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Ich gebe es ehrlich zu: ich habe Mühe mit Transmenschen. Nicht mit den Menschen an sich. Jeder Mensch soll sich kleiden dürfen und sich so geben dürfen, wie Mensch das möchte. Damit habe ich kein Problem. Was mir jedoch grosse Mühe bereitet, ist der extreme, auf die Spitze getriebene, binäre oberflächliche Stereotyp von Frausein und Mannsein, welches anscheinend das Transmensch sein ausmacht: Frauen haben sich zu schminken, lange lackierte Fingernägel zu haben, hohe Schuhe zu tragen etc.
Dadurch, dass durch Transmenschen solche stereotypen (Rollen-)bilder des anderen Geschlechts angenommen werden, wird diese Schubladisierung nicht verwischt, sondern paradoxerweise und schlimmerweise noch mehr verstärkt.
Es erstaunt mich daher auch nicht wirklich, dass Transmenschen so gerne in Amerikanischen Serien porträtiert werden. In der Amerikanischen Kultur werden Stereotypen und insbesondere Genderstereotypen grossgeschrieben. So trägt zum Beispiel kein amerikanisches Mädchen trägt kurze oder kinnlange Haare. Nein, wirklich lange Haare müssen es sein. Sonst passt Sie nicht ins System und ist ein Freak eine Aussenseiterin.
Damit habe ich Mühe denn das Frausein oder Mannsein bestimmt sich für mich absolut nicht durch Äusserlichkeiten. Ist jemand weniger eine Frau, wenn sie ihre Haare kurz tragen möchte? Ich hasse Schminke, lange Fingernägel und in hohen Schuhen, kann ich nicht gehen (wieso kriegen übrigens Männer bequeme Schuhe und Frauen Folterinstrumente?). Was erreicht man durch so eine Fokusierung auf äusserliche Genderstereotypen anstatt auf die Menschen?

Das, was eine Frau ausmacht, ist für mich eindeutig die biologische Erfahrung, die Erfahrung aufgrund vom Geschlecht /"sex". Als Frau ist das die Menstruation, der hormonelle Zyklus,welcher mehr beeinflusst als den Meisten bewusst ist. Und es sind Krankheiten, die zum Beispiel nur Frauen bekommen können, aufgrund ihrer Biologie und hormonellen Unterschiede. Krankheiten, welche jedoch aufgrund der Genderstereotypen bzw. Sexismus, schlecher erforscht und dadurch weniger gut behandelbar sind als Krankheiten von Männern oder solchen, die beide Geschlechter betreffen.
Denn Frauen und ihre Schmerzen nahm und nimmt man noch immer nicht wirklich ernst.
Migräne ist zum Beispiel keine Ausrede, sondern eine ernstzunehmende genetische und hormonell verstärkte Krankheit. Eine Frauenkrankheit. Endometriose ist nicht einfach ein bisschen Menstruationsbeschwerden. Es ist eine äusserst schmerzhafte Krankheit. Eine Frauenkrankheit. Genauso wie Frauen mit Lipödem nicht einfach dicke jammernde Frauen sind. Nein, sie haben eine äusserst schmerzhafte chronische fortschreitende Krankheit, eine Frauenkrankheit, welche immer dicker und dicker macht und welche fast nicht erforscht ist, da man Frauen generell und vorallem dicke Frauen, die über Schmerzen klagen schlicht nicht ernst nimmt. Genauso wie Frauen mit PCOS nicht einfach dicke faule Frauen sind, die ständige Cremeschnitte essen. Nein es sind Frauen mit einer hormonellen Krankheit, einer Frauenkrankheit, denen man mit dem heutigen Stand der Forschung in der Endokrinologie sogar problemlos helfen könnte, wenn man denn eine anständige Diagnose machen würde, anstatt sie jahrelang fälschlicherweise damit abzufertigen sie sollen weniger essen und mehr Sport machen. Aber es ist ja nur eine Frauenkrankheit.

Hier hat es also zu interessieren ob jemand eine Frau oder ein Mann ist. Denn die Diagnosestellung und Behandlung hängt davon ab.

Ansonsten interessiert es mich herzlich wenig ob jemand eine Frau ein Mann oder ein Transmensch ist, es sind alles Menschen, soll jemensch tragen und tun und aussehen was und wie jemensch will!

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Sehr geehrte (Frau) Anonymous. Ich unterstütze sehr ihr feministisches Bemühen, dass die Medizin - und mit ihr die Gesellschaft - geschlechterspezifische Krankheiten, Schmerz- und Leidenserfahrungen ernster nimmt und stärker in den Mainstream trägt.

Was jedoch ihre Charakterisierung von Transmenschen anbelangt, laufen Sie Gefahr, eine trans-exkludierende Position einzunehmen. Eine Position, die sich letztlich in Widersprüche verstrickt (die in diesem Cartoon auf den Punkt gebracht werden). Und entlang folgender Dichotomien verläuft:

Toleranz vs. Exklusion: „Mensch soll sich kleiden dürfen und sich so geben dürfen, wie Mensch das möchte.“ Aber nicht nach dem „binären oberflächlichen Stereotyp von Frau-sein und Mann-sein“. Sie dürfen alles, aber nicht alles! Ihr Zusatz lautet noch: „welches anscheinend das Transmensch sein ausmacht“. Doch dieses Urteil ist wiederum ein Stereotyp von Transmenschen, also ein verallgemeinerndes Vorurteil. Womöglich liegt es auch an der (westlichen) heteronormativen Gesellschaft und deren medialer Logik, dass nur solche, die bestimmten Normen entsprechen privilegiert werden? Doch gibt es auch auch bei Transmenschen eine Diversität an Lebensformen. Und dürfen etwa Cis-Frauen, die selbstbestimmt Normen entsprechen, sich nicht Feministinnen nennen? Wenn ja, warum nicht auch norm-konforme Trans-Frauen?

Innen vs. Aussen: Sie charakterisieren das Trans-Sein als etwas Äusserliches, wenn Sie von „kleiden dürfen“, „sich so geben dürfen“, „tragen und tun und aussehen“ und „oberflächliche“ „Äusserlichkeiten“ sprechen (das Sie noch – s. o. als amerikanisches Stereotyp abwerten). Was Sie jedoch geflissentlich ausblenden, ist, dass das Trans-Sein v. a. auch das Innere involviert, die Trans-Identität. Und diese kann sich schon sehr früh, bereits in der Kindheit, zeigen. Und klar, Andere „erkennen“ sie „von Aussen“ nur durch den „gezeigten Ausdruck“, aber d. h. nicht, dass er sich nur darauf reduzieren lässt. So wie bei einem selbst ja auch nicht.

An sich vs. Für sich: Entsprechend sprechen Sie von „Menschen an sich“, also (abstrakten) Gattungswesen, die als solche gleich sind und trotz oberflächlicher Äusserlichkeiten immer Menschen bleiben. Und von Menschen für sich, deren spezifische innere Selbst-Erfahrung jedoch wiederum wesentlich, d. h. „was sie ausmacht“, von der Biologie, d. h. Anatomie determiniert wird. Für diese Position müssten sie aber die ganze Dimension des Für sich, also des individuellen menschlichen Bewusstseins ausblenden, ja ontologisch leugnen. Die Position würde also nicht nur Identitäten, sondern auch Gender leugnen.

Ablehnung und Anerkennung von Binarität: Einerseits lehnen Sie die Binarität des genders ab, die traditionell, also von patriarchalen Autoritäten, durch die Biologie legitimiert worden ist. Andererseits begründen Sie ihre Position durch die Binarität des biologischen Geschlechts, sozusagen als matriarchale Autorität, die Transfrauen als ontologisch fixierte biologische Männer aus der Kategorie „Frau“ ausschliesst - und Transmänner als ontologisch fixierte biologische Frauen in die Kategorie „Frau“ einschliesst.

Essentialismus und Existentialismus: Damit fällt die Position letztlich in einen biologistischen Essentialismus zurück, den der Feminismus seit Simone de Beauvoir zu überwinden trachtete. Es ist, als würde man - analog zum Comic - sagen, dass die Schublade, in die wir seit der Geburt gesteckt worden sind, unser Leben nicht weiter determinieren soll, es aber wichtig sei, dass niemand die Schublade verlässt, in wir seit der Geburt gesteckt worden sind.

Ich kann nachvollziehen, weshalb bestimmte Feministinnen streng über die Grenzen wachen wollen. Doch der Preis, der dafür gezahlt werden muss, entrichten „die Anderen“, indem ihnen ihre Realität genommen wird – wie schon von patriarchaler, heteronormativer Seite. Die normativen Machtstrukturen werden also spiegelbildlich reproduziert.

Die Grundfrage lautet also: Sind ihrer Meinung nach Transfrauen „Frauen“ und Transmänner „Männer“? Das heisst, respektieren und akzeptieren Sie deren selbstbestimmte Geschlechteridentität - oder nicht? Anerkennen Sie also deren Realität - oder nicht? Oder sind sie für Sie irreal, unwirklich und nur äusserlicher Schein?

Ich glaube jedoch, dass die Anerkennung von Transfrauen als Frauen, dem Feminismus, als einem inklusiv-universalen emanzipatorischen Projektes wie auch ihren Bemühungen um Anerkennung der geschlechterbedingten Prekarität, nicht schadet, sondern im Gegenteil, ihn durch die breitere Allianz sogar noch stärkt.

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Liebe Leserin, vielen Dank für die interessanten und differenzierten Ausführungen! Sicher: populäre Serien, Filme, TV - also das, was unsere Autorin Karin Cerny in ihrem Artikel betrachtet - arbeiten mit Klischees, Überspitzungen, Vereinfachungen. Das gilt nicht nur für den Transgender-Bereich. zeigt aber auch hier, dass das gesamte thematische Feld (wenn man es so nennen kann) für eine breitere Öffentlichkeit relevant im Sinn von «sichtbar» wird, statt tabu zu bleiben. Herzliche Grüsse!

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Sicher hat es etwas oberflächliches, wenn sich Transmenschen so sehr über ihr Aussehen und Rollenbilder definieren. Allerdings leben sie ja auch in einer oberflächlichen Welt. Viele Nicht-Transmenschen unterwerfen sich doch genauso den gängigen Rollenklischees, wenn sie sich damit wohlfühlen sei ihnen das gegönnt.

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Ich habe mich bei diesem Beitrag etwas an der Wortwahl gestört; "Schwule und Lesben" anstelle von "schwule und lesbische Personen" - finde das macht einen grossen Unterschied. Auch der Satz "Unter dem immer länger werdenden Kürzel LGBTIQ [...], damit sich auch asexuelle Personen inkludiert fühlen" wirkt irgendwie zynisch.

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Liebe/r Anonymous, bitte entschuldigen Sie meine Saumseligkeit, aber ich will trotzdem unbedingt noch reagieren auf Ihren Post. Die Sprache ist im Wandel, genau wie die Wahrnehmung der Realität, die sie abzubilden versucht. Wir orientieren uns an zeitgemässen Guides für Medien wie zum Beispiel diesem: https://www.blsj.de/projekte/schoener-schreiben/

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(durch User zurückgezogen)