Theorie & Praxis

Es beginnt mit den Tieren und endet mit uns

Tanja Busse: «Das Sterben der anderen»

Zuerst verschwanden die Insekten. Doch längst droht der ganzen Tierwelt das Massensterben. Ein Sachbuch liefert alarmierende Fakten.

Von Bernhard Kegel, 06.09.2019

Die Windschutzscheibe als Phänomen – hier ein insekten­gesprenkeltes Exemplar aus Newcastle in Australien im Jahr 2003 – darf seit einiger Zeit in keinem Beitrag zum Thema Insektensterben fehlen. Trent Parke/Magnum Photos/Keystone

Wir befinden uns in einer fundamentalen Krise der Biodiversität. Und offenbar ist dabei die Windschutz­scheibe von grosser Bedeutung.

Schon in den ersten Presse­berichten über das Insekten­sterben tauchte sie auf, weil sie heute eben auch nach längerer Fahrt sauber ist. Das gilt überregional, in England spricht man vom windscreen phenomenon. Seit geraumer Zeit darf dieses Phänomen in keinem Beitrag zum Thema Insekten­sterben fehlen, und ich, ein gelernter Insekten­kundler, konnte es anfangs gar nicht glauben, was ich da las, hielt es für einen peinlichen Zynismus. Sind saubere Windschutz­scheiben wirklich das Erste, was euch dazu einfällt?, dachte ich.

Ich habe eine Weile gebraucht, um zu begreifen, dass die Windschutz­scheibe als eine Art Sonde dient, als Sichtfenster in eine Welt, die den meisten Menschen mittler­weile verschlossen ist. Sinnlich erfahren lässt sich dieses stille Sterben der Insekten ja sonst kaum, zumal im hektischen Getriebe der Städte, in denen die meisten von uns leben. Ausserdem haben wir verlernt, die Natur zu lesen, und uns daran gewöhnt, dass es um uns herum immer einsamer wird – paradoxer­weise gerade im weiten Land.

Wir stehen vor einem noch nie da gewesenen Problem. Mit den Insekten droht ein wesentlicher Teil der terrestrischen Nahrungs­netze wegzubrechen, mit Folgen für alle, die als Nahrung oder Bestäuber auf sie angewiesen sind. Der Gedanke drängt sich auf, dass der ebenfalls dramatische Rückgang der Brutvogel­arten mit dem Sterben der Fluginsekten zu tun haben könnte.

Die Insekten-Apokalypse

Man könnte darin, sofern man zu apokalyptischen Vorstellungen neigt, so etwas wie den Anfang vom Ende sehen, zumindest die Androhung eines solchen. Die «New York Times» titelte Ende letzten Jahres: «The Insect Apocalypse Is Here».

Der Skandal ist ein doppelter. Zum einen, weil wir es – wider besseres Wissen – mit unserer zerstörerischen Landnutzung überhaupt so weit haben kommen lassen. Zum anderen, weil der Niedergang der arten­reichsten Tiergruppe, der Insekten, von vielfach belächelten, wissenschaftlich aber durchaus geschulten Laien aufgedeckt wurde – während Forschungs­institute, Naturschutz­behörden und Bundes­ämter anscheinend nichts davon mitbekommen hatten. Erst nach dem Weckruf durch die Ehrenamtlichen des Entomologischen Vereins Krefeld, der schliesslich um die Welt ging, wird es in Deutschland nun eine regelmässige Überwachung der Insekten­bestände durch staatliche Stellen geben.

Die Umwelt­journalistin Tanja Busse hat soeben ein umfangreiches Buch zum Thema vorgelegt: «Das Sterben der anderen». Die anderen, das sind die Pflanzen und Tiere dieser Welt, nicht nur die Insekten Mittel­europas, auf die Tanja Busse sich weitgehend beschränkt, obwohl sie weiss und betont, dass viel mehr auf dem Spiel steht.

«Es geht um uns alle», schreibt sie. «Es ist das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Das Sterben der anderen wird unser eigenes sein.»

Das Massenaussterben ist ganz nah

Das Sterben der Insekten und Vögel ist Teil einer globalen Diversitäts­krise, der ersten, die, soweit wir wissen, von einer einzigen Art, dem Homo sapiens sapiens, ausgelöst wird. Eine Million Tier- und Pflanzen­arten könnten in den kommenden Jahrzehnten aussterben, prophezeit eine viel beachtete Studie. Und wenn sich an den Bedingungen nichts Entscheidendes ändert, dann ist danach wohl die zweite Million an der Reihe.

Das sechste Massen­aussterben der Erd­geschichte, das die amerikanische Journalistin Elizabeth Kolbert zum Thema eines Pulitzerpreis-gekrönten Buches machte, ist plötzlich ganz nah. Es findet nicht mehr nur in irgend­welchen entlegenen Welt­gegenden statt, in Eiswüsten oder Regen­wäldern, wo exotische Wildtiere wie Eisbären oder rosafarbene Flussdelfine für immer zu verschwinden drohen, sondern mitten unter uns. Wenn deshalb, wie bei der soeben zu Ende gegangenen Artenschutzkonferenz in Genf, Handels­verbote etwa für Elfenbein und Nashorn erstritten werden, ist das zwar uneingeschränkt zu begrüssen. Wir sollten allerdings keinem Trugschluss erliegen: Das Arten­sterben wird auch alte Bekannte unserer heimischen Fauna und Flora treffen.

Von wem müssen sich die Schweizerinnen bald verabschieden: von Zipfelfaltern und Blauschwarzem Eisvogel, von Lerche und Gartenrotschwanz?

Dass seltene und hoch spezialisierte Arten aussterben könnten, ist indes lange bekannt. Was wir aber tatsächlich und zunehmend erleben, ist etwas anderes, sehr viel Dramatischeres, auf das man uns in dieser Form nicht vorbereitet hat: das Verschwinden der Tierwelt in ihrer ganzen Breite.

Die Vernichtung der Tierwelt

In Europa leben heute 420 Millionen Vögel weniger als noch vor dreissig Jahren, ein Verlust, der sich vor allem bei ehemals häufigen Arten wie zum Beispiel Star und Haus­sperling auswirkt, die in Gross­britannien heute sogar auf der Roten Liste der bedrohten Vogelarten stehen. Diese – man muss es so nennen – Vernichtung der globalen Tierwelt wird als ein Kennzeichen des Anthropozäns angesehen, jenes gegenwärtigen Erdzeitalters also, in dem der Mensch zum prägenden geologischen Faktor geworden ist. Wissenschaftler sprechen von «Defaunation», ein Wort, das mir Tränen in die Augen trieb, als ich es das erste Mal las.

Die Archäologen der Zukunft werden in den entsprechenden geologischen Schichten nicht nur grosse Mengen an Müll und Schrott finden, sondern vor allem einen beispiel­losen Einbruch der Vielfalt von Tier- und Pflanzenwelt feststellen, ein Massen­sterben. Sollte man deshalb statt von Anthropozän nicht lieber von «Nekrozän» sprechen, wie es der junge amerikanische Historiker Justin McBrien von der University of Virginia tut? Es sterben ja nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern auch Menschen, Sprachen, Kulturen.

Vor diesem Hinter­grund hat Tanja Busse mit der thematischen Beschränkung, die sie sich auferlegte, eine kluge Entscheidung getroffen. Es war das Bienen- und Insekten­sterben bei uns in Europa, das viele Menschen wachrüttelte. Und «Das Sterben der anderen» ist auch so schon eine aufwühlende Lektüre, ohne uns all die anderen finsteren Szenarien im Detail vor Augen zu führen: das Ausbleichen der Korallen­riffe, die Überfischung der Ozeane, das Abholzen der Wälder, die Lebensraum­zerstörungen überall in der Welt, um nur einige Beispiele zu nennen.

Tanja Busse lässt uns immer wieder auch an ihrer persönlichen Betroffenheit teilhaben. Sie führt Gespräche mit klugen, engagierten Menschen und beschreibt die tiefe Traurigkeit, die das vergebliche jahrelange Bemühen um angemessene politische Berücksichtigung von Naturschutz­belangen in ihren Gesichtern hinterlassen hat. Und sie stellt bohrende Fragen. Wie war das möglich? Wie konnte es so weit kommen? Wir wissen doch so viel. Wir wissen, was passiert und warum es passiert, und wir wissen in vielen Fällen schon lange, welche Gegen­massnahmen nötig wären. Nur – es geschieht nichts oder nicht in ausreichendem Masse.

Die Beispiele in Tanja Busses Buch sind stark auf Deutschland fokussiert, doch sind die Mechanismen, die sie beschreibt, nicht länderspezifisch.

Die Autorin führt eine Fülle von gesetzlichen Bestimmungen an, die allesamt den Schutz unserer Natur und Umwelt zum Inhalt haben: Artikel 20 des deutschen Grund­gesetzes und Artikel 1 des Bundes­naturschutz­gesetzes; Artikel 11 des Vertrages über die Arbeits­weise der Europäischen Union (Lissabon-Vertrag) und schliesslich das Übereinkommen über die biologische Vielfalt und die Sustainable Development Goals der UN. All diese Bestimmungen sind in Kraft, und doch stehen wir heute vor einem Scherben­haufen. Angesichts dieser Erfolglosigkeit, so Tanja Busse, wird die Politik umdenken müssen, soll das Arten­sterben nicht auch zu einem massiven Vertrauens­verlust und damit zu einer Bedrohung der Demokratie werden.

Positive Signale aus Bayern

Aber es gibt auch positive Zeichen. In Bayern hat es vor kurzem ein Volks­begehren gegeben, dessen Forderungen unter anderem lauten: Der Flächen­verbrauch muss gestoppt, die Intensität der industriellen Landwirtschaft herunter­gefahren, die enge Fruchtfolge durch eine grössere Vielfalt ersetzt, der Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutz­mitteln begrenzt und in Naturschutz­gebieten ganz verboten werden. Nun soll das Volks­begehren Gesetzes­form erlangen – was die Autorin als deutliches Zeichen dafür wertet, dass die Menschen nicht mehr bereit sind, den Niedergang einfach hinzunehmen.

Tanja Busse hat ein leidenschaftliches Plädoyer für eine Wende unseres Wirtschaftens und Denkens geschrieben. Dass im Spät­sommer 2019 Zehntausende von teils vorsätzlich gelegten Feuern den Amazonas­regenwald verwüsten würden, konnte sie nicht wissen. Ausgerechnet ein Präsident wie Jair Bolsonaro hütet dort nun einen der grössten Biodiversitätsschätze, CO2-Speicher und Sauerstoffproduzenten der Welt. Die Brandstifter dürften sich durch ihn ermutigt gefühlt haben, und nun, da riesige Wald­gebiete brennen, beschuldigt er Umweltschutz­organisationen, die Feuer gelegt zu haben, um sich für die Streichung von Geldern zu rächen. Mit solchen Machthabern werden wir die Welt, wie wir sie kennen, nicht retten können. Immerhin, die Reaktionen sind eindeutig, die Europäer drohen damit, das gerade erst beschlossene Handels­abkommen mit Brasilien auf Eis zu legen. Nur, wie viel Glaubwürdigkeit besitzen die, die sich jetzt empören? Keiner von ihnen hat zuvor vor der eigenen Haustür gekehrt.

Und doch, darauf weist Tanja Busse immer wieder hin, ist die Defaunation nicht unumkehrbar, noch nicht. Aber um sie aufzuhalten, muss endlich gehandelt werden. Das neue bayerische Naturschutz­gesetz, von dem sich Tanja Busse eine generelle Signal­wirkung erhofft, könnte am Anfang dieser Entwicklung stehen.

Das Buch

Tanja Busse: «Das Sterben der anderen. Wie wir die biologische Vielfalt noch retten können». Karl-Blessing-Verlag, München 2019. 416 Seiten, ca. 29 Franken. Der Verlag bietet eine Leseprobe.

Zum Autor

Bernhard Kegel hat Chemie und Biologie studiert und promovierte mit einer agrarökologischen Arbeit über den Einsatz von Pflanzenschutz­mitteln. Er hat an der Freien Universität Berlin sowie an der TU Berlin mit den Schwer­punkten Ökologie und Insekten­kunde unterrichtet. Für seine zahlreichen Sachbücher und Romane hat er mehrere Preise erhalten.

Sie haben in diesem Artikel viele Worte gelesen …

… aber die wichtigsten drei fehlten. Seit je beruht jede funktionierende Gemeinschaft auf diesen drei Worten. Liebende sagen sie zueinander. Gute Politiker sagen sie ihren Wählern, gute Priester ihrer Gemeinde, gute Eltern ihrem Kind. Sie lauten: Fürchte dich nicht! – Wir von der Republik glauben, dass auch im Journalismus gilt, was Franklin D. Roosevelt einst zur Politik sagte: «Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst.»


Noch nicht überzeugt? Jetzt probelesen

seit 2018