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Ich finde die Kritik nachvollziehbar wie berechtigt. Doch bei aller Kritik stellt sich die Frage, wie man es hätte besser machen können, um
'die Vergangen­heit uns so nahe wie möglich rücken' und die namenlosen Figuren 'als Menschen nahezubringen'. Aber auch, ob die Kritik Jacksons (selbst) gegebenen Begrenzungen und Ansprüchen gerecht wird.

So gibt es doch (mind.) folgende Varianten der filmischen Vermittlung der Historie:

Gerade die Differenz zwischen Kubricks Spielfilm und Jacksons Dokumentarfilm ist interessant: Erinnert Kubricks Schwarzweissfilm an Wochenschauen im Kino und unterstreicht die Trostlosigkeit des Geschehens, macht Jacksons Farbfilm es bunter und erinnert weniger an aktuelle "realistische" Farbfilme als an "kitschige" Heimatfilme.

Ich denke, hier liegt letztlich auch der bunte Hund begraben. Denn der Film ist ja ein "Auftrag des Imperial War Museum zum hundertsten Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs". Und verbindet - in Nietzsches Terminologie aus "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben" - "monumentalistische" mit "antiquarischer" Historie.

Es ist - wie der Autor schreibt - ein "Denkmal", das effektvoll für die heute 'Tätigen und Strebenden' Grosses Vergangenes bewahren und verehren will, so dass eine Kontinuität mit der Vergangenheit hergestellt wird - 'dies waren unsere Grossväter!'. Mit der Gefahr durch Fiktionalisierung und Mythologisierung die Historizität selbst, sprich die Geschichtlichkeit in ihrer Differenz, Diskontinuität, aber auch (De)Konstruktivität, zu nivellieren. Also der "Verlust jeder historischen Distanz" durch einen merkwürdigen 'historistischen Realismus'.

Demgegenüber entspricht die Kritik - nicht der "kritischen Historie", die nach Nietzsche ebenfalls "künstlerisch umgestaltet", sondern - der "wissenschaftlichen" Historie, die aber im Gegensatz zur scheinbar objektiven von früher (?) sich der Subjektivität und Konstruktivität bewusst ist und die narrativen Sinnprozesse rekonstruieren will.

Das Medium formt auch hier die Botschaft vor: Der Dokumentarfilm konstruiert Authentizität. Sei es durch "die vermeintliche Evidenz des filmischen Bildes" oder durch den (selektiven) Rückbezug auf historische Quellen. Dabei kann Artifizialität die unmittelbare Authentizität auch gewinnbringend brechen - man denke an Folmans "Waltz with Bashir" (2008) -, während Jackson umgekehrt diese durch jene verstärken will.

Was nun Dokumentarfilme anbelangt, gefiel mir "14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs" (2014), der u.a. auf ARTE ausgestrahlt worden ist, besonders gut: Subjektive Quellen, farbiges artifizielles Lebendigmachen der Autor*innen, schwarzweisse Archivaufnahmen zum grösseren Geschehen, viel Kontextualisierung.

Man könnte versöhnlich auch konstatieren, dass der Film im Kontext des Museum und des bisherigen Diskurses betrachtet werden muss, d.h. als ein begrenztes Element unter vielen, die zusammen ein wie auch immer fragmentarisches Bild ergeben.

Ich werde mir den Film trotz - oder gerade mit - dem kritischen Bewusstsein anschauen gehen. - Von daher, vielen Dank für die Rezension!

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Ich habe den Film noch nicht gesehen - was sich bald ändern soll. Allerdings finde ich die Idee bestechend, Menschen, die man nur als ruckelig -schnuckelige und farblose Schemen kennt nun in Farbe als Menschen wahrnehmen zu können. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Film dadurch die Geschichte nicht realer und näher erscheinen lässt und das nicht auch ein Gutes hat. Nicht der übliche “das ist doch schon so lange her und alles nicht mehr wahr” - sondern ein “das ist doch dem Heute ähnlich und das waren Menschen wie du und ich”. Nur Schulabbrecher nach der vierten Grundschule wissen doch nicht, dass der WKI jetzt 100 Jahre um ist.

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