Daheim im Schiffbau bei der Marthaler-Familie: Susanne-Marie Wrage, Ueli Jäggi und Marc Bodnar (von links). Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Theater

Auf Augenhöhe mit den Pilzen

Christoph Marthaler: «44 Harmonies from Apartment House 1776»

Sechzehn Jahre nach dem grossen Zürcher Schauspielhaus-Krach kehrt der damalige Intendant zurück. Mit einer Inszenierung am Nullpunkt des Theaters horcht er das Universum von John Cage aus.

Von Barbara Villiger Heilig, 08.12.2018

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Applaus! Schade fast, dass die Stille – eine der Protagonistinnen des Abends – so schnell dem Klatschen weichen muss. Exakt acht Viertelstunden nach Beginn. Diese Dauer hatte Moderator Ueli Jäggi angekündigt (schwarzer Einreiher, schmale Krawatte, Mikro in der einen, Zettel in der andern Hand – die Nase versinkt in beidem). Jetzt herrscht Freude. Die Schauspielerinnen und Schauspieler, darunter vier Cellistinnen, wirken leicht überrascht.

Schliesslich zeigt sich auch das Leitungsteam an der Rampe: Christoph Marthaler (Regie), Anna Viebrock (Ausstattung), Malte Ubenauf (Dramaturgie). Und plötzlich hebt Marthaler beide Arme in die Luft, um dem klatschenden Publikum zu applaudieren. Will er sich bedanken? Wofür?

the house never forgets steht, kaum sichtbar, neben der Tribüne an der Seitenwand. Die Wand mit ihren aufgerauten Materialien, Graubraun-Tönen, rostigen Verwitterungen könnte von Robert Rauschenberg stammen, einem der Künstler, die John Cage begleitete. Um Cage, darauf kommen wir noch, dreht sich hier vieles. Aber was vergisst das Haus nie, und warum?

Wir sind in der Schiffbauhalle. Diesen Ort hatte Marthaler entdeckt und fürs Theater erobert, als er anno 2000 in Zürich das Schauspielhaus übernahm. Und als er zwei Jahre später eines Samstags in der Sommerpause, hau ruck, die Kündigung erhielt, stand im Sündenregister auch die Schiffbau-Immobilie: Sie belaste das Budget auf untragbare Weise.

«Das Haus vergisst nie.» Ob Drohung oder Versöhnung: Die Marthaler-Familie ist wieder da. Nach umwegreicher Annäherung über die Rote Fabrik (2007) und den Pfauen (2017) kommt sie erstmals – die zwei Schiffbau-Gastspiele dazwischen zählen nicht – mit einer Neuproduktion an den Tatort zurück. Zur Entgeisterung und zur Begeisterung des Publikums. So viel vorab: Wer sich auf Marthalers Kunst einlässt, kann in der Schiffbauhalle seine türkisblauen Theaterwunder erleben. Und dabei sogar lachen.

Myzelien im Untergrund

Zur Marthaler-Familie gehört Bernhard Landau. Einerseits spielt er John Cage. In Jeans und Denimjacke, mit Cage-Perücke und Cage-Brille, stolpert er von hier nach dort; öffnet Türen, hinter denen Telefone rasseln; bellt zigmal «Nein!»; wässert Notenständer mit der Giesskanne. Anderseits spielt er einen Pilz. Als Pilz erzählt er von seinem berühmten Verwandten, jenem Hallimasch in Oregon, der sich unterirdisch über rund 900 Hektaren ausbreitet, 600 Tonnen wiegen soll und geschätzte 2400 Jahre alt ist.

Wo sind die Pilze? Bernhard Landau ist John Cage. Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Cage war ein Pilzfanatiker. Er sammelte, kochte, ass Pilze. Könnte es sein, dass ihn noch mehr mit ihnen verband, etwa ihr geheimnisvolles, für uns unsichtbares Leben unter der Erde? Er selbst machte Musik aus ungehörten Tönen. «44 Harmonies from Apartment House 1776», das Stück, das Marthalers Abend den Titel gibt, hatte Cage zur Zweihundertjahrfeier der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung komponiert, aus zweihundert Jahre alten Musikstücken. Kraft eines Zufallsverfahrens und einer Methode, die Cage Subtraktion nannte, entstanden pausendurchwirkte «Harmonien», in denen Altes nachklingt, ohne alt zu klingen. Moderne Musik, die aus einem versunkenen Korpus emporwächst. Wie die Pilze aus ihrem Myzel.

Pilze sind wie Eisberge: Der grösste Teil von ihnen bleibt verborgen. Eisberge sehen wir im Schiffbau keine, doch ziehen sie vielleicht vor den Fenstern der Rückwand vorbei, wo Anna Viebrock eine Bühne auf der Bühne gebaut hat. Eine Art Büro, zu dem sie ein Raum in Grönland inspirierte. Dort, am Ufer des Eismeers, brachten Marthaler & Co. vor sieben Jahren «±0. Ein subpolares Basislager» heraus und gingen damit anschliessend auf Welttournee. In jenem Stück erklangen einzelne von Cages «44 Harmonies».

Man braucht das nicht zu wissen. Aber es zeigt, wie Marthaler vorgeht: Seine Arbeiten ähneln Pilzen oder Eisbergen. Sie existieren und wirken untergründig. Sicht- und hörbar wird nur, was die Oberfläche erreicht.

Ausser dem Büro hinten, an dessen Pulten sich zwei Schauspieler Rededuelle auf Englisch liefern, gibt es vorne rechts eine kleinere Bühnenkoje mit einem Harmonium. Der Pianist vom Dienst betätigt sich daran, wenn er nicht zwischen den beiden Klavieren hin- und hermarschiert, auf denen er abwechslungsweise herumklimpert. Ums Harmonium scharen sich auch die Cellistinnen. Knapp ist der Platz, aber diese Platzknappheit kann bei Marthaler als Leitmotiv gelten: Seine Leute quetschen sich gern zusammen.

Die dritte Nische, prominent im vorderen Bühnenbereich, bleibt lange ungenutzt. Es ist eher eine Grube: etwas zwischen Swimmingpool und Sandkasten. Der Rand bröckelnder Beton, der Inhalt eine kahle Land-Art-Bergformation en miniature. Manchmal blinkt blaues Licht auf, manchmal ertönen Stimmen von unten. Erstaunt blicken die Umstehenden hinab.

Mit Celli und Piano: Personen treten bei Marthaler gerne als Harmonien in Erscheinung. Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Collage aus Pausen

Jäggi erklärt es eingangs: «Personen treten als Harmonien in Erscheinung», weil sie versuchen wollen, «auf Augenhöhe mit den Pilzen» zu kommunizieren. (Weder Pilze noch Harmonien besitzen Augen, aber Marthaler führt Jargon-Sprechblasen gern ad absurdum.)

Der Hinweis auf die Rollenzuteilung ist hilfreich. Wir glauben, lauter Bekannte wiederzusehen: Raphael Clamer im Sportoutfit, Susanne-Marie Wrage und Elisa Plüss in Vintage-Haute-Couture, Graham F. Valentine in seiner unvermeidlichen Schlaghose, Bendix Dethleffsen – der Pianist vom Dienst – im Overall, Benito Bause im Schlabberlook, Marc Bodnar mit Hosenträgern. Doch in Anbetracht ihres seltsamen Gebarens leuchtet ein, dass diese Bekannten keine Personen sind. Sondern, eben, «Harmonien».

Natürlich spielen sie auch gar kein Stück. Marthaler verweigert uns diesmal sogar die Nummernrevue mit Chörli-Einlagen zum Mitsummen. Einen Schlager von Beatrice Egli immerhin schmuggelt er zwischen Cage, Schumann, Bach und Mahler – doch wird der nur aufgesagt. Die ohnehin spärlich eingesetzten Choräle dünnt Marthaler aus, ganz nach Cages Subtraktionsmethode. Je weniger wir hören, desto mehr hören wir zu.

Absolut still wird es nie: There is no such thing as silence. Wenn nicht Musikfragmente, dann strukturieren Wörter oder Geräusche den Ablauf. Dialoge werden zu Rhythmen und Klängen, die Raum und Zeit ausloten.

Symmetrie, Kanon, Wiederholung, Echoeffekt: Das könnten Kompositionsprinzipien sein in Marthalers Assemblage aus «visuellen Wortspielen» (der Ausdruck fällt einmal). Versuchen Sie nicht, allzu viel zu verstehen! Die Ensemblemitglieder folgen einem kryptischen Plan. Verbeugen sich, setzen sich oder benutzen die Stühle beim Tango umständlich als Accessoires. Versammeln sich andächtig vor einem Klavier, das von allein zu spielen beginnt. Die Tastatur strahlt wie ein weisses Gebiss.

Verstummt die Musik, frieren die Bewegungen ein. Oder andersrum: Bückt sich das Ensemble, sackt die Musik in den untertourigen Bereich ab. Vier Takte schallenden Operngesangs, ein Perkussions-Intermezzo auf den Computertasten, dann zieht sich Marc Bodnar am Tischchen rechts vorne wieder zurück in sein Innenleben, als wäre nichts gewesen.

Action!

Was ist daran eigentlich so komisch? Möglicherweise finden wir in den bruchstückhaften Regungen dieses Theaterensembles, das «Harmonien» statt Personen verkörpert, dennoch etwas von uns selbst: gewisse Versunkenheiten oder Dämmerzustände, die wir normalerweise gar nicht wahrnehmen. Automatismen, denen wir gehorchen, ohne es zu merken.

Willkommen am Nullpunkt des Theaters. Wo nichts passiert, wird alles zum Ereignis. Das beweist Bodnar, wenn er ansatzweise Handlungen simuliert. Er wagt sich in den Sandkasten-Pool vor, als täte er etwas Verbotenes. Oder er legt, beinahe schon exhibitionistisch, hinter den versammelten Rücken derer, die dem Piano lauschen (siehe oben), eine Solotanz-Performance hin – worauf sich alle um 180 Grad drehen: Es passiert etwas!

Bendix Dethleffsen ist im Hintergrund der Pianist vom Dienst, Marc Bodnar simuliert im Sandkasten Handlungen. Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Nicht nur das Hören, auch das Sehen, Schauen und Zuschauen wird so zum Thema. Wir, die Zuschauerinnen und Zuschauer, sind gemeint. Was das Stück mit uns anstellt, welchen Sinn oder Unsinn wir ihm entnehmen, wie wir die Teile der Collage aufeinander beziehen und zusammensetzen: Das können wir selbst entscheiden. Mitmachtheater einmal anders. Zwanglos.

Marc Bodnar ist es auch, der die Vorbereitungen zum Konzert vorantreibt. Noten zurechtrückt, Stühle verschiebt. Jetzt tritt, schwingende Röcke, wippende Pferdeschwänze, das Cello-Quartett auf (Hyazintha Andrej, Isabel Gehweiler, Nadja Reich, Vanessa Hunt Russell). Die Quintessenz des Abends: Cages «44 Harmonies» verströmen sich wie kosmische Sphärenmusik in der Halle. Und genau wie im «Apartment House 1776», das der Komponist vor Augen oder besser Ohren hatte, mischt sich in die vibratolosen Akkorde der Streichinstrumente der Umgebungslärm aus dem Saal.

Husten, Sich-Räuspern, Mit-den-Füssen-Scharren. Stossseufzer. Ein Gegenstand knallt auf den Boden. Jemand schält ein Bonbon aus dem Papier. (Nein, keine Handys – an der Premiere zumindest schwiegen sie).

Wie lange dauert das Konzert? Die Zeit verschwimmt.

Es folgt die Revanche der Wortvirtuosen: Stakkato-Prosa und zungenbrecherische Sprachakrobatik. Eine funkelnde Nonsens-Konversation, bestehend aus Fragen ohne Antworten und Antworten ohne Fragen. Dann, zu Mahlers «Adagietto», steigt das Ensemble wie ferngesteuert in die Grube und entschläft auf Augenhöhe mit den Pilzen.

Wo steckt die Magie? In den Zwischenräumen, den Lücken, den Pausen. In der Perfektion, mit der sich minimale Spannung auf- und abbaut. In der Farbensymphonie der Bühne, wo der Wechsel von (künstlichem) Tageslicht und Nachtbeleuchtung Innen- und Aussenwelt verschränkt. Im surrealen Witz, der die Realität zur Kenntlichkeit entstellt. In der Freiheit des Traums, den wir hier und jetzt mitträumen. In der Nonchalance des Ganzen.

Klar: Jedermanns Sache ist das nicht. Während der Uraufführung von John Cages Werk 1976 in New York verliessen Hunderte das Lincoln Center. Bei Christoph Marthaler, der mit seiner eigenen Uraufführung die schwarzen Löcher des Cage-Universums erforscht und durchdringt, bleiben am Premierenabend alle bis zum Schluss. Applaus!

«44 Harmonies from Apartment House 1776» am Schauspielhaus Zürich

Das Comeback-Stück von Christoph Marthaler am Schauspielhaus hatte am 5. Dezember Premiere. Bis 13. Januar 2019 finden 13 weitere Vorstellungen statt. Informationen finden Sie hier.

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