Kiyaks Exil

Und jetzt: Bevölkerungs­austausch!

Die Schriftstellerin Mely Kiyak berichtet ab sofort monatlich aus dem demokratischen Krisenherd Deutschland. Das Ziel ihrer neuen Kolumne ist rasch beschrieben: Schweizer Konto, Schweizer Arbeits­erlaubnis, Schweizer Niederlassungs­bewilligung, Ausweis C.

Von Mely Kiyak, 17.09.2019

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Bun di, bonjour, Grüezi aleikum, sehr geehrte Republikanerinnen und Republikaner.

Als ich vor ungefähr einem Jahr erfuhr, dass sich in der Schweiz eine Art publizistische Antifa gegen die Verweltwocherung der Schweizer Medien­landschaft gründete, war mein erster Gedanke: Wie bitte? WIE BITTE?? Da legen gerade ein paar tapfere Publizisten ihre Akten­tasche in der Wolfs­schanze ab, und ich bin nicht dabei? Sofort schrieb ich auf eine Postkarte: «Wartet auf mich!», und sendete sie ab.

Natürlich kenne ich die Vorbehalte der Schweizer Bevölkerung gegen die Armuts­migration aus der Bundes­republik. Doch im Gegensatz zur unkontrollierten Massen­einwanderung der Wirtschafts­flüchtlinge aus den 2000er-Jahren bringe ich Geld und Know-how mit. Ich habe bereits zwei Kolumnen in Deutschland: «Kiyaks Deutschstunde», die wöchentliche politische Kolumne auf «Zeit online», und «Kiyaks Theaterkolumne» für das Gorki-Theater Berlin. Ich bin, wie Sie sehen, der McDonald’s unter den Kolumnisten. Weil es sich für Franchise­unternehmen so gehört, muss ich expandieren.

Als Kolumnistin in der Republik von Deutschland aus über Deutschland zu schreiben, ist im Prinzip Exil­literatur. Das Exil ist ja nie Ausdruck eines geografischen Ortes, sondern beschreibt einen politischen Zustand. Autorinnen, deren Schreiben in einer fremden Zeitung eines fremden Landes landen, werden – ganz gleich, was sie vorher waren, ob Krimi­autoren, Romanciers, Lyriker oder Dramatiker – im Exil zu politischen Korrespondenten ihrer Heimat.

Die Weltpolitik wird nationalistischer, so etwas hat Auswirkungen auf die Themen und die öffentliche Sprache. Alles wird begrenzter und einfältiger. Das verbindet unsere beiden Länder, die Schweiz und Deutschland. Intellektuell wird es in der politischen Sprache eher uninteressant. Massenhaft wiederholte Mantras ermüden das Gemüt, man wird schnell scheel im Kopf (der deutsche Klassiker der vergangenen vier Jahre ist «Merkels Grenzöffnung»).

Das ist es auch, was die Zeitungs­lektüre in politisch unruhigen Zeiten zunehmend öder macht. Die vielen Erfindungen, um damit weitere Erfindungen zu erklären. Erfindungen beispiels­weise wie den ominösen «Rechtsruck» oder, auch schön: das «Meinungs­diktat». Wenn Menschen sich nach einem starken Führer sehnen, die national­sozialistische Termini reanimieren, öffentlich Galgen für die Bundes­kanzlerin mit sich führen oder sie gleich einmal lautstark und ohne strafrechtliche Konsequenzen als «Fotze» begrüssen, ist das keine nach rechts gerückte, sondern eine radikalisierte Gesellschaft. «Rechtsruck» klingt einfach nur niedlich und dient der Entlastung.

Erklärt werden die Phänomene dann wahlweise mit steigender Armut, mit zu viel Zuzug oder zu wenig. Als gäbe es keine Soziologie, keine Philosophie, keine Wissenschaften, grübeln die Politik­redaktoren und versuchen den Verlust der Demokratie zu erklären.

Die grösste Herausforderung in Zeiten wie diesen, in denen sich Mitbürgerinnen vermehrt nach nationaler, ethnischer und religiöser Abgrenzung sehnen, ist das Aushalten einer politischen Sprache, die sich skandalös niedrig­schwellig beim Intellekt anwanzt. Wer es schafft, einen Text weiterzulesen, der von Flucht und Flüchtlingen handeln soll, aber beharrlich den Begriff «illegale Migration» verwendet: Hut ab! Mein Gehirn schaltet bei so etwas automatisch ab. Neuerdings höre ich immer, dass die unaufhörlich steigenden Wähler­zahlen der deutschen Neonazi­partei AfD eine Repräsentations­lücke schlössen. Als wäre Menschen­hass ein unüberwindbarer menschlicher Trieb und die parlamentarische Repräsentation von Menschen­feinden ein durchsetzungs­pflichtiges Grundrecht. Repräsentations­lücken stelle ich zunehmend für den Bereich Wissen, Bildung und Verstand fest.

Und hier: Ich schaue jeden «Literatur­club» des Schweizer Fernsehens. Und jede «Sternstunde Philosophie». Ich würde ausserdem gerne ausnahmslos jede «Sternstunde Musik» und jede «Sternstunde Religion» schauen, aber die Schweizer Regierung hat den Schengen­raum für das Fernsehen im Internet für die BRD noch nicht geöffnet, und das wäre mein Appell an die Schweiz: Bitte öffnet die Grenzen!

Was ich mir ausserdem wünsche, ist, dass ich mich mit den Kolumnen für das Schweizer Exil qualifiziere, für die Zeit nach der faschistischen Macht­ergreifung in Deutschland. Natürlich nur für den Fall, dass sie stattfinden sollte. (Auch dieses Mal scheint es schnell und reibungslos zu klappen. Bislang kann man noch keinen grösseren Wider­stand feststellen.)

Wer sich jetzt die Bemerkung erlauben möchte, dass die Schweiz in Sachen Demagogie und Menschen­hass mit Deutschland durchaus mithalten könne: Mag sein. Aber in Deutschland gibt es etwas, was es in der Schweiz so nicht gibt. Nämlich das öffentliche Schlägertum der Neonazis, zu denen sich rechts­extreme Politiker genauso ungeniert dazustellen wie «besorgte Bürger». Gibt es in der Schweiz auch diese horrende Anzahl an Übergriffen, Körper­verletzungen und Brand­stiftungen? (In Deutschland gab es bereits im ersten Halbjahr 2019 über 8600 rechtsextreme Straftaten.) Wenn man die Wahl hat, und die hätte ich gerne, wäre ich lieber für einen Faschismus mit Einsteck­tuch. Ich bin etwas etepetete. Wenn schon Attacke und Überfall, dann lieber mit der blossen Kraft einer distinguierten Semantik in gedämpfter Lautstärke. In Deutschland wollen einen die Leute immer gleich vergasen. In der Schweiz wird einem sicher erst einmal damit gedroht, dass das Spar­guthaben eingefroren wird.

Apropos: Ist es möglich, dass mir eine Schweizer Privatbank ein kostenloses Konto eröffnet, auf dem mein Kolumnen­honorar jeden Monat landet? Ich brauche dieses Konto, um später reibungslos übersiedeln zu können. Sie sehen, ich bereite mich ernsthaft auf den Bevölkerungs­austausch vor. Und wie immer, wenn es um Bevölkerungs­austausch geht, ist die Abstammung von besonderem Interesse.

Ich komme aus Niedersachsen, einer Gegend, die nicht nördlich genug ist, um mich als Fischkopp (Synonym für den an der Nordsee lebenden Bewohner) zu bezeichnen, und nicht südlich genug, um mich Heid­schnucke (eine in Deutschland gezüchtete besondere Schafsart, die zu den Nordischen Kurzschwanz­schafen zählt) zu nennen. Meine Jugend­jahre verbrachte ich in der nieder­sächsischen Marsch. Eine sehr fragile Landschaft mit viel Gülle. Gülle nennt man bei uns den Smoothie aus Tierkacke, Tierfutter und Stall­dünger. Bringt man zu viel davon auf die Felder raus, sinkt man im braun­brackigen Morast ein und muss zusehen, Land zu gewinnen. Ich denke, der feine Übergang zwischen persönlichem und politischem Teil des Textes ist gelungen.

Ich, Mely Kiyak, Tochter eines Kupferdraht­lackierers, werde Ihnen also künftig an dieser Stelle monatlich aus dem demokratischen Krisenherd Deutschland berichten. Deshalb bin ich hier. Als Alternative zu den Erklär­bären Roger Köppel, Frank A. Meyer und wie Ihre Hobby­germanisten da drüben alle heissen. Der Unterschied zwischen denen und mir ist weder geschlechtlich noch politisch zu verstehen, sondern einzig und allein modisch. Ich mache mir nichts aus Zeitgeist.

Ich grüsse Sie alle, Leserinnen und Leser, sowie die neue (mir noch unbekannte) Kollegenschaft in grosser Freude.

Schön, dass ich bei Ihnen sein darf.

Selam
Ihre Kiyak

PS: Falls jemand ein schönes zeitgenössisches, politisches Gedicht in einem der rätoromanischen Idiome kennt – ich wäre ausser­ordentlich dankbar für einen Tipp. Ist der Kanton Graubünden das Kurdistan der Schweiz? Kann man das so sagen?

Illustration: Alex Solman

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