Frohe Kunde: Bücherfunde!

In diesem Text haben wir ein paar literarische Ostereier versteckt. Zum Verschenken – oder Selbergeniessen.

Von Daniel Graf, 19.04.2019

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Für literarische Weltenbummler

Literaten sind Weltenbauer, ihre Worte brauchen Orte. Solche, die überhaupt erst die Literatur erfindet. Und solche, die schon vorher da waren; aber deren Bild in unseren Köpfen sich auch (und oft zuerst) aus Büchern speist. Da ist das London von Oliver Twist. Das Neapel von Elena Ferrante. Das Kabul von Khaled Hosseini.

Real existierende Orte, die wir aber vielleicht nur kennen, weil wir sie mit Don Quijote beritten, mit Familie Buendía durchlitten, mit Leopold Bloom irrlichternd ausgekundschaftet haben. In den grossen Romanen der Weltliteratur verdichtet sich eine ganze Epoche, das Lebens­gefühl einer Zeit, an einem Ort. Die Stadt, sie ist oft der heimliche Protagonist.

Solche magisch-realen Orte hat Sarah Baxter nun in einem Atlas versammelt: 25 Doppel­porträts zu einem Ort und dem dazugehörigen Werk der Weltliteratur. (Oder ist das Verhältnis umgekehrt?)

Wie aber gelangt man zum Mittelpunkt der Erde? Was braucht es für eine Reise mit Gulliver nach Liliput? Und wo ist der Eingang zu Alices Wunder­land? Wer sich mehr für diese Fragen interessiert, kann sich an die Autorin Cris F. Oliver halten. Auch sie hat einen literarischen Reise­führer geschrieben, einen für fiktive Orte. Auenland, Panem, Narnia: Schon an der Auswahl der Reise­route erkennt man, dass hier in erster Linie eine junge Leserschaft angesprochen ist. Über die im rot-blauen Zweifarben­druck präsentierten Illustrationen von Julio Fuentes aber dürften sich auch bibliophile Erwachsene freuen. Die Einleitung übrigens hat ganze fünf Zeilen, und spätestens da ist klar: Das hier ist weniger ein Erklär­buch, vielmehr selbst ein literarisches Spiel. Der Titel: «Atlas literarischer Orte».

Und der Titel oben, bei Buch Nummer eins, mit den echten statt erfundenen Orten? «Atlas der literarischen Orte». Sprechende Ähnlichkeit – die literarische Landkarte kennt beides.

Für Fans der prominenten Begegnung

John Cage war nicht immer auf Stille aus, vor allem nicht, als Peggy Guggen­heim ihm die mäzenatische Zuneigung entzog. Also ging er rüber zu Familie Duchamp, um sich auszuweinen. Wie gut Marcel als Therapeut war, ist nicht überliefert. Später aber kam Cage immer zweimal die Woche vorbei, um Schach zu lernen. Gespielt hat er es dann vor allem mit der Gattin, Teeny Duchamp. Marcel, olympiaerfahrenes Schachgenie, sass rauchend nebenan auf einem gigantischen Stuhl und stand nur gelegentlich auf, um aufs Brett zu schauen und Noten an Cage zu verteilen: «Sie spielen sehr schlecht.» Ein legendäres Schachspiel der beiden Herren, nur für die Kunst, ist trotzdem draus geworden.

Oder Katherine Anne Porter und Hart Crane: Beide kommen mit einem Autoren­stipendium nach Mexiko, beide auch im übertragenen Sinne stets nah an der borderline. Weil sie nicht ganz so mittellos ist wie er, schnorrt Crane die Kollegin um eine Bleibe an, die er dringend braucht, wenn er nicht gerade wegen einer Schlägerei, Schulden oder Pädophilie im Gefängnis sitzt. Als er zum siebten Mal mit Vollrausch im Hause Porter ankommt, ist es allerdings aus mit ihrer Geduld und sie beendet die Freundschaft mit einem Brief.

Solche Begegnungen zwischen berühmten Persönlichkeiten des amerikanischen Lebens aus der Zeit zwischen Bürger­krieg und Bürgerrechts­bewegung hat Rachel Cohen zu literarischen Essays verarbeitet. Mark Twain und Ulysses S. Grant; James Baldwin und Norman Mailer; Marianne Moore und Elizabeth Bishop; Charlie Chaplin und W. E. B. Du Bois: Unter dem Titel «Verwobene Lebenswege» spürt Cohen dem Aufeinander­treffen von Künstlern und Schrift­stellern nach; zufälligen oder gewöhnlichen Begegnungen, die erst die Erinnerung zum Schicksalhaft-Unausweichlichen stilisiert. Im Original ist das Buch bereits 2004 erschienen. Nun hat es der Berner Piet-Meyer-Verlag ins Deutsche gebracht, auf 500 Seiten und in 36 Geschichten. Man sieht: Der verwobenen Lebens­wege sind viele.

Für Knittelversler

Personenrätsel

Die schönsten Verse der Menschheit
widmete er Eckhard Henscheid.
Oder ists F. W. Bernstein gewesen?
Humorist jedenfalls und belesen.

Das gilt auch für den, den wir suchen.
Man kann ihn für Promi-Checks buchen.
Dann dichtet er sogar Schönes
zu Putin, von Storch oder Hoeness.

Zu Löw und Lahm und Kurz und Spahn
und – Vorsicht! – auch zu Erdoğan.
Besingt mit Charme und Renitenz
Cervelat und Prominenz,
Merkel, Trump, den ganzen Rest –
Fazit jetzt im Anapäst.

Es sind lichte Gedichte
(paar coole, paar schlichte)
über Riesen und Wichte
aus Jetzt und Geschichte.

Darum sei heller:
Schau nicht nur auf Seller.
Wieso «Stella»?
Hol Dir

(An dieser Stelle enjamben wir diskret ins weisse Nichts, damit der Autor ein Überraschungsei bleibt. Die Auflösung gibts unten in der Infobox. Hier gilt die Devise: keine Spoiler – nächster Heuler.)

Für Schönheitssüchtige

Soeben ist die Ausstellung «Beauty» von Stefan Sagmeister und Jessica Walsh im Wiener Museum für angewandte Kunst zu Ende gegangen. Wer sie verpasst hat, kann sich mit dem gleichnamigen Buch der beiden Designer behelfen. Die Grundidee ihres Plädoyers für die Lust am Schönen: Seit dem 20. Jahrhundert habe «Schönheit» in der Design- und Architektur­theorie einen ziemlich schweren Stand – weil die Funktionalität als Wert triumphiere.

Mit zahlreichen Beispielen aus allen Epochen der Menschheits­geschichte und mithilfe der Schönheits­psychologie treten Sagmeister und Walsh nun zum Gegen­beweis an. Schönheit sei nicht nur Beiwerk, sondern selbst eine zentrale Funktion von Design und Architektur. Weil sich Schönes besser anfühle. Und weil, was als «schön» gelte, sehr viel weniger subjektiv sei, als das landläufige Vorurteil besage.

Die Leserin kann solchen Thesen mit reichlich Anschauung und vielen kleinen Experimenten folgen. Und darin liegt vermutlich der eigentliche Reiz dieses ungewöhnlichen, aufwendig gestalteten Buches. Denn neben einigen, nun ja: schönen Pointen und klugen Einsichten bewegt sich das Theorie­hopping der Autoren manchmal auch recht nah am Kalender­spruch – oder an der Eigen-PR. Wer aber, statt die ausformulierte Theorie allzu stark zu gewichten, lieber die Grundthese von «Beauty» ernst nimmt und sich spielerisch in die Beispiele versenkt, findet in dem reich bebilderten Buch tatsächlich ein «Schönheits­archiv». So heisst auch das vorletzte Kapitel. Womöglich hätte es das folgende Manifest da gar nicht mehr gebraucht.

Für Surrealistinnen

Roland Topor brauchte man mit klassischer Schönheit nicht zu kommen. Seine Bildwelt als Zeichner und Illustrator ist bestimmt von Obsessionen und Heim­suchungen, eine Traumwelt, die es eigentlich nur mit Vorsilbe «Alb» gibt. Und in die doch zuverlässig das Absurde und das Frivole Einzug halten, von scharfem Witz und einer guten Portion Freude am Dreisten getrieben.

So hat es der französische Künstler in seinen Plakaten, Linol­schnitten und Bühnen­bildern vor allem auf die Irritation unserer Wahrnehmung abgesehen. Es spukt eine ganze Menge Kunst­geschichte durch diese Bilder – Hieronymus Bosch, die Karikatur des 19. Jahrhunderts, die Kubisten, der Science-Fiction-Comic und, ganz vordringlich, der Surrealismus. Aber die Vorbilder erscheinen ebenso verfremdet wie die Alltags­szenen, die Topor uns zeigt. Ständig ist irgendetwas verrenkt oder verschoben, und noch bevor man verstanden hat, wie, tun die Bilder längst ihre Wirkung, mit einem so unheimlichen wie faszinierenden «Da-stimmt-doch-was-nicht»-Gefühl.

In dem Band «Panoptikum» kann man sich das bildnerische Schaffen von Topor, der auch Roman-, Theater- und Drehbuch­autor war, nun noch einmal in seiner Vielfalt vergegenwärtigen. Zum Beispiel die Lithografie von «Paar X»: Die Frau steht hinter dem Mann und bürstet ihm den Mantel. Aber nein, sie bürstet ihn weg, den Mantel und gleich den ganzen Mann, radiert ihn aus wie mit dem Brush-Tool eines Bildbearbeitungs­programms. Der Titel des Bildes, mit einem verballhornten Descartes und à la Magritte: «Couple X ou J’efface donc j’essuie» (wörtlich übersetzt «Paar X oder: Ich tilge, also wische ich»). Ist das nun Alb oder Traum? Kommt wohl drauf an, wer träumt.

Für Anspruchsvolle

Sie haben noch nicht genug? Oder für Sie war nichts dabei? Dann stöbern Sie doch durch unsere Vorweihnachts-Trouvaillen. Im Gegensatz zu Ostereiern werden gute Bücher nämlich nicht faul – kluge Gedanken haben ein unschlagbares Haltbarkeitsdatum.

In diesem Sinne: Bleiben Sie anspruchsvoll!

Die Bücher (in order of appearance)

Sarah Baxter: «Atlas der literarischen Orte. Entdeckungsreise zu den Schauplätzen der Weltliteratur». Aus dem Englischen von Barbara Sternthal. Mit Illustrationen von Amy Grimes. Brandstätter-Verlag, Wien 2019. 144 Seiten, ca. 40 Franken.

Cris F. Oliver: «Atlas literarischer Orte. Von Wunderland bis Mittelerde». Aus dem Spanischen von Janika Krichtel. Mit Illustrationen von Julio Fuentes. Knesebeck-Verlag, München 2019. 128 Seiten, ca. 29 Franken.

Rachel Cohen: «Verwobene Lebenswege. Amerikanische Schriftsteller und Künstler, 1854–1967». Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Mundhenk. Piet-Meyer-Verlag, Bern 2019. 504 Seiten, ca. 29 Franken.

Thomas Gsella: «Personenkontrolle. Leute von heute in lichten Gedichten». Kunstmann-Verlag, München 2019. 192 Seiten, ca. 26 Franken. Eine Leseprobe gibt es auch.

Sagmeister & Walsh: «Beauty». Phaidon Press Limited, deutsche Lizenzausgabe beim Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2018. 284 Seiten, ca. 65 Franken.

Roland Topor: «Panoptikum». Katalog zur Ausstellung im Museum Folkwang, 29. Juni bis 30. September 2018. Edition Folkwang/Steidl/Diogenes, Göttingen 2018. 224 Seiten, ca. 33 Franken.

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