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Beiträge zu «Es ist kalt da draussen, Grossbritannien»



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Philippe Kramer
Vizepräsident Project R Genossenschaft
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Grossartiger Text!

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Spannender Artikel, welcher meine eigenen Vermutungen weitgehend stützt, aber am Schluss halt doch nur Spekulation. Ich hinterfrage schon seit längerem meine eigenen Gedanken, ob nicht auch ein anderes Szenario denkbar ist. Es wäre ja ganz praktisch, wenn es den Briten schon bald so richtig dreckig gehen würde (bitte verzeiht mir den Sarkasmus für den Moment). Dann wären viele zukünftige Europa-Abstimmungen bei uns schon im vornherein klar. Aber es kann es wirklich nicht auch anders kommen?

In einer Zeit, in welcher Aussagen vieler Politiker_innen im Normalfall die Halbwertszeit eines Schneekristalls bei 10 Grad Celsisus haben, weiss niemand, ob die "Übergangsphase" dann nicht doch mehrere Jahre dauern wird. Opportunist_innen können ja bekanntlich die Meinung schneller wechseln als andere. Das britische Volk wurde hinters Licht geführt und hat sich ein Kuckucksei ins Nest gelegt; keine Frage. Aber de facto beginnt das (noch) vereinigte Königreich eine Phase, welche die Schweiz 1992 begonnen und seither erfolgreich umsetzt. Wir wollen maximal vom Klub profitieren ohne den Mitgliederbeitrag zu bezahlen. Das hat bisher prächtig funktioniert, warum auch immer. Warum also sollte Grossbritannien nicht in der Lage sein, es der Schweiz gleich zu tun? Stehen unsere Handelsdiplomat_innen nach denjenigen der USA und der EU auf dem Bronze-Platz oder sind die Beamt_innen der fünft grössten Volkswirtschaft wirklich derart schlecht? Sind wir für die EU als Handelspartner derart viel wichtiger als die Insel? Das Nein zum EWR traf die Schweiz damals ja auch nicht unbedingt bestens vorbereitet.

Wäre da nicht die Zeit. Ohne Zweifel ist der künstliche Zeitdruck, welcher der Populist und Lügner Johnson raus posaunt, äusserst dumm. Aber sollte der wegfallen, sieht die Situation immer noch so schlecht aus? Wenn in der Tat die Kleinen beim Freihandel verhandeln immer über den Tisch gezogen werden: warum geht es uns so extrem gut? Nur weil Boris die Verhandlungen beginnt, heisst es noch lange nicht, dass er sie abschliessen wird.

GB hat sich völlig unnötigerweise in eine schwierige Situation manövriert. Ob die Versprechungen der Politiker_innen aber völliger Schwachsinn waren oder ob sie teilweise oder vielleicht sogar ganz in Erfüllung gehen werden, wird erst die Zeit weisen. Nicht 2020 oder 2021. Dazu ist der Dampfer viel zu träge. Aber in fünf bis zehn Jahren wird man vermutlich eine Bilanz ziehen können. Und auch dann: wer kann heute schon sagen, wie es der Schweiz gehen würde, wenn wir dem EWR und später der EU beigetreten wären? Und auch bei uns glauben immer noch viele ans Märchen des unabhängigen und selbstbestimmten Landes. Spielt aber auch keine Rolle, solange alles mehr oder weniger rund läuft. Wenn es Grossbritannien schafft, dass es den Menschen im Land besser geht, war der Austritt ein Erfolg - unabhängig davon, ob er trotz oder wegen des EU-Austritts zustande kam.

In diesem Sinne: lassen wir die Schadenfreude oder das Bedauern und akzeptieren einfach den Entscheid eines demokratischen, unabhängigen Staates. Richtig oder falsch gibt es sowieso nie im Leben, sondern nur Grautöne (bzw. wunderschöne Farbtöne).

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Sehr geehrter Herr E.
ja! Mit wenig blamiert man sich als Journalist mehr als mit Prognosen. (Wenn auch meist nicht öffentlich – weil alle den Artikel schon vergessen haben.) Denn die wirklich entscheidenden Ereignisse haben weder Expertinnen, noch Journalisten auf dem Schirm: Berliner, Finanzkrise, Blocher-Abwahl, Trump-Wahl, Arabischer Frühling, 9/11 etc
Die Geschichte bewegt sich in Sprüngen fort, nicht in Entwicklungen.
Der Grund, warum ich trotzdem zuversichtlich bin, dass die Zuversicht der Britischen Regierung nicht aufgeht, ist, dass gewisse Spiele gewisse Gesetze haben – so wird ein 1 Meter 60 grosser Mensch wahrscheinlich kein grosser Hochspringer (aber vielleicht ein hervorragender Jockey!)
Und Freihandelsabkommen sind ein ziemlich bekanntes, berechenbares Spiel.
Was den Weg der Schweiz betrifft, ist der – wenn ich das richtig recherchiert habe – für die massgeblichen Leute in Brüssel eher ein Trauma: ein Knäul aus rund 100 themenspezifische Abkommen. Deshalb wird den Briten dieser Weg eher nicht zu Verfügung stehen – nicht ohne Grund will die EU auch von der Schweiz erst ein Rahmenabkommen, bevor über weitere Themen verhandelt wird.
Eigentlich hoffe ich, dass die Leute in Grossbritannien nicht für die Fehler Ihrer Regierung zahlen werden. Und dass die Sache so gut wie möglich ausgeht.
Also, dass ich (und sehr viel Ökonomen) mit meinem Pessimismus nicht Recht habe. Der Preis wäre es mir wert.

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"Warum also sollte Grossbritannien nicht in der Lage sein, es der Schweiz gleich zu tun?"

Die Schweiz übernimmt die wesentlichen Standards und Richtlinien der EU bezüglich des wirtschaftlichen Austauschs. Und das will das Johnson-UK gerade nicht (vgl. Schlagzeilen von heute). Es wird wohl mit einem Rückfall auf die WTO-Regeln enden, deren Einhaltung aber nicht mehr durchsetzbar ist, weil die Trump-USA das WTO-Schiedsgericht lahmgelegt haben.

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Ich denke, die Antwort steht im Artikel - die Schweiz hat die wirtschaftliche Bedeutung von Kanada. UK ist ne andere Liga.

Deswegen liess die EU der Schweiz deutlich mehr durchgehen als UK sich erhoffen wird dürfen.

Der andere Sondereffekt:
Die Schweiz als Beitrittskandidat. Seid dem klar ist, dass die Schweiz keine Lust auf die EU hat, seit dem behandelt die EU die Schweiz als das was sie ist - ein Drittstaat, der von der EU maximal profitiert, die Zeche dafür in der Vergangenheit aber geprellt hat (aus Sicht der EU ist die Kohäsionsmilliarde eher ein schlechter Witz).

Diesen Fehler wird die EU nicht noch einmal wiederholen.

Was den Ausgang des ganzen Prozesses anbetrifft: mit BoJo als Premier kann alles passieren. Wirklich alles.

Was mich am meisten beunruhigt ist, dass London allen ernstes den kompletten Wohlstand des eigenen Landes (also der breiten Bevölkerung, nicht der Millionäre/Milliardäre) opfern würde, nur um der EU eins auszuwischen und ein Billigstlohnland vor den Türen der EU zu errichten.

Als Referenz sind dabei Ungarn/Rumänien zu betrachten, wo Durchschnittslöhne von 200 EUR Standard sind (teilweise auch niedriger).

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Urs Fankhauser
Citoyen
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· editiert

GB wird nicht Schweiz 2.0, das hat die EU in aller Deutlichkeit klar gemacht. Auch die Schweiz würde heute nicht mehr den Deal erhalten, den wir uns im Laufe von zwei Jahrzehnten erschlawinert haben. Kommt hinzu, dass die Schweiz längst nicht die selbe wirtschaftliche Bedeutung hat wie GB - in unserem Fall konnte sich die EU durchaus etwas gönnerhaft zeigen. Die knorrigen Schweizer sind halt etwas speziell... Natürlich: die Briten könnten im Vergleich dazu mit ihrer Exzentrik punkten. Aber dann greift wieder der Einwand von oben: Sie sind um einiges gewichtiger als die Schweiz. Zudem ist die Ausgangslage komplett anders. Die Schweiz war gar nie Mitglied, GB hingegen schon. Und zwar eines, das austritt. Wenn sich die EU jetzt konziliant zeigen würde, wären andere Länder ermutigt, ebenfalls einen Austritt in Erwägung zu ziehen.
Aus diesen Gründen scheint es aus meiner Sicht ausgeschlossen, dass GB von der EU einen guten Deal erhält. Diesen werden sie auch nicht von den USA oder China erhalten, im Gegenteil. Johnson ist mit der Huawei-Geschichte bereits einen Monat nach seiner Wahl voll in ein Dilemma geraten: die USA hat sehr stark Druck gemacht, diesen Deal nicht abzuschliessen - China will aber im G5-Geschäft eine starke Position aufbauen. Beiden kann er es nicht recht machen, somit wird Huawei entweder in den Verhandlungen mit China oder den USA zu einer schweren Hypothek mit GB. Das Dilemma zeigt sich auch in einem wirtschaftlich wenig wichtigen aber mit viel Symbolik aufgeladenen Bereich - der Fischerei. Einerseits wurde den Brexiteers versprochen, der Konkurrenz aus der EU das Fischen in britischen Gewässern abzustellen ("Take back control"). Andererseits gehen aber 70% des Fangs in die EU. Die Briten können ohne Handelsvertrag mit der EU keinen Fisch mehr exportieren. Sollen sie ihre Felder mit Fisch düngen? Die Alternative: EU-Länder fischen weiter in britischen Gewässern (beispielsweise als Gegenleistung für Abkommen im Finanzsektor). An sich vernünftig - aber wer erklärt das den Fischern, denen "rule Britannia" versprochen wurde...
Dies mag aufzeigen, dass es kaum relevante Player gibt, die GB mit einem tollen Freihandelsvertrag beglücken möchten. Ich sehe deshalb kein Szenario, in welchem GB dank dem Brexit prosperieren könnte. Und dies alles sind erst die wirtschaftlichen Aspekte. Hinzu kommt noch eine veritable Staatskrise. Was passiert mit Nordirland, das nun eine offene Grenze zur Republik Irland haben wird, aber eine Zollgrenze zum Rest von GB? Auch wenn es in Schottland in den nächsten zwei Jahren kein Indyref 2 geben wird: mit Ausnahme von Spanien ist kein Staat Europas mit solchen Spaltungstendenzen konfrontiert, wie GB. Ergo gibt es für die Briten nur eine Richtung: abwärts.

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S. K.
· editiert

Bin mit vielen Punkten hier einverstanden. Aber: Die Konservativen in Grossbritannien würden das Schweizer Modell niemals wollen. Stichwort: Personenfreizügigkeit. Die Schweiz hat keinen Deal mit der EU "erschlawinert", sondern eine Lösung gefunden, die für beide Seiten funktioniert und intern akzeptiert ist (daran wird die Abstimmung im Mai nichts ändern). Das Problem in Grossbritannien ist, das es keine Verständigung gibt, und dass die Anliegen der Remainer, der Schotten und aller Oppositionsparteien komplett ignoriert werden können, während es in der Schweiz - und in der EU - bewährte Mechanismen für den internen Ausgleich gibt.

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Einmal mehr ein phänomenal informativer und glänzend geschriebener (und bebilderter!) Essay zum Thema. Hochgradig informativ zum Thema «Wie werden Freihandelsabkommen ausgehandelt». – Danke für den Satz «Die Paragrafen des Brexit-Abkommens weichen nur minimal vom Anfangs¬entwurf der EU ab». Schon mehrfach suggerierten uns Schweizer Kommentatoren (auch SRF, Tageschau etc.), dass es Johnson gelungen sei, den Deal neu auszuhandeln (nach der gescheiterten May). Was geht da vor? Jakob Kellenberger verwies dies in Schawinski (ab min. 24) ins Reich der Mythen. Kann man mit diesem Mythos in den Schweizer Medien mal aufhören und die Fakten für sich sprechen lassen? – Und der Hinweis auf den damaligen Slogan 1975 «It’s cold outside» ist schlicht eine Trouvaille! Spricht Bände. Da steigen ferne Erinnerungen auf an Karikaturen im Nebelspalter: Ein ausgemergelter, armseliger Löwe mit einem zerschlissenen Union Jack über der Schulter. So ging es den Briten NACH dem Empire und VOR dem Beitritt zur EU. - Im Hinblick auf das, was uns in der Schweiz im Mai bevorsteht, ein sehr interessanter Aspekt zur EU-Bürokratie: «Denn die EU – in Grossbritannien stets als bürokratisches Monster verspottet – ist bei aller Absurdität auch das Gegenteil: Sie ist die grösste Bürokratieabbau-organisation der Geschichte. Nie zuvor passierten Menschen, Waren, Gelder so problemlos die Grenzen wie im vereinigten Europa.»

Interessant auch das Interview mit Lord Patton of Barnes hier:
https://www.vontobel.com/en-ch/abou…e=facebook
Die kürzeste Aushandlung eines free trade agreements EU-Südkorea dauerte insgesamt rund vier Jahre. Wer war da wohl der Goliath am Tisch... Und sein caveat bezüglich Singapur-an-der-Themse. Das sei ein gründliches Missverständnis dessen, was Singapur wirklich ist.

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Wow. 4 Jahre. Freihandelsabkommen sind noch zäher als Kaugummiflecken auf der Strasse und als ich gewusst habe. Danke für den Link!

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Wie auch bei uns üblich wurde diese Abstimmung emotional geführt, mit keinerlei tiefer gehenden Information zu den Konsequenzen.

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Nun, Abstimmungen werden immer emotional geführt. Und ich fürchte, es war ein schweres Versäumnis von Remain, dass die Kampagne zwar die Warnungen vor den Folgen äusserte, aber Leave alle Phantasien für die Gestaltung einer veränderten Zukunft überliess.

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Auch bei uns kommt die Abstimmungsdebatte nie weit in die Details. Oft ist unweit hinter Umweltverschmutzer/Egoist/Landesverraeter/Wirtschaftsvernichter Schluss, die Details werden vorher als aufgehypte blanke Luegen transportiert.
Die smarten Parteien haben Plan B Aktionen schon aufgegleist. Kuerzlich wurde die schweizerische Unternehmensteuervorlage abgelehnt, ein paar Monate spaeter in Zuerich aber ohne Diskussionen durchgewunken.
Interessant wird in England sein, wer vom Resultat wie gewinnt.

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Wie bei uns: Die Volchspartei propagiert "die Freiheit und Unabhängigkeit". Wer würde das nicht wollen. Doch: In einer dermassen vernetzten Welt, wo praktisch alle von allen abhängig sind, wird der Volchspartei-Slogan zur Farce. Die Briten waren Teil einer Gemeinschaft, in der sie ein gewichtiges Mitspracherecht hatten. Das werden sie weder in der USA noch in China haben. Die Abhängigkeit ist also grösser geworden. Nur: Wenn es darum geht, das Volch einzupacken mit zweifellos ausbeuterischen Motiven von einigen Wenigen, heiligen alle Mittel den Zweck, auch, und vor allem, wenn suggestiv Illusionen dafür eingesetzt werden.

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Danke an Constantin Seibt für diese ausgezeichnete Analyse. Sie sollte Pflichtlektüre sein für alle unsere Politiker*innen, die naiv und unbedarft von unseren unabhängigen Freihandelsabkommen "auf Augenhöhe" mit den USA und China und anderen gewichtigen Handelsnationen schwärmen und gleichzeitig in einer unkritischen und ungerechtfertigten Hetze gegen die EU bestehende Verträge mit der EU und damit auch unsere Zukunft aufs Spiel setzen.

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Yep. Aber wollen Sie? In einer Demokratie kann man gewählte Politiker nur schwer zur Republik zwingen.

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Wie recht Sie haben! Zumal bei Politiker*innen, denen die res privata und die res partis wichtiger sind als die res publica....

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Gratuliere zu diesem grossartigen Artikel!

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S. B.
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Das gefühlt bis zur Unkenntlichkeit durchgekaute Brexit-Thema vermag zwar kaum mehr eine Regung hinter meinem inneren Ofen hervorzulocken – und trotzdem ist's einfach ein Genuss, ein solches Stück zu lesen.

Danke Constantin Seibt, danke Republik!

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Merci – und eine kleine Verbeugung – für das Feuer, dass Sie selbst Artikel zu einem Thema lesen, bei denen es Ihnen schon lang den Ofen abgestellt hat

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Mir tun schon jetzt alle leid, die gegen den Brexit gestimmt haben - immerhin fast die Hälfte der Bevölkerung - und die jetzt mit in diesen Strudel gerissen werden, der am Schluss wohl an die 90% Verlierer*innen produzieren wird. Mir tun auch all die jetzt schon verarmten Leute leid, die im Irrglauben an ein goldenes Zeitalter für den Brexit gestimmt haben. Auch sie werden nur verlieren. "Take back control!" war nichts als eine grosse Lüge. Grossbritannien wird am Schluss weniger Kontrolle über seine Geschicke haben. Allen, die nicht an Einhörner glauben, war die zu jedem Zeitpunkt klar. Aber wir müssen den Blick jetzt nach vorne richten und alles dafür tun, dass uns die SVP im Mai nicht auf die gleiche Verliererstrasse zerren kann.

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Die Büchse der Pandora ist geöffnet worden
Ich vertrete die Meinung dass jedes Volk über seine Zukunft entscheiden soll.
Es stellen sich die Frage
Wie weit waren die Britten in der Abstimmung über die Konsequenzen informiert ich glaube gar nicht.Einfacher wird es nicht und ich nehme an dass B. Johnson irgendwann wenn es zu schwierig wird den Hut nimmt und den Scherbenhaufen andere überlässt.

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Ich vertrete die Meinung dass jedes Volk über seine Zukunft entscheiden soll.

Ein hochinteressante Aussage.

Wie weit waren die Britten in der Abstimmung über die Konsequenzen informiert ich glaube gar nicht.

Mal ein Zitat aus dem Artikel:

Nur ist komplette Funkstille für diese Art Verhandlungen nicht normal. Denn bei Freihandels­abkommen wohnen die Teufel im Detail. Ohne engen Austausch mit der Industrie sind die Verhandlungs­führer blind: Sie müssen möglichst in Echtzeit wissen, welche Herkunfts-, Hygiene-, Umwelt­regel welche Ware trifft und welche begünstigt.

Wenn also Berufsprofis wie Politiker keine Ahnung haben, was sie da tun, weil sie das grosse Ganze nicht überblicken - wie soll das ein Normalsterblicher schaffen?

Die Abstimmung war eine reine Glaubensfrage - glaubt ihr an eine bessere Zukunft mit EU oder ohne? Wie wenig Prognosen verlässlich sind, sollte man eigentlich gerade aus der Schweizer Vergangenheit wissen. Je komplexer desto unzuverlässiger...

...und damit zurück zu ihrer Aussage:

Wie weit waren die Britten in der Abstimmung über die Konsequenzen informiert ich glaube gar nicht.

Ich denke, die Frage war für den Ausgang irrelevant. Das Ergebnis wäre das gleiche gewesen...
…wesentlich wichtiger war, dass die "Jugend" für ihr Desinteresse bestraft worden ist. Denn es war die "Jugend", die durch ihre Politikverweigerung dazu geführt hat, dass es überhaupt zu einem "Mehr" für den Brexit gekommen ist... (wobei auch das nur Spekulation ist)

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Ich fürchte, Mr Johnson hat es geschafft, dass viele Leute ihm nicht in Unkenntnis, sondern im Trotz gegen die Fakten gefolgt sind. Nach dem Motto Fuck reality (because reality fucked us before)!
Deshalb wird er auch kaum zurücktreten. Höchstens einige seiner Leute zurücktreten lassen.

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Urs Fankhauser
Citoyen
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Unsereins würde es ja nie wagen, das f... - Wort zu verwenden - aus Angst vor moderierenden Zurechtweisungen. Aber ich denke, Sie haben da eine ganz wichtige und unterschätzte Motivationslage britischer Wähler*innen angesprochen, die auch in den Dezemberwahlen ganz wesentlich zum Einsturz der "red wall" beigetragen hat. Englisch gesagt: brilliant!

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Statt Freiheit Freiwild.... Klare Analyse, deren Aussagen ich nicht alle überprüfen kann, aber der Sachkompetenz des Autors vertraue, weil in der Sache umso glaubwürdiger ist, wer auch in Rage inhaltlich korrekt bleibt. Gut ausgesuchtes Bildmaterial.

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Rolf Müller
Intellektueller Landarbeiter
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· editiert

Die Euphorie bei solchen "historischen Umbrüchen" und "Aufbrüchen in die Freiheit und Unabhängigkeit" ist anfänglich so gross, wie wenn Teenager von zu Hause ausziehen.
Dann merken die mit der Zeit, dass diese Unabhängigkeit und Freiheit auch bedeutet, sich einen Vollzeit-Job zu suchen und in der Freizeit Haushaltsarbeiten zu erledigen und einzukaufen, was früher im Hotel Mamma "selbstreinigend" vonstatten ging.
Und dann merken die jungen Erwachsenen auch, dass allzu exzentrische Selbstverwirklichung einsam macht, weil man dann zu viele Leute vor den Kopf stösst.
So scheitern auch viele "Exzentriker-Gemeinschaften" die es in WG's lustig haben, bis sie einen "Ämtli-Plan" erstellen müssen.
Irgendwann im Verlaufe ihrer "Unabhängigkeit" merken die "freien Bürger" dann, wie abhängig sie von den "Launen der Natur" sind, wenn beispielsweise im (englischsprachigen) "Outback" von Australien (quasi der Exzentrik innerhalb der Exzentrik, so weit entfernt und unabhängig, wie möglich!) die Buschbrände wüten und ausser Kontrolle geraten...
Zurückkehren in ihr Elternhaus werden alle diese wild gewordenen Teenager natürlich nicht mehr.
Aber irgendwann, nachdem sie sich selber als Eltern durch die vielen Verpflichtungen und Einengungen eines "frei und unabhängig" gestalteten Elternhauses geschleppt haben und wenn ihre eigenen Teenager (endlich) ausgezogen sind, wollen sie es nochmals so richtig wissen und krachen lassen!
Mit Böllern, Salutschüssen und Fahnen schwenken!
(Gab es eigentlich Big Ben-Geläute, oder nicht?)
Die meisten dieser "Brexitears" sind ja auffällig alt.
Fast scheint es so, dass sich die jugendlichen Teenager von Gross Britannien für eine dermassen altbackene Art von "Unabhängigkeit" wenig begeistern können.
Ihre Stars sind international. Warum sollten sie sich beschränken auf das "Britische Liebhaber-Segment"?

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