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Vogelperspektive eines Freibads. Aus der Luft sehen die vielen Menschen im Schwimmbecken wie kleine Punkte aus, die Badetücher auf der Wiese rund um das Becken wie kleine Farbtupfer.
«Hast du den Eintritt bezahlt, gehörst du dazu»: Irena Brežná über das Schwimmbad als Vision einer Gesellschaft. Holger Weitzel/Imagebroker/Keystone

Das Zimmerwald-Manifest 2018

Wer die Heimat verliert, muss keine neue finden. Eingewanderte haben den Einheimischen sogar etwas voraus: Sie lernen, dass kulturelle Prägungen relativ sind. Nicht nur die eigenen.

Von Irena Brežná, 20.07.2018

Die Schweiz versteht sich inzwischen als ein Einwanderungsland. Dieser Umstand ist längst auf allen Ebenen der Gesellschaft sichtbar, doch inwieweit ist das Land mental für diese Umwälzung bereit? Dazu genügt nicht lediglich eine veränderte Demografie, ein Einwanderungsland braucht ein von der ganzen Gesellschaft getragenes Konzept, eine neue Qualität der Dynamik.

Ich wurde zu einer Diskussion über Einwanderung mit einem jungen syrischen Zahnarzt eingeladen. Blend war ein intelligenter und ehrlicher Gesprächspartner. Ich meinte, in seiner Schüchternheit all die Verletzungen des frisch Exilierten zu erkennen. Er erzählte jedoch, er habe schon immer eine zurückhaltende Art gehabt und diese habe in Syrien seltsam gewirkt. Die Schweizer Zurückhaltung allerdings übersteige seine eigene, sodass er hier als kommunikativ auffalle. Auf einmal sehne er sich nach der überbordenden Art seiner Landsleute, die ihn dort so genervt habe.

Zur Autorin

Irena Brežná, in der Tschechoslowakei geboren, lebt heute in Basel. Die Journalistin und Schriftstellerin schrieb für die Republik Anfang Mai über den slowakischen Frühling. Dieser Tage erscheint beim Rotpunktverlag, Zürich, ihr neues Buch «Wie ich auf die Welt kam – In der Sprache zu Hause». Wir publizieren ein Kapitel.

Blend bedauerte, dass ihm nach drei Jahren Schweiz sowohl seine kurdische Muttersprache als auch das Arabische nicht mehr flüssig über die Lippen kämen, bei jedem Wort zögere er einen Sekundenbruchteil. Mir ist diese Pause vertraut, und ich möchte sie nicht mehr missen. So tröstete ich als Veteranin das Greenhorn:

«Der Bruchteil der Sekunde ist ein Gewinn des Exils, der Anfang eines neuen Denkens. Im Anhalten überdenkt man die hergebrachten kulturellen Dogmen.»

Der Mittelfinger

Blend war ausgesucht höflich, auch wenn er über den Kulturschock sprach – an seinem ersten Tag in einem Alpental fuhren ein paar Dorfbewohner mit ausgestrecktem Mittelfinger am Asylheim vorbei.

Einen unsichtbaren Stinkefinger erlebe auch ich hie und da bis heute. Das Dazugehören muss täglich neu erkämpft, bewiesen werden. Einwanderer stehen unter Beobachtung, gar unter Generalverdacht, Unglück zu verursachen. Als wäre man lebenslänglich im Kindergarten und lernte Benimmregeln. Was sind das für Regeln, die ich nicht kennen soll? Sind es nicht universelle Werte, die ich teile?

Unter ständigem Rechtfertigungsdruck verliert man das selbstverständliche Recht, Fehler zu machen, jederzeit kann mir jemand pädagogisch auf die Pelle rücken. Aber es gibt einen Gewinn dabei. In der Position einer Aussenseiterin, in der ständigen Reibung – Aufgehobensein ist eher Ausnahme als Regel – habe ich Kampfbereitschaft entwickelt, die mich widerstandsfähig macht. Und da ich mich zu keiner Kultur bedingungslos bekennen muss, bin ich befreit von allerlei kulturellem Ballast.

Auch wenn ich nicht in der Rolle einer Theoretikerin des Multikulturalismus stecken bleiben will, bloss weil ich eine Betroffene bin, habe ich mich doch immer wieder schreibend damit auseinandergesetzt. So kam mir die Idee eines Gesellschaftsvertrags zwischen den Einheimischen und den Zugezogenen. Ich stelle mir eine Konferenz vor, an die Delegierte aus allen Bevölkerungsschichten strömen würden, um eine Bestandsaufnahme der Gesellschaft vorzunehmen und das Manifest für eine neue Schweiz vorzustellen. Und diese Schweiz definiert sich mehr über die Zukunft als über die Vergangenheit. Eine andere Utopie von Zimmerwald bei Bern sozusagen, keine Neuauflage der Konferenz von 1915, mit Lenin, Sinowjew und Trotzki.

Weisse Schäfchen, schwarzes Schaf

Während ich dies halbwegs ironisch meine, ist es mir ernst mit der Unnachgiebigkeit gegenüber der roten Wiese mit dem weissen Kreuz darauf, wo weisse Schäfchen ein schwarzes Schaf hinauskicken. Wenn die rechte Partei SVP das ganze Land mit Plakaten ihrer ausgrenzenden Gesellschaftsutopie zuklebt, befällt mich Fremdscham. An der kompromisslosen Ablehnung merke ich dann, dass ich wohl keine ideale Besetzung für eine Zimmerwald-Delegierte wäre, die mit den Schäfchenspaltern zu einem Konsens kommen müsste.

Inzwischen gibt es selbstbewusste Einwandererstimmen, die den Spiess umdrehen: Und Sie, sind Sie integriert in die neue, multikulturelle Schweiz? Wie passt man sich in einer pluralistischen Gesellschaft überhaupt an? Ein Widerspruch in sich. Eine solche Gesellschaft braucht kritische, eigenständige Geister und nicht Nachahmung des Mainstreams.

In unserer mobilen Welt wäre es an der Zeit, schon in der Schule die Erkenntnisse der Migrationsforschung zu vermitteln, sodass Jugendliche weder Angst vor der Auswanderung noch vor der Einwanderung bekämen, sondern sich nüchtern und wissenschaftlich mit dem globalen Phänomen und dessen Auswirkungen, mit dem facettenreichen Verhalten von Eingewanderten und den möglichen Reaktionen der Einheimischen vertraut machen würden. Dann hätten rechte Populisten weniger Erfolg mit ihrer Beschwörung der Gefahr durch die sogenannte Überfremdung.

In solch einer Einwanderungsgesellschaft fände eine schmerzvolle und befreiende Annäherung statt. Wir erzählten uns gegenseitig Geschichten von beiden Ufern, schöne, schreckliche, witzige. Der Fluss wäre derselbe für alle. Wer meint, man könne in einer Schweiz mit über einem Viertel Einwanderern leben, ganz ohne aufgerüttelt zu werden, hat nicht mit dem Talent, dem Selbstbewusstsein und dem Gestaltungswillen all derer gerechnet, die da sind und die noch kommen werden.

Im Schwimmbad

Es gibt einen Ort in Basel, wo mein Gesellschaftsideal schon verwirklicht ist. Niemand wird hier bevorzugt und niemand benachteiligt, Dutzende Sprachen ertönen, alle möglichen Körperformen befreien sich bis auf ein paar Stofffetzen und werden verletzbar. Und niemand nutzt diese Verletzbarkeit aus. Franzosen aus dem Elsass, wohl ursprünglich aus dem Maghreb, schwimmen neben Ex-Jugoslawinnen und Schweizerinnen. Aber wen interessieren solche Zuordnungen? Alle halten sich an die Regel in der Bahn, dass man rechts schwimmt – es braucht also doch verbindliche Regeln! Ich schwimme seit Jahrzehnten, und es war mir nicht bewusst, dass ich ins Schwimmbad nicht nur zum Schwimmen gehe.

Grosse nationale Gefühle sind Dampf, ich bade in keiner Nationalhymne mehr. Meine Landsleute sind Wasserleute, eine verschworene Gemeinschaft mit hervortretenden Schwimmbrillen und engen Gummis um die Köpfe, schnaufend, spritzend.

Was ist die Vision dieser entspannten und doch reglementierten Schwimmbadgesellschaft? Aus dieser Wiese, die nicht mit Nationalfarben übertüncht ist, wird niemand hinausgekickt. Hast du den Eintritt bezahlt, gehörst du dazu. Der Rahmen ist vorgegeben, die Inhalte füllen wir selbst. Übertreibe ich es mit der Huldigung eines profanen Ortes und schmälere den politischen Ansatz, wenn ich mich Sommer für Sommer mit dem Bild des Wasserbeckens und der Wiese samt all den badenden, liegenden, hüpfenden, unverbindlich miteinander plaudernden bunten Schäfchen begnüge?

«Heimat»

In der Emigration ist mir ein Heimatorgan gewachsen, mit dem ich jahrelang auf der ganzen Welt nach Ersatzheimaten wie nach Goldadern suchte, bis ich bemerkte, dass ich mich in meinem Schwebezustand durchaus gemütlich eingerichtet hatte. Das ständige Gefühl des Mangels ist der Bejahung des undefinierbaren Zustandes gewichen, der mir statt der Abhängigkeit von der Wärme jene Kühle schenkt, in der der freie Geist gut gedeiht. Der Begriff Heimat ist angesichts dieses Gewinns überflüssig geworden. Ich kann eine vollwertige Bürgerin sein ohne Heimatduselei.

Doch bei jedem Interview, an jeder Veranstaltung werde ich mit Fragen nach dem Ankommen in der Schweiz konfrontiert. Es wird erwartet, dass ich mich zur Schweiz als zu meiner neuen Heimat bekenne. Der Wunsch nach dem geografischen Benennen des Konjunkturwortes Heimat ist bei den Einheimischen auf jeden Fall ausgeprägter als bei mir. Ich werde regelrecht in die «neue Heimat» gedrängt, als wollte ich selbst nichts sehnsüchtiger.

Sich nicht am Boden niederzulassen, sondern den Schwebezustand auszuhalten, mag den Integrationsfanatikern als bockige Verweigerung erscheinen. Es gibt das Bedürfnis nach klarer Einordnung, während Zwischentöne überhört werden. Auch bei meinen zu Hause gebliebenen Landsleuten gibt es die Vorstellung von einem reibungslosen Eintauchen der tschechoslowakischen Emigranten in die neue Gesellschaft, man weiss sie in der fernen Wohlfühlecke aufgehoben. Auf Widerspruch können gereizte Reaktionen folgen. Das Image der Schweiz als Sehnsuchtsort will sich jenseits der Donau kaum jemand nehmen lassen. Ich stifte Verwirrung, greife zu neuen soziologischen Begriffen – zum Glück gibt es sie jetzt –, die dem freien Schweben eine Legitimität verleihen: hybride, offene, fluide Identität, transnationale Selbstverständlichkeit, Dritter Raum. So schütze ich mich gegen die Anmassungen der Eindeutigkeit.

René Descartes schreibt, dass ihm in seiner Jugend die Sitten und Meinungen anderer lächerlich und exzentrisch vorkamen, bis er die geistige Anstrengung auf sich nahm und sich vorstellte, wie er mit seiner Kultur wiederum auf andere wirken mochte. Descartes plädierte für eine authentische, von kulturellen Prägungen befreite Begegnung.

Kulturen und Religionen geben uns allerlei Dogmen mit auf den Weg, als Antwort auf die Herausforderung unserer Existenz, zufällige Krücken für das Zurechtkommen auf der Erde, und sie halten die menschliche Natur, die ja nicht die Güte selbst ist, zum Beispiel durch anerzogene Höflichkeit in Schach. Weder brauchen wir die kulturellen Werte zu negieren noch uns mit ihnen zu identifizieren. Allein das Bewusstsein davon, wie relativ und wandelbar sie sind, befähigt uns dazu, sie in einer Balance zu halten.

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