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Gedankensplitter

Krone der Schöpfung

Was macht den Menschen zum Menschen? So viel vorneweg: Die eindeutigen Antworten sind nicht die richtigen.

Von Daniel Strassberg, 19.02.2019

Kürzlich bekam ein Zürcher Samstags­magazin auf die Frage, worin sich der Mensch noch von der Maschine unterscheide, die erwartet komplexe und wissenschaftlich fundierte Antwort. Ich kann mich nicht mehr genau an sie erinnern, weil mir meine eigene Antwort einleuchtender schien: Maschinen haben am Sonntag­morgen keinen Sex, gehen dann nicht frustriert in den Wald joggen, weil die Kinder wieder mal gestört haben, sie checken keine Mails, kochen nicht Linguine ai frutti di mare und schauen dann keinen «Tatort», nur um sich darüber aufzuregen, wie schlecht er wieder war.

Die Frage nach dem Unterschied zwischen künstlicher und menschlicher Intelligenz ist etwa so spannend wie die Frage nach dem Unterschied zwischen Menschen und Haar­bürsten (Antwort: Mit den blossen Fingern lassen sich Haare schlecht bürsten). Man kann die Haar­bürste nicht mit einem Computer vergleichen, werden Sie einwenden, weil wir nicht befürchten müssen, durch die Haar­bürste versklavt zu werden. Und dass sie uns dereinst ganz überflüssig macht.

Dereinst, das ist das Jahr 2045. Dann nämlich tritt nach der Prognose von Ray Kurzweil, dem Leiter der technischen Entwicklung bei Google, die sogenannte Singularität ein: Dann wird der Computer den Menschen überflügeln und die Macht auf der Erde übernehmen. Seither raschelt es im Blätter­wald, und das habituell kultur­pessimistische Feuilleton sieht den Untergang des Abend­landes unmittelbar bevorstehen.

Nun, ganz so schlimm wird es nicht werden. Als ein alarmierter Zeit­genosse Kurzweils Prognose pathetisch konterte, nie werde ein Computer in der Lage sein, eine Symphonie wie Mozart zu komponieren, antwortete sein Gegenüber trocken: Ich auch nicht.

Finden Sie die Unterschiede

Woher also die nie abflauende Obsession mit dem Unterschied von Mensch und Maschine?

«Die Würde des Menschen ist unantastbar» steht im deutschen Grund­gesetz an erster Stelle, und die meisten Staats­rechtler gehen davon aus, dass der Begriff der Menschen­würde in der christlichen Tradition wurzelt, die den Menschen als die Krone der Schöpfung betrachtet. Der Mensch ist zwar auch ein Tier, so die Überlegung, doch er verfügt über ein Merkmal, das ihn von den anderen Tieren unterscheidet, über die Tiere erhebt und seine Würde begründete.

Seit Jahrhunderten suchen die Philosophen nun nach diesem Alleinstellungs­merkmal, und sie verbrämen diese Suche als Nach­denken über das Wesen oder die Natur des Menschen. Der Mensch sei das animal rationale, das vernünftige Tier, proklamieren die meisten. Nein, nein, er ist das zoon politikon, das politische Tier, konterte Aristoteles. Oder das spielende Tier. Oder das sprechende Tier. Das lachende. Das seiner selbst bewusste. Das religiöse. Das zu früh geborene. Das exzentrische. Das um seinen Tod weiss. Die Liste ist offen …

Wie in jenen Bilderrätseln der Zeitungen, bei denen man die zehn Unterschiede finden muss, versucht man diejenige Eigenschaft zu ermitteln, die den Menschen über das Tier erhebt. Nur dass hier merkwürdigerweise immer nur ein einziger Unterschied gesucht wird. Hat der Mensch ihn gefunden, kann er beruhigt aufatmen. Seine Würde ist gerettet.

Das Tier hat ausgedient

Seit einiger Zeit hat die Maschine das Tier als Matrix der menschlichen Selbst­vergewisserung abgelöst. Vielleicht weil niemand mehr dem Tier eine eigene Würde absprechen mag, vielleicht auch, weil wir uns ohnehin als Maschinen verstehen. Jedenfalls vergleichen wir uns lieber mit Computern als mit Tieren. Doch das verkompliziert die Lage, denn die Maschine muss nützlich und deswegen mindestens in gewissen Belangen dem Menschen überlegen sein. Kein Mensch benötigt einen Computer, der dieselbe Daten­menge in derselben Zeit wie das menschliche Gehirn prozessiert. Das allerdings stört das Überlegenheits­gefühl und macht den Computer ungeeignet, unsere Einzigartigkeit und Würde zu bestätigen.

Der Vergleich mit dem Computer führt uns beständig unsere Unzulänglichkeit vor Augen. Was können wir noch, was der Computer nicht kann, fragen wir uns bange, nur um genau das, was uns scheinbar einzigartig macht, dem Computer sogleich einzuprogrammieren: Bewusstsein, Emotionen, Lernen, Moral etc. etc. Es gibt offenbar keine einzige Eigenschaft mehr, die dem Menschen bedingungslos vorbehalten bleibt, früher oder später taucht sie in einem Computer­programm auf. Damit ist es mit der stabilen Orientierung vorbei, die uns die Tiere noch vermittelt haben. Wir sind nicht mehr einzigartig – spätestens ab 2045.

Eine Antwort aus dem Jahr 1486

Wie kommt man aus dieser Sack­gasse wieder raus? Zunächst sollte man aufhören, über das Wesen des Menschen nachzudenken, und beginnen, sich Gedanken über die Menschen zu machen. Auf die Frage «Ist der Mensch grausam?» könnte man beispielsweise antworten: Na ja, manchmal sind Leute grausam, manchmal nicht. Und es gibt grausame und weniger grausame Menschen. Und manche Epochen sind grausamer als andere. So etwa.

Es gibt den Menschen nicht, der sich dadurch definiert, dass er sich von Maschinen (oder Tieren) durch eine einzige Eigenschaft abhebt. Wenn wir akzeptieren würden, dass wir die Welt mit Tieren und mit Maschinen teilen, könnten wir aufhören, die Würde des Menschen mit der Einzigartigkeit der Gattung zu begründen.

So jedenfalls verstand der Renaissance­philosoph Giovanni Pico della Mirandola die Würde des Menschen. In seinem gleichnamigen Traktat schreibt er 1486 folgende hinreissende Zeilen:

«Endlich glaube ich verstanden zu haben, warum der Mensch das glücklichste aller Lebe­wesen sei und weshalb so bewunderungswürdig und welche Stellung ihm in der Welten­ordnung beschieden sei.

[…]

Der höchste Vater, der Baumeister Gott, hatte das Haus der Welt, den heiligsten Tempel der Gottheit, nach den Gesetzen einer geheimen Weisheit schon meisterhaft beendet. […] Nachdem nun alles vollbracht war, beschloss er, als letztes Werk Menschen zu erschaffen. […] Aber alles war besetzt, alles in den höchsten, mittleren und tiefsten Ordnungen schon verteilt. Der väterlichen Macht hätte es nicht entsprochen, beim letzten Werke fast machtlos zu versagen […] Schliesslich beschloss der vortreffliche Baumeister, dass der Mensch, dem er nichts Eigenes mehr geben konnte, an allem teilnehme.

So nahm er den Menschen als ein Werk unbestimmter Art auf, stellte ihn in die Mitte der Welt und sprach zu ihm wie folgt: ‹Dir, Adam, habe ich keinen bestimmten Ort, kein eigenes Aussehen und keinen besonderen Vorzug verliehen, damit du den Ort, das Aussehen und die Vorzüge, die du dir wünschest, nach eigenem Beschluss und Ratschlag dir erwirbst. […] Von keinen Schranken eingeengt sollst du deine eigene Natur selbst bestimmen.›»

Giovanni Pico della Mirandola: «De hominis dignitate».

Die Würde des Menschen besteht demnach nicht darin, dass Gott ihm Vernunft verliehen hat, sondern dass er am Sonntag­morgen keinen Sex hat, dann frustriert in den Wald joggen geht, weil die Kinder wieder mal gestört haben, dann seine Mails checkt, Linguine ai frutti di mare kocht und den «Tatort» schaut, nur um sich darüber zu ärgern, wie schlecht er wieder war.

Darauf sollte er stolz sein. Denn darin unterscheidet er sich vom Computer.

Illustration: Michela Buttignol

Zum Autor

Daniel Strassberg ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychoanalytiker und promovierter Philosoph. Er ist Autor zahlreicher Publikationen im Bereich der Psycho­analyse und der Philosophie. 2014 veröffentlichte er «Der Wahnsinn der Philosophie. Verrückte Vernunft von Platon bis Deleuze». Strassberg gehört zu den Gründern des Wissenschaftler-Netzwerks Entresol und betreibt in Zürich eine psychoanalytische Praxis.

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