Die Republik ist nur so stark wie ihre Community. Werden Sie ein Teil davon und lassen Sie uns miteinander reden. Kommen Sie jetzt an Bord!

DatenschutzFAQErste-Hilfe-Team: kontakt@republik.ch.



T. R.
Mensch
·

"...Das Wesen der Propaganda ist unentwegt die Einfachheit und die Wiederholung. Nur wer die Probleme auf die einfachste Formel bringt und den Mut hat, sie auch gegen die Einsprüche der Intellektuellen ewig in dieser Form zu wiederholen, der wird auf die Dauer zu grundlegenden Erfolgen in der Beeinflussung der öffentlichen Meinung kommen."

Wer schrieb das? Joseph Goebbels 1942.

Der Beitrag in der "Republik" impliziert, dass das Thema neu ist. Stimmt nicht. Bereits Christoph Blocher politisierte "auf diesem Niveau". Anfangs führte es zu noch Protesten, heute wird so etwas in Regierungen und Parlamente gewählt.

Ein gewisser Donald Trump zerrte das Thema wieder ins Rampenlicht. Seine tägliche Show zelebrierte er genussvoll und seine Botschaft wurde transportiert - wie von ihm gewünscht. Das Ergebnis: Am Ende glaubten (und glauben heute heute noch) viele, dass die Wahl von Joe Biden gestohlen wurde und leiteten daraus die Berechtigung ab, dass Capitol zu stürmen.

Als Gegenmittel hilft Aufklärung, Aufklärung und noch einmal Aufklärung. Und das mit der gleichen Intensität wie die Halbwahrheit verbreitet wird. Doch sind unsere Medien dafür qualifiziert, während sie gleichzeitig um Inserate kämpfen, also ums Überleben? Ich bin sehr skeptisch. Abo-Zahlen und Clickraten sind entscheidend. Inhalte sind sekundär.

Das Spiel mit den Halbwahrheiten ist gefährlich und auf dem Spiel steht nicht weniger als eine Grundsäule der Demokratie...

42
/
1

Richtig Herr R. Halbwahrheiten für Propaganda zu benutzen waren Göbbels nicht Köppels Erfindung.

9
/
0
T. R.
Mensch
·
· editiert

Aber Roger Köppel nutzt das Instrument bewusst. Damit demonstriert er, wessen Geistes Kind er ist und - trotzdem wird er gewählt. Ich frage mich: Wem hätten seine Wählerinnen und Wähler die Stimme 1933 gegeben? Die Antwort lasse ich jetzt bewusst offen...

19
/
1
M. R.
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
·
· editiert

Ich weiss nicht, ob man hier überhaupt von «Erfindung» reden soll. Denn sowohl Halbwahrheiten als auch Propaganda (wie auch Verschwörungsmythen) sind wohl so alt wie Machtpolitik. Also so alt wie die Menschheit selbst.

17
/
1

«Dieser vermeintliche Skeptizismus ist letztlich nichts anderes als ein Unwille, den sicheren Grund und Boden der eigenen Welt­anschauung zu verlassen»
Eine problematische Aussage. Setzt sie doch voraus, dass die "eigene Weltanschauung" per se fragwürdig ist. Skeptisch sein als fehlgeleitetes Denken? Ich glaube, dass das Gegenteil der Fall ist. Immerhin sind wir alle via Medien und Ausbildung gründlich mit dem Strich gebürstet worden. Wendet man sich nun gegen diesen Strich, ist "Unwille" der Mehrheit Treu und Glauben zu schenken bereits ein gesellschaftlicher Makel. Man gehört dann zu den Verschwörungstheoretikern, die man behutsam wieder auf den rechten Weg dirigieren sollte. Ist es nicht eher so, dass eine aufgeklärte Gesellschaft sich nicht zu fürchten braucht, im Gegenteil, solches Hinterfragen in alle Richtungen notwendig ist um allgemeingültigen Wahrheiten auf die Spur zu kommen?

8
/
10
M. R.
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
·

Ein Skeptizismus ist «vermeintlich», wenn einseitig alles und immer der anderen Seite bezweifelt wird (ad infinitum und ad absurdum), aber nichts und nie der eigenen Seite. Dann handelt es sich tatsächlich nicht um einen «echten» Skeptizismus, der gerade Selbst-Kritik übt, sondern um eine blosse Immunisierungsstrategie der eigenen Dogmen, sprich Glaubenssätzen der eigenen Ideologie und des eigenen Weltbildes.

32
/
4

Der «echte» Skeptizismus wäre dann ungefähr hier beschrieben:

Der wahrgenommene Autonomie­verlust könnte ein Ausgangs­punkt sein, eine Sozialkritik zu entwickeln, eine kritische Gesellschafts­theorie, die sich fragt: Was sind das für Strukturen, die dazu führen?

Dem «vermeintlichen» Skeptiker ist das dann aber schon zuviel "Unwillen" und zuviel kritisches Denken.

9
/
0

Ich halte die kritisierte Aussage für alles andere als problematisch, sondern für korrekt und weitreichend. Die Bereitschaft, meine eigene Weltanschauung in Frage zu stelle, ist für mich die Grundlage meiner Freiheit, nämlich der Freiheit in meinem eigenen Kopf. Wenn meine Gedanken anstossen und nicht mehr weiter dürfen, wo ihnen meine bisherige Weltanschauung Grenzen setzt, bin ich im Gefängnis einer Ideologie - ob rechts, links, querdenkend oder Main-Stream.

25
/
2

Gibt es eine genaue Definition von Halbewahrheiten? Gibt es diese nur im Plural?
Für mich beginnt bereits hier das Problem. Was ist eine Halbwahrheit? Für mich als Informatiker ist dies nicht möglich. Solange es keine sprachlich korrekte Definition gibt verlaufen aus meiner Sicht allle Diskussionen im Sand und führen zu keinem Ziel.

6
/
9
B. K.
· editiert

Eine Halbwahrheit ist eine Instanz einer Klasse, die von der Basisklasse "Wahrheit" erbt und über Polymorphismus Code injiziert, welcher Falschaussagen produziert. Oberflächliche Testprozesse werden nicht testen, ob es sich bei den Instanzen um abgeleitete Klassen handelt und somit nur Interfaces der Basisklasse testen. So wird dann nur verifiziert, dass es sich um Instanzen der Klasse "Wahrheit" handelt, das produzierte Resultat ist aber falsch.

Der Artikel beschreibt, wie wir unsere Testprozesse systematischer und sorgfältiger designen müssen um nicht weiterhin auf solche ungewollte Probleme reinzufallen. Schlussendlich wird aber dann die Schuld auf schlechtes Projektmanagment geschoben, welche sowohl diese Testprozesse als auch den injizierten Code zu verantworten hat.

28
/
1
M. R.
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
·

«Halbwahrheit» ist natürlich für alle, die ausschliesslich digital in binären Schemata denken, ein Horror. Eine exakte formale Definition fehlt hier zwar, doch manche Stellen reichen wohl fürs Verständnis. «Halbwahrheit»:

  • eine bestimmte Art von Falsch­aussagen, die immer auch irgend­etwas Wahres enthalten

  • «die Sachverhalte werden grob umgedeutet oder in falsche Zusammen­hänge gestellt, wesentliche Informationen einfach weggelassen oder durch fiktive Zusätze ergänzt.»

23
/
4
P. M. H.
Interkultureller Coach
·

Lieber Herr M., mit dem Begriff «Halbewahrheiten» haben Sie mich zum Nachdenken und zu einer Betrachtung geführt, wie ich «Halbwahrheiten empfinde. Sie entstehen m.E. durch «halbe Wahrheiten», die im Mainstream Journalismus eher die Regel sind: Es werden nicht alle Fakten präsentiert, sondern diejenigen herausgepickt und aneinandergereiht, die zu einer schlüssigen Beweislage führen, die dem Anliegen, der Meinung oder der Sichtweise des betreffenden Journalisten entsprechen. Die Republik ist die löbliche Ausnahme und das macht sie für mich so wertvoll. Übrigens auch die Kommentare, diese offene Diskussionskultur aus denen ich viel mitnehme.

3
/
0

Wiederholt ein artikel in der republik der eine sprache spricht die ein nicht akademisch gebildeter mensch nur schwer versteht.sprache als macht u ausgrenzungfaktor.es erinnert mich an politikerInnen die einem "normalo"bürger das gefühl geben nicht mitreden zu können weil zu blöde. Als verleger bitte ich darum in einer einfache, klaren nicht fremdwort gespickten sprache zu schreiben. Auch deshalb, damit menschen wie ich die "elitären" journalistInnen besser verstehen kann-oder will die republick das gar nicht? All diese meist wichtigen themen sollten doch den elfenbein turm verlassen damit der wahrhaftige journalismus auch bei diesem,
"meinem" teil des volkes ankommt. Das wäre doch auch eine jounalistische kunst um halbwahrheiten und fake news entgegen zu wirken.

20
/
19

Lieber Herr W., ich sehe das Problem – manchmal geht es mir genau so. Trotzdem meine ich, weil Sprache so vielfältig ist, darf und soll sie auch entsprechend abgebildet werden. Gerade bei einem Essay gefällt mir, wenn nicht nur der Inhalt Neues vermittelt, sondern auch die Sprache angemessen sorgfältig und klug angewendet wird. Lassen Sie sich also nicht entmutigen, wenn sich Ihnen nicht alles sogleich erschliesst: damit sind wir bestimmt in guter Gesellschaft! :-)

25
/
0
S. A.
· editiert

Mal ernsthaft, die Rebublik ist total intellektuell und versnobt. Hier geben Studierte anderen Studierten Upvotes, wenn sie behaupten, das Proömium von Ovids Metamorphosen sei in der Kernaussage vergleichbar mit Therese Hörnigks Spätwerk. Herr W. wird nicht zum besseren Menschen, wenn er es schafft, unserer (ja, UNSERER, denn ich bin ja auch nur einer von uns) ach so akademischen Rhetorik zu folgen. Lieber sollten wir es als höchstes Ziel betrachten, unseren Ausführungen in einfacher Sprache Eleganz und Rafinesse einzuhauchen.
Ich habe dabei wohl grad versagt, sorry.

25
/
4

Danke Herr W., Sie schreiben mir aus dem Herzen mit Ihrem Kommentar! Das geht mir genauso beim Lesen mancher Artikel und den langen Abhandlungen von Kommentaren dazu. Ich bin durchaus gebildet, aber diese akademische Sprache hier geht mir manchmal so auf den Keks, dass ich lieber den Tagi oder Blick lese. Schade, denn ich finde die Republik eigentlich eine gute Sache...

7
/
1
R. S.
· editiert

Sprache (auch „elitäre - akademische“) ist ja auch ein Zeichen von Zugehörigkeit, Nachweis für die eigene hochstehende Bildung, Kompetenz und Identität. Populisten, Halbwahrheitler und Verschwörungstheoretikern nutzen deshalb meistens eine einfache Sprache. Logischerweise auch die „schnellinformierenden“ Medien wie 20 Min., Watson, Blick usw. Wenn die von mir so geschätzte Republik mit ihren engagierten Journalisten - und kommentierenden Verleger - es fertigbringen würden, die meist herausragenden Inhalte in einer einfacheren und verständlicheren Sprache zu schreiben, hättet ihr und wir vermutlich noch wesentlich mehr Abonnenten. Aber vielleicht auch etwas weniger stolze Journalisten. Ich bin absolut überzeugt, dass dies keine Halbwahrheit ist ;-) und wäre gerne bereit, dafür einige Jahresabos zu verwetten, Deshalb ich auch schon Abos verschenkt sowie die Republik immer wieder teile. Aber das ist ja eher die Wette, welche auch die Redaktion eingehen müsste.

PS: Ich erachte mich als ziemlich gebildet, Lebenserfahren und sogar sprachgewandt, habe aber trotzdem immer wieder Mühe mit der von der Republik verwendeten Sprache
PPS: Ich versuche in meinem Leben und mit meinen Mitmenschen bodenständig und verständlich zu sein, gerade auch weil ich das Privileg hatte und habe, so viel Bildung zu erhalten bzw. mir anzueignen

5
/
0
T. F.
Senior Researcher
·
· editiert

Ich bin schon etwas enttäuscht von einem Bericht über Fakten vs. Verschwörungstheorien, in welchem das Wort «Evidenz» nur einmal vorkommt, und erst noch in einem etwas wirren Zusammenhang. Dabei müssten Fakten auf Evidenz beruhen, falls sie das Attribut «wissenschaftlich» verdienen.

Liegt denn nicht das Problem darin, dass vieles als «Fakt» bezeichnet wird ohne Evidenz? Nehmen wir das Beispiel Corona: Täglich grüssen die «Fallzahlen». Viele glauben, diese reflektieren Fakten über die Anzahl Fälle von Erkrankungen an COVID-19. In Wirklichkeit handelt es sich um die Anzahl positiver Testresultate in einem Test auf RNA-Schnipsel, die in SARS-CoV-2 vorkommen. Man weiss nicht, wie viele der positiv Getesteten anschliessend an COVID-19 erkranken. Vielleicht 30%? Evidenz hat man nicht.

Es wäre die Aufgabe der Presse, statt blinden Gehorsam zu zeigen auf Evidenz zu bestehen.

14
/
25
M. R.
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
·

Ist es für Sie evident, dass die Fallzahlen mit den Hospitalisationszahlen korrelieren? Wenn ja, dann sind auch die Fallzahlen relevant – und sei es nur als Frühwarnsystem (steigende Fallzahlen führen zeitverzögert zu steigenden Hospitalisationszahlen, also halten wir präventiv die Fallzahlen möglichst gering, um steigende Hospitalisationszahlen zu verhindern). Wenn nicht, dann müsste man fragen, aus welchen Gründen denn sonst steigen die Hospitalisationszahlen?

30
/
7

Sie wiederholen in all ihren Beiträgen dieselbe These.... Wie wäre es , wenn sie die Frage der Evidenz den Fachleuten in diesem Gebiet, den Epidemiologinnen, Virologen, Biologinnen und Aerzten überlassen würden oder eine Reportage aus der Intensivstation oder dem Bestattungsinstitut liefern würden?

12
/
3
J. K.
· editiert

Den Bürgern Zugehörigkeit, Identität und Halt bieten:

Das ist seit Reagan und Thatcher aus der Mode gekommen in westlichen Demokratien.

Die Quittung: Vereinzelte und entwurzelte Menschen.

Und dann haben wir neuerdings Plattformen, die alle mit allen verbinden: Facebook, Instagram, Youtube, TikTok, Twitter.

Diese Plattformen können am besten wachsen mit Empörung und Geschrei. Das wissen sie auch.

Und wie kann ein ohnmächtiger Einsamer jetzt seine Stimme erheben? Zum Helden unter Helden werden?

Auf Facebook, Instagram, Youtube, TikTok, Twitter. Als Verschwörungstheoretiker aka „Corona-Rebell“.
Dafür bekommt er:
Identität, Gemeinschaft, Macht, Sinn.

Ist da irgendwer überrascht?

21
/
3

Also mir haben weder Reagan und Thatcher jemals Identität oder Gemeinschaft vermittelt. Im Gegenteil; vielmehr stehen gerade die beiden für den Beginn der Neoliberalisierung der Gesellschaft. Mit der Zerschlagung der Gewerkschaften und der Privatisierung staatlicher Institutionen haben sie massgeblich zum Verlust von Identität und Zugehörigkeit in der Arbeiterschaft beigetragen. "There 's no society" von Thatcher setzt Sozialdarwinismus anstelle von Gemeinwohl mit den entsprechenden Folgen, alle Macht dem Markt und Raubtierkapitalismus, wer nicht gewinnt, ist selber schuld.

16
/
0

Genau wie Sie meinte ich das:

Reagan und Thatcher haben den Startschuss gegeben für den Verlust von Gemeinschaft und Identität in den westlichen Demokratien.

Einen Verlust, für den wir heute teuer bezahlen.

17
/
0
Rolf Müller
Action Anthropologist
·

Wenn es um die "Desinformations-Industrie" geht, ist es immer leicht, die Verlogenheit klar zuzuordnen.
Diese einfach zu bewerkstelligende Zuordnung beinhaltet für die Zuordnenden eine Falle:
Im Umkehrschluss zu den "Fake News" soll "der mainstram" von allem Verdacht, selber manipulative Halbwahrheiten zu verbreiten, befreiht werden.
Aber so einfach ist es (leider) nicht.
Natürlich sind Leute wie Köppel, oder Trump die Falschen, um irgendwem die Verbreitung von "manipulativen Halbwahrheiten"vorzuwerfen, so wie gewisse Politiker ihre Rivalen besser nicht der Korruption bezichtigen würden, dem Ratschlag "Wer im Glashaus steht, sollte nicht mit Steinen um sich werfen" folgend.
Aber bedeutet dies, dass die Korruptions-Vorwürfe dadurch entkräftet wären?
Nicht unbedingt, insbesondere dann, wenn die Gegenseite genau so parteiisch und korrupt Werbe-Propaganda verbreitet.
"Wo ein Wille ist, da ist ein Weg!" lautet ein berühmtes Sprichwort.
"Wo ein starker Wille ist, da werden die Informationen gefiltert und wird die Realität zurecht gebogen." könnte man den Zusammenhang zwischen Wille und Weg auch umschreiben.
Im Zustand der Verliebtheit wollen wir weniger tolle und mühsame Eigenschaften der Partnerin/des Partners nicht wahrhaben, da wir auch ins Verliebt sein verliebt sind.
Immer wieder behaupten ÖkonomInnen, die Armut der Weltbevölkerung habe abgenommen.
Wenn man die rein monetären Zahlen nimmt, dann scheint das zu stimmen, denn auch in den Unterschichten wird heute mehr verdient und ausgegeben, als früher.
Der persönliche Augenschein in "Drittweltländern" aber zeigt einem Reisenden, dass dort, "ganz unten" und "am äussersten Rand" eine humanitäre und ökologische Mega-Katastrophe im Gang ist, ohne dass das den hiesigen "mainstream" gross interessiert und bekümmert.
Warum passt die erlebte Realität nicht zur ökonomischen Theorie?
Weil das "Brutto-Sozial-Produkt" eine typische Halbwahrheit ist!
Früher verdienten "Arme" zwar nichts, aber sie konnten sich selber versorgen!
Mit Früchten und Gemüsen aus dem eigenen Land, mit gejagten Tieren aus dem Urwald und aus den Flüssen mit klarem Wasser!
Im Dorf kannten sich die Leute noch und halfen einander gegenseitig, feierte zusammen und lachte viel. DAS waren noch nicht monetäre Werte, für ÖkonomInnen völlig uninteressant...
Ausserdem ist jede "Wahrheit" äusserst vielschichtig, widersprüchlich und multi-perspektivisch, weil jedes Sache eine Vorderseite hat und eine Rückseite, eine Sonnenseite und eine Schattenseite, aus der Froschperspektive und aus der Vogelperspektive gesehen werden kann.
Darum wäre ich grundsätzlich vorsichtig, die Polarisierungsversuche von Köppel und Konsorten mit einer gegenläufigen Polarisierung zu spiegeln!
Denn das ist ja genau, was diese populistischer Demagoge bezweckt!
Er will ja, dass wir als rechthaberische "Gutmenschen" auftreten und penetrant nach politischer Korrektheit rufen!
In diese Falle trete ich jedenfalls nicht mehr.
Ich bin grundsätzlich offen und interessiert.
Und seitdem ich das bin, entdecke ich auch wertvolle Informationen auf Servus TV.

12
/
6

Das ist eine sehr romantische Sicht auf das Leben der Armen in früheren Zeiten. Sehr häufig sind diesen nämlich die Kinder verhungert, weil auf das Jagen und Fischen in Wäldern und Flüssen der Obrigkeit die Todesstrafe stand.
90% oder mehr der Ureinwohner Nordamerikas sind an Krankheiten und Hunger gestorben, als sich die Hungernden aus Europa über den Kontinent ergossen.
Als Joseph Stalin seine Ideen von Landwirtschaft umsetzte, sind um die 6 Millionen Menschen verhungert.
In China sind erst Mitte des letzten Jahrhunderts zwischen 15 und 55 Millionen Menschen verhungert, weil Mao Zedong seine Ideologie durchsetzte. Es gibt noch Überlebende aus dieser Zeit.
Angesichts der horrenden Opferzahlen, bei gleichzeitig erheblich kleinerer Weltbevölkerung, neige ich dazu den Ökonomen recht zu geben. Dem allergrössten Teil der Menschen geht es wesentlich besser und die Versorgungssicherheit ist viel, stabiler als noch vor kurzem.
Das Gefühl der Machtlosigkeit ist gerade hier bei uns, im reichen Westen, ein Virtuelles. Tatsächlich haben wir viel mehr Mitspracherecht als die gewöhnliche Landbevölkerung die letzten 2000 Jahre hatte. Was sich signifikant geändert hat ist, dass die Gerüchteküche nicht mehr ein paar Dutzend Leute umfasst, sondern Millionen. Und wir sind fast gezwungen der dekadenten Verschwendungssucht der reichen Oberschicht zuzuschauen, was bei einfacheren Gemütern natürlich den Neid auf den Plan ruft.
Nicht, dass ich glaube, es laufe blendend, es gibt sehr vieles was zu verbessern wäre, aber das diffuse Gefühl, dass es früher besser gewesen wäre ist ein grosser Teil, des Problems.

20
/
2
Rolf Müller
Action Anthropologist
·

Ja, ich weiss.
Und da waren auch noch die Weltkriege...
Danach muss aber eine verhältnismässig idyllische Zeit gewesen sein, von der meine Frau aus den Philippinen hin und wieder erzählt.
Sie ist ja "permakulturell" aufgewachsen, in einer Grossfamilie, im traditionellen Haus aus Bambus mit Palmblätterdach, mit ausgedehntem Garten, in dem alle möglichen Früchte geerntet wurden, auch von Kinder-Dieben, über die man aber nur lachte.
Ihr Dorf, das später vom Moloch "Metro Manila" verschluckt wurde und in eine Art "Vorhölle" aus dichtem Gedränge, täglichem Verkehrskollaps, Lärm und Gestank verwandelt wurde, war umgeben von Reisfeldern, und als Kind badete sie in den Bewässerungskanälen, oder sprang den Calessas (Pferdekutschen) hinterher.
Die Familie betrieb einen Hardware-Laden in dem sich die Fischer vom nahen See mit Anglerausrüstung und mit Werkzeug eindeckten.
Ihr älterer Bruder begleitete Tatay (Vater) oft auf die Jagd, oder ging selber fischen im Fluss. Er erzählte mir einmal, dass er -wenn ihm das Essen nicht passte- etwas jagen ging und erklärte mir, dass man mit dem Speer vor den Fisch zielen musste, um ihn zu erwischen, wegen der Brechung des Lichtes durch das Wasser.
Heute ist der Fluss eine übelriechende, grau-braune Kloake, an den Rändern übersäht mit Plastikmüll. Da schwimmt wohl kein einziger Fisch mehr...
Und dann wurden ausgiebig Feste gefeiert, mit tropischer Lebenslust!
Reste von dieser unbändigen Kraft erlebt man auch heute noch, aber alles ist verschüttet und verdreckt vom alles zersetzenden und auplündernden Raubbau-Kapitalismus: Sklaverei, Prostitution, Drogen, und die Polizei ist die ärgste Mafia...
Ich höre eine ähnliche "Entwicklungs"-Geschichte auch aus dem Mund einer Haitianerin.
Ihre Erinnerung ist vielleicht etwas verklärt, weil sie damals jung und unbeschwert waren. Aber sie sind auch nicht nur Romantik! Da WAR auch sehr viel Schönes und Wunderbares! Lassen wir es diesen Menschen doch!
Müssen wir ihnen bei all dem Elend, das sie in ihrer früheren Heimat heute sehen müssen, auch noch ihre schönen Erinnerungen kaputt schlagen?

10
/
0

Der Artikel gefällt mir insgesamt sehr gut. Einige Aspekte provozieren mich dennoch hier in die Diskussion einzusteigen mit einer Mischung aus viel gutgemeinter Klugschwätzerei und einer ernsthaften Frage.

Sie schreiben: «Man glaubt nur noch, was man glauben will.»

Das würde ich mit den Worten der Philosophin Natalie Knapp noch pointierter formulieren: «Auch wenn es uns so erscheint, als ob wir nur glauben, was wir sehen, ist es eigentlich umgekehrt: wir sehen nur das, was wir glauben.»

Denn dem Begriff des Glaubens ist inhärent, dass man nur glaubt, was man glauben will. Erst durch die Verbindung mit dem Begriff des Sehens kommt eine wichtige Unterscheidung ins Spiel: Die zwischen der Ebene des Beobachtens und der Ebene der Erklärung dessen, was man beobachtet hat.

Sie verwenden den Begriff der «Tatsachenwahrheit». Dieser lässt sich dank der deutschen Sprache zwar sehr schön als Antagonist der Halbwahrheit gegenüberstellen. Er trivialisiert für mich aber zu sehr, werden doch zwei höchst komplexe Begriffe aneinander gereiht: Was genau ist das Konzept von «Tatsache»? Was ist «Wahrheit»?

Es gibt dieses Etwas in dem für uns Menschen beobachtbaren Universum, das im Leben erfahrbar wird und das wir «Realität» oder «Wirklichkeit» nennen.

Wie wir wissen ist es praktisch unmöglich, dieses Etwas vollkommen zu erkennen – ausser man ist Gott. Wir sehen immer nur den Ausschnitt, den uns unsere Position, aus der wir beobachten, zugänglich macht.

Und um das, was wir da sehen, anderen zu vermitteln, müssen wir es abstrahieren über die einzigen zwei Codes, die uns dafür zur Verfügung stehen: Worte und Bilder.

Diese Interpretation dessen, «was ist wie es ist», nennen wir dann Tatsache, Fakt, Gegebenheit, etc.

Zu «Wahrheit» wird eine «Tatsache», wenn wir glauben, das Richtige richtig beobachtet und interpretiert zu haben.

Aus dieser Erkenntnis heraus würde ich sagen: Der wesentliche Unterschied zwischen «vernünftigen Menschen» und «verirrten Menschen» liegt im Grad des Bewusstseins über die Unzulänglichkeit der eigenen Erkenntnisfähigkeit.

Gefordert ist eine Haltung des Demuts.

Oder um es mit den Worten des Mystikers Friedrich Weinreb zu formulieren: « wie soll einer mit seinem Alles-genau-Wissen
freudig und glücklich leben können?
Grundlage des Lebens ist die Erfahrung des
Lernens, dass es sich ändert, wächst, Neues kommt.» (‚Schoschana, vom Geheimnis der mystischen Rose‘).

Damit zu meiner ernsthaften Frage: Da der «Faktencheck» nicht funktioniert, wenn das Gegenüber nicht willens oder nicht in der Lage ist, die Fakten annähernd «richtig» zu sehen – wie kann ich ihm dann mit einem «Fiktionscheck» begegnen? Ganz konkret: Wie könnte ich der anderen Person meine Analyse zur Konstruktion der Fiktion vermitteln, in der ich sie gefangen sehe? Werde ich nicht an den gleichen Grenzen der Erkenntnisfähigkeit scheitern wie beim Faktencheck?

18
/
2
E. H. H.
der andere Blick
·
· editiert

Natürlich werde ich scheitern. Motiviertes Denken ist eigentlich die einzige Art, die wir kennen, die Fiktion ist überall.

4
/
0
M. R.
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
·

Ist also «die Unterscheidung von Wahrheit und Lüge irrelevant»?

4
/
3

. . . und noch einen dazu: Glaube nicht alles gleich, was du denkst! (nicht von mir)

5
/
0
M. R.
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
·

Wie ich weiter oben schrieb, finde auch ich, dass das Entscheidende nicht nur ist, dass die ästhetisch-ethische, «die fiktive Seite», beleuchtet wird, sondern dass der Fiktionscheck selbst nach der «Logik von Geschichten» funktioniert. Denn ansonsten geschieht beim Zielpublikum dasselbe wie beim gewöhnlichen Faktencheck: Die «Steigerung der Komplexität führt [...] dazu, dass viele Leute abschalten».

Die alte neue Aufklärung muss also nicht nur die faktentreueren, sondern auch die besseren Geschichten erzählen – wenn sie denn Erfolg haben will. Der Logos ist auch eine «Arbeit am Mythos» (Blumenberg).

Das wäre, denke ich, nicht zuletzt die Funktion des aufklärerischen Journalismus (der ja nicht Wissenschaft ist). Kritisches, streng auf Fakten beruhendes Storytelling.

5
/
2

Das scheint mir vielversprechend. Wie wäre es mit einer Publikation, die gezielt verschiedenen Halbwahrheiten überzeugende und einfach verständliche Gegen-Geschichten gegenüberstellt? Dabei wäre es spannend, die Arbeit von George Lakoff miteinzubeziehen, oder das Storytelling von Robert Reich, oder sogar, noch dramatischer und kürzer erzählt, des Lincoln Project. So etwas würde ich sofort kaufen!

2
/
0

„Halbwahrheiten“ müssen nicht immer eine bewusste Manipulation der sogenannten „Wahrheit“ sein, sondern basieren oft auch auf Halbwissen - was sich nicht selten auch in den Kommentaren hier, wie auch in anderen Medien zeigt. Die Verbreiter von Halbwahrheiten, die das bewusst tun, braucht es nicht zu stören, ob sich ihre Theorien auf Halbwissen stützen oder auf bewusster Unterschlagung von Fakten beruhen, solange ihre Aussagen ihrem Ziel/Zweck dienen. Da befinden sich diejenigen, die faktenbasiert argumentieren wollen, in einer ungleich schwierigeren Position. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich Halbwahrheiten und Verschwörungstheorien leichter verbreiten als „Wahrheiten“ bzw. Fakten.

17
/
1
Christine Loriol
denken, schreiben, reden.
·

Das war sehr interessant, danke!! Wertvoller Beitrag. Zeigt mE auch, warum es keinen Sinn hat, zB auf Twitter mit jemandem zu argumentieren und in so einem Hin und Her um Fakten zu kämpfen. Wenn, dann hätte man wohl höchstens in der persönlichen Begegnung eine Chance, die andere Person zu erreichen, zu verstehen und evtl. wieder ins Gespräch zu kommen oder im Gespräch zu bleiben.

15
/
0
M. R.
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
·
· editiert

Hm... Schade! Nach dem Lead erwartete ich etwas mehr «Anleitung [...] für den Umgang mit Menschen, die gegen Fakten resistent geworden sind». Aber sei's drum. Ansonsten solide gemacht. Auch wenn man stärker hätte hervorheben können, dass die extremen Auswüchse im alltäglichen Boden wurzeln

So ist etwa die Einsicht, dass die besten Lügen ein Körnchen Wahrheit enthalten, ja ein sprichwörtlicher Allgemeinplatz. Und dass Gerüchte in der Küche weitergekocht werden (und viele Köche den Brei verderben) ebenso. Bereits als Kind lernten wir diesen Mechanismus mit dem Spiel «Stille Post» (auch bekannt als Flüsterpost oder Telefonspiel) kennen.

Den Teil zu den Halbwahrheiten fand ich daher – relativ zum verfügbaren Platz – etwas zu lang, da das Meiste hinlänglich bekannt sein sollte. Spannender hingegen fand ich ihr Konzept des «Fiktionschecks», das leider etwas vage bleibt und eben mehr «Anleitung» und Raum vertragen hätte.

Denn das Entscheidende, finde ich, ist nicht nur, dass die ästhetisch-ethische, «die fiktive Seite», beleuchtet wird, sondern dass der Fiktionscheck selbst nach der «Logik von Geschichten» funktioniert. Denn ansonsten geschieht beim Zielpublikum dasselbe wie beim gewöhnlichen Faktencheck: Die «Steigerung der Komplexität führt [...] dazu, dass viele Leute abschalten».

Die alte neue Aufklärung muss also nicht nur die faktentreueren, sondern auch die besseren Geschichten erzählen – wenn sie denn Erfolg haben will. Der Logos ist auch eine «Arbeit am Mythos» (Blumenberg). Was könnte das u. a. bedeuten?

Bei aller Komplexität und Rede von Systemen, Strukturen und Diskursen (welche selbst für manch Philosoph schwierig sind zu verstehen), sollten auch klare, aber adäquate Verantwortliche und Verantwortlichkeiten identifiziert werden (Stichwort «Compliance»). Nicht als holzschnitt- und strohmann-artige «Superbösewichte» charakterisiert, sondern als individuelle so und so sozialisierte Funktions- und Verantwortungsträger solcher und solcher Institutionen und Systeme. Dabei können auch die rechtlichen und moralischen Übertretungen festgestellt werden, die dann entsprechend sanktioniert werden können.

Denn es gehört tatsächlich zur Tragik unserer komplexen und globalisierten Welt, dass kleine und grosse Allmenden zerstört werden, ohne dass Einzelne die alleinige «Schuld» dran tragen, sondern oft liegt es am System, an der Struktur, also an fehlenden Regeln und Normen. Diese strukturelle Verantwortungslosigkeit hat dann nicht nur eine Verantwortungsdiffusion zur Folge, sondern auch das Fehlen von Selbstwirksamkeit, wenn man dagegen ankämpfen will, da alles ins Nichts verpufft.

Was folgt ist ein «Schiffbruch mit Zuschauer». Aber wollen wir das? Wollen wir den «Schiffbruch». Und wollen wir bloss «Zuschauer» sein?

18
/
4

Ein Funktionsträger trägt eben eine Funktion und braucht somit nicht indivdualisiert zu werden. Wirtschaftliche Zwänge oder Strukturen können halt nicht am Beispiel von Bill Gates erklärt werden. Das macht ja gerade die Schärfe der Analyse aus. Und darauf baut wohl auch der Fiktionscheck auf (haben die Zusammenhänge der Geschichte eine realistische Komplexität?).

Wie ihr armer Philosoph, der keinen (strukturellen) Rassimus sieht, weil ja nicht jeder Weisse ein Rassist ist.

1
/
0
M. K.
· editiert

Aus meiner Sicht resultiert die Bereitschaft, Fake News zu glauben, aus drei Gründen:

  • einer komplexen, sich rasch verändernden Welt, in der unklar ist, wie politische und wirtschaftliche Entscheidungen die eigene Situation langfristig beeinflussen

  • einem Vertrauensverlust in Politik und Medien: Regierungen argumentieren propagandistisch (Sozialgesetzgebung Hartz IV, Migration, Irak, Afghanistan etc.), indem sie in Verkürzung der Faktenlagen nur die Fakten anführen, die ihre Position stärken. Medien verbreiten diese Erklärungen oft unkritisch, teils weil sie kaputtgespart sind, teils weil Journalisten sich selbst als Aktivisten für die "gute Sache" verstehen; soziale Herkunft und Lobbynetzwerke tun ein Übrigens

  • einer Einbettung von Fake News in reale Erfahrungen der Zielgruppe, wodurch diese glaubwürdig werden

Künstliche Intelligenz mit ihren Deep Fakes wird dazu beitragen, dass Fake News eher noch zunehmen.

Gess scheint sich laut Interview (das Buch kenne ich nicht; womöglich ist es ausgewogener, vermutlich aber nicht) vor allem an Rechtspopulisten abzuarbeiten. Selbst die Ablehnung des Genderns (von ihr als Antigenderismus bezeichnet) wertet sie als Beleg für (verwerfliche) rechte Gesinnung. Auch die Diskreditierung Tellkamps als rechten Schriftsteller (offenbar sind nur linke Schriftsteller politisch opportun) spricht gegen eine Ausgewogenheit bei der Gess'schen Suche nach den Halbwahrheiten. Was wiederum die Suche weniger glaubwürdig macht, wie ich finde.

5
/
9
M. R.
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
·

Umgekehrt wird ein Schuh draus: Antigenderismus ist nicht per se rechtspopulistisch, aber im Rechtspopulismus wird Antigenderismus prominent vertreten. Nicola Gess schreibt:

«Aber wenn man spezifisch nach rechts­populistischen Kontexten fragt, dann ist es dort zumindest so, dass Männer hier nicht nur besonders prominent vertreten sind, sondern auch Themen wie Antifeminismus, Antigenderismus. Und dass eine bestimmte antiquierte Vorstellung von Männlichkeit einen grossen Anteil dieser Bewegung ausmacht. Das sind Positionen, die in der heutigen Gesellschaft schwer argumentativ zu begründen sind. Womöglich ist es da schon fast notwendig, auf postfaktische Diskurs­strategien auszuweichen, um solche Positionen vertreten zu können.»

Wenn Sie diese Aussage von Tellkamp lesen, würden sie diese als eher rechts oder eher links bezeichnen?

«Die meisten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern. Über 95 Prozent. Das ist eine offizielle Untersuchung. 95 Prozent der Migranten!»

Der Spiegel unterzog noch zwei weitere Aussagen Tellkamps einem Faktencheck und kam zu folgendem Fazit:

Auf dem Podium in Dresden saß also ein deutscher Schriftsteller, der sich offenbar durch Angst, Ressentiment und Wut den klaren Blick auf die Wirklichkeit ein gutes Stück verbauen ließ. Während sich sein Kollege Durs Grünbein sichtlich mühte, zuzuhören und den Diskurs zum angesetzten Thema Meinungsfreiheit mit Argumenten der Vernunft zu füllen, setzte ihm Tellkamp finster eine Sammlung rechter Parolen und Dünkel entgegen. Dazu nahm er es an einigen Stellen mit den Fakten nicht zu genau, vor allem in Bezug auf die Flüchtlingsthematik.

Ich mein, wenn ein Schriftsteller rechte Meinungen vertritt, was er selbstredend auch darf, dann ist es keine «Diskreditierung», wenn man ihn als «rechten Schriftsteller» beschreibt.

14
/
2

Damit haben Sie natürlich Recht. Die Diskreditierung besteht aus meiner Sicht darin, dass der Begriff "rechts" durchgängig als etwas Negatives gewertet wird, als etwas nicht Satisfaktionsfähiges, Verpöntes, mit dessen Vertretern sich eine Diskussion eigentlich verbiete. Statt als normale Richtung im politischen Meinungsstreit.

Gess' Aussagen über Antigenderismus:

"Aber wenn man spezifisch nach rechts­populistischen Kontexten fragt, dann ist es dort zumindest so, dass Männer hier nicht nur besonders prominent vertreten sind, sondern auch Themen wie Antifeminismus, Antigenderismus. Und dass eine bestimmte antiquierte Vorstellung von Männlichkeit einen grossen Anteil dieser Bewegung ausmacht. Das sind Positionen, die in der heutigen Gesellschaft schwer argumentativ zu begründen sind. Womöglich ist es da schon fast notwendig, auf postfaktische Diskurs­strategien auszuweichen, um solche Positionen vertreten zu können.»

Sie benennt hier die überproportionale, sichtbare Vertretung durch Männer im Rechtspopulismus als Übel. (Nebenher: Würde die stärkere Beteiligung von Frauen ihren Beifall finden?) Aber ebenso als Übel empfindet sie offenbar Antifeminismus und Antigenderismus, für die es aus ihrer Sicht keine Argumente gibt. Und das nicht nur dann, wenn sie von eher Rechten vertreten werden, sondern allgemein. Der Rest ist Geraune.

Tellkamp verhebt sich beim Thema Migration (Sie und ich hatten einander hier auch schon einmal über den Weg geschrieben und mit diversen Studien "befeuert"). Natürlich sollte darauf jemand hinweisen. Aber dann bitte auch auf der anderen Seite nachgucken. Zum Beispiel bei den Halbwahrheiten in den Studien der Bertelsmann-Stiftung, der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und woher die Eliten-Projekte sonst ihre wissenschaftliche Rechtfertigung beziehen.

Migration ist auf lange Sicht gut. Für Konzerne auch kurzfristig: neue potenzielle Arbeitnehmer, die den Druck auf die Löhne erhöhen. Und eine Million neue Konsumenten sind ja auch nicht schlecht für die Bilanz. Langfristig dann für alle: Wer im eigenen Saft schmort, verblödet. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass kurzfristig Einheimische unter die Räder kommen können: durch neue Konkurrenz auf dem Wohnungs- und Jobmarkt zett Beh, durch kriminelle Clans, gegen die nicht rechtzeitig vorgegangen wurde, weil niemand als Rassist verdächtigt werden wollte.

Und hier kommt wieder Tellkamp ins Spiel: Er benennt ein Problem, um das sonst alle weiträumig herumgeschrieben haben (von den Hetzern mal abgesehen). Er nutzt dazu Hörensagen und auch falsche Fakten. Aber er thematisiert ein weit verbreitetes Unbehagen, das von "Qualitätsmedien" meist ignoriert worden ist. Hinzu kommt die im Osten Deutschlands eher verbreitete Skepsis gegenüber einer Demokratie, die mangels Repräsentation von einigen als leere Hülle empfunden wird.

Auf der einen Seite: zelebrierte Political Correctness. Auf der anderen Seite: "das Pack". Das funktioniert nicht. Und einseitige Schuldsuchen wie die von Gess funktionieren auch nicht. Vor allem nicht, wenn sie vom hohen moralischen Ross serviert werden und der Fakten-Check immer nur in die eine Richtung zoomt.

Ich bin kein Wissenschaftler, lese eher eklektizistisch und kann die einschlägige Literatur also nicht herauf- und herunterjodeln. Schlüssig finde ich, dass wir uns dem nähern, was Crouch als "Postdemokratie" bezeichnet hat: eine Scheindemokratie, inszeniert als Show – zum Nutzen von Eliten in Wirtschaft, Medien, Wissenschaft und Politik.

Ob dann die einen oder die anderen gewählt würden, das bliebe sich dann gleich, weil es kaum etwas bewirkte. Am deutschen Beispiel: Ob nun Schwarz-Hellrot oder Schwarz-Grün oder Grün-Schwarz oder Hellrot-Gelb-Grün – durchdekliniert werden die immer gleichen Elitenprojekte. Das Gendern wird sicherlich dazugehören, nicht unter drei neuen Lehrstühlen und fünf weiteren Antidiskrimierungsbeauftragten.

Deshalb: Nieder mit dem Antigenderismus! (Und Nein dem Neinsagertum!)

4
/
0

Vielen Dank für den lesenswerten Beitrag!

Ich erlebe für mich persönlich neben den beschriebenen Phänomenen auch einen Überfluss an Fakten, in dem motiviertes Denken meine einizige Möglichkeit zur Meinungsbildung bleibt.

Zu jeder Studie gibt es eine Gegenstudie. Ich muss entscheiden, welche Quelle für mich glaubwürdig ist und was ich glaube und wonach ich mein Handeln ausrichte.

14
/
2
S. A.
· editiert

Das Eier-Narrativ in der Tech Community erzählte genau das Gegenteil: Google sei ein unverbesserlicher Sexist und Rassist. Das ging so: Aktionäre und Mitarbeiter von google verlangten eine Untersuchung der Lohnungleichheit. Der Mutterkonzern Alphabet lehnte ab. Anstatt die Probleme anzugehen, liessen sie im Umfeld der GV das vegane Salat-Emoji leaken, zum Beweis ihres unermüdlichen Einsatzes für "Diversity and Inclusion".

Welche Story auch immer der Wahrheit näher sein mag, der scharfsinnige Zynismus der Techies machte ihre Foren lesenswerter als das verschwörungstheoretische Gejammer der vermeintlichen Meinungsdiktaturopfer.

14
/
2

Ich habe das Gefühl, dass obige Auslegungen das Verständnis von Verschwörungstheorien verkomplizieren. Halbwahrheiten enthalten Chaos und wir sind Muster-Erkenner. Wir werden Muster sehen, wo es keine gibt: Apophenie
Das immer-verfügbare Internet reduziert unsere Chaos-Exposition nicht gerade.

Ein Rollenspiel-Macher erklärt das Phenomen ziemlich bodenständig hier: https://medium.com/curiouserinstitu…0972548be5

9
/
0

Hat Trump tatsächlich etwas von "Trinken von Desinfektionsmitteln" gesagt?

1
/
0
E. H. H.
der andere Blick
·
· editiert

Er sagte wohl Chlordioxid, und ob er trinken oder gurgeln sagte, weiss ich nicht. Körnchen Wahrheit: ClO2 desinfiziert ganz gut. Ist sogar in manchem Trinkwasser spurenweise enthalten. Und eine ex-Republikleserin sowie zwei weitere Personen in meinem Umfeld benutzen es vorbeugend, um eine schwere Erkältung zu vermeiden. Ich selber nehme dafür lieber Emser Salz oder physiologische Kochsalzlösung, hat mir auch bei Covid-19 geholfen. Diese drei Substanzen sind erfahrungsgemäss hochwirksam, wenn frühzeitig, bei den ersten Symptomen benutzt, um die oberen Atemwege zu spülen. Später, wenn die Viren übernommen haben, schützt weder das eine noch das andere zuverlässig, mildert eventuell den Verlauf geringfügig. Trump gab natürlich keine präzise Anleitung, weshalb sich Medienexponenten berechtigt sahen, ihn für die Lächerlichkeit der Empfehlung eines Bleichmittels blosszustellen. Halbwahrheiten sind eine Herausforderung FÜR ALLE.

11
/
2

Sie bringen es auf den Punkt! Danke. Beide Seiten operieren mit Halbwahrheiten.

7
/
0
M. R.
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
·

Er sprach von «disinfectant» und «injection inside or almost like a cleaning». Daraufhin stiegen in den USA die «accidental poisonings with household disinfectants»:

In April, which includes an eight day period from the 23rd of the month to the 30th, following Trump’s comments, the increase was 121% compared to April of 2019.

Durch die Chloroquine «Cure» verstarb u. a. auch ein «Arizona Man».

Trumps Verteidigung war dann: Er habe es nur sarkastisch gemeint.

Verantwortung sieht anders aus.

6
/
2
T. R.
Mensch
·
· editiert

Grundsatz in der Kommunikation: Wenn eine bestimmte Menge an Empfängern der Botschaft sie "falsch" versteht, könnte es sein, dass der Sender etwas "falsches" gesagt hat. Die Botschaft wird beim Empfänger gemacht. Der Sender sollte sich also tunlichst nur mit Themen befassen, von denen er etwas versteht.

2
/
2
T. R.
Mensch
·

Ja, an einer Medienkonferenz. Vor allen Journalisten.

4
/
0
E. H. H.
der andere Blick
·
· editiert

Können Sie es in authentischem Englisch zitieren? Wäre noch spassig.

4
/
1

Ich erinnere mich, dass er etwas von injizieren gesagt hat. Und ja, ich bin päpstlicher als der Papst, aber wenn vorsichtiger Umgang mit Wahrheit gefordert wird, dann sollten Zitate vorsichtig eingesetzt werden. Aber es kann durchaus sein, dass ich im Dauergetwitter etwas verpasst habe.

1
/
1

Der woz Artikel vom 18:3. (Daniela Janser interviewt Nicola Gess) erklärt m.E. besser, was zu tun ist, nämlich sich den sozialen Fragen in der Krise stellen

9
/
1
Verena Rothen
fotografie, texte, webpub&lektorin
·

Danke für diesen Hinweis und diese knappe Zusammenfassung; diesem Hinweis gehe ich gerne nach; da auch bei mir viele Fragen offenblieben hier; danke.

3
/
0

Ist das nun ein Pamphlet gegen Jebsen oder wie soll ich den Artikel verstehen? Mich täte eher interessieren, wieso z.B. GAVI in der Schweiz als Organisation (die Einzige!) Diplomatenstatus besitzt?
Aber das ist wohl auch nur eine Verschwörungstheorie.

3
/
16
D. W.
Studi
·
· editiert

Sie liefern da gerade ein sehr gutes Beispiel für die im Artikel genannte Verbindung von Wahrheit und Suggestion von weiteren, grösseren Zusammenhängen.

Nachtrag: Es scheint nichts so extrem Ungewöhnliches zu sein.

8
/
1
J. R.
· editiert

Das war nun aber Ihr Eigengoal. Statt Wikipedia sollten sie besser die entsprechende Seite unter admin.ch aufsuchen. Wikipedia ist für solche Informationen so glaubwürdig wie Blick, 20min und Co.
Man könnte auch schreiben, dass Sie da gerade FakeNews aufgesessen sind. GAVI besitzt als einzige NGO in der Schweiz komplette Imunität. Machen Sie sich schlau.
Betreffend Wiki: Schauen Sie sich die Doku "Die dunkle Seite der Wikipedia" an. Die Welt ist leider nicht so nett schwarz/weiss wie man sich wünschen würde. Auch die Republik weiss das, sonst hätte es nie einen Artikel über den Impfwebseitenskandal gegeben. Und viele Missstände werden auch nie publik, weil die Insider nicht immer gleich zur Presse rennen oder weil grössere Interessen dahinter stehen.

3
/
7

Interessanter Artikel!
Der letzte Teil hat mich sehr an einen Artikel auf heise.de erinnert, der letztes Jahr erschien und diesen Teil beinhaltete:

Es ist aber ein Schritt in die verkehrte, präfaschistische Richtung. Wiederum driftet hier die nur zu berechtigte, unverstandene Angst vor den Krisenfolgen ins Irrationale ab, um letztendlich eben das System zu rechtfertigen, das die Ursache der Verwerfungen und Ängste bildet. Was will die Bewegung? Ein Ende des Lockdowns, eine Rückkehr zur ideologisch als Naturzustand verklärten kapitalistischen "Normalität", deren widersprüchlicher Wachstumszwang die Ursache der ökologischen wie ökonomischen Doppelkrise ist, mit der die Menschheit sich konfrontiert sieht.

Quelle: https://www.heise.de/amp/tp/feature…27474.html

7
/
0

Nahezu mein ganzes Berufsleben war ich international unterwegs und lernte Menschen aus allen Schichten dieser Gesellschaft kennen. Mehrmals änderte ich die Art und Weise, wie ich mit Informationen umgehe, dies betrachte ich heute als ein lebenslanger Lernrozess. Es gibt nicht DIE Wahrheit für weltliche Angelegenheiten, sondern nur unsere Wahrnehmung. Aber gewisse Muster ziehen sich doch durch, ausnahmslos; individuell ist nur deren Grad der Ausprägung. Es geht immer um das Geld! Es geht immer um die in unserem Fleisch geseetzten Eigenschaften wie Neid, Gier, Eifersucht etc etc..
Dann kommt noch die Intuition von uns Menschen dazu, wo jeder, der sie erlebt, zutiefts im Inneren weiss, das das jetzt richtig ist. Wir haben kein Vokabular dafür, dies rational auszudrücken, sind aber sehr schnell im Verurteilen dieser inneren Stimme, wo doch Respekt und ggf eine analytische Vertiefung angezeigt wäre.
Die im Artikel erwähnten Personen sind für mich alle, ohne Ausnahme, gleichwertige Informationsquellen. Es liegt an mir, die entsprechenden Siebe zur Hand zu nehmen und der betrachteten Sache in all ihren Facetten nachzugehen.
Ich hatte beruflich auch mit sehr bekannten "Faktencheckern" zu tun; kurz gesagt nach meiner Siebung: Nichts Neues unter der Sonne.

8
/
1

"Sie steht zwar mit einem Fuss noch im Bereich der Tatsachen­wahrheit, in der gemeinsam geteilten Wirklichkeit. Aber sie öffnet zugleich die Tür zu einem Universum, in dem jeder und jede sich die Wirklichkeit so zurecht­biegen kann, wie es ihm oder ihr passt. Und so destabilisiert die Halbwahrheit den Grund, auf dem wir stehen. Sie destabilisiert den Wirklichkeits­sinn, der für Arendt die Grundlage ist für das Funktionieren demokratischer Prozesse

Dieser Absatz erinnerte mich daran, dass "Glauben ohne Beweise moralisch falsch" sei, wegen den folgenden 3 Gründen:

"Everyone would agree that our behaviour is shaped by what we take to be true about the world – which is to say, by what we believe. If I believe that it is raining outside, I’ll bring an umbrella. (...) As social animals, our agency impacts on those around us, and improper believing puts our fellow humans at risk."
==> Unser Denken informiert unsere Handlungen und damit die Umwelt.

"Clifford puts it nicely: ‘No real belief, however trifling and fragmentary it may seem, is ever truly insignificant; it prepares us to receive more of its like, confirms those which resembled it before, and weakens others; and so gradually it lays a stealthy train in our inmost thoughts, which may someday explode into overt action, and leave its stamp upon our character.’"
==> Man ist bereit, mehr unglaubwürdige Sachen aufzunehmen und wird zum "schlechteren Denker".

"in our capacity as communicators of belief, we have the moral responsibility not to pollute the well of collective knowledge. (...) Because of this capacity to communicate, ‘our words, our phrases, our forms and processes and modes of thought’ become ‘common property’."
==> Die kollektive Zusammenarbeit bedingt eine gemeinsame Wissens/Faktenbasis, welche wir damit "verdrecken".

6
/
0
M. R.
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
·

Wobei wir immer beachten sollten, dass es aufgrund der Übersetzung zu Missverständnisses kommen kann. So ist «a belief» weniger «ein Glauben», als vielmehr «eine Überzeugung». «Ein Glaube» wäre mehr «a faith», auch wenn es «believer», also «Gläubige» gibt. Alas, die Subtilitäten der Sprache und Übersetzung!

«Glauben» ist im Deutschen ja entweder religiöser Glaube, der quasi per definitionem keiner wissenschaftlicher Beweise bedarf («Ich glaube an Gott.»). Oder aber per definitionem eine unbelegte, unsichere Überzeugung («Ich glaube schon.»). Dies im Gegensatz zum «Wissen» (Ich weiss es nicht, aber ich glaube es), welche gute Gründe hat – die sich aber natürlich auch als falsch herausstellen können.

Interessant ist die «Gewissheit», wie sie Wittgenstein schön problematisiert, welche nicht unbedingt ein religiöser Glaube ist, auch nicht eine logische Notwendigkeit, sondern eine empirische Wahrscheinlichkeit, aber so wie die vorigen Modi gebraucht wird. Also eine Wahrscheinlichkeit, die per definitionem immer auch falsch sein kann (Stichwort «Falsifikationismus»), die als Wahrheit i. S. d. Gewissheit verwendet wird (siehe auch «Induktionsproblem»).

Etwa, die äussere Wirklichkeit existiert. Andere Menschen haben ein eigenes Bewusstsein. Die Erde ist ru... – Arrgh, zu spät! Genau hier feiert die Sprache und mit ihr die Logik und die Skepsis und wird zu Unsinn, Scheinlogik und radikalem Skeptizismus.

Wittgenstein schreibt dazu:

Ein Zweifel, der an allem zweifelte, wäre kein Zweifel.

Ein Zweifel ohne Ende ist nicht einmal ein Zweifel.

[D]er Zweifel beruht nur auf dem, was außer Zweifel ist.

6
/
3
Verena Rothen
fotografie, texte, webpub&lektorin
·

Ich habe eine Verständnisfrage an die Autorin.
Unter dem Fiktionscheck, wie Sie ihn im folgenden Abschnitt aufgeführt haben, kann ich mir nicht wirklich was vorstellen. Deshalb wäre ich dankbar für ein Beispiel dazu:
„Denn Halb­wahrheiten und die Kontexte, in denen sie zum Einsatz kommen, funktionieren letztlich nicht nach der Logik eines fakten­basierten Diskurses und nach dem Code wahr oder falsch. Sondern sie richten sich danach, ob etwas passend ist, glaubwürdig, emotional ansprechend, kohärent. Man muss diese Dimension in den Blick bekommen, die viel mehr mit der Logik von Geschichten zu tun hat. Man muss sozusagen nicht die faktische, sondern die fiktive Seite der Halb­wahrheit in den Blick nehmen und damit an die eigentlichen Beweg­gründe heran­kommen, die die Leute dazu verleiten, diese Geschichten zu glauben. Das schafft einen anderen Zugang.“

8
/
2

Die Autorin spricht hier m.E. von zwei verschiedenen Arten, wie wir als Menschen Gehörtes analysieren. Wenn jemand uns etwas erzählt, fragen wir nicht immer sogleich, welche Quellen diese Information hat, um unsere Meinung dazu zu bilden. (Dies wäre für ein faktenbasiertes Weiterverbreiten von Informationen aber wichtig.) Oft reicht es aus, dass wir der Person, die uns etwas erzählt, einigermassen vertrauen und das Erzählte einigermassen in unsere generelle Vorstellung der Welt passt.
Ich glaube, einfaches Beispiel wäre ein ganz typisches Gerücht. Ein solches verbreitet sich ja nur, wenn die Hörenden und Weitererzählenden diesem genügend Vertrauen schenken, um es selbst wieder weiterzuerzählen. Dabei passen potente Gerüchte oft in die Geschichten rein, welche man über diese Person eh schon “kennt”. So à la “weisst Du noch wie xyz damals dies und das gesagt hat? Ja, und jetzt, habe ich gehört, hat sich eben Folgendes zugetragen...!”
In diesen Fällen, so verstehe ich die Autorin, ist es wichtiger, sich zu fragen, warum die Hörer*innen dieses Erzählte als ich wichtig/richtig empfinden, da es ja scheinbar nicht um den tatsächlichen Wahrheitsgehalt geht. Dient das Weitererzählen vielleicht der Belustigung oder der Empörung (und damit implizit der Selbstdarstellung als “ich hätte mich selbst ja nie so verhalten, aber dass xyz dies macht, erstaunt mich gar nicht!”)? Aber es könnten auch andere Gründe sein, warum den Hörenden die Geschichte “passt” und es eigentlich egal ist, ob es wahr ist oder nicht.
Solche Gerüchte können auch sehr gut auf weiteren Vorurteilen und Gerüchten aufbauen, welche schon existieren. Und wenn verschiedene Gerüchte sich gegenseitig verstärken, kann dies auch zu grossem Hass führen, wie etwa in der langen Geschichte des Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, etc. Diese kann man alle auch als lange Ketten von weitererzählten Geschichten sehen, welche wenig bis gar nichts mit Wahrheit zu tun haben, aber trotzdem von Generation zu Generation weitererzählt werden und gerade dadurch sehr mächtig und zerstörerisch sind. Auch hier kann man sich fragen, warum diese Geschichten so wahrheitsresistent sind.
Ich verstehe die Autorin so: sie schlägt uns vor, dass es den Erzählenden gar nicht wirklich darum geht, tatsächlich herauszufinden, was wahr ist. Es geht ihnen (uns?) darum, dass die Geschichte uns irgendwie “passt.” Und wenn wir mit jemandem sprechen, die/der eine Geschichte erzählt, von der wir das Gefühl haben, sie sei eben nur halbwahr, dann könnte es zielführender sein, darauf einzugehen, warum diese Geschichte für diese Person wichtig ist, anstatt darüber zu diskutieren, was alles daran genau wahr oder unwahr ist.

Meine Frage ist daher: es ist für mich als Zuhörer ja unklar, ob etwas Erzähltes eine Un-, Halb-, oder Ganzwahrheit ist. Oft kenne ich die “Fakten” selbst ja auch nicht und lasse mich daher von dem leiten, was ich schon als wahr akzeptiert habe, obwohl darunter sicher auch viel unentdeckt Halbwahres steckt. Darum: Wie sollten wir uns generell verhalten, um in diesen Erzählketten einen Beitrag dazu zu leisten, Unwahres und Halbwahres auszusortieren? Schwierig ist es ja nur dort, wo etwas für mich wahr klingt, es aber in Wirklichkeit unwahr ist! Wie kann man diese Situationen besser erkennen? Hat hier jemand Ideen?

2
/
0
P. M. H.
Interkultureller Coach
·

Meine Methode ist möglichst viele Quellen anzuzapfen und querzuvergleichen. Wir haben mit dem Kabelfernsehen ein Fenster zur Welt: Nachrichten zu China kann man mit CGTN, zu Russland mit RT, den internationalen, mehrsprachigen Sendern vergleichen und weiss damit wie die Gegenseite eine Nachricht beurteilt oder interpretiert. Damit wird eine differenzierte Betrachtung und Meinungsbildung möglich.
Ein weiterer Weg ist die Nutzung des Internets als Informationsquelle: Nehmen wir als Beispiel den Konflikt um die Uiguren: Wikipedia bietet eine Fülle von Informationen unter (https://www.google.com/search?clien…&q=Uiguren). Dort steht auch der Satz: «Selbst die Informationsgesellschaft der westlichen Welt stellt die politischen Verhältnisse der Uiguren und ihre historischen Bedingungen in aller Regel nur verzerrt dar.» Es ist bei uns nie die Rede von chinesischen Opfern, sie werden nur als Täter dargestellt. Es fanden mehrere Attentate gegen Chinesen statt. Die chinesische Regierung sprang nach den Attentaten im Westen und der Politisierung des Islamismus auf den Zug auf und meinte damit davonzukommen. Sie hat sich geirrt, wie die ständigen Berichte zur Lage in der Provinz Xinjiang zeigen. Im Westen werden Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit dem Terrorismus einfach totgeschwiegen oder als gerechte Massnahme im Zuge der Terrorismusbekämpfung empfunden.
Ein weitere Möglichkeit sind Aussagen wie, «viele, immer mehr» oder auch absolute Äusserungen mit Hilfe des Internets auf eine Zahlenbasis zu stellen. Eine Hilfsorganisation hatte mit Hilfe einer rassistischen TV Kampagne auf das Schicksal der Frauen in Indien hingewiesen. Ich habe die Schweizer Zahlen auf Indien hochgerechnet, es war ein hinkender Vergleich, aber ich konnte damit belegen, dass wir zuerst mal vor unserer eigenen Türe kehren sollten. Weitere Zahlenvergleiche habe z.B. bei den Militärausgaben China / USA gemacht und der Behauptung entgegengewirkt, China rüste auf – das Gegenteil ist der Fall. China investiert mit einer viermal so grossen Bevölkerung ungefähr etwas mehr als 1/3 der Ausgaben der USA.
Es gibt nie eine absolute Wahrheit. Aber die die differenzierte Betrachtung fördert Offenheit und Dialogfähigkeit mit Menschen und Kulturen im Kontrast zu einem journalistisch und ideologischen Absolutismus.

2
/
0
Verena Rothen
fotografie, texte, webpub&lektorin
·

Danke, O. B. für diese klare, ausführliche und mit Beispielen anschaulich gemachte Antwort. Das klärt den Passus glaube ich sehr gut. Und hilft wohl tatsächlich; jedenfalls weiss ich jetzt, was ich mun ausprobieren kann. Wie gesagt: Vielen Dank!

Umgekehrt zu Ihrer Frage:
Wie können wir solche Situationen besser erkennen?

Ich denke: erstens daran, ob Erzählungen oder Texte uns leicht neblig-verschwommen zurücklassen; mit einem Kopf voller Verwirrung - die Geste dazu: Jetzt hab ich grad sooo n Kopf (riesig), auch wenn wir nicht übermassig lang voll konzentriert zuhören mussten. - In Zoom-Zeiten passiert das allerdings schneller, und auch bei durchaus guten Diskussionen erwa.

Zweitens habe ich mir als Kind zweier Eltern, die buchstäblich nie gleicher Meinung waren (ausser in einem; dass an mir so ungefähr rein gar nichts nach ihrem Geschmack war - aus allerdings selbstverständlich auch da ganz unterschiedlichen Gründen) - hab ich mir in dieser Situation (als Überlebenstaktik quasi) schon sehr früh angewöhnt, immer und jederzeit nach den Quellen zu fragen; und zwar genau.

„Hab ich in der Zeitung gelesen“. - In welcher Zeitung genau? - Oft auch noch: „Wann?“ „In welchem Jahr, wenigstens, ungefähr?“ Heute: In welchem Jahrzehnt?

Hab ich aus nem Buch. - Welchem Buch?
Von einer Freundin. - Welcher Freundin? Und wenn ich sie nicht selber kenne: Was macht sie denn beruflich? Und weitere Fragen, die eine Haltung beleuchten können allenfalls.

Geschweige denn: Hab ich aus dem Internet.
Nun, das kann ja nun wirklich alles sein. Wie wir wohl alle inzwischen wissen. - Also: Wo im Internet? - Wo genau??

Eine sehr gut gebildete und vor unserer Bekanntschaft eine Phase lang politisch sehr aktive Freundin sagte dann jeweils: „Ja, uf irgend so re Info-Syte.“ Das habe ich bei ihr damals nur gefragt, weil sie mir so oft Dinge erzählte, die sich später als falsch herausgestellt hatten. Es kam immer die gleiche Antwort: „Im Internet halt.“

Damals merkte ich, dass ich von buchstäblich der ersten Klasse (genauer, etwas vorher schon) immer nachgefragt habe. - Und bis gut zwanzig sämtliche Infos mitsamt den Quellenangaben abspeichern konnte. (Genau: Familien-Überlebenstrainig sei wohl dank.) Bei selber gelesenen Büchern oder anderen Texten für viele Stellen sogar mit Seitenzahl noch dazu.

Später, also irgendwann nach zwanzig, als mir dieses genaue Abspeichern bei allem, was nicht ganze Bücher waren, nicht mehr gelang, las ich - gerade, was Politik und Tagesgeschehen, Berichte aus Wissensgebieten betraf, nur noch Quellen - Zeitungen, TV-Sender bzw TV-Sendungen, etc. -, die ich vorher genau als vertrauenswürdig recherchiert hatte.

Und mir - nach der Lektüre des Ulysses von James Joyce hatte ich mir das bewusst vorgenommen, was ich, Familie sei dank, länger schon machte - mir so weit als immer möglich mir meiner Gedanken auch beim Lesen und Reden möglichst klar bewusst zu sein.

Das alles hilft, den Kopf relativ müllfrei zu halten.

Nur: Sie werden es ahnen: Sehr weit bin ich - klar, vor allem auch aus Sicht meiner Familie, noch immer, vor allem der noch verbleibenden Teile - nicht gekommen damit; auch nicht im Leben. In einem chronisch halb depressiven Leben war das nicht ganz so schlimm. Aber seit es so unglaublich viel Faszinierendes wieder, gerade auch an Lektüre, und momentan ja fast nur an Lektüre, oder über relativ anstrengende und schlicht viel einsamere Zooms-Sessions ohne all die zugehörigen Vibes rundherum (mit viel zu leisem Computerton, noch dazu), in der Welt gibt - und das Leben gerade wieder sehr viel endlicher wird als auch schon - seither sind all die Stapel halb und ungelesener Bücher auch für mich selber manchmal leicht bedrückend. Allerdings auf eine Art, wo jeder Strahl Sonne und Wärme sie gleich wieder zum Leuchten bringt.

Uff, etwas lang geraten - und meine obige Anleitung birgt auch einige Gefahren, aber für die Anwendenden selber eher als für die Umwelt - aber eh nu und voilà.

Danke nochmals für Ihre obige Anleitung im Umgang mit der Fiktions- statt Faktenebene!

2
/
0

Ja leider Geschwurbel überall, besonders viel aber in der "Republik"

5
/
16
M. R.
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
·

Ach, aktualitätshalber und um neben Relotius und Konsorten noch eine Frau nebenanzustellen: Jüngst wurde ja der Fall «Lehrenkrauss» bekannt. Die Regisseurin produzierte einen preisgekrönten Dokumentarfilm – mit Schauspieler*innen und nachgestellten Szenen. Bezeichnend – und für diese Diskussion von Interesse – ist auch ihre Verteidigung:

Ich kann mir auf jeden Fall nicht vorwerfen, die Realität verfälscht zu haben, weil diese Realität, die ich in dem Film geschaffen habe, eine viel authentischere Realität ist.

Ansonsten kämen da noch die republikanische QAnon-Abgeordnete Marjorie Taylor Greene in den Sinn oder auch die «Plandemic»-Verschwörungsmythikerin Judy Mikovits.

9
/
4

Das mit den Halbwahrheiten ist so seine Geschichte. Stellte nicht kürzlich Joe Biden fest, dass so viele US Bürger an Covid 19 gestorben sind wie US Soldaten in WW1, WW2 und dem Vietnamkrieg zusammen. Ich gehe davon aus, dass die Database mehr oder weniger stimmt, dennoch finde ich den Vergleich Haarsträubend. Entweder wird Covid 19 zu einem grösseren Killervirus gemacht als er ist oder die Weltkriege 1 & 2 sowie der Vietnamkrieg werden gewaltig verharmlost.
Ich kenne keine nennenswerte politische Partei, die nicht mit Halbwahrheiten experimentiert. Dies scheint mir die Realität von heute zu sein und sie war es wohl auch gestern.

6
/
8
Rolf Müller
Action Anthropologist
·

Vor allem müsste man dann noch die "Kollateralschäden", beispielsweise getötete und verstümmelte Nicht-AmerikanerInnen mit einberechnen, wenn man die Pandemie nicht dramatisieren- und die von den USA geführten Kriege nach dem 2. Weltkrieg verharmlosen wollte...
Das Beispiel zeigt wieder mal, wie man mit Zahlen manipulieren kann, insbesondere dann, wenn man mit diesen Zahlen zusammenhängende ANDERE zahlen verschweigt.

5
/
0
F. J.
Fröögli
·
· editiert

Also wer Bill Gates ist weiss ich. Und ich glaube, eine seiner Eigenschaften ist sein Riecher für das grosse Geschäft. Hier lasse ich bewusst das wertende Adjektiv weg.

Den Daniel Ryser habe ich schon ein paar mal auf der Bühne gesehen und auch immer wieder Artikel von ihm gelesen. Ihn hasst oder liebt man und mit dem spielt er bewusst.

Ken Jebsen ist mir auch nicht unbekannt. Ihn würde ich als Outlaw im Journalismus bezeichnen.

Von Frau Nicola Gess lese ich hier zum zweiten mal. Zu ihr erlaube ich mir noch nicht eine Aussage zu machen. Ausser vielleicht, dass sie ein Buch über Halbwahrheiten und Verschwörungstheoretiker schreibt, in Zeiten, in welchen das auch als opportunistisch gedeutet werden könnte. Und mit den kontrastreichen Licht-Schatten-Fotos, in knalligem Rot gekleidet, mit Sonne im Gesicht posierend, macht sie ein Statement, dass vielleicht jeder für sich selber einmal hinterfragen sollte.

Ihr Buch habe ich nicht gelesen, darum kann und möchte ich nur zu diesem Artikel ein paar Fragen stellen.
Mich triggern statistische Aussagen, wie z.B. diese 10 %ige WHO-Finazierung durch die Bill & Melinda Gates Stiftung, enorm. Es stimmt natürlich, dass 10% nur ein Zehntel sind und nicht die Hälfte, also nie und nimmer eine Mehrheit. Wenn aber einer 10% finanziert und 99 andere 1%, dann stehen die Verhältnisse in einem anderen Licht da. Also habe ich, wie es Frau Gess suggeriert, die Fakten gecheckt, die Wahrheit gesucht und bin auf der offiziellen Seite der WHO die Liste der Contributers durchgegangen. Und siehe da, Bill und Melinda stehen mit 11.8% an erster Stelle vor Deutschland mit 11.76% und den USA mit 7,27% der Finanzierung der WHO, der Welt-Gesundheits-Organisation!!!
(http://open.who.int/2020-21/contrib…ontributor).

Kann eine Organisation, die von einer Person soviel Geld erhält, noch frei nach ihren Werten handeln? (https://www.who.int/about/who-we-are/our-values)

Ist es verschwörerisch zu denken, dass Bill Gates, als in der Pharmaindustrie beträchtlich investierter Geschäftsmann, in der WHO gewisse eigene Interessen verfolgt?

Ist es nicht gefährlich Frau Gess, andere als Verbreiter, Spreader von Halbwahrheiten zu diskreditieren, wenn ich als einfacher Leser, eine ihrer Aussagen mit einer kleinen Recherche auch als Halbwahrheit entlarven kann?

Ich bin ein absoluter Verfechter der Meinungsäusserungsfreiheit. Und darum die allgemeine Frage an die heutigen Medien, wäre es nicht an der Zeit, dass Staaten, Organisationen, Firmen, Personen, ..., die in Artikeln negativ erwähnt werden, auch selber zu Wort kommen, ihre Meinung äussern, ihre Seite aufzeigen können?

Als engagierter Vater, weiss ich nur zu gut, ein Konflikt ist nie nachhaltig lösbar, wenn nicht alle Seiten angehört und diskutiert werden.

10
/
6
Verena Rothen
fotografie, texte, webpub&lektorin
·

Nun habe ich seit der Lektüre des Artikels, seit sechs Tagen, ein ganz anderes Problem noch. Und zwar ein Problem mit dem Begriff „Halbwahrheit“.

Und zwar, weil der Begriff ein „Halbe-Halbe“ suggeriert, etwas, was gerade in unserem Land mit den vielen Abstimmungen, zu einer sprachlich bedingten Fehlwahrnehmung führt.
Es sind eben nicht 50%-ige Wahrheiten, sondern gar keine.

Was die Autorin „Halbwahrheit“ nennt, sind in den Fakegeschichten viel eher Versatzstücke - fast sowas, wie Theaterkulissen - aus der realen Welt; bzw der Welt der wenigstens vorläufig gültigen Erkenntnisse oder der noch etwas klareren Welt der recherchierbaren Tatsachen|Fakten, die dazu dienen, die darum herum konstruierten fiktiven, unwahren Geschichten nach Realität und Wahrheit tönen zu lassen.

Und je bekannter diese Versatzstücke - Personen oder Nachrichten, die weit verbreitet die Runde gemacht hatten, deshalb auch so oft sehr gut bekannte Namen, mit sehr viel weniger gut bekannten Behauptungen über sie - desto einfacher ist es, das Lügengewebe darum herum in der Wahrnehmung derjenigen, die sie lesen, als bekannt und damit scheinbar wahr klingen zu lassen .

Und lesen tun wir, die allermeisten von uns, leider ja allzu oft bereits müde und | oder aus anderen Gründen sehr ungenau, rasch und flüchtig; und damit allzu leicht manipulierbar.

Aber mit halber Wahrheit haben die Fake-Fiktionen nichts zu tun; daher ist dafür „Halb-Wahrheit“ leider auch kein guter Begriff. - Was in keiner Weise Kritik an den Aussagen der Autorin, sondern nur an dem von ihr verwendeten (und leider zentralen) Begriff.

4
/
0

Mir gefällt Ihr Wortvorschlag “Versatzstück” sehr!

1
/
0
Verena Rothen
fotografie, texte, webpub&lektorin
·

Danke.

0
/
0
M. R.
Ratsmitglied Project R Genossenschaft
·
· editiert

Hierzu immer schön: Das Ende von Nietzsches Fabel «Wie die »wahre Welt« endlich zur Fabel wurde. Geschichte eines Irrtums» (1889)

Die wahre Welt haben wir abgeschafft: welche Welt blieb übrig? die scheinbare vielleicht?... Aber nein! mit der wahren Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft.

5
/
2
B. G.
Köchin
·

Über Halb und Wahrheit werden wir uns weiterhin nicht einig sein. Halb beinhaltet: dass ich die andere Hälfte nicht kenne und sie anschaue. Sofern mir dies wichtig ist. Mit der Wahrheit tue ich mich heute schwer: was ist sie? Auf welche Aussagen, z. B. „ im Juli sind wir alle geimpft?
Stand by, liebe Republik. Es ist, wahrheitsgetreu einiges nicht verlässlich. Wir sind in einer unzuverlässigen Zeit.

6
/
3

“Daraus lässt sich durchaus auch etwas über das Demokratie­verständnis der Anhänger von Donald Trump ableiten: Die Trump-Anhänger, die bereitwillig auch noch die krassesten Lügen geglaubt haben, haben Trump damit performativ in seinem Macht­anspruch bestätigt. Das heisst: Sie haben ihm die Macht gegeben, Wahrheit zu setzen.“

Diese Passage erinnert mich an den Artikel Die Macht der Lüge in der Politik von Constantin Seibt.

2
/
0

Ja... die Analyse geht in diesem Text aber noch weiter:

Und dass eine bestimmte antiquierte Vorstellung von Männlichkeit einen grossen Anteil dieser Bewegung ausmacht. Das sind Positionen, die in der heutigen Gesellschaft schwer argumentativ zu begründen sind. Womöglich ist es da schon fast notwendig, auf postfaktische Diskurs­strategien auszuweichen, um solche Positionen vertreten zu können.

2
/
0
R. A.
· editiert

in jedem Fall lässt man sich auf fakes ein, sollte man sich darauf einlassen, wenn es um Wahrheit geht... in jedem Fall ist es anstrengend, es beansprucht viel Kräfte, die man vernünftiger einsetzen könnte.

2
/
1

Das sogenannte „motivierte Denken“ findet sich nicht nur bei „Rechten“ oder Verschwörungstheoretikern. Es musste nicht lange gesucht werden. Im Artikel von Volker M. Heins in der Republik vom 27.3.21 ist zu lesen: „Unsere schönen deutschen oder Schweizer Pässe, die uns sonst das Tor zur ganzen Welt aufschliessen, sind wenig wert. Die Einschränkung der weltweiten Bewegungs­freiheit, die für die Menschen im globalen Süden ein Dauer­zustand ist, war im Lockdown eine Erfahrung, die auch wir machen mussten.“ Soviel ich weiss - und es lässt sich auch nachprüfen - (https://www.travelnews.ch/destinati…eisen.html) gibt es nur sehr wenige Länder, in denen mit einem Schweizer Pass gegenwärtig nicht eingereist werden kann. In sehr vielen Länder gibt es Regelungen wie Quarantäne oder die Vorlage eines negativen PCR-Tests, aber die Einreise ist möglich mit einem Schweizer Pass. Für viel Menschen aus z.B. afrikanische Länder aber nicht. Das wären die Tatsachenwahrheiten, von denen Nicola Gess schreibt.

3
/
3

Ich teile Ihre Sicht, Herr Thommen. Der Artikel benennt die Problematik richtig. Aber die Message, dass das Instrument der Halbwahrheiten nur rechts genutzt wird, trifft nicht zu. Beispiele:

  • In der aktuellen Ausgabe des bekannten Magazins "National Geographic" wird behauptet, landwirtschaftliche Ammoniakemission führen zu Gesundheitsschädigungen beim Menschen. Diese Aussage ist weder belegt noch plausibel, sondern vielmehr widerlegt. Landwirtschaftliche Ammoniakemissionen sind ein Umweltproblem.

  • Im Rahmen der Diskussion über aktuelle Initiativen wird behauptet, Nitrat im Wasser und in Gemüse sei ein bedeutendes Krebsrisiko. Diese Aussage gilt als wissenschaftlich widerlegt, wird aber doch regelmässig vorgebracht, auch von reputierten Autoren.
    Fazit: Halbwahrheiten sind ein wichtiges, breit eingesetztes und wohl auch unterrichtetes Instrument in der Kommunikation. Wenn das Thema auf den Tisch gebracht wird, aber keine Bereitschaft vorhanden ist, Beispiele im eigenen Spektrum zu suchen, muss man davon ausgehen, dass es nicht um die Standards in der Berichterstattung geht. Sondern darum, dem Opponenten dieses wichtige Instrument zu entwinden.

6
/
1
B. J.
· editiert

Der Höhe- (oder eher Tief)punkt der Doppelbödigkeit: dem Opponenten ein Instrument entwinden und ihn gleichzeitig denunzieren, dass er dieses Instrument anwende. Lenkt vom eigenen Handeln ab, identifiziert den andern als Bösewicht und wertet die eigene Position auf.
Was ich weder der Autorin noch Daniel Ryser vorwerfen möchte.

6
/
1

Vielleicht nicht das beste Beispiel. Faktisch ist die Einreise in viele wichtige Länder mit einem Schweizer Pass nur mit massiven Restriktionen oder eben gar nicht möglich. Eine gute Übersicht findet sich auch hier: https://www.skyscanner.ch/reisebeschraenkungen

Und Fakt ist auch, dass bis März 2020 für mich unvorstellbar war, dass ich mit meinem Schweizer Pass den indonesischen Teil unserer Familie auf lange Zeit nicht besuchen kann. In Südostasien und im Pazifik sind die Grenzen für Europäer so geschlossen, wie diejenigen Europas es sind und waren für Menschen aus den meisten dieser Länder.

Das Gefühl, dieser Situation komplett ausgeliefert zu sein, ist tatsächlich neu und sonderbar.

2
/
0

Da mögen Sie recht haben, dass es vielleicht nicht das beste Beispiel ist. Tatsächlich war es im April 2020 so, dass das praktisch weltweit unbeschränkte Reisen für Schweizer und viele andere Europäerinnen nicht mehr möglich war, und das war eine neue Erfahrung, auch für mich. Allerdings waren die Grenzen in vielen Ländern, inklusive europäischen für alle "Ausländer" geschlossen, für Schweizer wie auch für Menschen aus Migrationsländern wie z.B. Afrika. Das macht einen erheblichen Unterschied, vor allem wenn die Grenzen später wieder geöffnet wurden, aber nicht für Menschen aus Migrationsländern z.B. aus Afrika, wie bisher. Wir mussten einfach warten bis die Grenzen wieder öffneten, obwohl es auch heute noch einige Ausnahmen gibt wie Australien.

0
/
0

Mein lieber Daniel,
Ich habe das interessante Interview mit Frau Gess gelesen und aufgrund dieses Textes das Buch gekauft. Nun meine Frage: Hast du das Buch gelesen, mindestens bis zur Mitte? Hast du da nicht feststellen können, dass diese Frau genau den gleichen Bockmist auftischt über die "Verschwörungstheoretiker" betr. WTC 7?! Und das wäre meiner Meinung eine dringende Voraussetzung, wenn man einer Professoren für Literaturwissenschaften Gelegenheit bietet, in einer seriösen Zeitung sich zu äussern: Die gute Frau versteht offensichtlich sehr viel von Literatur, hat aber keinen blassen Hochschein von Statik. Warum lässt du so eine unwissende Person ihr Buch vorstellen, wo sie die abstrusen Ideen eines ebenso unwissenden Prof. Dr. Butter wie ein folgsamer Papagei nachplappert? Ich bin gespannt auf deine baldige Antwort Sepp Goldinger

0
/
0

"Aus der Meldung, dass die USA ihre Streitkräfte in Europa vergrössern wollten, schiesst via eine «Donbass News Agency» eine solche Falsch­meldung um die Welt, wonach die USA dabei seien, Tausende Panzer nach Europa zu schicken als Teil laufender «Nato-Kriegs­vorbereitungen mit Russland» (Republik)

Was ist tatsächlich die Wahrheit? Dazu gibt es verschieden Ansichten, siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=xeZ8LNYCLK8
https://www.cnv-medien.de/news/frac…en-an.html

2
/
12
C. B.
chrygel
·

Fake News und Verschwörungstheorie gehören nicht in den selben Topf. Wenn Herr Köppel von „Gesinnungsterror“ spricht, hat er eine Erzählung oder ein bestimmtes Bild im Kopf. Nämlich, dass die letzten Jahre der „Index des Unaussprechlichen“ kontinuierlich gewachsen ist. Seine Verdrehung der Tatsachen illustriert dieses Bild anhand eines Beispiels. Das würde ich jetzt nicht als Fake News bezeichnen.

Die Ursache für Kriege, Armut und Ungerechtigkeit sieht Herr Jebsen darin, dass mächtige Menschen und Organisationen ihre eigenen Interessen zum Nachteil der Allgemeinheit durchsetzen. Ob das in jedem Einzelfall zutrifft sei dahingestellt.

Allerdings besteht die Aufgabe des Journalisten darin, Fakten zu sammeln und zu einer schlüssigen Geschichte zusammenzubauen. Auch vor Gericht wird dieses Vorgehen angewandt, wenn Indizien gesammelt werden, um einen Tathergang zu rekonstruieren.

Ich finde es steht der Republik nicht zu, andere Journalisten als „ex-Journalisten“ oder Verschwörungstheoretiker zu bezeichnen. Frei nach der Devise „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“, schliesst man sich dem Mob an und redet der Mehrheit nach dem Mund.

Bisher hat keiner der Artikel zum Thema Verschwörungstheorie tatsächlich irgend einen substantiellen Inhalt geliefert.

12
/
36
seit 2018

Republik AG
Sihlhallenstrasse 1
8004 Zürich
Schweiz

kontakt@republik.ch
Medieninformationen

Der Republik Code ist Open Source