Vielleicht ist sie süchtig nach Ballett, auf jeden Fall ist sie darin heillos verliebt: Laura Fernandez-Gromova.

«Ich vermisse Moskau. Ich vermisse das Theater. Ich vermisse mein Leben»

Die Schweizer Balletttänzerin Laura Fernandez-Gromova ging nach Moskau, um ein Star zu werden. Dafür gab sie alles. Dann kam der Krieg. Und damit das Ende ihres Traumes.

Von Manuela Enggist (Text) und Julien Pebrel (Bilder), 19.05.2022

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Der Krieg holt sie alle. Er ist wie ein Spürhund, er findet die Träume, auch wenn sie gut getarnt sind in hohen Räumen mit hohen Fenstern und schweiss­getränkter Luft. Er findet sie und lässt sie zerplatzen wie eine Nadel eine Seifenblase.

Diese Geschichte beginnt nicht in Moskau, obwohl das ein passender Anfang wäre – im Stanislawski- und Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheater, in diesem hohen Raum mit den hohen Fenstern und der schweiss­getränkten Luft, in dem junge Menschen jeden Tag an ihren Karrieren arbeiten. Der Krieg hat den Raum entleert und die Träume darin entsorgt. Auch den Traum der Schweizer Ballett­tänzerin Laura Fernandez-Gromova, die nach Russland ging, um ein Star zu werden.

Nein, diese Geschichte beginnt Anfang März 2022 in einem Café beim Bahnhof Enge in Zürich. Hier treffe ich Laura Fernandez-Gromova, die blasser und schmaler ist, als ich sie in Erinnerung habe. Sie löffelt langsam den fettfreien Milch­schaum von ihrem Cappuccino, ihre dunklen Haare hat sie zu einem Zopf gebunden, der ihr bis über die Hüfte reicht. Ich habe die 24-Jährige zuletzt im vergangenen November in Moskau gesehen. Dort ist sie Ballett­tänzerin am Stanislawski- und Nemirowitsch-Dantschenko-Musik­theater, neben dem Bolschoi-Theater das wichtigste Opernhaus der russischen Haupt­stadt. Seit zwei Jahren tanzt sie als Erste Solistin in dieser Ballett­kompanie.

Als Russland am 24. Februar die Ukraine angreift, ruft Lauras Vater sie an. «Er sagte mir, dass ich nach Hause kommen müsse. Dass mein Leben in Russland nun vorbei sei.» Durch das Café-Fenster beobachtet sie die Menschen, die draussen die erste Frühlings­sonne geniessen. Sie wirkt müde, angeschlagen. «Ich habe mein ganzes Leben als Tänzerin in diesem Land verbracht. Russland ist meine zweite Heimat», sagt sie. In keinem Land werde so schön getanzt, mit so viel Liebe und Hingebung. «Und nun wird das alles untergehen.»

Am 24. Oktober 2021 hatte Laura Fernandez-Gromova von all dem noch keine Ahnung. Es ist ein Sonntag kurz nach 10 Uhr, ein normaler Arbeitstag für die Ballett­tänzerin. Sie sitzt in diesem hohen Raum mit den hohen Fenstern am Boden, ein Trainings­saal auf der dritten Etage, der Blick zum Fenster hinaus geht zu einer weissen Haus­fassade. Das Theater liegt 20 Gehminuten vom Kreml entfernt. Ein belebtes Quartier. Internationale Luxus­geschäfte reihen sich an Filialen amerikanischer Kaffee­ketten.

Laura trägt Leggings und Perlen­ohrringe, ihr blasses Gesicht ist geschminkt. Sie hat ihren Oberkörper über ihre Beine gelegt. Sie dehnt, wärmt ihren Körper so auf, dass er während des Trainings all die Drehungen und Sprünge übersteht.

Tänzerinnen und Tänzer betreten den Raum. Manche grüssen, manche nicht. Viele tragen grosse Taschen unter den Arm geklemmt. Daraus ziehen sie Hand­tücher, Stretch­bänder und Verbands­zeug. Sie wappnen sich für den Kampf gegen den eigenen Körper. Auf weisse Verbände folgt schwarzes Tape. Laura klebt sich über ihren grossen rechten Zeh etwas, das aussieht wie ein übergrosses Konfetti. Sofort schmiegt sich das hellblaue Etwas an ihre Haut. Prüfend tippt Laura den Fuss auf den Boden. Sie nickt, stopft drei Taschen­tücher in ihre rosafarbenen Spitzen­schuhe, bevor sie diese über die Füsse stülpt. Second skin heisst das hellblaue Wunder­mittel. Eine zweite Haut, importiert in einer weissen Dose aus den USA. Ohne sie könnte Laura vor Schmerzen nicht tanzen.

Dehnen, bis die Tränen fliessen

Laura wächst in Pfäffikon im Kanton Schwyz auf. Sie ist 6 Jahre alt, als sie beginnt Ballett zu tanzen. Es ist ihre Mutter Natalia Fernandez-Gromova, eine gebürtige Ukrainerin, die ihr die musischen Künste näherbringt. Sie schickt ihre Tochter zum Klavier­unterricht, zum Ballett, in einen Sprachkurs für Russisch. Als Laura 9 ist, weiss sie, dass sie Ballett­tänzerin werden will.

Ein Jahr später fliegt ihre Mutter mit ihr nach Russland, lässt die 10-Jährige am weltweit grössten Theater für Ballett und Oper vortanzen, dem Moskauer Bolschoi-Theater. Laura überzeugt die Direktorin der Schule, Marina Leonowa, eine einstige Prima­ballerina. Tausende Kinder versuchen jedes Jahr, an der Moskauer Staatlichen Akademie für Choreografie angenommen zu werden. Diese ist dem Bolschoi-Theater angegliedert und gilt als eine der härtesten Ballett­schulen der Welt.

Doch Lauras Mutter hat plötzlich Zweifel. Sie sorgt sich, dass ihre Tochter mit 10 Jahren zu jung ist, um allein in Russland zu leben. Laura sagt: «Ich erinnere mich, dass ich traurig war, dass ich nicht dort zur Schule gehen durfte. Ich hätte es mir zugetraut, allein in Russland zu leben.» Die Familie Fernandez gibt den Ausbildungs­platz ab. Laura absolviert stattdessen eine Ballett­ausbildung an der Zürcher Tanzakademie.

Ihr Vater Francisco Fernandez, der Gründer des Software-Unternehmens Avaloq, ist kein Fan ihrer Pläne. «Er hätte es lieber gesehen, wenn ich eine konventionelle Ausbildung gemacht hätte», sagt Laura. «Er findet das Ballett eine brotlose Kunst, die es auf der Welt nicht braucht.» Diese Einstellung ihres Vaters habe sie jedoch nur noch mehr angespornt, die Beste werden zu wollen. Und ihr Vater habe sie trotz seiner Missbilligung immer gepusht. «Als ich 12 Jahre alt war, sagte er zu mir: Es nützt nichts, wenn du Ballett machst und nur hinten stehst. Du musst an Wettbewerben teilnehmen, um aufzufallen, um Erfolg zu haben. Nur so wirst du in einer guten Ballett­kompanie engagiert werden.»

Also beginnt Laura im Alter von 13 Jahren, an Wettbewerben vorzutanzen. In Solothurn, in Berlin, in den USA. Mal gewinnt sie, mal wird sie Zweite. Sie fällt auf. Und wird eingeladen, das letzte Jahr ihrer Ausbildung an der Waganowa-Ballett­akademie in Sankt Petersburg zu absolvieren – neben der Ballett­schule des Bolschoi die grösste Talent­schmiede in Russland. Die damals 16-Jährige zieht nach Sankt Petersburg. Der jungen Schweizerin kommt nun zugute, dass sie Russisch kann, denn der Ballett­unterricht findet ausschliesslich in der Landes­sprache statt. Doch trotz ihrer Sprach­kenntnisse sei es schwierig gewesen, Anschluss zu finden, erzählt sie. Die anderen Tänzerinnen seien ihr gegenüber skeptisch und abweisend gewesen. «Als Ausländerin bist du immer diejenige, die einer Russin den Platz wegnimmt.»

Weil Laura keine Freunde findet, trainiert sie umso mehr. Zweimal pro Woche hängt sie abends um halb neun nach dem regulären Training noch eine zweistündige Stretching­stunde bei einer Gymnastik­lehrerin an. Nur wenige andere Tänzerinnen machen dies ebenfalls. «Ich ging zu einer Russin, die meine Muskeln weiterdehnte, auch wenn ich vor Schmerzen schrie. Am Ende liefen mir die Tränen nur so runter. Aber ich fand das gut.» Schmerzen gehören für Laura zum Tanzen dazu.

Laura, bist du ehrgeizig?
Ja, ich denke schon. Ich will eine erfolgreiche Tänzerin sein. Eine Prima­ballerina. Um dies zu erreichen, muss ich mein ganzes Leben auf das Ballett ausrichten. Sonst schaffe ich es nicht.

Hast du dir nie gewünscht, an Partys gehen zu können? Zu einem Abend­essen mit Freunden?
Ich überlege mir manchmal schon, wie es wäre, richtige Freunde zu haben. Aber ich kenne kein anderes Leben. Seit ich denken kann, stand immer das Training im Fokus. Ich bin nach der Schule in die Tanz­akademie gerannt, dann weiter zum Training. So war es schon immer.

Im Februar 2016 nimmt Laura am renommierten Tanzwettbewerb Prix de Lausanne teil und gewinnt vier Auszeichnungen. Sie erhält ein Stipendium, kann weltweit unter 33 Ballett­akademien auswählen. Gleichzeitig macht ihr Yuri Fateev ein Angebot, der Ballettchef des Mariinsky-Theaters in Sankt Petersburg. Er will, dass sie sich seiner Ballett­kompanie anschliesst. Sie sagt zu: «Ich war damals so jung und hatte keine Vorstellung davon, was ich genau wollte. Aber ich spürte, dass Russland mir eine gute Heimat sein würde.» Mit 18 Jahren wird sie Teil des Corps de Ballet, tanzt im Ensemble von Tänzerinnen ohne solistische Aufgaben. Es ist die unterste Stufe in der Tanz­hierarchie.

Oligarchen hinter den Kulissen

An jenem Sonntagmorgen im Oktober 2021 in Moskau ist das Aufwärmen vorüber. Es ist 11 Uhr. Trainerin Natalia Ledovskaya tritt in einer violetten Adidas-Jacke in den Raum. Sie zählt zu Lauras Mentorinnen, hat selber jahrelang an diesem Theater als Prima­ballerina gearbeitet, tanzte also auf der höchsten Stufe. Mehr gibt es im Ballett nicht zu erreichen. Wie so viele, die ihre Karriere beenden müssen, ist die Russin danach als Coach am Theater geblieben.

28 Tänzer stehen an der Barre, der Stange, die als Gleichgewichts­hilfe dient. Auf das Kommando der Trainerin gehen sie in das Demi-Plié, eine Kniebeuge, ohne dass sie dabei die Fersen vom Boden abheben. Immer und immer wieder wiederholen sie die gleichen Bewegungen – Bewegungen, die sie seit Jahren täglich üben. Pullover werden ausgezogen, auf den Stirnen bilden sich Schweiss­perlen.

Trainiert wird an sechs Tagen pro Woche, jeweils am Dienstag haben die Tänzerinnen frei. Wer mehr als drei Mal pro Monat fehlt, etwa weil er krank ist, wird auf einem Zettel notiert, der für alle einsehbar in einer grossen Vitrine hängt. Gut 100 Ballett­tänzerinnen sind am Stanislawski- und Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheater angestellt. Nur 5 davon stammen aus dem Ausland.

Das Leben von Laura Fernandez-Gromova sind Bewegung, Schritte, Sprünge, Tanz.

Als Schrittabfolgen und Sprünge geübt werden, verlassen einige Tänzer den Raum. Das sei okay, sagt Laura. «Die Trainer haben nichts dagegen. Wir können unseren Körper ja selber am besten einschätzen.» Sie selber sei noch nie früher gegangen. «Das würde mich den ganzen Tag verfolgen. Ich würde mich ständig fragen, ob es nicht genau dieser Sprung gewesen wäre, der mich weiter­gebracht hätte.»

An diesem Abend wird «Romeo und Julia» aufgeführt. Auf der Website des Theaters wird dem russischen Oligarchen Roman Abramowitsch für die Unterstützung gedankt. Darauf angesprochen schüttelt Laura den Kopf. Davon habe sie nichts mitbekommen. «Es interessiert mich auch nicht. Aber es ist schon so, dass die Oligarchen und die Ballettwelt in Russland zusammen­gehören.»

Vor allem am Bolschoi-Theater gebe es immer wieder Gerüchte. «Oligarchen sollen dort dafür bezahlen, dass mittelmässige Tänzerinnen die begehrtesten Rollen erhalten.» Zum Beispiel die Julia in «Romeo und Julia» oder die Rollen von Odette und Odile in «Schwanensee». Das sind die Parts, die eigentlich Prima­ballerinas vorbehalten sind. «Im Gegenzug schlafen die Tänzerinnen mit diesen Männern.» Laura schüttelt wieder den Kopf. Das merke man dem Bolschoi-Theater auch an. «Da tanzen Menschen, die es bei uns am Theater noch nicht mal in das Corps de Ballet schaffen würden.»

Keine Freunde. Gar nichts

Als Laura 2016 am Mariinsky-Theater in Sankt Petersburg anfängt, begreift sie zum ersten Mal, wie die Welt des Balletts funktioniert. «Ich erkannte, dass ich mich von nun an selber motivieren muss, um jeden Tag die Beste zu sein.» In der Schule hatte sie Coaches, die sie immer wieder antrieben. «Sie sagten mir, ich sei zu dick, zu unbeweglich, meine Sprünge seien nicht hoch genug. Wenn du das jeden Tag hörst, fällt dir das Training leicht, weil du ja Erfolg haben willst.»

Am Mariinsky-Theater müssen die über 200 Tänzerinnen selber schauen, dass sie fit bleiben. Das habe sie «mega gestresst», sagt Laura. Doch statt zu resignieren, trainiert sie so viel wie noch nie. «Ich habe mir jeden Schritt von jedem Ballett eingeprägt, auch wenn ich selber gar nicht im Stück tanzen durfte.»

Weil Laura keine Lust hat, am Abend allein zu Hause zu sitzen, geht sie in Sankt Petersburg nach dem Training ins Fitness­studio und macht Bodylifting, Pilates, Kraftübungen, Floor Barre. Bei einer Grösse von 1,64 Meter wiegt sie noch 44 Kilo. Manchmal trainiert sie 16 Stunden am Tag, ausser Ballett gibt es nichts in ihrem Leben. Und es gibt niemanden, der sie aufhält: «Meine Eltern waren weit weg, sie haben das nicht mitbekommen. Und Freunde hatte ich ja keine.» Das habe sie nicht gestört: «Ich war damals überzeugt, dass ich mir selber im Leben genüge. Dass ich niemanden brauche. Keine Freunde. Gar nichts.»

Auf der Bühne des Mariinsky-Theaters läuft es gut für Laura. Obwohl sie dem Corps de Ballet angehört, tanzt sie schnell Rollen, die Soloauftritte beinhalten. Damit habe sie andere Tänzerinnen verärgert. «Eigentlich ist die Hierarchie klar. Wer im Corps de Ballet ist, tanzt keine Solos.» Eifersucht ist omnipräsent: «Die Rechnung ist einfach. Es gibt in den meisten Stücken nur wenige Rollen für Frauen, die Solos beinhalten. Und in jeder Kompanie viele junge Frauen, die ehrgeizig sind.»

Rotkäppchen und der Putin-Freund

Laura ist also auf dem besten Weg, im Mariinsky-Theater in Sankt Petersburg aufzusteigen, als sie im Sommer 2019 eine E-Mail bekommt, die alles verändert. Der Absender: Polunin Ink, die Produktions­firma von Sergei Polunin, einem Ballett­tänzer mit ukrainischen Wurzeln. Er ist ein Superstar. Und Lauras grosses Vorbild. «Er hat das geschafft, was nur wenige Tänzer erreichen. Er ist auch ausserhalb der Ballettwelt berühmt geworden.» Mit 19 Jahren wird er Primo­ballerino am Royal Ballett in London. «Das hat so jung noch niemand geschafft. Er ist genial. Ein Genie.» Laura spricht lauter, schneller, wenn sie von Sergei Polunin erzählt. Weil er so jung berühmt geworden sei, sei er ein wenig «crazy» geworden.

Nach drei Jahren in London kündet Sergei Polunin den Job, der für einen Tänzer den Olymp bedeutet. Er stürzt ab, nimmt Drogen. Mit einem Video des Choreografen David LaChapelle, in dem er zum Lied «Take Me to Church» des Musikers Hozier einen Kampf gegen sich selber tanzt, wird Sergei Polunin einem breiten Publikum bekannt. Er tätowiert sich den russischen Präsidenten Wladimir Putin auf die Brust und äussert sich auf Social Media despektierlich über Schwule und übergewichtige Menschen.

Und nun fragt das Enfant terrible der Tanzszene also die Schweizer Ballett­tänzerin, ob sie mit ihm in Moskau in seiner Neuinszenierung von «Rotkäppchen und der Wolf» tanzen wolle. Sie ist das Rotkäppchen. Er der Jäger. Zuerst habe sie an einen Scherz gedacht. Doch als die Produktions­firma nochmals nachhakt, habe sie realisiert, «dass sie mich tatsächlich wollen».

Sie fleht ihren Chef an, sie zwei Monate freizustellen. Als er sie nicht gehen lassen will, kündigt Laura. «Ich habe mit mir gerungen. Ich durfte am Mariinsky-Theater tolle Rollen tanzen. Ich hatte mir da einen Namen gemacht. Ich hatte all meine Energie investiert, um aufzusteigen.» Laura weiss: An einem anderen Theater wird sie wieder von vorne beginnen müssen. «Doch wenn ein Polunin fragt, ob du mit ihm tanzt, dann sagst du nicht Nein.» Die Rolle des Rotkäppchens geht normaler­weise an die Prima­ballerina einer Kompanie. Und nun sei ihr das Stück auf den Leib choreografiert worden, sagt Laura. «Das wäre schon sehr dumm gewesen, wenn ich diese Chance nicht genutzt hätte.»

Als im November 2019 die Proben zum Stück beginnen, ist Laura am ersten Tag zwei Stunden zu früh dran. Sie muss warten, bis ihr der Hausmeister die Tür aufschliesst. Ihre Ehrfurcht vor Sergei Polunin ist gross. «Er ist der beste Tänzer der Welt. Ich war noch nie so nervös.» Und dann sei er plötzlich vor ihr gestanden. «Ein zurückhaltender und netter Mensch.» Und der beste Tanzpartner, den sie je haben werde. Im Gegensatz zu anderen Tänzern habe er ihr nie die Schuld gegeben, wenn etwas nicht geklappt habe. «Er hat immer gefragt, was er machen kann, damit es für mich einfacher wird.»

Hast du jemals darüber nachgedacht, seiner Eskapaden wegen nicht mit ihm zu tanzen?
Nein. Warum sollte ich?

Es gab Opernhäuser, die Sergei Polunin wieder ausgeladen haben. Die Pariser Oper beispielsweise.
Er hat sich ja mittlerweile gefangen. Er hat nun eine Partnerin und einen kleinen Sohn. Ihm geht es gut. Dieser Monat mit Sergei gehört neben der Geburt meiner kleinen Schwester Mercedes zur besten Zeit in meinem Leben.

Moskau, Oktober 2021. Während Laura nach der Probe zum Supermarkt eilt, tippt sie auf ihrem Handy herum. Sie kommt sonst nicht dazu, ihre Mails und Nachrichten zu beantworten. Manchmal mietet sie sich auch einen Scooter, um schneller vorwärts­zukommen. Aber vor einem Jahr wurde sie damit von einem Auto angefahren, brach sich die Nase, hatte eine Gehirn­erschütterung. Danach habe sie zwei Tage nur wenig trainieren können. «Ich muss besser aufpassen, damit ich nicht nochmals so einen Ausfall habe.»

Im Supermarkt kauft Laura Salat, Lachs, eine grosse Packung Eier, Protein­riegel und eine Packung Tworog, ihre liebste russische Spezialität, eine Mischung aus Hüttenkäse und Quark. «Ich esse das zum Frühstück. Manchmal träufle ich noch ein wenig Honig darüber.» Ihr Gewicht sei mitverantwortlich für ihren Erfolg, sagt Laura. Deswegen achte sie täglich darauf. Werde sie zu schwer, hätten ihre Partner Mühe, sie zu heben. «Ich zähle dazu aber keine Kalorien. Ich weiss genau, was mein Körper verträgt.» Pizza, Pasta oder Pommes esse sie nie, sie habe auch keine Lust darauf. Wobei das auch daran liegen könnte, dass es sieben Jahre her sei, dass sie zum letzten Mal Pommes gegessen habe.

Mit 24 Jahren ist Laura in Tiflis angekommen. Wie es im Sommer weitergeht, das weiss sie nicht.

Nachdem ihr Engagement mit Sergei Polunin beendet ist, muss sich Laura einen neuen Job suchen. Sie will in Russland bleiben. «Ich liebe den hohen Stellenwert, den das Ballett in diesem Land hat.»

«Ich muss die Beste sein»

Im Januar 2020 kann Laura am Bolschoi-Theater in Moskau vortanzen. «Das ist die Bühne aller Bühnen in Russland. Als junges Mädchen habe ich immer gesagt, dass ich da als Prima­ballerina tanzen will.» Ebendiese Bühne sorgt aber auch immer wieder für Skandale. 2013 wird der künstlerische Leiter des Theaters Opfer eines Säure­attentats und schwer verletzt. Auftrag­geber soll ein Solist gewesen sein, der später vor Gericht sagte, er habe sich bei der Rollen­vergabe übergangen gefühlt.

Das Theater ist bekannt für seinen rauen Umgangston, die Konkurrenz giftig und stark. Das spürt auch Laura, als sie dort vortanzt. Der Direktor habe permanent rumgeschrien. Da habe sie gespürt, dass sie dort eigentlich nicht tanzen wolle. Hingegen fühlt sie sich «sofort wohl», als sie am Stanislawski- und Nemirowitsch-Dantschenko-Musik­theater vortanzen und ein paarmal mittrainieren darf. Es fällt ihr positiv auf, dass der Leiter bei den Trainings oft anwesend ist und nicht nur die Solisten, sondern auch die Tänzer im Corps de Ballet korrigiert.

Moskau im Oktober 2021. Kaum hat Laura die Tür zu ihrer Wohnung geöffnet, springt ihr Katie um die Füsse, ihr Zwergpudel. Eigentlich habe sie keine Zeit für ein Haustier. «Aber es ist schön, dass jemand da ist, wenn ich nach Hause komme.» Wenn sie rausgehe, lasse sie immer den Fernseher an, sie habe gelesen, dass sich Hunde so weniger einsam fühlen. Die Wohnung ist spärlich eingerichtet. Kartons stehen herum. In einer Ecke liegen rosafarbene Ballett­schuhe. Später wird Laura zu Abend essen, Lachs mit ein wenig Gemüse. Danach wird sie noch Yoga machen, bevor sie sich ins Bett legt.

Ob sie manchmal einsam sei, frage ich sie an diesem Sonntag in ihrer Wohnung. Laura überlegt einen Moment. «Ja, manchmal schon. Immer öfter eigentlich. Ich habe gemerkt, dass es wichtig ist, neben dem Ballett noch andere Dinge im Leben zu haben.» Deswegen treffe sie sich nun regelmässig in einem English Club mit anderen jungen «Internationals» zum Reden und um Spiele zu spielen. «So habe ich zum ersten Mal seit meiner Primarschul­zeit auch Menschen kennen­gelernt, die nichts mit Ballett zu tun haben.»

Im September habe sie zudem zum ersten Mal seit sieben Jahren ihren Geburtstag gefeiert. Mit dabei waren zwei Tänzer aus dem Theater, zwei Bekannte ihrer Eltern sowie eine neue Freundin. Sie waren in einem Club, tanzten. Laura trank Wodka Shots und ass einen kleinen Kuchen. Alkohol ist normaler­weise tabu. Zu viele Kalorien. Zu sinnlos. «Es gibt Leute im Theater, die gehen regelmässig in den Ausgang.» Sie könnte das nicht. «Ich wäre nicht zu der Leistung fähig, die ich von mir erwarte.»

Entbehrung für eine Chance auf Erfolg. Laura kennt kein anderes Leben. Vier Wochen Ferien hat sie pro Jahr, im Sommer, wenn keine Vorstellungen sind. In diesem Jahr war sie für zehn Tage auf Mallorca bei ihren Eltern, danach mit anderen Tänzerinnen auf Tour durch Japan. Trainiert hat sie an jedem einzelnen Tag. Während ihre Familie am Strand badete, schwitzte sie in einem Studio, das sie sich extra gemietet hatte. Ihr Vater finde das übertrieben. «Er sagt immer: Roger Federer trainiert ja auch nicht jeden Tag.» Dann antworte sie: «Wir stehen jeden Tag in jedem Training auf dem Prüfstand. Wir müssen immer alles geben. Spitzen­sportler müssen das nicht.»

Bist du süchtig nach Ballett, Laura?
Vielleicht schon. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur sehr verliebt ins Ballett. Wenn ich tanze, dann fühle ich mich frei. Dann kann ich Laura sein und alles andere vergessen. Dann bin ich am glücklichsten. Und damit ich möglichst viele Momente auf der Bühne erleben kann, muss ich gut sein. Ich muss die Beste sein.

In Russland, im vergangenen Oktober, beginnt ein neuer Tag. Laura wird mit dem Hund rausgehen, im Fitness­studio trainieren, dann mit der Hand am Handy ins Theater eilen. Sie wird im «Nussknacker» tanzen. Und sich freuen, weil sie eine grosse Rolle bekommen hat. Drei Monate hat Laura noch in dem hohen Raum mit den hohen Fenstern und der stickigen Luft. Mit der Hoffnung, einst eine Primaballerina in Russland zu sein. Dann wird der Krieg ihren Traum finden und zerstören.

Die Ersparnisse bleiben in Russland

Am 24. Februar ruft ihr Vater an und sagt ihr, Russland habe die Ukraine angegriffen. Sie müsse sofort nach Hause kommen. «Ich dachte an meinen Cousin, der in der Ukraine lebt. Und danach dachte ich, dass ich Russland nicht verlassen will.» Laura ist mit ihrem ukrainischen Pass am Theater angestellt. «Mein Vater sagte mir fast schon panisch, dass ich den Pass niemandem zeigen soll. Da habe ich zum ersten Mal Angst bekommen.»

Laura zögert. Obwohl ihre Eltern darauf drängen, bucht sie nicht sofort einen Flug in die Schweiz. «Irgendwie hoffte ich, dass sich das alles klären würde. Ich war nicht bereit, mein Leben in Russland aufzugeben. Ich habe hart dafür gearbeitet, um dorthin zu kommen, wo ich war», sagt Laura an diesem Frühlingstag im «Starbucks» in Zürich.

Zwei Tage nach Kriegsbeginn spricht sie mit dem Ballett­direktor, der selber aus Frankreich stammt. «Er sagte mir, dass er nicht wisse, was er machen solle. Er sei gegen den Krieg. Aber es gebe Tänzerinnen und Tänzer, die nur seinetwegen an dieses Theater gekommen seien. Er habe eine Verantwortung für sein Gewissen, aber auch für diese Menschen.»

Am nächsten Tag sagt der Direktor den Tänzerinnen, dass er gekündigt habe. «Er sagte, er könne unter diesen Umständen nicht weiter­machen. Ich habe noch nie so viele Menschen weinen sehen.» Viele der Tänzer hätten gewusst, dass Krieg herrscht. Dass Russland die Ukraine angegriffen hat. «Viele meinten, dass sie nun von Europa gehasst würden. Sie waren wütend, weil ihnen Putin auch ihr Leben genommen hat.»

Laura beschliesst an diesem Sonntag, Russland zu verlassen. Der General­direktor des Theaters, Andrei Borisow, habe versucht, sie umzustimmen. «Er sagte mir, dass er uns schützen würde. Dass er nicht auf die internationalen Tänzerinnen verzichten könne. Aber auch ich konnte es nicht mit mir vereinbaren, in Moskau zu bleiben.»

Laura erhält sechs Monate unbezahlten Urlaub. Vor der Abreise versucht sie, an das Geld auf ihrem Sparkonto zu kommen. Die Bank­angestellten vertrösten sie über mehrere Tage, bis sie schliesslich sagen, dass keine Auszahlung möglich sein werde. Sie muss ihre Ersparnisse zurücklassen.

Einen der letzten Flüge der Swiss lässt Laura verstreichen. Sie hätte ihren Hund nicht mitnehmen können. Am nächsten Tag gibt es keine internationalen Flüge mehr. Laura kommt an ein Zugticket nach Sankt Petersburg, reist mit dem Bus weiter nach Helsinki, um von dort in ihre Heimat zurück­zufliegen. Noch während sie unterwegs ist, schreibt sie Christian Spuck, Ballett­direktor am Opernhaus Zürich, und fragt, ob sie bei ihm mittrainieren könne.

Vier der fünf internationalen Tänzer des Stanislawski- und Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheaters haben Russland mittlerweile verlassen. Der Kanadier ist zurück in seiner Heimat, der Brasilianer hat sich Auditions in Prag und Deutschland organisiert. Die Amerikanerin, die als Primaballerina am Theater angestellt ist, hat Laura geschrieben und gefragt, wie sie es aus Russland rausgeschafft habe. «Ich denke, dass auch sie gehen wird.» Der hohe Raum mit den hohen Fenstern wird langsam leerer.

Mit den russischen Tänzerinnen hat Laura keinen Kontakt. Aber sie hat gehört, dass einige mittlerweile den Krieg befürworten. Dass sie glauben, Wladimir Putin wolle Russland nur beschützen. Noch weiss sie von niemandem, der seine Heimat verlassen hat.

Angst vermischt mit Trauer

Zürich, März 2022. Lauras Kaffeetasse ist leer. Sie erzählt von ihren zwei Onkeln und dem Cousin, die in der Ukraine leben, in Mariupol. In der Stadt also, die besonders heftig angegriffen wird. Ihre einzige Hoffnung sei, dass alle irgendwo in einem Bunker in Sicherheit seien. «Es muss einfach so sein. Mein Cousin Daniel ist erst 20 Jahre alt.»

Drei Tage lang habe sie geweint, als sie in die Schweiz zurück­gekommen sei. «Aber dann habe ich mir gesagt, dass es nichts bringt, wenn ich mich von allem runterziehen lasse.» Sie hat aufgehört, die Nachrichten auf Telegram mitzuverfolgen. «Aber vor dem Einschlafen holen mich die Sorgen um meinen Cousin trotzdem ein. Ich bin froh, dass ich das Tanzen noch habe. Das lenkt mich ab.» Angst vermischt sich mit Trauer. «Ich vermisse Moskau. Ich vermisse das Theater. Ich vermisse mein Leben.»

In der Schweiz will Laura nicht bleiben. Das Programm am Opernhaus Zürich ist ihr zu modern. Es ist ein schwieriger Zeitpunkt, eine neue Anstellung zu finden. Die meisten Opernhäuser haben ihre Castings für die Saison bereits beendet. Trotzdem schreibt Laura E-Mails an diverse Ballett­kompanien und schickt Videos, die sie beim Tanzen zeigen.

Zwei Wochen nach ihrer Rückkehr aus Moskau reist Laura nach London, um beim Birmingham Royal Ballet vorzutanzen. «Das ist leider gar nicht meine Welt hier», sagt sie am Telefon. Das Niveau sei tief. Zudem gefalle ihr Birmingham nicht. Die Stadt erinnere sie an dunkle Orte aus Walt-Disney-Filmen, wo Bösewichte und Hexen lebten. Sie reist weiter nach London, um am Royal Ballet mitzutrainieren, «die beste Adresse für Ballett­tänzerinnen in Europa». Doch obwohl sie dem Direktor positiv auffällt, bekommt sie keinen Vertrag. «Ich soll mich in zwei Jahren nochmals bei ihm melden.»

Mitte April reist Laura nach Georgien. Die künstlerische Leiterin des Georgischen National­balletts hat ihr eine Stelle als principal dancer angeboten. Damit steht Laura eine Stufe höher als die Solistinnen der Ballett­kompanie. «Dieses Angebot habe ich angenommen, ohne jemals hier gewesen zu sein», sagt Laura, als sie aus Tiflis anruft. Doch sie sei zufrieden mit ihrer Entscheidung: Sie könne noch etwas lernen, und die anderen Tänzerinnen seien nett zu ihr.

Wie es für sie im Sommer weitergeht, weiss sie noch nicht. Sie hat kürzlich auch noch ein Angebot aus San Francisco erhalten. Eine Rückkehr nach Moskau schliesst sie mittlerweile aus. «Denke ich an Russland, denke ich an Krieg.» Zu viel habe ihre Familie verloren. Ihr Cousin lebt noch, ebenso ihre beiden Onkel – aber einer hat bei einem Luftangriff seine Frau verloren. «Wenn ich nun an mein Leben in Moskau zurückdenke, kommt mir alles so unwirklich vor.» Sie versuche sich nun etwas Neues aufzubauen. Das Leben gehe weiter. Ob mit Krieg oder ohne.

In einer früheren Version haben wir geschrieben, Chorleiter Stanislav Lykov habe versucht, Laura Fernandez-Gromova zum Verbleib in Moskau zu überreden. Es war nicht Lykov, sondern Andrei Borisow, General­direktor des Theaters.

Zur Autorin

Manuela Enggist besuchte die Ringier-Journalisten­schule und ist seither als freie Journalistin unterwegs. Sie schreibt am liebsten Porträts und Reportagen, unter anderem für «Das Magazin», die «Annabelle» oder den «Beobachter». Diese Recherche wurde durch ein Stipendium des Reporter:innen-Forums unterstützt.

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