Diese verfluchte Brücke

Am 14. August krachten in Genua 250 Meter Brücke vom Himmel. Sie beendeten die Geschichte der einst längsten Schrägseilbrücke der Welt. Und beinahe das Leben des Cousins der Autorin.

Von Tamara Lardori (Text) und Elisabeth Moch (Illustrationen), 26.12.2018

Die Republik ist ein digitales Magazin für Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur – finanziert von seinen Leserinnen. Es ist komplett werbefrei und unabhängig. Lösen Sie jetzt ein Abo oder eine Mitgliedschaft!

Dies vorweg: Wenn Sie mich jetzt hier lesen, dann schreibe ich an gegen die Angst, die mir in den Knochen sitzt, gegen die Angst, mein Leben als Mutter, als Witwe, als Frau im Abgrund versinken zu sehen. Wenn ich nicht arbeitslos wäre, wenn mich die Zukunft nicht zähne­fletschend anschauen würde, dann hätte ich vielleicht nicht geschrieben, aus Angst zu versagen.

Andererseits: Das ist meine Brücke. Meine 1182 Meter – wie ich glaubte – massiver Beton, oder, wie sich natürlich herausstellte: Kriech­beton. Meine Brücke zwischen allem: von einer Kultur zur anderen, von der Kindheit ins Erwachsenenleben, von Winterthur nach Cornigliano. Wie sollte ich nicht darüber schreiben?

Verfluchte Brücke. Verflucht.

Grossmutter schreit

Der 14. August vergeht bis zum Mittag so banal, wie er nur kann. Ich habe erledigt, was es zu erledigen gibt. Dann schalte ich den Computer ein, ein wenig schuld­bewusst. Einen kurzen, trostlosen Augenblick fühle ich mich wie ein Junkie, der sich wie der halbe Rest der Welt mit Müll zudröhnt. Ich scrolle und bleibe bei Pippo hängen. Pippo ist mein Cousin. Er postet immer etwas. Er auf Sauftour, er und seine Kinder, er beim Fussball, er und meine Tanten und Onkel, gern schlafend erwischt, mit offenem Mund, und er mit meiner uralten Gross­mutter, die ihren 94. Geburtstag feiert.

Ich empfinde wie immer den leichten Schmerz, meine Gross­mutter zu sehen, inmitten aller, ohne mich. Sobald ich sie sehe, kann ich sie riechen. Ich weiss, sie wäscht die Wäsche mit Marsiglia, die Böden mit Javel­wasser, die Wände müffeln nach feuchtem Kalk, und in den Schränken liegen Motten­kugeln zwischen den Laken. Ich kenne den Geruch der endlosen Steintreppen, die zu ihrer Tür führen, hinauf bis in den sechsten Stock, in diesem grossen Palazzo, in Genua.

Und ich weiss, dass sie schreit beim Reden. Ich glaube, ich habe zeitlebens nie ihre normale Stimme gehört, ihre Tonlage. Es ist, als würde sie immer aus dem Balkon schreien, vom sechsten Stock runter in die engen Gassen. Sie schreit beim Reden, nicht weil sie taub ist, sie schreit, weil sie aus einer anderen Zeit kommt. Es ist ein Schrei wie gemacht für die hohen Häuser, die Strassen­schluchten, die verwilderten Hinter­höfe mit den tausend Verstecken. Es ist, als müsste sie uns Kinder immer zusammentreiben wie Ziegen. Egal, ob wir neben ihr sitzen oder in einem anderen Land.

Pippo ist der jüngste unter uns Cousins und Cousinen. Ich die älteste. Ich erlebte sein Heranwachsen in Sprüngen, wie jump cuts in einem Film. Aber so ist das, wenn man anderswo lebt und sich nur einmal im Jahr während der Sommer­ferien sieht. Nur meine Gross­mutter ist dieselbe geblieben. Sie war schon alt, als ich geboren wurde, und blieb es bis heute.

Einmal sagte sie mir: «Weisst du, eines Tages habe ich mich im Spiegel angeschaut und eine alte Frau gesehen. Gerade gestern noch war ich jung, aber dann schaut dich plötzlich ein Gesicht an, zerfetzt vom Leben. Und das Problem ist, dass das, was du siehst, mit dem, was du fühlst, nicht im Geringsten übereinstimmt. Das Altwerden ist ein Scheiss.» Das war vielleicht das einzige Mal, dass ich sie nicht schreien hörte. Sie flüsterte es, eher zu sich selbst als zu mir, als hätte sie da jemand ganz gewaltig hintergangen.

«Ich glaube, er ist behindert», war der Kommentar meiner Gross­mutter, als Pippo geboren wurde. Meine Tante hatte seinen Namen allein ausgewählt. Mein Onkel war gerade für zwei Jahre auf Montage in der Wüste Algeriens und flippte dort aus, zwischen den Dünen: «Wie heisst er?! Das ist nicht dein Ernst! So heisst ein Teddybär! Ein Esel­automat! Eine Comic­figur, ein sprechender Pilz, aber nicht mein Sohn!» Warum er etwas gegen diesen Namen hatte, weiss niemand.

Bei seinem Tauf­namen Filippo hat ihn dann nie jemand genannt. Für uns alle war er einfach nur Pippo, und Pippo wuchs prächtig heran, wurde gross, stark, erstaunlich normal, vielleicht nicht ein Brunnen an Weisheit, wie mein Vater sagte, aber fast völlig normal, und ich war ganz vernarrt in ihn.

Pippo filmt seinen Arm

Ich klicke bei Facebook auf Pippos neuestes Video. Ah, es regnet in Genua. Vor Pippos Linse ziehen Regen­tropfen wie Striche vorbei, als würde jemand die Landschaft mit einem Bleistift schraffieren. 12.15 Uhr. Er hat das Video gerade eben hochgeladen. Noch hat es niemand kommentiert.

Mich hat schon immer fasziniert, wie sich keine sechs Stunden von Zürich entfernt die Bedeutung mancher Dinge verändert. Als wäre der Gotthard eine Transformations­maschine. Wir haben hier nicht die Angewohnheit, Regen zu posten, aber man muss das verstehen. Genua ist an den Hang gebaut, und wenn es da mal regnet, dann giesst es aus Kübeln, und innert Stunden werden Gassen zu reissenden Flüssen. Warum der Regen nicht einfach abfliesst wie bei uns, weiss ich auch nicht genau. In der Schweiz regnet es doch ständig, ohne dass gleich alles unter Wasser steht. Vielleicht ist in Italien einfach alles arschiger als hier. Selbst die Gullys. Oder es ist einfach eine Frage der Mentalität. So, wie wir in der Schweiz noch immer nicht begriffen haben, dass man in Hitze­monaten nicht wie blöd durcharbeitet, sondern eine Siesta zu halten hat, haben sie da unten noch nicht begriffen, dass Gummi­stiefel zur Allgemein­ausrüstung gehören und man Gullys nicht als Abfalleimer benutzt.

Ich schaue mir Pippos Video ohne Hoffnung auf Inspiration an. Ein Mann mit Regenschirm steht an der Strasse, trostlose Industrie­gegend, links ein Fluss. Dann taucht Pippos Arm im Bildschirm auf. Er ist mit schwarzen Ringen tätowiert. Auf der Strasse liegen Tausende von 1,5-Liter-Wasser­flaschen aus PET. Seine Hände schieben die PET-Flaschen vor sich her oder auf die Seite. Einzelne Flaschen nimmt er in die Hand und wirft sie weg. Dabei filmt er seinen Arm. Eine völlig sinnlose Tat bei der unglaublichen Menge, die da auf der Strasse liegt. «Jemand muss hier helfen!» Er schreit nicht, er flucht nicht. Die Kamera schwenkt nach rechts. Ein Lastwagen liegt zusammengefaltet am Strassenrand. Ein Unfall, offenbar. Vielleicht der Nebel. Erneut Regen. Dann reisst Pippo die Kamera nach oben, und plötzlich klicken Kommentare im Sekundentakt auf.

«Dio mio!»

«Hahahaha!»

«Was gibts da zu lachen!?»

«Kein Witz, oder!?»

«Pippo! Wo bist du?»

«Pippo! Alles okay!?»

Und dann sehe ich das, was man nur selten im Leben sieht: etwas, was nicht zu sehen ist. Die Leere zwischen den abgebrochenen Brücken­pfeilern. Als hätte ein Kind auf einer Carrera-Rennbahn Karate geübt. Der Rest des Films ist Unordnung: Dunst, Müll im Fluss, Staub, viel Staub. Es ist völlig still, bis endlich ein paar Sirenen heulen. Dann reisst die Aufnahme ab.

Morandis Plan

Eigentlich war alles völlig berechenbar.

Als 1962 in Genua der erste Bauteil für die (damals) längste Schrägseil­brücke der Welt gegossen wurde, war deren Zusammen­bruch nur eine Frage des Zeitpunkts. Denn Beton hat auch Gefühle und so etwas wie eine Seele – nur sehr langsame. Er schätzt es zum Beispiel nicht, eingespannt zu werden. Besonders nicht von wenigen Stahlseilen an drei viel zu schmalen Trägern. Dann versucht er fortzukriechen.

Das Wort, das der Ingenieur Morandi noch nicht kannte, hiess genau so: Kriech­beton. Zum ersten Mal bemerkte eine Kommission das Problem in den Siebziger­jahren. Danach kritisierten regelmässig Spezialisten die Brücke, das letzte Mal im Februar 2018. Doch die Brücke hielt durch. Über sie rollte die halbe Versorgung Nord­italiens, nicht selten über tausend Lastwagen pro Stunde. Ganz abgesehen von ganz Genua, das täglich mindestens einmal darüberfuhr, um mit den Verwandten auf der anderen Seite der Stadt einen Kaffee oder Härteres zu trinken.

Als man zum ersten Mal das Kriechen des Betons bemerkte, kroch ich noch selbst: als Baby. Später, auf zwei Beinen, erlebte ich alle schönsten Momente der Jugend im Schatten der Autobahnbrücke.

Dann hörte der Beton am 14. August 2018 kurz vor Mittag auf, über die Köpfe der Stadt zu wandern. Das letzte Drittel der Brücke fiel zusammen, riss drei Dutzend Privatautos und drei Lastwagen in die Tiefe, krachte auf die Strasse darunter und tötete insgesamt 43 Unglückliche, die zufällig oben oder unten anwesend waren.

Kurz davor ging ein Gewitter nieder. Und so ging alles grau in grau unter.

Papas Rekord

Der westliche Teil der Brücke führte über Cornigliano. Also über das Quartier, wo alle meine Familien­mitglieder der Vater­seite leben. Ein Vorort, der irgendwann mit der Stadt zusammen­wuchs. Cornigliano ist eingekesselt zwischen Autobahn, Staats­strasse, Zugschienen, dem Fluss, dem Flughafen und einem nicht mehr sehr neuen Bahnhof. Und mittendrin stand in besseren Zeiten die Stahl­fabrik Ilva mit feuer­speienden hohen Schloten, die nachts wunderschön aussah, dabei alles in Wind­richtung verpestete und wahrscheinlich für die auffällig hohe Krebsrate der Anwohner verantwortlich war. Und auf diesen Ort freuten wir uns Jahr für Jahr wie verrückt. Ich und mein Vater zumindest.

Mein Vater war neunzehn, als ich geboren wurde. Meine Mutter siebzehn. Ich hatte also einen jungen Vater. Einen getriebenen Vater. Einen, der das ganze Jahr durcharbeitete, 100 Prozent Schicht­arbeit in Winterthur bei Sulzer in der Fabrik, und wenn möglich Überstunden akkumulierte, um alle Jahre fünf Wochen Ferien am Stück in Genua verbringen zu können. Er lebte dafür. Und weil er dafür lebte, dafür arbeitete und die Tage rückwärts zählte, wurde auch so Auto gefahren. Die Reise begann immer um halb ein Uhr nachts. Mein jüngster Bruder wurde in einem Korb zwischen mich und meinen anderen Bruder geklemmt. Im Korb unter der Baby­matratze lagerten Alkoholika, Zigaretten­stangen und andere Variablen, die man hätte verzollen müssen. Geschenke für meinen Onkel. Wenn wir geweckt wurden, war alles schon abfahrbereit.

Mein Vater hatte diesen unberechenbaren Blick. Es flirrte gefährlich in seinen Augen. Er war längst anderswo. Im Auto hatte es ab sofort bequem zu sein, und ab sofort musste man still sein. «Es ist halb eins. Um sechs Uhr sind wir dort. Diese gebenedeiten Ferien. Verdammte Scheisse. Wir habens uns verdient.» Und dann fuhr er los, ohne Pause. Und wehe, es stellte sich ihm jemand in den Weg. Und wehe, ich musste pinkeln. Denn sechs Uhr war keine ungefähre Uhrzeit. Sechs Uhr war sein Rekord. Winterthur–Cornigliano in fünfeinhalb Stunden. Diesen Rekord galt es nicht einzuhalten, sondern der hatte gebrochen zu werden. Pinkel­pausen gab es nur im Notfall, und er fluchte, wenn ich nicht direkt hinter dem Auto wollte, um Zeit zu sparen.

Es war das alljährliche Drama um wertvolle verlorene Minuten. Aber dann, wenn wir endlich auf der Morandi-Brücke waren, Punkt sechs Uhr, hoch oben, dann schlängelten sich die ersten Sonnen­strahlen vom Horizont her über das Meer. Ich roch das Salz in der Luft, die heisse Milch mit einem Schluck Kaffee drin, die für mich bereitstehen würde, und das Gemisch von vermodertem Fisch und Katzen­pisse, und das alles löste Glück­seligkeit in mir aus. «Schaut euch das an!» In der Stimme meines Vaters lag Genugtuung. Genau so hatte er sich das vorgestellt. Er atmete hörbar auf. In der Ferne ein Segel­schiff, friedlich zwischen Himmel und Wasser. Die Stadt erwachte. Die Fischer waren zurückgekehrt und spannten die Netze über ihre Boote. Bestimmt hatte Nonna bei Mimmo frischen Fisch gekauft. «Schaut euch das an!» Und ich schaute. Ehrfürchtig.

Während wir noch unterwegs waren, verteidigte mein Onkel schon seit Stunden einen Parkplatz. In Genua ist nicht einfach nur Glücks­sache, einen Parkplatz zu finden. Es ist eine Mission, eine Philosophie. Die Strasse, die zum Haus meines Onkels führt, ist steil, bei Regen ein reissender Bach, und eng wie fast alle Strassen der Stadt. Deshalb besitzen hier alle nur kleine Autos. Leute mit grossen Autos sind entweder Ausländer oder Verlierer – eben die, die keinen Parkplatz finden. Die Strasse ist nur einspurig befahrbar, weil die andere Spur und der schmale Bürger­steig von geparkten Autos zugestellt sind. Es muss so sein. Anders geht es nicht. Und wenn mal gleichzeitig einer von oben und einer von unten kommt, dann wird geflucht, dass die Autos wackeln. Ich weiss nicht, ob hier dieselben Verkehrs­regeln gelten wie bei uns in den Bergen. Ich glaube nicht, dass es überhaupt Regeln gibt, denn es gab so gut wie immer Streit. Mein Vater hat nie nachgegeben, darauf bin ich stolz.

Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen

Meine Grossmutter hatte Muscheln gekocht. Eine riesengrosse Pfanne. Heute gehört diese Pfanne mir, auch wenn wir nur zu zweit sind in meinem Haushalt. Aber es ist meine Pfanne, meine Muschel­pfanne. Und so sassen wir alle früh­morgens um diese Pfanne, und das Leben war mehr als in Ordnung. Und wenn wir die Muscheln ausgeschlürft hatten, dann tunkten wir das Weissbrot in die übrig gebliebene Sauce, und zum Schluss, wenn es keine Sauce mehr gab, dann leckten wir uns die Finger ab.

Ich liebte Cornigliano. Es war der Ort unserer geballten Sehnsucht, übers Jahr angesammelt, gepflegt, geträumt. Und wenn es Abend wurde, stellte ich mich auf den Balkon meines Onkels und tauchte ein in diese so andere Welt. Vor dem Balkon dampften die Schlote der Stahl­fabrik. Rotes Feuer züngelte in den Himmel.

Dahinter in der Ferne der Hafen mit den Marineschiffen, und wenn der Mond schien, dann flimmerte der Rauch, der über Cornigliano lag, in silbern-orangen Tönen. Als hätte jemand Flitter ans Firmament gehängt. «Es ist wunderschön», sagte ich zu meinem Onkel. «Ja, sehr schön», antwortete er. Ich verstand noch nichts von Sarkasmus und lächelte ihn an.

«Ich geh mit Pippo zum Spielsalon ...» Ich nahm meinen kleinen Cousin bei der Hand, und wir hüpften lachend die lange Treppe runter. Von der Strasse aus winkten wir zu unseren Vätern hoch. Nonnas Wäsche hing an der Leine über der Gasse, wie immer mit System. So ordentlich und sauber, dass selbst die Unter­wäsche an Intimität verlor. Nur wenn der Wind drehte, musste sie schnell wieder rein, sonst wurde sie schwarz vom Russ. Der Arm meines Vaters lag über der Schulter seines Bruders. Mein Onkel rauchte Pfeife. Er sah aus wie Popeye. Sie redeten nicht viel. Es reichte ihnen dazustehen, beieinander. Das war mehr als genug. «Kommt nicht zu spät!», riefen sie uns nach. Zu spät hiess Mitternacht. In der Schweiz hätte ich längst ins Bett gehen müssen. Aber hier galten andere Regeln. Das war das Gute an Genua. Ich nahm Pippo auf die Schulter. Ich war sein Pferd. Sein Feuerpferd mit einer galaktischen Mission, und so galoppierten wir davon, und ich wusste, sie würden uns nachschauen und stolz sein auf uns.

Pippo: «Cugia …?» (Was die Abkürzung von cugina ist, also Cousine.)

Er nannte mich nie beim Namen. Für ihn war ich einfach seine Cousine. Ich gehörte zu ihm. Das hatte was mit geteiltem Blut zu tun.

Pippo: «Cugia? Wollen wir heiraten?»

Ich: «Pippo, das geht nicht.»

Pippo: «Warum, Cugia?»

Ich: «Weil ich viel älter bin als du.»

Pippo: «Cugia, dann heiraten wir, wenn ich gross bin.»

Ich: «Aber dann bin ich immer noch älter als du.»

Pippo: «Dann heiraten wir einfach noch später.»

Ich: «Pippo, ich werde immer älter sein als du.»

Pippo: «Aber ich will nur dich heiraten.»

Ich: «Pippo, du wirst eine Frau heiraten, die so alt ist wie du.»

Pippo: «Aber ich weiss keine.»

Ich: «Du wirst sie schon finden, Pippo. Und dann wirst du Kinder bekommen.»

Pippo: «Ich will nie gross werden.»

Ich: «Aber dann kannst du auch nicht heiraten.»

Pippo: «Das will ich auch nicht. Ich will nur dich heiraten.»

Ich: «Pippo, nur Erwachsene können heiraten.»

Pippo: «Dann werde ich nur erwachsen, wenn du mich heiratest.»

Ich: «Ich wohne weit weg.»

Pippo: «Dann komme ich zu dir.»

Ich: «Aber du verstehst unsere Sprache nicht.»

Pippo: «Dann bleib doch einfach hier.»

Ich: «Okay ...»

Pippo: «Und dann heiraten wir!»

Ich: «Okay. Dann heiraten wir.»

Pippo: «Gut. Endlich hast dus verstanden.»

Nachts, wenn wir Kinder zu viert im Ehebett meiner Grossmutter lagen, dann tanzten die Lichter der Strasse an der Decke. In der Ferne dröhnte die Autobahn, die über die Brücke führte. Manchmal pfiff ein vorbeifahrender Zug. Jemand hatte den Motor seiner Vespa laufen lassen, vielleicht zwei Verliebte, die sich nicht trennen wollten. Aus der Stahl­fabrik hämmerte es. Nirgendwo sonst schlief ich tiefer als hier.

Ich zappe

Es ist lange her, dass ich Pippo gesehen habe. Sind es zehn, sind es fünfzehn Jahre? Um es genauer zu sagen, müsste ich auf den Friedhof gehen und auf Tante Ginettas Grab­stein nachlesen, wann sie gestorben ist. Inzwischen treffen wir uns nur noch in der Kirche, aber nicht zum Heiraten, sondern zum Beerdigen.

Es ist 12.30 Uhr. Ich schalte den Fernseher ein. Ich muss wissen, was passiert ist. Vielleicht gibts schon News. Meine Tochter sagte mir kürzlich, der Fernseher sei komisch. Wenn sie abends ins Bett gehe, rede er Deutsch, und wenn sie ihn am nächsten Tag wieder einschalte, rede er Italienisch. Ich schaue italienische Sendungen mehr wegen der Sprache als wegen des Gesagten. Es hat was mit Melodie zu tun, nichts mit Inhalt.

Ich zappe genervt hin und her, bis ich plötzlich wieder Pippo sehe. Er spricht stockend in eine Kamera. Keine 100 Meter trennen ihn von den runtergestürzten Beton­teilen. Auf der anderen Seite warten seine Kinder auf ihn. Sie sind in der Schule. Er müsse sie abholen. Nein. Das Zusammen­krachen der Brücke habe er nicht gehört. Genau in diesen Sekunden habe er das Telefon­gespräch mit einem Freund beendet, sei ins Auto gestiegen und habe die Musik angemacht.

Wie laut, frage ich mich, wie wahnsinnig laut hat er Musik gehört, um eine einstürzende, bei der Fahrbahn über 40 Meter hohe Brücke nicht zu hören? Es muss was mit Wahr­nehmung zu tun haben, mit Verzögerung. Wie eine Uhr, die für einige Schläge auf der Stelle tickt, bevor sie austickt. Wenn das Unvorstell­bare mit gewaltiger Wucht in die Normalität einbricht, dann zittert die Zeit. Dann zittert alles.

Davor zittert natürlich niemand. Beppe Grillo, ein Komiker, der längst nicht mehr lustig ist, sprach vor wenigen Jahren auf seinem Kanal von einer favoletta. Die Prophezeiung, dass die Brücke einstürze, falls keine Sanierungen vorgenommen würden, sei nichts als ein Märchen. Das Video, das er damals gepostet hatte, habe ich am Tag des Einsturzes noch auf seinem Blog gesehen. Am Tag darauf war es bereits gelöscht.

Verdammt, die von Morandi gebaute Schwester­brücke stand in Libyen. Dort haben sie es geschafft, diese vor zwei Jahren zu schliessen. Die Libyer!

Den Krach nach dem Krach kennen wir. Mit Getöse haben Politiker auf die Tische gehauen und die Verantwortung für diese Tragödie von rechts nach links geschoben. Als sich der Staub senkte, blieben die Anwohner und die Toten. Unter Pippos Facebook-Video diskutiert man nun Verschwörungs­theorien: Eine Mine habe die Brücke in die Luft gesprengt. Wer sie gelegt haben soll, weiss aber noch niemand.

Anfang November sah es so aus, als würde man noch vor Weihnachten die Details erfahren. Die Schweizer schickten Anfang November ein Team von der Eidgenössischen Material­prüfungs­anstalt (Empa). Die Ingenieure sprachen davon, die Ursache «wie ein Hausarzt» herausfinden zu wollen – mit Röntgen, Ultraschall, Mikroskopen, Einrichtungen für Zugversuche.

Und das taten sie – in der Rekord­zeit von nur drei Wochen. Anfang Dezember schickte das Empa-Team einen 170-Seiten-Bericht zurück nach Genua. Nur: Was Neues anbetrifft – es gibt nichts. Der Bericht bleibt bis auf weiteres «streng geheim».

Am Telefon, ein paar Tage nach dem Unglück, sagte Pippo, dass der Einsturz der Brücke die Stadt halbiert hat. Die Arbeits­wege der Anwohner haben sich um das Dreifache verlängert. Lastwagen und Autos, die von Westen her kommen, werden nun quer durch Cornigliano zum Hafen geleitet. Sie quälen sich seitdem wie eine Verdauungs­störung durch die Quartier­strassen. Damit das Leben weiter funktioniert, hat die Stadt erste Notfall­massnahmen getroffen. Die wichtigste: Die Schulen öffnen eine Stunde früher, damit die Eltern rechtzeitig bei der Arbeit ankommen.

Ich: «Entschuldige, mein Italienisch ist eingerostet.»

Pippo: «Kein Problem.»

Ich: «Wie gehts?»

Pippo: «Gut. Und dir?»

Im Hintergrund höre ich seine beiden Mädchen. Ich habe sie bis heute nur auf Facebook gesehen. Der Fernseher läuft. Es ist schon spät. Pippo ist soeben von der Arbeit nach Hause gekommen. Wahrscheinlich hat er das Telefon zwischen Schulter und Ohr.

Ich: «Bist du am Essen?»

Pippo: «Ja.»

Ich: «Ich ruf dich später an.»

Pippo: «Nein, kein Problem.»

Pippo ist kein grosser Redner. Aber es ist erstaunlich, wie aus einem mächtigen, mit Muskeln bepackten Körper eine so sanfte Stimme sprechen kann.

Ich: «Und? Was arbeitest du jetzt?»

Pippo: «Handelsvertreter.»

Ich: «Was denkst du zur Brücke?»

Pippo: «Ich brauche jetzt drei Tage.»

Ich: «Für was denn?»

Pippo: «Um meine Kunden zu sehen. Vorher hab ich das in einem Tag geschafft.»

Ich: «Und was bedeutet das alles für dich? Sie hätte dich fast erwischt!»

Pippo: «Ich steh jetzt früher auf.»

Damals, vor langen Jahren, als er noch plante, mich zu heiraten, steigen wir ins Auto. Es ist noch vor Sonnen­aufgang, noch ist alles still in Cornigliano.

Ich: «Sag Grüsse an alle.»

Pippo: «Du auch.»

Ich: «Ciao.»

Pippo: «Ciao, ciao.»

Ich: «Ciao.»

Wir schneiden noch ein paar Grimassen durchs Fenster und winken, dann startet mein Vater durch. Fünfeinhalb Stunden bis nach Winterthur. Dann fängt seine Früh­schicht an.

Was macht es aus, dass jemand gerade hier ist oder da? Wie kommt es, dass Familien hierhin oder irgendwohin geschwemmt werden wie Strandgut?

Manchmal ist es ein Krieg, manchmal eine Katastrophe. Manchmal geht jemand aus Sehnsucht, manchmal aus Scham, manchmal einfach aus Zufall. Mit überlegten Entscheidungen hat das selten zu tun. Das Leben ist wenig berechenbar.

Einstürzende Brücken sind berechenbar, noch so banale Biografien nicht.

Ein unbedeutender Telefon­anruf, ein kurzer Halt, hat Pippo vor dem aus 40 Metern Höhe herunter­stürzenden Beton gerettet. Oben auf der Brücke hat das Schicksal Menschen eingeteilt in die, die kurz davor, in die, die kurz danach, und in die, die nicht mehr da sind.

Warum, weiss nur der Himmel.

Dramaturgische Mitarbeit: Caroline Ulli.

Zur Autorin

Tamara Lardori, 1972 geboren, wuchs nahe den Sulzer­fabriken in Winterthur auf und lebt in Zürich. Sie arbeitete unter anderem als Schau­spielerin, Tänzerin sowie Lehrerin für Zirkus­akrobatik, Deutsch und Schreiben. Sie verfasst Drehbücher, Hörspiele und Theater­stücke – zuletzt das Stück «Geheim». Ihr Debüt, das Drama «mare nero», spielt im Hafenviertel von Genua.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus mit einem Monatsabonnement oder einer Jahresmitgliedschaft!