C.H.Beck, München 2019. 352 Seiten, ca. 38 Franken. Der Verlag bietet eine Leseprobe.

Zum Autor

Philipp Hübl ist Philosoph und Autor der Bücher «Die aufgeregte Gesellschaft» (2019) und «Bullshit-Resistenz» (2018). Er hat als Junior­professor an der Universität Stuttgart gelehrt. Studium der Philosophie und Sprach­wissenschaft in Berlin, Berkeley, New York und Oxford.

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