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Vielen Dank, Daniel Graf, für die tolle Übersicht und die wie immer sehr zum lesen anregenden Besprechungen!
Mit dem Thema "Klasse" tu ich mich persönlich unglaublich schwer, vor allem mit diesen Zuschreibungen in einem vorgestellten Gesellschaftsraum: Oben, unten, am Rand, in der Mitte, inkl. der ganzen Bewegungen mit Aufstieg und Abstiegsängsten, mit dem Drängen von aussen nach innen etc. Ich verstehe zwar, dass diese schematischen Bilder ihre Berechtigung haben, Strukturen grob darzustellen, aber ich glaube, wir alle haben sie inzwischen dermassen verinnerlicht, dass wir uns tatsächlich "oben" oder "unten" fühlen inkl. der damit einhergehenden Psychologie.
Dabei wäre es doch so wichtig, von diesen Zuschreibungen wegzukommen. Warum ist ein lesender Arbeiter noch immer eine Überraschung? Warum wird nicht jedes Kind als eigenes Wesen betrachtet, unabhängig vom Elternhaus? Warum finden die "Scham" und die "Beschämung" immer noch statt, wenn jemand vermeindlich "unten" lebt. (All dies kenne ich aus persönlichem Erleben nur zu gut.)
Wir leben alle nebeneinander, idealer Weise miteinander. Wir brauchen uns, können uns inspirieren und ergänzen. Wir haben unterschiedliche Ressourcen an Geld, Bildung, Gesundheit, Begabung. Aber wenn wir es gut machen, für einander schauen, haben alle die besten Chancen auf ein erfülltes Leben.
Aber jetzt freue ich mich auf die Lektüre!

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Liebe Frau L., haben Sie ganz herzlichen Dank! Ihr Kommentar freut mich sehr, weil Sie so viele wichtige Dinge ansprechen – ich kann das alles nur mit Nachdruck unterschreiben. Am wichtigsten ist vielleicht das Dilemma, auf das Sie verweisen: dass alle, die diese Phänomene beschreiben und sich mit ihnen auseinandersetzen wollen, auch selbst wieder auf Begriffe verwenden müssen, hinter denen Vorstellungen von «oben» und «unten» und gewissermassen Ranglisten des Ansehens stehen. Und dieses Dilemma stellt sich eben gerade auch für diejenigen, die diese Verhältnisse kritisieren wollen. Es gibt ja ganz verschiedene Arten von Unbehagen etwa dem Begriff «Klasse» gegenüber: Man kann (wie Sie zum Beispiel) dem Begriff gewisse Vorbehalte entgegenbringen, weil man die gesellschaftlichen Wertungsmuster nicht reproduzieren will, dann entspringt die Zurückhaltung einem ethischen Impuls. Oder aber man lehnt den Begriff ab, weil man leugnet, dass es so etwas wie die «feinen Unterschiede», gewisse Formen von Dünkel und gesellschaftliche Ausschlussmechanismen gibt. Dann ist man sehr schnell bei der meritokratischen Illusion oder anderen Affirmations-Narrativen. Was also tun? Wohl genau das, was Sie auch gemacht haben und was meines Erachtens auch die Autor_innen der besprochenen Bücher tun: nicht vor lauter sprachlichem Problembewusstsein auf die klare Benennung der Phänomene verzichten. Aber eben auch nicht einfach gedankenlos Begriffe übernehmen, sondern die Schwierigkeiten, die mit ihnen einhergehen, mitreflektieren. Ihnen jedenfalls nochmals vielen Dank und vor allem eine anregende Lektüre! (Darf ich fragen, welches Buch Sie am meisten interessiert?)

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Vielen Dank, Herr Graf! Fühle mich durch Ihre Antwort sehr gut verstanden! Macht wirklich Freude so.
Mich interessieren eigentlich alle Bücher, die Sie vorgestellt haben.
Annie Ernaux durfte ich ja durch den Buchclub kennen lernen und war sehr angetan von ihrer Art des Erzählens. Aber ich beginne vielleicht doch mit "Streulicht" - vielleicht weil mich die "stummen Väter" besonders ansprechen, die in ihrem Arbeiterstolz jede Veränderung fürchten und sich dadurch unerreichbar machen für ihre Kinder, die genau nach solchen Veränderungen suchen.
Pedro Lenz würde mich auch sehr ansprechen, aber ich finde es sehr anstrengend, Dialekt zu lesen. Aber er steht ebenso auf meiner "will ich irgendwann lesen"-Liste wie Anna Pritzkaus Erzählband. ;-)

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Dieser einfühlsame und anregende Text, der eben auch die „feinen Unterschiede“ zwischen den besprochenen Autorinnen und Autoren anspricht, regt zum Lesen eigentlich all dieser Bücher an. Eine Auswahl wird leider wohl unumgänglich sein.
Ich bin der „Republik“ sehr dankbar, dass sie auch literarische und andere kulturelle Themen aufnimmt, zumal ja in diesem Bereich andere Medien (unter anderem SRF) kurzsichtigen und letztlich verheerenden Kahlschlag betreiben.

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Ein ganz toller Beitrag! Er bestätigt uns mal wieder , wie schmerzhaft die Klassenfrage für viele Menschen ist.Mein Mann und ich haben ihn heute morgen gemeinsam gelesen( d.h.: ich bin immer die Vorleserin) und dann intensiv darüber diskutiert. Vielen Dank für die Buch Empfehlungen , die uns natürlich sehr interessieren.Spätestens wenn man Didier Eribon und Eduard Louis gelesen hat , kann man nicht mehr behaupten „ Bildung für Alle“ ist heute immer möglich.Die persönliche Biographie ,sowie die Frage des eigenen Mutes spielen dabei eine entscheidende Rolle.

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A. C.
Klassenkampfkrisenkommunikatorin
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· editiert

Qu‘est-ce que le mariage? Un con promis. Ich frage mich, wie diese Passage aus 'Les années' übersetzt worden ist. Und wenn ich den Gedanken weiterspinne, komme ich dazu, die Übertragbarkeit der Schilderungen an sich in Frage zu stellen. Ernaux schreibt ihren Text zwar in der 'on'-Form, was zur Übertragung einlädt, es war für alle so, alle taten das ja jeweils so. Aber es ist trotzdem eine äusserst präzis und spezifisch französische Geschichte, ein faszinierender Widerspruch zwischen Individuum und Negation des Individuellen durch das kulturell und zeitgeschichtlich Prägende. Daniel Graf versucht das Gemeinsame verschiedener AutorInnen über den Klassenbegriff herauszuarbeiten. Bei 'Les années' scheint dieser Begriff allerdings weniger zentral als der Begriff der Gleichzeitigkeit, des kollektiven Sich Ergebens unter oder Anpassung an die Diktate der wirtschaftlichen Nachkriegsaufschwungsperiode. Die kollektiven Unterwerfungsrituale (witzig beschriebene Super- und Hypermarchébesuche am Samstag) spiegeln sich im Beziehungsverhalten, in einer Art ethnologischer Verhaltensanalyse. Aber der Begriff der Klasse ist zweifellos auch berechtigt und Grafs Interpretation eine mögliche Sichtweise. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang sind natürlich neben Melinda Nadj Abonjs immer wieder lesenswerten 'Tauben fliegen auf' auch Elena Ferrante, einerseits mit der Neapelserie, andererseits mit 'La vita bugiarda degli adulti' (The Lying Life of Adults), wo das Klassenthema zentral ist, wie auch die Kontraste zwischen den Milieus, das Ausbrechen aus einem Milieu, Entfremdung aufgrund des Ausbruchs, und alles messerscharf und verletzlich aus der Perspektive einer Teenagerin geschildert.
Es macht Sinn, die Werke als Kommentare zur Klassenfrage (die häufig auch eine Migrationsfrage ist) zu lesen, aber es ist eine mögliche Sichtweise, und bisweilen setzt sich diese Sichtweise der Gefahr aus, die Werke auf ideologische Ansichten zu reduzieren, was ihnen in ihrer Übertragbarkeit in andere Welten und Situationen nicht gerecht wird.
Milieukritik scheint mir eine menschliche Grunderfahrung, unabhängig davon, ob das eigene Milieu ein proletarisches, kleinbürgerliches, bildungsbürgerliches, oder oberschichtdominiertes ist. Da müssen/mussten wir alle durch.

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Schöner Text. Eribon hat mich vor einigen Jahren zur Einfachheit zurück gebracht. Die Klassenfrage ist zentral und viele psychologische, individuelle, künstlerische Antworten lenken zu oft von ihr ab.

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Vielen herzlichen Dank - und dieser Dank geht zunächst einmal an Elisabeth Moch für ihr gelungenes Aquarell. Toll, wie Sie das hingekriegt haben und auf die Atmosphäre der Bücher einstimmen, die besprochen werden!
Danke aber auch an Daniel Graf - ich wäre nie auf diesenBücher beim Besuch einer Buchhandlung aufmerksam geworden, und jetzt reizt es mich doch, sie zumlesen!
Ich bin der ‚Republik‘ sehr dankbar, dass sie auch auf ‚Kulturelles‘ aufmerksam macht bzw. darüber berichtet.

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Vielen Dank für diesen interessanten Überblick über die Literatur zu diesem wichtigen Thema. Hierzu möchte ich ein Interview mit Christian Baron im Saarländischen Rundfunk empfehlen.

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Denise Zumbrunnen
Buchhändlerin
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Hallo Herr H., mein Beitrag sollte „nur“ darauf hinweisen, dass viele grosse Medienhäuser, in der Schweiz, zur Zeit an allen Ecken und Enden Ihre Kulturredaktionen verkleinern, zusammensparen oder sogar ganz abschaffen. Ein Beispiel ist die TX Groupe (Tamedia) die im März bekannt gegeben hat, dass die Bereiche Wissen, Kultur und Gesellschaft im Ressort Leben zusammengefasst wird. Wie sich das Kulturangebot bei SRF wandeln wird, wird sich hoffentlich bald zeigen. Durch die Konzentration welche die CH- Medienlandschaft immer mehr zu einem Einheitsbrei werden lässt, sind bereits viele Stellen und Seiten(!) im Bereich Kultur und Literatur verschwunden. Ausführliche Artikel (wie dieser hier), die sich nicht nur mit einem einzigen Titel befassen, sondern sich einem Thema geziehlt annehmen, werden immer seltener. So nehme ich das jedenfalls wahr. Für die ganze Buchbranche ist es natürlich enorm wichtig, dass die Literaturkritik einen hohen Stellenwert in den Leitmedien behält.
Ich glaube aber auch, dass hier ein deutlicher Unterschied zwischen der Schweiz und Deutschland auszumachen ist. Glücklicherweise gibt es in vielen Deutschen Medienhäusern noch Kulturredaktionen und Feuilletons die diesem Namen (noch) gerecht werden.

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Denise Zumbrunnen
Buchhändlerin
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Literaturkritik die sich einem Thema annimmt, dieses aus unterschiedlichen Blickwinkel beleuchtet, dabei nicht abhebt und bei den Lesenden Lust auf die besprochen Bücher weckt... ja, das gibt es noch!
Vielen herzlichen Dank, lieber Daniel Graf und liebe Republik, dass Ihr auffängt, was andere Medien gerade reihenweise fallen lassen.

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Liebe Frau Zumbrunnen, haben Sie vielen Dank! Es freut mich sehr, dass Sie – und auch andere Kommentator*innen – Ihren Dank explizit auch an die gesamte «Republik» richten, denn wie Sie völlig zurecht betonen: Dass umfassendere Beiträge publiziert und auch prominent platziert werden können, das ist überhaupt die Grundlage eines Kulturjournalismus, der seinen Gegenstand ernst nimmt. In dieser Hinsicht fühle ich mich bei der «Republik» in einer sehr privilegierten Situation.

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Ist es tatsächlich so, dass andere Medien sich für dieses Thema nicht bzw. nicht angemessen interessieren? Wobei natürlich immer die Frage ist, was angemessen ist. Ich frage wirklich aus Interesse, da Sie als Buchhändlerin sicher einen besseren und professionellen Überblick haben.
Mir läuft das Thema ständig über den Weg, seitdem ich das unglaublich fesselnde Interview mit Christian Baron im Saarländischen Rundfunk gehört habe. Ich glaube Anfang des Jahres hatte ich ihn schon mal kurz in „Aspekte“ gesehen. Ich weiss noch, dass ich nach der Anmoderation des Interviews ganz erstaunt war, wie geschliffen und differenziert sich Christian Baron ausgedrückt hat. Das hat meine Erwartung (man kann auch sagen Vorurteil) gegenüber jemandem aus der „Unterschicht“ nun überhaupt nicht erfüllt. Allerdings war ich auch vorher schon aufgrund meiner Familiengeschichte sensibel für dieses Thema. Daher habe ich da sicher eine verzerrte Wahrnehmung.

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Denise Zumbrunnen
Buchhändlerin
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Ich möchte gerne noch anfügen, es freut mich sehr, lieber Herr H., wenn Ihnen das Thema „Klassenkampf“ in der Literatur in diesem Jahr schon häufiger begegnet ist! Das Thema drängt sich ja durch verschiedene Autor*innen auch wieder vermehrt auf. Aus Frankreich würde ich zBsp. noch Leila Slimani als wichtige weibliche Stimme dazu zählen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Sonntag, natürlich mit guter Lektüre! :)

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Vielen Dank Daniel Graf für die Erweiterung meines Horizontes über Eribon (und Reims...) hinaus. Sie schreiben sehr treffend von der „meritokratischen Illusion“, der m.E. vor allem progressive Menschen erliegen. Alteingesessenes Finanz- und sonstiges Adel weiss woher dass seine Wettbewerbsvorteile kommen, und benutzt das Konzept der Meritokratie eher als Ausrede. Meritokratie teilt Menschen auch in Klassen auf, einfach ein wenig anders als „Arbeiterin“ und „Kapitalist“. Die COVID-19 Situation hat das Ganze auch noch verschärft: Schülerinnen aus bildungsfernen Familien rutschen weiter Richtung unten auf der sozialen Skala. Und ja, es ist unten, da es allermeist nicht eine selbstgewählte Vereinfachung der Lebensumständen entspricht, wie es sich vielleicht ein Aussteiger leistet.

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S. W.
Studentin, Teeliebhaberin
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Ich dachte in den letzten Wochen darüber nach, eine Leserunde zu Migrationsliteratur zu gründen. Für diese scheint genau das gleiche zu gelten, was Herr Graf für die Klassenliteratur festgestellt hat: keine eigene Gattung oder Schule, mannigfaltige Formen. Migration und Klasse lassen sich häufig nicht trennen, wie die schöne Auswahl hier zeigt.

Wenn ich noch eine weitere Empfehlung anfügen darf: Ich lese momentan "Minarett" von Leila Aboulela. Die Hauptfigur muss vom Sudan nach England fliehen, und - aus der Eliteschicht stammend - Kindermädchen werden. Sie ist also gleich mit zwei Arten der Migration konfrontiert, die Kombination ist lesenswert!

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Vielen herzlichen Dank Ihnen allen für die schönen Hinweise, Empfehlungen und weiterführenden Gedanken!

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(durch User zurückgezogen)
S. M.
· editiert

Ja die Literatur ist der Ort, in dem die gesellschaftlichen Entwicklungen in ihrer Eindringlichkeit Resonanz finden können und das zeigt dieser spannende (erstklassige) Essay! Die Literatur lehrt uns etwas, weil wir uns in die Figuren hinein versetzen können. Ich habe vor Kurzem den Monolog «Qui a tué mon père» von Edouard Louis gelesen; Edouard Louis von dem Du ja sprichst, lieber Daniel. Louis erzählt das kaputte Leben von seinem Vater, der nach einem Unfall in der Fabrik arbeitsunfähig wird. Er gibt sehr schöne und schlichte Details in dieser konfliktreichen und komplexen Familiengeschichte. Zum Beispiel erinnert sich Edouard Louis, dass er sich als Kind die Videokassette von «Titanic» gewünscht hatte, ein Geburtstagsgeschenk, das überhaupt nicht zum Männlichkeitsbild des Vaters passte, der eher ein ferngesteuertes Auto kaufen wollte (wahrscheinlich um selber damit spielen zu können, das ist aber eine andere Geschichte). Der Vater hat aber schließlich doch das Titanic-Video für seinen Sohn gekauft. Solche anekdotische Details haben zur Folge, dass man sich das Ganze vorstellen kann. Solche Szenen, in denen man die Würze des Lebens kostet, die aber in einer «klassischen» soziologischen Untersuchung nichts zu suchen hätten, machen den Text lebendig und dadurch so aussagekräftig.

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