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Liebe Olivia Kühni,
vielen Dank für die inspirierenden Gedanken! Beim Lesen erinnerte ich mich an eine frühere Nachbarin, die ich kannte, als ich mit anfang 20 alleinerziehende Mutter eines kleinen Jungen geworden war. Sie lebte mit ihrer Familie in einer schönen Gartenwohnung, hatte zwei Kinder und einen Mann, der den ganzen Tag auswärts die Lohnarbeit erledigte, während sie in der klassischen Rolle die Familienarbeit übernahm. Sie erzählte mir eines Tages voller Freude, dass sie nun ein eigenes Zimmer für sich durchgesetzt habe. Ich verstand überhaupt nicht, was sie daran so erstrebenswert fand, da ich selbst mir nichts mehr wünschte, als mein Zimmer (und mein Leben) mit jemandem teilen zu dürfen, der keine Windeln mehr trug.
Viele Jahre später dann hatte ich eine Freundin, die wahnsinnig darunter litt, nie Kinder und Partner gehabt zu haben und viel zu oft alleine zu sein, während ich selbst es genoss, dass mein Sohn endlich erwachsen war und ich wieder allein sein durfte.
Aber natürlich war/ist trotzdem immer jemand im Umfeld - aktuell die gebrechliche, verwittwete Mutter, die Unterstützung braucht. Und manchmal empfinde ich es als anspruchsvoll und einschränkend und manchmal auch einfach als Privileg, Menschen um mich zu haben, die einem nicht egal sind oder denen man nicht egal ist.
Ich schreibe das nicht, um Ihre Gedanken zu relativieren, denn ich habe inzwischen wirklich verstanden, was meine damalige Nachbarin mit ihrem Bedürfnis nach einem eigenen Raum gemeint hatte. Ich glaube einfach, unser Leben als soziale Wesen lässt schlicht diese äussere Freiheit, diese Türen, die man auch mal schliessen kann, diese stillen Räume à discrétion nicht in jeder Lebensphase zu - oder lässt uns an zuviel davon verzweifeln.
Die innere Freiheit jedoch, die darin liegt zu verstehen, dass es uns gar nicht immer braucht, dass sich auch mal jemand anderer kümmern kann ohne dass es gleich zur Katastrophe kommt, diese innere Freiheit ist unglaublich kostbar.
Das Leben ist voller Ambivalenzen, die manchmal schwer auszuhalten sind. Der Frauenstreik und so tief darüber nachzudenken, wie Sie es in Ihrem Text gemacht haben, lässt uns aber bewusster und freier damit umgehen.
Deshalb nochmals ganz herzlichen Dank!

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Sie haben sehr recht, liebe Frau L. Ich erlebe es ebenfalls als ständige Ambivalenz. Sie wird uns Menschen wohl ein Leben lang begleiten.

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1968 starb meine Mutter an Krebs. Sie war 39 Jahre alt. In ihrer 11-jährigen Ehe mit meinem Vater hat sie sieben Kinder geboren. Zwei davon starben. Ich war neun als sie starb, der Jüngste ein Jahr alt. Ich habe nicht viele Erinnerungen an sie. Aber daran erinnere ich mich: Am Sonntag ging sie jeweils allein zur Frühmesse um 6 Uhr. Zu Fuss ins Dorf. Der Vater war bereits im Stall. Wenn sie heimkam, hüpften wir mit unseren vollen Stoffwindeln, die uns um die Beine baumelten, in der Stube herum. Mein Vater erzählte mir viel später, dass sie diese Frühmesse immer so geschätzt habe. Es war die einzige Stunde in der Woche, in der sie allein war und nichts machen musste.
Nachdem meine Mutter gestorben war, hatte mein Vater auch keine Zeit mehr für sich. Es war schlimm für ihn und er wollte nicht vor uns weinen. Und auch nicht vor den Knechten aus dem Altersheim, die auf dem Hof mithalfen. In der Nacht schlüpften wir zu ihm ins Bett. Morgens um fünf hat er das Gras für die Kühe gemäht. Sobald der Motor lief, konnte er zu weinen beginnen und niemand hörte, wie er sein Elend hinaus schrie. Ich habe meine Tränen vor ihm versteckt, als er es mir viel später erzählte.
Ich habe ein eigenes Zimmer und Freiraum und Zeit für mich alleine. Dafür bin ich dankbar.

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Sehr eindrücklich. Danke für diesen Beitrag

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Liebe Frau W., ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie diese Erinnerungen mit uns geteilt haben.

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Mutter Lehrerin Musikerin Peer
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Wie schön auch, dass die Länge oder Kürze des Textes seine Botschaft bekräftigt. Mir ist eine Schauer den Rücken ab beim Lesen. Danke für diesen wunderschönen Text!

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Danke, Frau B.

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Herzlichen Dank, haut mich gerade um.

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<3 Danke.

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Nadja Schnetzler
Mitgründerin Republik und Project R
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Dein Text hat mich sehr berührt, liebe Olivia! ❤️

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Ich danke dir!

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Danke - mein Moment alleine heute - mit diesem wunderbaren Text - Danke!

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Mann
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Seit ich zwölf Jahre alt bin, gibt es in meinem Leben immer jemanden, der meinen Trost und Rat braucht. Der Hilfe braucht, mich als Spiegel oder Krücke braucht, einen Anruf, mein Verständnis, einen mitgebrachten Kuchen braucht. Es ist keine angeborene Begeisterung für Banalitäten, die dafür sorgt, dass es meist Frauen sind, die das Grillfest organisieren, Geburtstags­karten schreiben oder Abschieds­geschenke besorgen. Es ist jahrelanges Training.

Ich verstehen dies bis heute nicht. Woher kommt dieser selbstauferlegte Stress? Er scheint fast universell vorhanden zu sein. Ist das alles wirklich immer nötig? Wäre hier nicht weniger mehr? Speziell der physische Teil, Blumen, Kuchen, Geschenke, Karten. Das ist doch alles Optional und die zwischenmenschliche Kommunikation sollte doch eher im Mittelpunkt stehen. Mann üblich, bringe ich meiner Mutter/Vater nie Blumen. Es ist doch viel wichtiger, dass man sich überhaupt den Aufwand eines Besuchs macht. Das sollte aus meiner Sicht die Geste sein.

Und ja, nur wenige Menschen sind sich der Organisationsrolle eines selbst oder der anderen bewusst. Aus meiner Sicht übernehmen nur wenige das Terminmanagement um sich mit anderen zu treffen und sobald man dies sein lässt, brechen viele Kontakte und Kreise einfach so ganz weg.

Aber ist der Teilweise Opt-Out wirklich so dramatisch wie hier beschrieben? Was für ein Umfeld habt ihr, in dem ein „ich möchte gerne für X allein/in ruhe sein“ wirklich ein Problem ist? Kann, muss und soll man es allen wirklich recht machen müssen?

Ich habe das Gefühl, dass viele vergessen das es vielfach mehr Stärke braucht um nein zu sagen als ja zu sagen. Die Konsequenzen trägt man in jedem Fall.

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Lieber Anonymous, die solidesten Gefängnisgitter sind die im eigenen Kopf.

Sie zu sprengen, fühlt sich wunderbar an.

Und wenn Sie etwas, das so universell ist, noch nicht verstehen, könnte es sich lohnen, noch etwas mehr zuzuhören.

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Darum bin ich hier. Fragen und Challengen, so lerne mindestens ich etwas dazu. :-)

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Ein (für REPUBLIK-Verhältnisse erfrischend kurzer) Text, der mir richtig einfährt. Ich habe mich selbst schon als "sozialen Einzelgänger" betitelt, und ich werde jetzt anschliessend meine Frau fragen was sie davon hält und was ihre Meinung zu diesem Beitrag ist. Das wird interessant.
Hier ist präzis dargestellt, was uns Zwei (seit 46 Jahren verheiratet, mit zwei Töchtern) immer wieder beschäftigt hat, es gab Diskussionen, Tränen, Missverständnisse, Selbstzweifel, Rechtfertigungen, Klärungen nur Schritt für Schritt. Die Wilden Jahre, die Elternzeit mit kleinen Kindern und dann pubertierenden, die Zeit des "Funktionierens", die beruflichen Entwicklungen, die Abnabelung der Töchter, jetzt die Freiheit der Pension... - immer war "das Alleinsein in der Zweisamkeit" ein Thema, und Frau hat dabei sicher mehr Grenzen und Einschränkungen erfahren als Mann. Wir haben immer Freiräume (Zeit, Ferien und Reisen alleine, persönliche Freundeskreise und Aktivitäten, etc.) erkämpft und auch geschenkt, das lief nicht in allen Phasen optimal, aber es hat sich gelohnt. Nein, es war (über)lebenswichtig! - Und jetzt werde ich meine Frau fragen, wie sie das sieht :)

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Lieber Herr E., vielen Dank. Ja, wahrscheinlich drehen sich sehr viele Paargespräche um genau dieses Thema - gegenseitig. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Frau alles Liebe und gutes Gelingen!

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Seit ich zwölf Jahre alt bin, gibt es in meinem Leben immer jemanden, der meinen Trost und Rat braucht. Der Hilfe braucht, mich als Spiegel oder Krücke braucht, einen Anruf, mein Verständnis, einen mitgebrachten Kuchen braucht. Es ist keine angeborene Begeisterung für Banalitäten, die dafür sorgt, dass es meist Frauen sind, die das Grillfest organisieren, Geburtstags­karten schreiben oder Abschieds­geschenke besorgen. Es ist jahrelanges Training.

Es ist auch die Bereitschaft, tradierte Rollenbilder zu übernehmen. Wenn man an einzelnen Orten daraus heraustritt, wirds spannend. In der Regel sind die Konsequenzen weniger gravierend als befürchtet. Was aber passiert dann mit dem eigenen Selbstwert, wenn die phantasierte Katastrophe nicht eintritt, die Verweigerung wohl da und dort Irritation auslöst, die Welt insgesamt aber nicht untergeht?

Schöner, inspirierender Text, Frau Kühni. Danke.

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Genau so! Allein zu sein und zwar gerne alleine sein, Ruhe haben, atmen, und vor allem einfach einmal zu sein, dass will gelernt sein, dass muss man auch aushalten können und das Alles, ohne schlechtes Gewissen. Und schreiben, ja da hast Du wohl recht, das braucht Zuwendung, Engagement, Haut und Haare! Zum Glück hast Du Dich durchgesetzt! Oder wie war das: ich will Alles tun, nur ganz sicher nicht schreiben.... Danke Olivia für Deine wunderbaren, intensiven und ehrlichen Texte!

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Schöner Text! Allein zu sein empfinde ich als Privileg. Das schlechte Gewissen, wenn ich mich ausklinke, trainiere ich mir ab. Das ist anstrengend und zu oft gebe ich mich doch wieder geschlagen....

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Sandra Verga
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Ein wohltuender Text, danke! Im „nie allein zu sein“ nicht allein zu sein ist auch etwas!

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allein, türe zu, kaffee u republik. zimmer umd zeit ganz für mich- und dieser berührende text. danke!
mit Florence Nightingale u Liliane Juchli und mehreren berufen seit bald 40 jahren "unterwegs" hat mich aber der satz "...wie alle berufe mit anspruch...nur kinderlose..." irritiert. meine mehreren berufe, darunter mutter sein, die -leider oder nicht - unterbrüchig gelebt sein wollten, hatten und haben je ihren eigenen, oft hohen, anspruch. jeder beruf überhaupt hat einen, seinen je eigenen anspruch. das sollten gerade wir frauen stolz anerkennen und leben. vor allem auch, wenn alle berufe für alle attraktiv sein sollen.
ich freue mich auf weitere zweisamkeit mit der republik in meinem zimmer.

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Vor einigen nahm ich an einem Achtsamkeitstraining (MBSR) teil. Dort gab es auch einen "Schweigetag" - die ganze Kursgruppe verbrachte einen Tag miteinander, ohne ein Wort zu sagen.
Während es für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer etwas ganz Besonderes und Schönes war, einen ganzen Tag mit niemandem reden und für niemanden dasein zu müssen, war es für mich eher langweilig - ich lebte damals allein und verbrachte oft ganze Wochenenden, ohne mit jemandem zu sprechen.
Tatsächlich wurde mir erst an dem Tag bewusst, was für ein Privileg das ist: alle Zeit für sich zu haben, sich beliebig lange auf etwas konzentrieren zu können, nicht gestört zu werden. Mein Single-Dasein fand ich zwar danach immer noch einsam und unbefriedigend, aber ich konnte mich immerhin daran freuen, Zeit für mich zu haben.
Dies ist mir auch jetzt noch extrem wichtig, wo ich in einer Partnerschaft lebe. Zum Glück haben wir beide ein ähnlich stark ausgeprägtes Bedürfnis nach Alleinsein, so dass es deswegen kaum je zu Konflikten kommt. Kinder haben wir keine bekommen - schade, aber: wahrscheinlich für uns tatsächlich besser...

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Das ist etwas Schönes, wenn es als Paar gelingt, zusammen oder auch einzeln immer mal wieder alleine zu sein.

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Toller Text. Danke!

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Sehr schöner Text und wiedereinmal ein wichtiger Denkanstoss. Danke dafür!

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Leserin
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Herzlichen Dank für diesen schönen Einstieg in den Tag

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PhD candidate
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Grandioser Text - und so wahr! Erinnert mich an den Moment, in dem ich meinen Wunsch offentabrte, einfach ein Studio haben zu wollen, weit weg, weg von all meinen Rollen (Partnerin, Tochter, Schwester, Tante, Freundin, Angestellte, Kollegin etc. und dann gefühlt erst Doktorandin), genau wie Sie sagen, "ein Zimmer", in dem ich meine Diss fertig schreiben kann. Ich habe mich also absolut wiedergefunden in Ihrem Text. Danke für diese Einbettung.

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Schöner Beitrag

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Wunderbarer Text - merci für Ihre Arbeit!

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Danke Ihnen!

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