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Beiträge zu «Das kranke Dossier»



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Danke - was ich als Follow-Up sehr gerne lesen würde: Ein kritischer Vergleich mit Systemen, die schon länger im Einsatz sind (Skandinavien).

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J. K.
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So ein Vergleich würde mich ebenfalls sehr wundernehmen! Estland ist ebenfalls ein Vorreiter bzgl. digitaler Identität.

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Das Thema ist hochaktuell und sehr komplex (da mit berechtigten Zielkonflikten durchzogen). Allerdings teile ich die allgemeine Grundskepsis zu einem EPD einiger Kommentarschreiber eher weniger. Die Problemfelder wurden im Artikel sehr schön beschrieben (viele Player mit primär monetären Interessen, wenig Abstimmung und Führung durch den Bund, komplexe Systemlandschaft mit komplizierten Bedienungsmechanismen sowohl für Patienten wie auch Leistungserbringer, …)
Ich würde das Thema nicht so gross angehen, sondern mich in einem ersten Schritt auf einen oder zwei Teilbereiche konzentrieren, z.B. Medikamentenanamnese und Allergien. Wenn damit ein funktionierendes System mit einer breiten Akzeptanz und hohem Nutzungsgrad bereitgestellt werden kann, kann das System Schritt für Schritt ausgebaut werden. Das senkt das Risiko, die Kosten und erhöht idR. die Akzeptanz bei den Benutzern.

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Die Idee ist gut, das Problem dabei besteht aber dann darin, dass Mehrarbeit geleistet wird. Wenn ein System nicht für alles taugt, dann muss man die Daten aus mehreren Systemen zusammentragen und in mehrere wieder eingeben. Das erhöht den Aufwand und die Fehleranfälligkeit.

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Sie haben recht, die Vision oder das Ziel darf bei der Konzeption nicht vergessen gehen. In der agilen Softwareentwicklung hat man gute Erfahrungen gemacht mit der inkrementellen Entwicklung von komplexen Systemen. Und im schlimmsten Fall scheitert man einfach früher, und nicht erst nach 5 Jahren Entwicklungszeit

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Vermutlich geht es mir wie vielen anderen, dass mich diese umfassende Beurteilung der aktuellen Probleme eines EPD etwas ratlos zurücklässt: wie soll das angesichts der vielen Interessen und Vorstellungen je funktionieren?
Die vielfältigen Probleme werden sehr gut dargestellt. Ein Aspekt scheint mir aus meiner langjährigen Tätigkeit als Hausarzt etwas zu kurz gekommen zu sein:
Das Erstellen und das zeitnahe Aktualisieren des Dossiers bedeutet für alle Beteiligten, vom Grundversorger über Spezialisten, Pflegeheime bis zu den Spitälern einen enormen zeitlichen Aufwand. Neben den Anforderungen an die medizinisch-fachliche Qualität der Dokumente müssen ja auch die vielfältigen rechtlichen Aspekte, insbesondere diejenigen des Patientengeheimnisses berücksichtigt werden. Voraussetzung für letzteres setzt in vielen Fällen, gerade bei älteren Patientinnen und Patienten, ein ärztliches Gespräch voraus.
Das alles braucht Zeit. Soweit ich informiert bin, soll dieser Zeitaufwand nicht verrechnet werden können. Es wird also auch hier, wie in anderen Bereichen – ich denke da unter anderem an die vielen Überstunden, die das Pflegepersonal leisten muss – von den an der medizinischen Front Tätigen weitere Gratisarbeit erwartet.
Es geht aber nicht nur um die Abgeltung des zusätzlichen Aufwandes. Sondern es geht auch um die Zeit, die nicht beliebig zur Verfügung steht.
Das alles kann nicht aufgehen und wird auf Kosten der eigentlichen medizinischen Tätigkeiten und besonders auch deren wichtigsten Teils, des Gesprächs mit Patientinnen und Patienten gehen.
So gesehen wird die medizinische Qualität, die man ursprünglich mit dem EPD verbessern wollte, leider wohl eher leiden.

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Mal ganz abgesehen von den hier aufgelisteten Problemen, krankt das Ganze doch daran, dass ÄrztInnen die Einträge lesen müssten. Meiner Erfahrung nach, lesen ÄrztInnen nicht einmal die Einträge in den Patientendossiers in ihren eigenen Dateien. Gerade wenn es z.B. um Medikamentenunverträglichkeiten geht, würde es in 90% der Fälle reichen, wenn die Hausärzte solche nachschlagen (googlen) würden, bevor sie neue Medis an ihre PatientInnen abgeben bzw. dieselben verschreiben. Es würde auch helfen, wenn sie von den PatieInnen selbst gemeldeten Unverträglichkeiten notieren und das nächste Mal einen Blick in die Einträge werfen würden, statt das gleiche Medikament erneut zu verschreiben. Oder, wenn sie wenigstens noch wüssten, in welchem elektronischen Ordner sie die alten Röntgenaufnahmen der PatientInnen abgelegt haben - oder auch nur, alte und neue Ergebnisse von Blutuntersuchungen verglichen statt sie einfach nur abzulegen (und nie wieder anzuschauen). Am Lese-Unvermögen oder -unwillen wird auch das beste elektronische Patientendossier vermutlich nichts ändern - es sei denn, es wird mit einer automatischen Vergleichs- und Alarmfunktion ausgestattet. (Ich entchuldige mich schon mal prophylaktisch bei all den vielen ÄrztInnen, die immer alle eigenen PatientInnendossiers anschauen und lesen...)

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H. R. S.
Entwickler Begriffsmoleküle und LD-Cards
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· editiert

Ist das Gesundheitswesen, d.h. die konkrete Arbeit mit unter Krankheit leidenden Menschen, überhaupt vereinbar mit Informatik? Die Frage kann NICHT beantwortet und das EPD-Desaster nicht behoben werden ohne Einbezug der Ärzte. Doch genau das gestaltet sich sehr schwierig.

Als ausgebildeter Arzt und IT-Unternehmer kann ich seit Jahrzehnten nur das gegenseitige Ignorieren der beiden Lager konstatieren und bedauern. In der Öffentlichkeit erscheinen oft die Ärzte als die Kostentreiber und Ignoranten, doch so einfach ist die Geschichte nicht. Einem Patienten zu begegnen ist etwas anderes als einen Porsche am Förderband möglichst effizient und kostengünstig zusammenzubauen. Beim Porsche läuft es auf das eine, möglichst perfekt erstellte Modell heraus, die Patienten hingegen sind alle verschieden. Dies hat Auswirkungen auf die informatische Begleitung und stellt Ansprüche an die Informatiker, sie müssen nicht nur im Datenhandling hervorragend sein, sondern auch in der Lage, die Ansinnen und die Denkweise der Ärzte zu verstehen. Die Denkweise der Ärzte sollte natürlich auch von der E-Health-Community verstanden werden, wenn sie den Ärzten ein EPD schmackhaft machen will.

Ich wünsche mir, dass die beiden Lager gelegentlich Schritte aufeinander zu machen, ansonsten werden wir viel Geld ausgeben und trotzdem kein zufriedenstellendes EPD haben.

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Viele Ärzte und vor allem Permanences machen aber genau das: sie reparieren Menschen wie Autos und machen vor allem Labor und Bilder. Und das ist jetzt nun wirklich nicht schwer als Daten zu speichern. Und würde vor allem verhindern, dass in der Notfallstation all dies was vor einigen Tagen beim Hausarzt oder der Centramed/Medbase gemacht wurde gleich nochmals gemacht wird, weil bei den obengenannten niemand ans Telefon geht.

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H. R. S.
Entwickler Begriffsmoleküle und LD-Cards
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· editiert

Das Beispiel des Hausarztbefundes, der im Spital wiederholt werden muss, ist ein typisches, viele Jahrzehnte altes Narrativ der Medizininformatik-Szene. Ich muss zugeben, dass ich das Argument früher selber verwendet habe.
Es gleicht dem Narrativ des sich selber organisierenden Kühlschranks. Beiden ist gemeinsam, dass sie auf den ersten Blick recht überzeugend klingen, ihr Nutzen in der Praxis aber beschränkt ist: Die Befunde im Spital zu wiederholen, kann sogar nötig sein, um die Qualität der Untersuchungen auf den aktuell nötigen Spitalstandard zu heben und insbesondere, um sicher die aktuelle Situation des Patienten zu erfassen. Die Kostenersparnis von verhinderten Doppeluntersuchungen ist minimal, die Zeitersparnis für die Summe alle Beteiligten - wenn das übergreifende EPD nicht perfekt organisiert ist - illusorisch. Bei näherem Blick handelt es sich um ein schwaches Argument - doch ein schwaches Argument heisst nicht, dass die Sache (EPD) schlecht ist.
Um ein nutzenbringendes EPD zu bauen, ist m.E. vor allem ein verbesserter Dialog nötig, d.h. raus aus den Blasen, den Medizin-, Techno-, Polit- und Businessblasen.

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M. K.
Arzt und Informatiker
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Anstatt einen zentralen Datenstaubsauger zu kommerzialisieren, wäre ein Upgrade der nicht mit Smartphones kompatiblen Anwendung "Fax" auf moderne verschlüsselte Technik wünschenswert. Eine Chat App wie Signal hätte da viel Potential, aber auch Threema und Siilo sind dabei den Markt abzutasten. Threema ist bereits in allen eidgenössischen Ämtern zugelassen für vertrauliche Kommunikation und Threema wird in mindestens einem Spital eingesetzt. Ich bin gespannt was HIN für Ideeen hat in diesem Bereich.
Am Schluss ist nämlich, wie der HIN-Mediensprecher auch erwähnt hat, die gerichtete Kommunikation ausschlaggebend zwischen zwei Menschen die sich um etwas kümmern. Wenn ich aus dem Spital eine Hausärztin anrufe für Nierenwerte der letzten Monate schickt diese mir zum Glück auch nicht alle Unterlagen der letzten 10 Jahre dieses Patienten!

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Nun, dass die Swisscom und die Post ihre Investitionen einfach wegwerfen und neu Anfangen, bleibt wohl ein Wunschtraum. Und sicher würden dann neue Fehler gemacht. Ist nicht Teil des Problems, dass man es zuerst in der Planung allen recht machen wollte bis niemand mehr Übersicht hatte?
Wahrscheinlich muss einfach einmal irgendwo gestartet werden und das EPD anstatt als Revolution als Evolution gedacht werden.
@Republik: Ich würde mich über ein Follow-Up freuen, welches mögliche offene Türen aufzeigt. Falls es die noch gibt.

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Es ist beruhigend für einen, der sich schon länger als fundamentaler Kritiker der Digitalisierungshysterie in der Medizin outete, zu sehen, wie die Skepsis und Fragen nach Nutzen und Risiken konkreter gestellt werden.
Im Zentrum steht - meiner Ansicht nach - nicht der Patient, sondern die Beziehung Arzt-Patient und diese wird digital NIE abbildbar sein. Dazu kommt dass in Berichten in gewissem Ausmass falsche Diagnosen resultieren, da oft zu oft noch von einem reduktionistischen Verständnis der Pathologien ausgegangen wird, welches bei gewissen Patienten eine positive sich verstärkende Wirkung auf das vorgeschlagene Procedere ausüben kann, ohne gesicherten Nutzen hinsichtlich LQ, Nachhaltigkeit und Kosten.
Trotzdem bin ich fasziniert von den unerschöpflichen heutigen Möglichkeiten im IT-Bereich, mit gesicherter Kommunikation und warum auch nicht Zugriffsmöglichkeiten der Patienten auf Arztberichte und Resultate. Die Gretchenfrage: wer bleibt zu wessen „Gutem“ on top?

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B. J.
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Interessanter, angemessen kritischer Bericht, der neben den Chancen auch die Schwierigkeiten und Risiken einer Digitalisierung von Patient*innen- und Behandlungsdaten beim Namen nennt.
Wer den Hunger nach Gesundheitsdaten bspw. von Versicherungen kennt, neigt bezüglich einer (semi)zentralen Erfassung in aller Regel zur Vorsicht. Auch der Pflegeaufwand umfassender Datensammlungen dürfte für den einzelnen Nutzer, die einzelne Nutzerin nicht unbeträchtlich sein. Und wer soll all das Angesammelte je lesen? Etwa die Ärzt*innen, die meiner Erfahrung nach heute schon bei Konsultationen oft nicht mehr die Patienten anschauen, sondern parallell zur mündlichen Befundaufnahme im Computer die vorliegenden Berichte, Laborbefunde etc. überfliegen? Ob sich schon einmal jemand mit der Frage beschäftigt hat, wieviele Behandlungsfehler sich durch ungeteilte Aufmerksamkeit verhindern liessen?
Ob der zu erwartenden Nutzen einer E-Health-Lösung die zu erwartenden Kosten von Entwicklung, Einrichtung, Unterhalt, Betrieb und Pflege aufwiegen kann, würde sich wohl erst im Realbetrieb erweisen. Wenn der überhaupt je zustande kommt, in der angestrebten oder sonst einer Form. Dann ist das Geld aber schon ausgegeben. Billiger wird das Gesundheitswesen dadurch mit Sicherheit nicht. Besser auch nicht zwingend.

Kleine Ergänzung noch zu Martin Klopfstein: Patient*innen haben heute schon umfassende Zugriffsrechte und eine einfache Zugriffsmöglichkeit auf alle sie betreffenden Arztberichte, Untersuchungsbefunde und sonstigen Unterlagen: man muss nur in der jeweiligen Arztpraxis danach fragen. Strittig ist höchstens, wer bei umfangreichen Dokumentationen die Kopierkosten trägt. Nicht herausgeben muss ein Arzt einzig seine persönlichen Notizen und etwaige Hinweise auf Dritte.

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R. M.
interessierter Leser
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Sehr schöner Beitrag zu einem ganz wichtigen Thema - danke an die Autorinnen! Ich hatte nie erwartet, dass das EPD von Anfang an funktioniert- wie war das schon wieder mit dem e-Voting? Oder anderen Bereichen des e-governments? Wir lernen gehen, indem wir immer wieder hinfallen.

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Timon Zielonka
Sales @ zukunft.com
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Danke für den interessanten Beitrag. Die Kernprobleme scheinen zu sein, dass zu wenige Patienten und Ärzte mitmachen, die Kosten davonlaufen und durch die geringe Zahl an Systemanbietern das an sich sinnvolle Konzept der Stammesanbieter praktisch wirkungslos ist.
Um das Mitmachen der Patienten zu erleichtern könnte man die Personenidentifikation auch auf Basis des FIDO2 Standards erlauben.
Und um durch mehr Systemanbieter den Schaden im Falle von Sicherheitslücken zu reduzieren, könnte man die Vergabe von Fördergeldern an die Veröffentlichung des Codes als Open Source knüpfen. Dies könnte auch das auffinden von Sicherheitslücken erleichtern und so die Kosten insgesamt verringern.

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Cornelia Caviglia
Physiotherapeutin
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Was im Artikel leider praktisch gänzlich fehlt, ist der ganze ambulante - und hier auch der nichtärztliche - Bereich. Ein Satz zu den Hausärzt*innen, that‘s it. Dabei hätten wir mit der Digitalisierung der stationären Einrichtungen noch nicht mal die Hälfte geschafft. Im ambulanten Bereich findet der Grossteil der medizinischen Grundversorgung statt, und hier ist die IT - Landschaft besonders fragmentiert weil fast jede Praxis und überhaupt jede Berufsgruppe mit eigenen Systemen arbeitet (die fast alle ursprünglich als Buchhaltungssysteme konzipiert wurden & dann organisch gewachsen sind). Das erklärt einerseits, wieso die Hausärzte Mühe hatten, zeitgerecht ans BAG zu kommunizieren (hier wird zT noch mit händig abgefüllten Excel Listen gearbeitet, weil die entsprechenden Systeme fehlen oder für kleine Praxen zu teuer sind), und andererseits erklärt es eben unter anderem auch, wieso der ambulante Bereich fürs EPD länger braucht, als der Stationäre. Verschiedene Berufsgruppen mit unterschiedlichen Vergütungssystemen, welche häufig in kleinen Praxen organisiert sind & somit wenig Ressourcen für IT zur Verfügung haben.
Und nicht zuletzt reicht es nicht, ein EPD zu haben, wenn die Implementierungsstrategie fehlt, und eine solche ist bis jetzt nicht zu erkennen.
Gebe für einen nächsten Artikel gerne Auskunft zur Lage an der Basis, denn dazu scheint wenig Information vorhanden zu sein.

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Hervorragender Kommentar. Hätte auch gut zum Artikel über den Infofluss im und ins BAG gepasst.

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Cornelia Caviglia
Physiotherapeutin
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Danke, diese Antwort lag mir schon damals auf der Zunge und ich verstehe nicht, wieso man sich in der Zwischenzeit nicht einen umfassenderen Überblick über das Schweizer Gesundheitswesen verschafft hat. Sylke Gruhnwald‬ hatte damit schon mal angefangen, eventuell bei ihr mal nachfragen Florian Wüstholz.

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Robert Reisewitz
Betroffen wie alle
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Es wirkt etwas so, als sei der Plan für die Beteiligten komplettes Neuland. Doch keins der Probleme ist im Geringsten neu. Es fängt bei der Rechteverwaltung in Betriebssystemen an, kaskadiert hoch duch unnötig zentralisierte Verschlüsselungsroutinen und resultiert dann in rein systemzentrierten Bedienlogiken, die wiederum schwerst behindernden Benutzeroberflächen und wirren, nicht am Nutzer orientierten Verwaltungssystemen Tür und Tor öffnen. Das wird schwer zu heilen sein.
Dennoch - die Hoffnung stirbt spöter. Ich werde mich darum trotz Bedenken so bald als möglich mit meinen Daten dort hineinstürzen und schauen wie weit mein Daten-Schiffchen segelt bis es sinkt oder sich auflöst.

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A. R.
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Mir fehlen hier Informationen:

  • Was sind denn eigentlich die (technischen) Probleme bei der Umsetzung?

  • Wieso ist es schlimm, wenn es weniger Stammgemeinschaften gibt?

  • Wie werden Stammgesellschaften überhaupt gebildet?
    Der Bericht lässt mich ratlos zurück.

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Lieber A. R., vielleicht helfen diese kurze Ergänzungen ein wenig.

  1. Die technischen Probleme ergeben sich vor allem aus der Vielfalt an technischen Systemen, Schnittstellen, Standards und Ansprüchen. Zwei Beispiele: Das Informatiksystem eines Spitals wächst über Jahre und Jahrzehnte ziemlich organisch. Jetzt soll plötzlich der Datenaustausch mit einem anderen – selbst wiederum hochkomplexen System – reibungslos, kosteneffizient und unter Wahrung des Datenschutzes funktionieren. Das ist eine verdammt schwierige Aufgabe. Hinzu kommt, dass sich das EPD im Spannungsfeld zwischen grossem Schutz von Gesundheitsdaten und einfachem/zweckmässigen Zugriff auf diese Daten bewegt. Das führt zu einem Flickenteppich, der irgendwann keine der beiden Ansprüche mehr wirklich erfüllen kann.

  2. Ich denke nicht, dass weniger Stammgemeinschaften grundsätzlich ein Problem sind. Hier spielen sicherlich auch (unter Umständen kontraproduktive) föderalistische Elemente mit. Wenn jedoch das Ziel eine Dezentralisierung (z.B. der gesammelten Daten) ist, dann braucht es mehr Stammgemeinschaften. Im Moment ist dieses Ziel aber auch wegen der technischen Lösungen, die bloss von 3 Anbieter*innen kommen, sowieso kaum erfüllt. Da muss man sich fragen, ob wir nicht ohnehin auf dem Holzweg sind.

  3. Stammgemeinschaften sind aus ganz unterschiedlichen Kontexten heraus entstanden. Die Abilis ist zum Beispiel ein schweizweites Projekt der Apotheken. Die Apotheken haben ein Interesse daran, am EPD beteiligt zu sein und die Abilis ermöglicht das. Andere sind (über-)kantonale Projekte, die aus Spitälern, Kliniken und kantonalen Stellen heraus entstanden sind. Mit dem Ziel, der Bevölkerung einen Zugang zum EPD zu bieten und den kantonalen Spitälern ein Mitmachen beim EPD zu ermöglichen, damit sie weiterhin auf der Spitalliste bleiben dürfen. Wiederum andere, wie die XAD von Axsana, haben sich unabhängig gebildet und bieten eine schweizweite Lösung für Spitäler, Hausärztinnen, etc. an.

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Danke für die Präzisierungen. Ich denke, das Patientendossier wird nicht in dieser Form eingeführt werden, da es einen Widerspruch zwischen Dezentralität und allgemeiner Verwendung der Patientendaten gibt. Als Patient will ich ja von jedem Arzt oder Spital Informationen bekommen und sie dauerhaft speichern. Ist schliesslich für die Krankengeschichte interessant. Und über den Datenschutz wird man sich sicher nicht einigen können, erst recht nicht international.

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C. E.
Arzt und kritisch denkender Mensch
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Natürlich ist das Elektronische PatientInnendossier komplex. Dass dennoch daran kein Weg mittelfristig vorbeiführt, wenn man ein zeitgemässes und qualitativ hochwertiges Gesundheitssystem möchte, ist für mich selbstverständlich. Es ist im 21. Jahrhundert einfach nicht mehr zeitgemäss, wenn man Befunde von externen (oder sogar internen Stellen) per Fax anfordern muss. Wenig erstaunlich geht das öfters schief, ist mühsam und zeitintensiv.

Zentraler Knackpunkt in der (medizinischen?) Informatik scheinen mir die Schnittstellen zu sein. Hersteller von Informatiklösungen im Gesundheitsbereich müssten gesetzlich dazu verpflichtet werden, entsprechende Schnittstellen von Beginn weg zu implementieren. Dies müsste eigentlich internationaler Standard sein. Wie komplex das wirklich ist, kann ich leider nicht beurteilen, es ist wohl aber nicht ganz einfach. Dennoch bin ich überzeugt, dass die Softwarelösungen untereinander besser kompatibel wären, wenn dies als Grundbedingung von Anfang an berücksichtigt werden würde.

Dies würde dazu führen, dass die Datenaufbereitung und der damit verbundene Aufwand einiges kleiner und die Datenqualität und die Verwendbarkeit viel grösser wäre.

Da dies bisher nicht der Fall ist, bleibt hässliches Flickwerk übrig. Wer hat, wie schon erwähnt, Lust durch eine lange Liste von PDFs durchzuklicken?

Das Problem dann auf möglichst viele Akteure zu verteilen, macht es dann auch nicht einfacher, entspricht aber wohl dem Wunsch der Schweizer Politik.

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H. R. S.
Entwickler Begriffsmoleküle und LD-Cards
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Ja, die Schnittstellen sind das ganz grosse Problem. Viele Informatikanbieter denken weniger an Kooperation als an ihren eigenen monetären Erfolg. Da sind proprietäre Systeme eine wirksame Möglichkeit, Konkurrenz fernzuhalten.
Aber ganz abgesehen davon: Schnittstellen sind technisch und inhaltlich gerade im Klinik- und erweiterten Gesundheitsbereich wirklich sehr anspruchsvoll.

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Völlig daneben, aber: Danke für die coole Animation, da werden Erinnerungen wach: https://en.wikipedia.org/wiki/GEOS_…ng_system) :-)

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Kann mir hier jemand erklären, warum man nicht einfach den Chip auf unseren Krankenkassenkärtchen mit den Gesundheitsdaten, verschriebenen Medikamenten und neusten Untersuchungsergebnissen beschriften kann?
Das Kärtchen ist ja privat, und jede Person kann selbst entscheiden wer Einsicht nehmen darf.
Und unsere Gesundheitsdaten sind offenbar für die Krankheitsindustrie wichtig. Diese sollten die Krankenkassen anonymisiert verkaufen und entsprechend die Prämien verbilligen. Dies wird z.B. in Israel so gemacht.

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H. R. S.
Entwickler Begriffsmoleküle und LD-Cards
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Wie von Herrn S. erwähnt, sind Kärtchen für Notfälle nur bedingt geeignet. Der Notfallarzt muss sich nämlich darauf verlassen können, dass die Daten auf dem Kärten aktuell sind - und die verordneten Medikamente ändern sich schneller als das Geburtsdatum oder der Stempel im Fahrausweis. Natürlich könnte man die Daten perfekt à jour halten, doch genau dies bedeutet Aufwand. Je grösser die verlangte Präzision, umso grösser der Aufwand. Hundert Prozent Perfektion sind praktisch unbezahlbar (was auch die Swisscom merken muss). Wieviel Fehlertoleranz akzeptieren wir, wenn es um Leben und Tod geht?
Die Kärtchen können schon nützlich sein, sollten m.E. aber - aus Wartbarkeits- und auch Datenschutzgründen eher keine medizinischen Daten enthalten, sondern Hinweise darauf, wo solche gegebenenfalls digital zu finden sind.

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Weil diese Kärtchen oft nicht gefunden werden, nicht dabei sind, kaputt gehen etc. Gerade für Notfälle ungeeignet.

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Komisch, mit dem Bezahlkärtchen, der Identitätskarte, dem Fahrausweis etc. funktioniert's aber.

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Egal in welche Richtung sich der Gaul bewegt- garantiert sind jedenfalls Kostensteigerungen. Und man rate mal zu wessen Lasten sie gehen werden.

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H. R. S.
Entwickler Begriffsmoleküle und LD-Cards
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· editiert

Das Beispiel des Hausarztbefundes, der im Spital wiederholt werden muss, ist ein typisches, viele Jahrzehnte altes Narrativ der Medizininformatik-Szene. Ich muss zugeben, dass ich das Argument früher selber verwendet habe.
Es gleicht dem Narrativ des sich selber organisierenden Kühlschranks. Beiden ist gemeinsam, dass sie auf den ersten Blick recht überzeugend klingen, ihr Nutzen in der Praxis aber beschränkt ist: Die Untersuchungen im Spital zu wiederholen, kann sogar nötig sein, um die Qualität der Untersuchungen auf den aktuell nötigen Spitalstandard zu heben und insbesondere, um sicher die aktuelle Situation des Patienten zu erfassen. Die Kostenersparnis von verhinderten Doppeluntersuchungen ist minimal, die Zeitersparnis für die Summe alle Beteiligten - wenn das übergreifende EPD nicht perfekt organisiert ist - illusorisch. Bei näherem Blick handelt es sich um ein schwaches Argument - doch ein schwaches Argument heisst nicht, dass die Sache (EPD) schlecht ist.
Um ein nutzenbringendes EPD zu bauen, ist m.E. vor allem ein verbesserter Dialog nötig, d.h. raus aus den Blasen, den Medizin-, Techno-, Polit- und Businessblasen.

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E. M.
Kulturkritiker
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Hallo Herr Wüstholz

Ich bin von Ihrem Artikel rundum enttäuscht. Das kann an den hohen Erwartungen gelegen haben: Hochinteressantes und hochbrisantes Thema, endlich mal ein neuer Autor, der vielleicht die Sprache und die Materie beherrscht. So habe ich mir einen ruhigen Abend reserviert und voller Vorfreude zu lesen angefangen.

Wenn mir dann schon im ersten Satz ein saudummer Anglizismus die Zunge rausstreckt, will ich eigentlich gar nicht mehr weiterlesen.

Richtig geärgert habe ich mich über Ihre konfuse Darstellung der Verschlüsselungsthematik. Sie vermischen konsequent Dokumenten- und Kommunikationsverschlüsselung. Ist Ihnen der Unterschied klar? Können Sie daraus die richtigen Schlüsse ziehen? Der entsprechende Abschnitt im Artikel scheint das Gegenteil zu belegen.

Schön und eine Leistung sind die hinterlegten Referenzen auf entsprechende Belege. Das ist moderner Journalismus.

Ein dramatisches Defizit sehe ich aber auf der Ebene der Recherche: Alles, was Sie schreiben, ist entweder schon lang bekannt oder eine Folge der gewachsenen, aktuellen Situation. Schnittstellen, Suchfunktionen, Datenaggregation, Zugriffssperren leiden in einer Welt der heterogenen Datenformate und -inhalte unter den selben Problemen - darauf besitzt das Gesundheitssystem kein Monopol. Schauen Sie sich nur mal die Informatik einer Bank an und fragen Sie die UBS, warum sie im Abstand von einer Dekade jeweils mehr als 100 Millionen Franken investiert hat, um ihre Systeme zu vereinheitlichen, aber alles weggeworfen hat. Oder das Projekt der Steuerverwaltung Insieme: Ebenfalls mehr als 100 Millionen Franken versenkt, ohne dass man eine Zeile Programmtext gerettet hat. Bei der AHV hat eine Juristin, die später strafrechtlich belangt wurde, ebenfalls dafür gesorgt, dass mehr als 100 Millionen verplempert wurden. Auch da: Keine einzige Zeile Programmtext gerettet.

Was ich mir von Ihnen erwartet hätte, wäre eine Recherche zu den konkreten Entscheidungen und Verantwortlichen, die zu diesem Desaster führten. Speziell interessant wäre es, den Filz aufzudecken, der es ermöglichte, dass ein inkompetenter FDP-Politiker aus Zürich ein Unternehmen führt, das mit inakzeptablen Methoden, Partner und Kunden gefügig macht, um seine Nase zu vergolden.

Was ist zu tun? Können und sollen wir eine Initiative lancieren, die den Unfug stoppt und eine Kommission verlangt, um den Sumpf trocken zu legen?
Soll man aufs Ganze gehen und entweder eine totale, transparente Integration aller Systeme verlangen oder - das Gegenteil - dem Patienten die Dokumente übergeben, auf dass er sie selbst einspeise, falls eines Tages ein brauchbares System zur Verfügung steht? Oder sollen wir mit einem kleinen Pilotprojekt von neuem beginnen? Ich hätte da schon einen Vorschlag: Das elektronische Impfbüchlein. Eine kleine Recherche in meinem Bekanntenkreis hat nämlich ergeben, dass mehr als 50 Prozent ihr Impfbüchlein ersetzen mussten. Vielleicht wollen Sie einmal hierzu recherchieren, denn das EPD - so scheint mir – war und ist ein paar Nummern zu gross für Sie.

Freundlich Grüsse

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Der Hinweis auf das elektronische Impfdossier ist wichtig. Dies funktioniert nämlich. Allerdings ist es offenbar für die Haus-ÄrztInnen nicht ganz einfach zu bedienen. Für alle, die es eingerichtet haben, ist es sehr nützlich.

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(von der Redaktion verborgen)
Christof Moser
Chefredaktion
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Verborgen wegen justiziablen Passagen ("Mafia").

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E. M.
Kulturkritiker
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Ich habe geschrieben: Mich an Methoden der Mafia erinnern, wie sie (die Mafia) ... kolportiert wird. Das ist eine Meinungsäusserung.

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(durch User zurückgezogen)
M. A.
Entwickler & Zivi
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Ich werde mich absolut weigern, ein EPD zu eröffnen, welches nicht höchste Sicherheitsstandards erfüllt! Alles andere wäre fahrlässig. Gesundheitsdaten sind persönlich und privat, was sie auch bleiben sollen.

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Man muss sich auch fragen, ob das Ziel der Kostenreduktion wirklich erreicht werden kann. Wie Herr Kienholz richtig bemerkt hat, bringt das EPD wieder Zusatzaufwand mit sich, der kostet.
Wenn es dort ein Nullsummenspiel gibt, hätte man nur eine Reihe an Risiken mehr - also lieber gleich ganz aufs EPD verzichten.

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