Gift und Galle

Black Friday – ein schwarzer Tag für Angestellte

Von Michael Kuratli, 23.11.2018

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Der zivilisatorische Lack ist dünn. Das merkt man, wenn neben einer langen Schlange im Supermarkt eine neue Kasse aufgeht. Flinke Businessmen schrammen an den Kaugummiregalen vorbei und reissen mit ihrem Kopfhörerkabel Prepaidkarten zu Boden, Grossmütter fahren ihre Rollatoren aus, und wer seinen Einkaufswagen zu schwer bepackt hat, wendet wie ein träger Tanker und rammt seitlich die bereits neu formierte Schlange.

Szenen wie diese sind aber nur Vorstufen des Shoppingevents Black Friday, der seit einigen Jahren auch in der Schweiz ausgerufen wird. Zwar blieben die überfallartigen Attacken auf die Läden, wie sie alljährlich in den USA stattfinden, hierzulande bisher aus. Im Manor ist am Black Friday noch kein Angestellter von Konsumhungrigen zu Tode getrampelt worden, wie dies 2008 in einem Walmart auf Long Island geschah.

Wer die gewalttätigen Szenen rund um diese Shoppingmassen gesehen hat, infiziert sich mit einem Weltschmerz, der den jungen Werther auf den ersten Seiten dahingerafft hätte.

Nun kann man entweder kopfschüttelnd über die dummen Menschen schnöden, die für ein paar läppische Rabatte zu Rabauken werden. Oder man richtet seine Wut gegen diejenigen, die die künstliche Verknappung für milliardenschwere Umsätze in ihren Kassen verursachen.

Gegen die Kaufhausmanager, die den Tod ihrer Angestellten in Kauf nehmen, um ihren Weihnachtsbonus zu pimpen, und sich dabei noch gutmenschlich fühlen. Schliesslich gibts ja anständige Preisabschläge für Ladenhüter.

Gegen diejenigen, die laut der offiziellen Legende des kapitalistischen Feiertags Ende Jahr schwarze Zahlen schreiben wollten – und damit der konsuminduzierten Massenpanik den Namen gegeben haben.

Die Neurowissenschaftlerin und Bloggerin Bonnie Taylor-Blake erinnert zum Glück an die wahren Hintergründe des Namens Black Friday. Den Begriff hat die Polizei von Philadelphia geprägt, die während des Shoppingfreitags nach Thanksgiving in den Sechzigerjahren jeweils lückenlos im Dauereinsatz stand.

Der Black Friday ist also tatsächlich der traurige Feiertag des Kapitalismus, an dem die Händlerinnen den Konsumenten ein paar Rabattkrumen hinwerfen, die Letztere gierig an sich reissen – manchmal aus purer finanzieller Not, wie ein Forscher aus New York gar meint.

Schliesslich ist es aber vor allem ein schwarzer Tag für alle amerikanischen Angestellten. Für diejenigen, die nach Thanksgiving gerne Zeit mit ihrer Familie verbracht hätten. Aber aus Gründen der Umsatzsteigerung im Detailhandel um ihr Leben fürchten müssen.

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