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Warum ich als Frau gelesen werde

Sascha identifiziert sich weder als Frau noch als Mann – und schreibt für uns mehrere Beiträge über sich und Saschas Platz auf der Welt. Teil 1: Eine Verortung.

Von Sascha Rijkeboer (Text) und Anne Gabriel-Jürgens (Bilder), 21.12.2018

Ich weiss nicht, wann und wie und warum genau bei mir eine abweichende Geschlechts­identität im Vergleich zur Mehrheits­gesellschaft einsetzte.

Ich werde als Frau gelesen. Nicht: Ich bin eine Frau, oder ich will eine Frau sein. Ich werde als Frau gelesen.

Gelesen werden Symbole, und hier sind die Symbole vor allem körperliche Merkmale. Die Symbole, die wir zu vergeschlechtlichen gelernt haben, sind beispielsweise: grosse Augen, weiche Haut, ein schmaler Hals, kein sichtbarer Adamsapfel, dünne Augen­brauen, keine Gesichts­behaarung, schmale Schultern, enge Taille, breite Hüfte, feingliedrige Extremitäten, wenig Muskeln, kleine Hände, feine Hände, zarte Hände. Und die Hände, die bewegen sich auch ordentlich zierlich, fein, harmonisch, schon fast melodiös. Die Augen sind klug und leuchten, aber sie haben was aufmerksam Zuhörendes. Kein Stechen, kein Kampf, keine Dominanz. Zarter Nieder­schlag mit federnden Wimpern.

Das bedeutet: Gegenüber, die denselben kulturellen Background wie ich haben, lesen mich anhand meiner Merkmale, die sie – genau so wie ich –, gleich zu lesen gelernt haben.

Unter anderem wegen dieser Symbole – oder Merkmale – werde ich als Frau gelesen. Wir lesen Menschen. Nach Geschlecht. Wir können Menschen nicht nicht lesen. «Wir können nicht nicht ein Geschlecht kommunizieren», würde ich das berühmte Zitat des Kommunikations­wissenschaftlers Paul Watzlawick übersetzen.

In jedem Moment sind wir den Rastern vergeschlechtlichter Leseweise unterworfen – in Momenten, in denen wir irritiert sind und uns schon fast stolz brüskieren wollen, wir hätten einen Menschen nicht einordnen können, also nicht schubladisiert, tun wir eben genau das: Wir können nicht einordnen, ob dies nun «ein Mann» oder «eine Frau» ist. Wir können nicht eindeutig lesen, weil unser Lesesystem versagt. Die Irritation kommt also nur zustande, weil wir nicht zwischen männlich und weiblich entscheiden können, weil uns eine dritte Leseweise fehlt, auf die wir zurückgreifen könnten.

Und darum werde ich als Frau gelesen: Weil ich grosse Augen habe, keinen hervorstehenden Adamsapfel, zarte Hände. Weil ich keinen Bart und keine tiefe Stimme habe. Und doch irritiere ich: Ich habe keine sichtbaren Brüste, ich bin forsch, vorlaut, ich habe kluge, leuchtende, aber stechende Augen, ich werfe sie nicht demütig nieder. «Aha. Du bist eine starke Frau», werde ich gelesen.

Nein!, nein! Entschiedenes: Nein! Ich habe mich nie als Frau identifiziert. Nie, seit ich vergeschlechtlicht denke, seit ich vergeschlechtlicht zu denken gelernt habe. Ich mochte es nicht, wenn ich im Kindesalter als «Mädchen», als «unsere kleine Prinzessin», als «du wirst einmal eine [insert: beliebig positiv konnotiertes, stereotyp weibliches Adjektiv] Frau werden» angesprochen wurde. Ich wollte ein Junge sein – oder: Ich identifizierte mich als Junge. Teilzeit. Weil: Es gab Momente, in denen ich mich durchaus mit weiblich konnotierten Attributen identifizierte: zum Beispiel Schwäche zu zeigen, zum Beispiel fürsorglich zu sein, zum Beispiel in einer grösseren Gruppe eine Harmonie herstellen zu wollen, zum Beispiel ein anständiges Kind zu sein und damit zu gefallen. Ich dachte damals zwar nicht, dass ich das als Mädchen tue und in diesem Moment meine «Mädchen­rolle» eigentlich total okay finde, ich realisierte nur in Momenten, in denen ich nicht Mädchen oder Mädchen­rolle sein wollte, dass ich mir wünschte, ein Junge sein zu können.

Es gibt Menschen, die identifizieren sich ihr Leben lang als «Jungen» beziehungsweise «Männer», obwohl sie diesem Geschlecht bei ihrer Geburt nicht zugewiesen worden waren. Bei ihnen ist das keine Teilzeit­identifikation, wie ich das vorhin bei mir skizziert habe. Diese Menschen nennt man «Trans­männer». Ich gehöre nicht zu den «Trans­männern», obwohl ich viele Erfahrungen, Bedürfnisse und emotionale Biografien mit den meisten Trans­männern teile: Ich lehnte beispielsweise Teile meines weiblichen Körpers ab und entwickelte Dysphorien (das Gegenteil von Euphorie, also quasi eine «geballte Unfreude»). Der Unterschied zwischen mir und Trans­männern ist: Ich werde als Frau gelesen und finde das zwar doof, kann mich aber (zumindest im Moment) einigermassen damit abfinden. Trans­männer möchten in der Regel immer als Männer gelesen und behandelt werden, weil sie sich als Männer identifizieren und es eine schmerzhafte Erfahrung für sie ist, dem weiblichen Geschlecht zugeordnet zu werden.

Bei mir ist das so: Ich werde als Frau gelesen, aber ich identifiziere mich weder als Frau noch als Mann. Ich identifiziere mich sogenannt non-binär. Binär (zwei) meint Mann und Frau, non-binär markiert eine nicht-männliche sowie nicht-weibliche Identifikation.

Wie nun als non-binär lesbar sein? Das ist eine unglaublich schwierige Angelegenheit. Viele Menschen, die sich nicht-binär identifizieren, kleiden sich eher androgyn, so auch ich. Androgyn ist ein Wort aus dem Griechischen, das sich aus andros (= männlich) und gynos (= weiblich) zusammensetzt.

«Erwischt!», wird dann gerufen, denn: «Auso de bisch jo doch, ebe auso würklich, auso doch zwüsche Maa und Frau!» – «Nein! Nur weil unsere Sprache es nicht erlaubt, andere Wörter dafür zu haben, heisst androgyn für mich nicht, dass ich zwischen männlich und weiblich stehen muss – was auch immer das bedeutet –, sondern dass ich mich einer Leseweise, darin, was typisch weiblich und typisch männlich sei, etwa auf Kleidung bezogen, zu entziehen versuche.» Ich tue dies, indem ich Codes beider Geschlechter gleichzeitig oder in einem gewissen Gleich­gewicht zu bedienen versuche. So ist beispielsweise das Tragen eines Männer­anzugs ein klar männliches Outfit, wird aber, durch die Leseweise von mir als Frau, dennoch gebrochen und gesamthaft als androgyn gelesen.

Ich fühle mich wohl darin, androgyn gelesen zu werden – oder als androgyne Frau, auch wenn mir lieb wäre, ich würde gar nicht als Frau gelesen. Ich kann mich dieser Leseweise nämlich nicht entziehen, ich kann sie durchbrechen, irritieren, ich kann sie form-ieren, aber ich kann die geschlechtlichen Ketten nicht abwerfen.

Das ist nun ein eher theoretisch anmutender Zugang zu mir. Selbstverständlich steckt mehr in mir als Gedanken zu Leseweisen, und das beschränkt sich in meiner Praxis auch nicht einzig und allein darauf, einen Anzug zu tragen. Ich möchte beispielsweise ohne Pronomen angesprochen werden, also nicht ganz ohne Pronomen. Du oder Sie in der Höflichkeits­form dürfen mir trotzdem gesagt werden. Aber ich begrüsse sehr, dass Menschen, wenn sie über mich reden, nicht sagen: «Sascha hat mir gestern ihr neues Fahrrad gezeigt», sondern «Sascha hat mir gestern Saschas neues Fahrrad gezeigt». Ich bedaure, dass mir Zugänge in meiner Kindheit verwehrt wurden (beispielsweise Jungs-Klamotten), dass mir mein Begehren und mein Lebens­entwurf ganz selbstverständlich diktiert wurden (dass ich mal einen Mann heiraten und Kinder kriegen werde), dass ich für wildes Verhalten getadelt wurde («So verhält man sich nicht als Mädchen, das ist unschicklich!»), dass ich ohne Repräsentation starker Frauen­rollen medial berieselt wurde (eintausendundeine Geschichte, Filme und Märchen mit Prinzessinnen, die irgendwo eingesperrt sind und von mutigen Prinzen gerettet werden).

Ich weiss nicht, wann und wie und warum genau bei mir eine abweichende Geschlechts­identität im Vergleich zur Mehrheits­gesellschaft einsetzte. Ich realisierte jedoch schrittweise und erst latent, dass ich mich nicht als Mann und nicht als Frau identifiziere, und ich bin froh, wenn ich auch so leben darf. Ich setze mich aus diesem Grund für Sichtbar­keit ein: Ich berate junge Trans­menschen auf der Website Du-bist-Du.ch, ich gebe Interviews, halte Vorträge und schreibe jetzt hier für die Republik. Für Sichtbar­keit, für Einblick, für Verständnis, für Toleranz und bestenfalls Akzeptanz. Für eine lebbare Realität als nicht-binäre Person. Für mich und alle anderen. Ich danke Ihnen, liebe Leser*innen, fürs Gelesen­haben meines Textes und für das – bestenfalls – offenere Lesen meiner Person.

Zu Sascha

Sascha hiess nicht immer Sascha. Aber jetzt heisst Sascha so. Sascha ist 1992 in Zwolle (Niederlande) als Kind eines niederländisch-tschechischen Paars geboren und in der Schweiz aufgewachsen. Sascha studiert zurzeit Psychologie und Gender Studies, schreibt Texte und macht Lesungen.

Zur Fotografin und ihrem gemeinsamen Projekt mit Sascha

Anne Gabriel-Jürgens ist in Hamburg geboren und aufgewachsen. Nach einem Studium in Kunst und Design machte sie den Master in Fotografie. Seit 2004 ist sie freiberufliche Fotografin und arbeitet als Dokumentar- und Porträt­fotografin für internationale Magazine sowie an eigenen Langzeitprojekten über die Suche nach Identität und Lebensformen. Seit 2009 lebt sie in Zürich und ist seit 2010 Mitglied der Fotografenagentur 13 Photo.

Anne Gabriel-Jürgens und Sascha haben sich durch eine Reportage über non- binäre Menschen kennengelernt. Zurzeit arbeiten sie an einem Langzeitprojekt mit dem Arbeitstitel «outbetween» – eine fotografische Forschungsreise in das Leben von Sascha.

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