Das heilige Feuer

Was ein katholischer Orden mit der Entdeckung von LSD zu tun hat. Und warum jahrhundertealte Gemälde einen Höllentrip zeigen. Teil I unserer Serie.

Von Michael Rüegg (Text) und Mrzyk & Moriceau (Illustration), 28.08.2018

Die Mönche bringen den unbekannten Kranken gleich in die Kapelle. Er bietet einen grässlichen Anblick. Vier Zehen sind abgefallen, die restlichen schwarz. Seine linke Hand ist nur noch ein Stummel. Der Mann lahmt und hat schreckliche Kopfschmerzen, stinkender Durchfall und Halluzinationen plagen ihn.

Wir schreiben das Jahr 1529, kein gutes für den unbekannten Kranken. Aber jetzt ist er hier, am einzigen Ort weit und breit, der ihm Hoffnung macht: im Kloster Isenheim im südlichen Elsass.

Er schaut auf zum Gemälde am Altar. Dort hängt am Kreuz der Erlöser. Und der sieht kein bisschen besser aus als er selbst. Jesu Körper ist gräulich grün, ein riesiger Nagel durchbohrt seine knorrigen Füsse. Dieses Leiden, das er für die Sünder zu ertragen hat! Damit sind doch die eigenen Schmerzen nicht zu vergleichen, überlegt der Kranke.

Während er die malträtierte Jesusfigur auf dem Gemälde betrachtet, spürt er, wie sich der Antonius-Wein in seinem Körper ausbreitet. Die Mönche im Kloster Isenheim im südlichen Elsass hatten dem Heilungssuchenden ihren Heiltrunk eingeflösst. Die Mixtur, die – zusammen mit der göttlichen Wirkung des Altars – das heimtückische Antoniusfeuer löschen soll, an dem so viele verenden.

Die magische Kraft eines Altarbildes

Auf den Seitenflügeln des Altars sieht der Kranke zwei ihm bekannte Heilige abgebildet: Sebastian, den Märtyrer, von Pfeilen durchbohrt, der trotzdem voll Zuversicht auf den Betrachter blickt. Und Antonius, ein Dämon versucht gerade, durchs Fenster zu ihm durchzudringen. Doch das scheint den Ordensheiligen der Antoniter nicht zu kümmern. Zu seinen Füssen wachsen Schlafmohn, Wegerich, Eisenkraut, Enzian, Klee und Hahnenfuss. Wahrscheinlich Zutaten jenes Trunks, der sich nun im Körper des Kranken ausbreitet.

Dieses Leiden. Diese Zuversicht. Diese göttliche Kraft, die das Bildnis ausstrahlt. Die Macht dieser Bilder wirkt überwältigend auf den Kranken. Und so tritt denn auch eines jener Wunder ein, für die Isenheim berühmt ist: Die Macht des Altars heilt unseren imaginären Kranken. Oder er stirbt. Nein, er ist keine historische Figur. Aber so ungefähr hat es sich zugetragen.

Heute steht der Isenheimer Altar nicht mehr in seiner originalen Kapelle, sondern wird ausgestellt im Museum Unterlinden in Colmar. Hierher gebracht wurde das Werk zu seinem Schutz während der Französischen Revolution. Gemalt hat es einst Matthias Grünewald. Fast fünf Jahre brauchte er dafür, bis es 1516 fertig war. Für 13 Euro Eintritt kann man heute alle Flügel gleichzeitig besichtigen, praktisch zerlegt und von den Architekten Herzog & de Meuron in Szene gesetzt.

Der Wandaltar ist eine Art Bildergeschichte: von der Geburt Jesu bis zur Kreuzigung, mit einem Seitenstrang über das Leben des heiligen Antonius. Wie er mit einem Eremiten in der Wüste philosophiert. Und wie er von einer wilden Schar Dämonen attackiert wird.

Hat der Isenheimer Altar tatsächlich Kranke geheilt? Nicht auszuschliessen. Ganz sicher hat er ihnen Mut gemacht. Sein Schöpfer entwarf die Sujets mit unglaublicher Empathie. Die Symptome des Antoniusfeuers tauchen vielerorts auf. Engel und heilige Figuren wirken seltsam entstellt, als würden sie alle unter Symptomen des Antoniusfeuers leidern – Identifikationsfiguren für die Kranken, die zum Altar aufschauten.

Der Trost, den das Gemälde ausstrahlt, war nicht zwingend die richtige Medizin. Aber auch nicht die falsche. Mentale Stresskontrolle ist derzeit in der Schmerztherapie wieder in Mode.

Auch die Zutaten des Antonius-Weins mögen die Dahinsiechenden nicht geheilt, aber ihre Symptome gelindert haben. In zeitgenössischen Arzneibüchern jedenfalls werden die Kräuter allesamt zur Wundheilung empfohlen.

Der Täter: Ein als Korn getarnter Pilz

Verantwortlich für Schmerzen und Tod ist im Fall des Antoniusfeuers der Mutterkornpilz Claviceps purpurea – ein Getreideparasit. Er bildet bei Roggen und anderen Gräsern einen kornähnlichen Körper. Auf diese Weise ähnelt er dem Korn selber, ist etwas dunkler gefärbt und meist grösser als die echten Körner. Mit dem Rest der Ernte gelangte er als blinder Passagier in die Speisen.

Verhängnisvoll oder hilfreich: Der Mutterkornpilz Claviceps purpurea auf einer Lithografie aus der «Naturgeschichte des Pflanzenreichs», 1869. Bildarchiv Hansmann/Keystone

Verhängnisvoll für diejenigen, die verseuchtes Korn assen: Der Pilz bildet verschiedene giftige Alkaloide, unter anderem Ergotamin, das die Gefässe verengt. Die Folge beim Verzehr: Durchblutungsstörungen und Lähmungen. Letztlich sterben Finger und Zehen ab.

Erstmals erwähnt ist eine Massenvergiftung mit dem Mutterkornpilz im Jahr 857 in Xanten am Niederrhein. Letztmals 1951 in Frankreich, mit 300 Betroffenen, sieben davon starben.

Der Mönch und mittelalterliche Universalschriftsteller Sigebert schrieb 1089: «Es war ein Seuchenjahr, besonders im westlichen Teil Lothringens, wo viele, deren Inneres das heilige Feuer verzehrte, an ihren Gliedern verfaulten, die schwarz wie Kohle wurden. Sie starben entweder elendig, oder sie setzten ein noch elenderes Leben fort, nachdem die verfaulten Hände und Füsse abgetrennt waren. Viele wurden von nervösen Krämpfen gequält.»

Das «heilige Feuer», das Sigebert beschreibt, hatte zur Gründung des Antoniterordens geführt. 1070 war das, in Saint-Antoine en Viennois, einem kleinen Dorf bei Grenoble. Der Bettelorden machte es sich fortan zur Aufgabe, die Krankheit mit dem Beistand des heiligen Antonius zu bekämpfen. 446 Jahre später war der Isenheimer Altar fertiggestellt, finanziert durch das adlige italienische Ordensmitglied Guido Guersi.

Herr Doktor sieht viele Farben

1943, Isenheim und Colmar sind von den Nazis okkupiert, tüftelt ein Chemiker in einem Basler Labor mit den Inhaltsstoffen des Mutterkornpilzes. Beim Selbstversuch wird ihm unwohl. Er radelt nach Hause, schliesst die Augen und hat kaleidoskopartige, farbige Visionen.

Über seine Velofahrt notiert er: «Alles in meinem Gesichtsfeld schwankte und war verzerrt wie in einem gekrümmten Spiegel. Auch hatte ich das Gefühl, mit dem Fahrrad nicht vom Fleck zu kommen. Indessen sagte mir später meine Assistentin, wir seien sehr schnell gefahren.»

Albert Hofmann, Sohn eines Werkzeugmachers aus dem Aargau, hat LSD entdeckt. Im Mutterkornpilz, der über Jahrhunderte Brot und Brei der Menschen vergiftet hat.

Der Pilz als Gebärhilfe

Um einen Eindruck von Hofmanns Trip (er hatte eine viel zu hohe Dosis eingenommen) zu erhalten, kann man abermals auf den Isenheimer Altar blicken. Auf das Tableau, auf dem der heilige Antonius in der Wüste von einem Dämonenheer attackiert wird. Ganz unten in der linken Ecke sitzt ein übel versehrtes Männchen, sein Körper angefressen und mit Geschwüren übersät, offensichtliche Symptome des Antoniusfeuers.

Hilflos blickt die Gestalt auf ein Heer höllischer Dämonen. Monster mit den Gesichtern von Raubvögeln und Bluthunden, mit Hirschgeweihen und Reptilienpanzern prügeln auf den wehrlosen Antonius ein. Ein schlechter Drogentrip, den man niemandem wünscht. Wie sich wohl ein vom Antoniusfeuer Befallener gefühlt haben muss, der diese Szenen – quasi auf LSD – betrachtet hat?

Dämonen peinigen den heiligen Antonius: Ausschnitt einer Tafel des Isenheimer Altars. M. Jörgens

Doch wo Schatten ist, ist immer auch Licht. Selbst die Alkaloide im Mutterpilz brachten nicht nur Tod, sondern auch Heilung. Bereits im Mittelalter schien deren positive Wirkung bekannt gewesen zu sein. Im 16. Jahrhundert wird Mutterkorn von englischen Hebammen als Wehenmittel eingesetzt, ab dem 17. Jahrhundert ist belegt, dass der Pilz zur Blutstillung nach der Geburt diente. Er kostet also nicht nur Leben – er rettet auch. Er wird vom Gift zum Heilmittel.

Noch heute werden Medikamente mit ähnlicher Wirkungsweise angewendet. Inhaltsstoffe des Mutterkornpilzes werden gegen Parkinson, Migräne und Bluthochdruck eingesetzt. Auch hier ist es die Dosis, die heilt – oder tötet.

Albert Hofmann war es, der im Mutterkornpilz das Rauschmittel entdeckte. LSD nur als Droge zu verteufeln, wird der Substanz nicht gerecht. Sie kann auch als Medikament dienen, ihre Erforschung ist noch lange nicht abgeschlossen.

Hier die Seuche, da das Medikament, dort der Rausch. Alles mehrere Seiten. Wie der Isenheimer Altar, mit seinen klappbaren Flügeln.

Diese dreiteilige Serie zu LSD entstand auf Initiative und mit fachlicher Beratung von Gerd Folkers, Pharmazeut und Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich.

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