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Binswanger

Die neuen Freunde der NZZ

Der «Neuen Zürcher Zeitung» wird die AfD-Nähe zum Vorwurf gemacht. Was hat es auf sich mit der «Deutschland­strategie» des Schweizer Traditionsblattes?

Von Daniel Binswanger, 13.07.2019

Welthistorisch betrachtet gäbe es lohnendere Themen, aber leider ist eine TV-Kolumne angezeigt: über #Westfernsehen. Die NZZ erntet die Früchte ihrer nun seit vier Jahren dauernden sogenannten Deutschland­strategie. Ein NZZ-Wirtschaftsredaktor macht eine Exkursion in die obszöneren Gefilde des rassistischen AfD-Sprech (Urdeutsche, Biodeutsche), der als Verfassungs­schützer schon länger nicht mehr tragbare Hans-Georg Maassen zollt euphorischen Beifall (Die NZZ ist so etwas wie Westfernsehen, also die einzige Nachrichtenquelle frei von Zensur), es erfolgt ein gewaltiger Shitstorm quer durch das deutsche Medien- und Parteienspektrum. Und die NZZ? Duckt sich weg – und wird unverdrossen auf Kurs bleiben.

Aber fangen wir von vorne an. Beispielsweise am Augsburger Parteitag der AfD im Juni 2018, als der Fraktions­vorsitzende Alexander Gauland bereits ausrief, die Schweizer Zeitungen seien das neue Westfernsehen. Oder im Juli 2018, als Beatrix von Storch die TV-Moderatorinnen Anne Will und Maybrit Illner per Twitter aufforderte, bei der NZZ ein Volontariat zu machen: «Auf! Bewerben! Ein bisschen Grundkenntnisse können nicht schaden!» Die Liebeserklärungen des AfD-Spitzenpersonals an die NZZ sind leidenschaftlich und erschallen seit langem. Dass die NZZ unter AfD-Sympathisanten zu den beliebtesten und auf Twitter am meisten geteilten Publikationen zählt, wurde wissenschaftlich belegt. Was hat die Falkenstrasse unternommen gegen die Schalmeienklänge aus der rechtsradikalen Ecke? Herzlich wenig.

Zugegeben: Sie hat nicht erst nach dem Maassen-Shitstorm das Label «Westfernsehen» zurückgewiesen. Das war bereits früher geschehen: aber nur auf Social Media und wirklich konsequent lediglich auf dem Account eines Redaktors. Im Blatt sind stattdessen Beiträge wie «Es grünt so grün auf deutschen Redaktionen» von Wolfgang Bok zu finden. Dort lesen wir: «Dass mit der AfD eine starke nationalkonservative Partei herangewachsen ist, hat die meisten deutschen Medien nicht bewogen, diesem Stimmungswandel in Deutschland auf den Grund zu gehen.» Die deutschen Medien bemühen sich also nicht hinreichend, die AfD zu verstehen. Muss man sich da wundern, wenn die armen AfDler sich nur noch von der NZZ verstanden fühlen?

Und was betreiben die deutschen Medien in der Zeit, in der sie es versäumen, ihrer eigentlichen Arbeit nachzugehen? Gesinnungs­terror mit der Nazi-Keule. «Eine Redaktorin des ZDF-Hauptstadtstudios erklärt via Twitter kurzerhand alle zu Nazis, die ‹nicht Grün wählen›», gibt der NZZ-Gastkommentator zu bedenken – und liefert eine absurd verzerrte Version der Affäre um einen ironischen Nazi-Tweet der ZDF-Journalistin Nicole Diekmann. Warum also soll die NZZ die Substanz der Westfernsehen-Theorie zurückweisen? Sie vertritt sie – wenn wir den DDR-Bezug einmal beiseitelassen – in ihren Grundzügen selber.

Muss man sich wundern, wenn Herrn Gaulands Herz vor Freude hüpft bei der Lektüre von Eric Gujers Leitartikeln? Nehmen wir einfach den von letzter Woche: «Der hässliche Deutsche trägt nicht mehr Stahlhelm und Wehrmachts­uniform. Er hält stattdessen in allen Lebenslagen eine gesinnungs­ethische Lektion bereit.» Wer sind die Nachfolger der Nazis? Nicht die Kräfte, welche das Ertrinken­lassen der Flüchtlinge einfordern, nicht die Glatzen in den Strassen von Chemnitz. Nein, genau umkehrt: die Gesinnungs­ethiker. Hätte Gauland selber eine solche rhetorische Inversion in seinen Parteitagsreden brillanter hinbekommen können?

Spätestens an dieser Stelle der Debatte geschieht immer dasselbe. NZZ-Redaktoren verwahren sich erbost gegen ungerechtfertigte Unterstellungen: Hat das Blatt nicht zahlreiche, sehr kritische Artikel über die AfD publiziert? Das stimmt, doch klärt es den Sachverhalt nicht. Die AfD ist heterogen und schillernd. Und nur einer bestimmten AfD dient die NZZ sich an. Es ist die AfD von Beatrix von Storch und Alice Weidel – auch wenn man selbst diese beiden Vertreterinnen gelegentlich ermahnen muss, doch bitte nicht zu «schrill» zu sein. Es ist die AfD, der Feuilleton-Chef René Scheu oder Wirtschaftschef Peter A. Fischer bei den Treffen der deutschen Hayek-Gesellschaft über den Weg läuft, gemeinsam mit Roger Köppel und Tito Tettamanti. Die AfD mit stramm deutschnationaler Gesinnung, aber knapp als bürgerlich durchgehendem Auftritt.

Gegen Björn Höcke etwa, die Führerfigur vom «völkischen» Flügel, wird zunehmend scharf geschossen. Von einer antisemitischen AfD will die NZZ nichts wissen. So nennt Benedict Neff, Mitarbeiter des ausgebauten Berlin-Büros der NZZ, die AfD «die Partei der Verharmlosung des Nationalsozialismus». Und Marc Felix Serrao, der Leiter des Berlin-Büros, gibt direkte Empfehlungen für die Parteianhänger: «Wenn die gemässigten Mitglieder verhindern wollen, dass die Blut-und-Boden-Fraktion ihre Partei endgültig in eine ‹NPD light› verwandelt, dann müssen sie das von Gauland und Meuthen vorgelebte Prinzip der sanften Abgrenzung aufgeben und die Konfrontation suchen.» Expliziter als mit solchen Aufrufen kann sich die NZZ gar nicht als AfD-Blatt positionieren: als Ratgeberin für die partei­internen Machtkämpfe. Den Nazi-Flügel der AfD unterstützt die Falkenstrasse tatsächlich nicht. Sie unterstützt die «Gemässigten».

Bemerkenswert ist das Krisen­management. Gerne geht Eric Gujer mit seinen Kommentaren an die Grenzen dessen, was auf dem Boden einer liberal-demokratischen Grundhaltung steht. Angela Merkel? Eine «Untote». «Lügenpresse»? Eine zu schlichte, aber berechtigte Medienkritik. Der Uno-Migrationspakt? «Ein Ärgernis», ein Symptom von «Irrtümern und Überspanntheiten». Doch auf Interview­anfragen oder Kritik reagiert Gujer grundsätzlich nicht. Es sei denn, es komme zu heftigen Reaktionen. Wie nach dem No-Billag-Kommentar, als sich der Chefredaktor plötzlich genötigt sah, im Interview mit Roger Köppel klarzustellen, dass er nicht für die Vorlage stimmen werde. Oder jetzt, wo Gujer zwar nicht direkt interveniert, die NZZ aber ganz plötzlich den umstrittenen Artikel umschreibt und sich hinter der Behauptung versteckt, er sei leider «unredigiert» aufgeschaltet worden.

Es ist verblüffend, wie shitstorm­getrieben die Positionierung der NZZ geworden ist. Man könnte den Eindruck bekommen, sie sei nicht mehr eine Publikation mit klaren publizistischen Linien, sondern ein Unternehmen zum Austesten der Grenzen des politischen Anstands. Wenns brenzlig wird, macht man einen taktischen Rückzieher. Und ist schon in der nächsten Ausgabe wieder zugange mit gezielten Transgressionen.

In jedem normalen Medienhaus würde sich heute mal wieder die Frage nach dem Rücktritt von Eric Gujer stellen. Aber der NZZ-Verlag ist schon lange kein normales Unternehmen mehr. 2014 traf der Verwaltungsrat den wohl unbedachtesten Personal­entscheid der Schweizer Pressegeschichte – die schliesslich am Widerstand der Redaktion gescheiterte Ernennung von Markus Somm –, ohne dass diese Fehlleistung auf der Ebene des Verwaltungs­rates irgendwelche personellen Konsequenzen gehabt hätte. Wer imstande ist, einen Somm zu holen, wird einen Gujer bis zur letzten Patrone verteidigen.

Und so stellt sich weiterhin die Gretchenfrage: Welche Kräfte drehen im Hause NZZ an der Radikalisierungs­spirale? Der joviale Neuenburger Pharma-Unternehmer Etienne Jornod, der offiziell als VR-Präsident fungiert, kommt als Treibkraft kaum infrage. Gewiss ist nur: Das Targeting der AfD-Wählerschaft wird weitergehen – und der nächste Shitstorm kommt bestimmt.

Illustration: Alex Solman

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