Rasen ist das perfekte Luxusgut: Die Gartenparty der Queen am Buckingham Palace (1957). Burt Glinn/Magnum Photos/Keystone

Pflanze der Macht

Tennis in Wimbledon, die Fussball-WM in Russland – moderne Gladiatorenkämpfe werden auf Rasen ausgetragen. Wie kam es zu dieser absurden Karriere einer absolut nutzlosen Pflanze?

Von Constantin Seibt, 03.07.2018

Schon immer war Sport ein treuer Bruder der Macht: als Sprungbrett, als Bühne, als Versteck.

1. Julius Caesar

Julius Caesar begann seine Karriere mit einer kühnen Investition. Er steckte ein Vermögen in Gladiatorenkämpfe – die erstaunlichsten, die Rom je gesehen hatte: Das Kolosseum wurde für eine Seeschlacht geflutet, im Finale kämpften zwei 500 Mann starke Heere, unterstützt von je 300 Reitern und 20 Streitelefanten. Dass er sich dabei in Schulden stürzte, war dem jungen Mann egal. Er wusste, dass es sich lohnte. Jeder ausgegebene Sesterz verwandelte sich in politisches Kapital: die Begeisterung der Massen von Rom.

Erst als Caesar zum Heerführer in Spanien ernannt wurde, bekam er ein Problem. Die Gläubiger versuchten, seine Abreise in die Provinz zu verhindern. Schliesslich bürgte der reichste Mann Roms für ihn – Marcus Crassus, in der sensationellen Höhe von 830 Talenten. (Was umgerechnet der grössten Flotte der Antike entsprach – ein Talent kostete ein komplett ausgerüstetes Segelschiff.)

Ein Dutzend Eroberungs- und Bürgerkriege später wurde Caesar zum Diktator auf Lebenszeit ernannt – was elegant seine Schulden erledigte. Doch bis zum Ende blieb Caesar ein Politiker, der Geld nur als Rohstoff für Macht sah. In seinem Testament vermachte er jedem einzelnen römischen Bürger 300 Sesterze. Er wusste noch als Toter, wie man die Herzen der Republik von Rom gewinnt.

Die seinetwegen aufgehört hatte, eine Republik zu sein.

2. Eine Pflanze mit Bediensteten

Diesen Juli kollidieren zwei der drei grössten Sportereignisse des Planeten: Momentan wird in Wimbledon Tennis gespielt. Und bei der Fussball-Weltmeisterschaft in Russland läuft die dramatische K.-o.-Phase.

Diese zwei Wochen versprechen ein Spektakel, das – wie in der Antike – einen unaufhaltsamen Aufstieg tarnt. Denn die Aufregung über die Duelle verbirgt den stillen Eroberungsfeldzug von dem, was beiden Spektakeln gemeinsam ist: einer Pflanze, die eine Karriere gemacht hat, die eines Caesar würdig wäre – dem Rasen.

Von dem verblüffenden weltweiten Siegeszug einer Pflanze, sich die Menschen untertan zu machen, berichten Fernsehstationen und Zeitungen nur am Rand.

Bei der Fussball-WM las man zuvor etwa von der Firma Peiffer, einem Rasenspezialisten in Deutschland. Dieser lieferte speziell widerstandsfähigen Fussballrasen mit einer Karawane von 22 Kühllastwagen in die russische Stadt Samara. Dort wurde er ausgerollt, seitdem wird er von einer Truppe von Profis gewalzt, bewässert, gelüftet, geschnitten, nachgepflanzt – gepflegt wie sonst nur der Körper einer Königin von einer Schar von Zofen und Kammerdienern. Und das für drei WM-Spiele.

Präzision auf Weidelgras: Ein Rasenplatz in Wimbledon bekommt seine Linien. Dan Kitwood/Getty Images

In Wimbledon kümmert sich der Chef-Rasenpfleger Neil Stubley um die 19 Tennisplätze. Für perfekte 8 Millimeter Weidelgras führt er ein Team von 30 Menschen. Sein populärster Mitarbeiter ist jedoch ein Tier: der Falke Rufus. Rufus’ Spitzname ist: «Real Hawk Eye». Sein Job: Vogelschreck. Während der zwei Turnierwochen kreist Rufus jeden Morgen von 5 bis 9 Uhr über der Anlage, um die Tauben zu verschrecken, die zuvor durch Landung auf den Rasenplätzen den Turnierverlauf störten.

Als Rufus von einem Autodieb 2012 entführt wurde, war das eine nationale Sache. Der «prominenteste Vogel Grossbritanniens» überlebte unversehrt. Und hat heute einen eigenen Twitter-Account: @rufusthehawk.

3. Der grösste Betrug der Geschichte

Kein Autor hat die Unterwerfung des Menschen durch Pflanzen so eindringlich geschildert wie der israelische Historiker Yuval Noah Harari. In seinem Buch «Eine kurze Geschichte der Menschheit» beschreibt er den grössten Fehler der Menschheit: die landwirtschaftliche Revolution.

Zwar gilt allgemein das Sesshaftwerden als entscheidender Fortschritt. Doch denkt man mit Harari nach, kommt man zu einem anderen Ergebnis: In den 2,5 Millionen Jahren als Jäger und Sammler hatten die Menschen ein abwechslungsreiches Leben, einen abwechslungsreichen Speiseplan und ebenso interessante wie leichte Aufgaben: Die Nahrungsbeschaffung dauerte rund vier Stunden. Der Rest war Freizeit.

Als vor zehntausend Jahren während einer Wärmeperiode die Menschen an mehreren Orten der Welt ernsthaft mit Landwirtschaft begannen, setzten sie für ihre Ernährung auf die sehr wenigen Tier- und Pflanzenarten, die sich von ihnen manipulieren, kontrollieren, also züchten liessen. Hauptnahrung wurde eine einzige Spezies: der Weizen – eine enorm heikle und anspruchsvolle Pflanze, die ständig Arbeit brauchte.

Das Leben änderte sich dramatisch: Plötzlich war man dem Klima, den Schädlingen und den Seuchen in den engen Behausungen ausgeliefert – vor allem die Kinder starben nun wie die Fliegen. Bei Dürren entvölkerten sich ganze Landstriche. Die Arbeitszeit explodierte, ebenso die Gewalt: 15 Prozent der Bevölkerung, 25 Prozent der Männer starben eines gewaltsamen Todes. Angewiesen auf ihre Behausung und ihr Land waren die Menschen Räubern und Soldaten ausgeliefert – wer sein Haus verlor, verlor seine Existenz.

Der Gewinn an Effizienz durch geplante Produktion wurde durch das Bevölkerungswachstum aufgezehrt. Der einzige Vorteil des Weizens war, dass man auf ihn Steuern erheben konnte: Zum ersten Mal konnten organisierte Königreiche entstehen. Aber davon profitierte nur eine winzige, im Luxus lebende Elite.

Der Rest profitierte kaum. Erst im 19. Jahrhundert – nach zehntausend Jahren Schweiss, Krieg, Dürre und Seuchen – stieg das allgemeine Lebensniveau über das der Jäger-und-Sammler-Zeit.

Hararis Folgerung: Nicht der Mensch hat den Weizen unterworfen, sondern umgekehrt der Weizen den Menschen.

Er eroberte durch seinen hungrigen Domestiken den Planeten.

4. Der Rasen

Während der Beginn der Zivilisation auf einer parasitären Pflanze beruhte, gründet der Beginn der Moderne auf einer Bakterie – der Pest.

Im Spätmittelalter trafen mehrere Pestwellen Europa. Die schlimmste davon vernichtete bis zu einem Drittel der Bevölkerung. Dadurch schufen die Bakterien etwas Entscheidendes: die Konzentration von Vermögen. Zuvor war das Erbe der grossen Adelshäuser immer weiter durch Nachkommen zersplittert worden. Plötzlich starben ganze Familienzweige aus.

In Norditalien gründeten reich gewordene Überlebende Banken, sie eröffneten Handelswege, unterstützten Künstler und Forscher, bauten Städte und Heere aus und lieferten sich Intrigen und Kriege um Geld, Land und den Papstthron. Die Renaissance begann.

In Südfrankreich (und später auch in England) hingegen blieben die alten Adelsgeschlechter stabiler an der Macht. Die nun weit vermögenderen Herzöge erfanden etwas anderes, um ihren gewachsenen Reichtum zu demonstrieren: den Rasen.

Rasen ist eine absurd teure, absurd nutzlose Pflanze: Sie verlangt dauernde Pflege – wird der Rasen nicht regelmässig gedüngt, bewässert, geschnitten, nachgesät, stirbt oder verwildert er sofort. Dafür liefert er niemandem den geringsten Nutzen: Tiere können nicht darauf weiden. Nicht einmal mehr als eine Handvoll Insektenarten können in ihm leben.

Kurz: Rasen ist das perfekte Luxusgut. Unbequem, unbrauchbar, unerschwinglich, aber weitherum sichtbar.

Der Rasen um die grossen Schlösser war für Unbefugte nur unter schweren Strafen begehbar – und auch die Herzöge betraten ihn nur zu speziellen Gelegenheiten: bei grossen Feierlichkeiten wie einer Taufe, einer Hochzeit oder zu Empfängen.

Kein Wunder, konnte man den finanziellen Zustand des Herzogs bereits von weitem erkennen. Kam die Familie in Schwierigkeiten, war das erste Budget, das man strich, das für den Rasen: Er verwilderte.

In den Jahrhunderten danach zogen die kleineren Adligen den grossen Vorbildern nach: Auch sie legten Rasen um ihre Landhäuser an.

Das taten sie so natürlich wie möglich. Beziehungsweise nach der aktuellen Mode der Philosophie: Im rationalen Frankreich, wo man Mathematik für die Natur der Natur hielt, waren Rasenflächen, Bäume, Büsche in Rhomben, Kegel, Quadrate geschnitten. Im romantischeren England baute man Wasserfälle, verwunschene Teiche und Grotten. Letztere waren in besseren Häusern mit professionellen Einsiedlern besiedelt. (Es gibt kaum etwas Künstlicheres als das, was man für Natur hält.)

Ende des 18. Jahrhunderts gerieten die Adligen in Schwierigkeiten. Die Demokratie feierte erste Erfolge – wirklich entscheidende mit dem Sieg der Revolution in den Vereinigten Staaten von Amerika. Und das Erste, was die siegreichen Republikaner taten: Sie pflanzten Rasen an.

Wenn man heute durch Washington bummelt, fallen einem die enormen, seltsam unmotivierten Rasenflächen auf: rund um das Capitol, das Weisse Haus, den Obelisken, die Memorials – sie waren die Zeichen der neuen demokratischen Macht.

Ist der Rasen in einem guten Zustand, ist es die Familie auch: England im Jahr 1962. Chris Steele-Perkins/Magnum Photos/Keystone

Als Europa nachzog, zog der Rasen mit: Bis heute finden sich um die Institutionen des bürgerlichen Staates – Parlamente, Bürgermeisterämter, Universitäten, Gerichte – gepflegte Rasenflächen.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Arbeiter, Angestellten und Manager plötzlich wohlhabend wurden, war das Erste, was sie taten: Rasen anlegen. Vor den Einfamilienhäusern der Vorstädte entstanden überall kleine Vorgärtenrasen. Das typischste Geräusch des Wirtschaftswunders war das Gebrumm von Rasenmähern am Wochenende.

Und wie tausend Jahre zuvor bei den Herzogen in Südfrankreich kann man seitdem den Zustand einer Familie oft schon von aussen ablesen: Treffen die Familie Streit, Einsamkeit oder Schulden, verwildert der Vorgarten.

5. Aus der Geschichte lernen

Der Grund, warum der Mensch sich vom Weizen betrügen liess, war laut Harari: Weil es so langsam ging. Erst wuchs der Weizen an Lagerplätzen und oft begangenen Pfaden, dann versuchte man nach und nach, diesen systematisch zu vermehren, mehr und mehr zu arbeiten – in der Hoffnung, ein besseres, sichereres Leben zu haben.

Paradoxerweise, so Harari, führte eine lange Reihe von kleinen Verbesserungen zu einer fundamentalen Verschlechterung. Und als die Bevölkerung in den Anbaugebieten zu sehr gewachsen war, gab es kein Zurück in den Dschungel mehr: Die Menschen sassen in der Falle.

Beim Rasen hingegen schwitzen nun Millionen von Menschen bei der Pflege eines über tausendjährigen, feudalen Symbols – eine uralte Illusion des Königlichen macht sie zu Dienern.

Laut Harari könnte man aus der Geschichte also lernen: erstens, dass viele kleine Optimierungen keinesfalls Fortschritt bedeuten müssen. Zweitens, dass man im Wissen um die Absurdität eines Symbols dieses zur Seite lassen kann. (Und sein Wochenende lieber in einem Steingarten verbringt.)

Wirklich, Herr Harari?

Denn der Irrsinn überliefert sich hartnäckiger als die Vernunft. In diesen Wochen werden wir wie die Bürger Roms vor zweitausend Jahren begeistert den Gladiatorenkämpfen zusehen – den klassischen Duellen in Wimbledon. Und den Heerkämpfen in Russland. Die in den absurd teuren, unbrauchbar grossen Arenen spielen, die ein Diktator im Nirgendwo seines Landes erbauen liess.

Und das im Juli – dem Monat, der nach dem kühnsten Sportveranstalter der Geschichte benannt ist.

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Sie haben in diesem Artikel viele Worte gelesen …

… aber die wichtigsten drei fehlten. Seit je beruht jede funktionierende Gemeinschaft auf diesen drei Worten. Liebende sagen sie zueinander. Gute Politiker sagen sie ihren Wählern, gute Priester ihrer Gemeinde, gute Eltern ihrem Kind. Sie lauten: Fürchte dich nicht! – Wir von der Republik glauben, dass auch im Journalismus gilt, was Franklin D. Roosevelt einst zur Politik sagte: «Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst.»


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