Dialog

Beiträge zu «Der kalte Tech-Krieg»



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Rolf Müller
Intellektueller Landarbeiter
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Ich denke, dass dieses "Kalter Krieg"-Revival ein raffiniertes Theater des globalen Geld-Adels ist, der die Methodik des "Teile und herrsche!" weiter praktizieren will, indem sie den unteren Schichten der Macht-Pyramiden einen "Kampf zwischen den Systemen" vorgaukelt.
Tatsächlich bewegen sich alle Macht-Blöcke dieser Welt aufeinander zu!
Der ultra-liberale "Westen" gaukelt seinen BürgerInnen eine Meinungsfreiheit vor, damit Firmen wie Cambridge Analytica so viele Daten sammeln können, dass sie demokratische Wahlen mithilfe von gezielter Bearbeitung von "gläsernen Nutzern" mit Fake News und Manipulationen zu Gunsten Kapital-starker Kreise beeinflussen.
Beispiele gefällig?
Donald Trump, Boris Johnson, Brexit.
Die Chinesen versuchen es als kopierende Nachahmer der Kapitalisten mit der "groben Tour" gemäss "Alter Schule", so wir sie hier früher einmal hatten.
Nicht der Norm entsprechende und gemäss "Füdlibürger-Verhaltenskodex" sich verhaltende Menschen wurden in der Schweiz zwangspsychiatrisiert und medikamentös "ruhig gestellt". Fahrenden wurden die Kinder weggenommen und in Kinderheimen platziert. Behinderte wurden sterilisiert. Die "Verding-Kinder" machten unvorstellbare Grausamkeiten durch! Erst vor Kurzen hat der Schweizer Staat sich bei den inzwischen alten Leidtragenden, denen das Leben zerstört wurde, entschuldigt und symbolische Entschädigungszahlungen ausgerichtet.
Wenn wir China anschauen, aber auch Russland, dann dürfen wir uns nicht vom Vorhandensein modernster Technologie täuschen lassen!
Diese Riesen-Länder befinden sich gegenüber Europäischen Ländern in einem geistig-Mentalitätsmässigen Rückstand von ca. 40-60 Jahren.
Sie wollen das natürlich nicht wahrhaben und behaupten trotzig den Mythos einer besonderen, asiatisch-chinesischen, bzw. eurasisch-slawischen Kultur.
Aber wenn ich ChinesInnen als Schnäppchenjäger in Outlets beobachte, sehe ich keinen Unterschied zwischen ihnen und Marken-bewussten SchnäppchenjägerInnen aus Amerika und Europa...

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M. S.
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Interessanter Artikel! Die (trans)- nationale Zuordnung (China, USA, EU) von digitalen Gesellschaftsmodellen erscheint mir aber problematisch: Insbesondere weil es doch darum gehen muss, in einem globalen Ansatz Nachhaltigkeit und Digitalisierung auf der Grundlage der UN-Agenda 2030 und der UN -Menschenrechtscharta zu verbinden (beide Regelwerke wurden ja auch von der CH mitunterzeichnet): So zumindest sehen es heute bereits grosse Teile der weltweiten zivilgesellschaftlichen Bewegungen (... for future), der Politik (in der CH hoffentlich die Grünen und SP) und vermehrt auch Regierungen (siehe z.B. Legislaturziele Neuseeland oder Präsidialjahrziele von BR Sommaruga). Wichtige Diskussionsbeiträge dazu liefert u.a. der „Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung - Globale Umweltveränderungen (WBGU)“.

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ich kann deine analyse in weiten teilen nachvollziehen, adrienne, aber von einem «schicksalsjahr» zu schreiben erscheint mir dann doch etwas hochgegriffen, eher ein literarischer topos.

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Adrienne Fichter
Redakteurin @ Republik
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Ja JournalistInnen lieben Drama und Topos! Spass beiseite. Ich glaube wirklich, dass im Sinne der instituionellen und historischen Pfadabhängigkeit 2020 in der Tat einige Weichenstellungen bringen wird, die Umsetzung von CCPA wird einiges mehr global bewirken als GDPR. Wird Donald Trump Präsident bleiben, bleibt vorerst alles "beim Alten". Denn auch wenn die Gewaltenteilung funktiniert, die Wettbewerbsbehörde FTC unabhängig vom Präsidenten entscheidet, wird Mr. Trump mit seiner protektionistischen Agenda GAFAM stärken wollen. Im Hintergrund wird China seine technologische soft und hard power ausweiten, das RuNet isolationistischer werden...doch ich glaube: 2020 werden lang vorbereitete Pläne/vorgespurte Entscheidungswege zu Fakten.

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ha! ein gutes hatte der topos «schicksalsjahr» ...hat mich daran erinnert, mein abo zu verlängern. ist erfolgt.

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M. S.
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(unsichtbar)
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Dank dem end-end Prinzip (Clark et al.) und dem Sanduhr-Modell (IP over anything / anything over IP) ist die Architektur des Internets als globale und universelle Netzinfrastruktur immer noch erstaunlich robust, trotz all den Innovationen im "Political Layer" (L8).

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Hier noch ein interessanter Artikel über die Zeit der "Protocol Wars", einem Konflikt zwischen dem politisch legitimierten und bürokratischen Ansatz europäischer PTTs gegen das ad-hoc und Wild-West Modell der US dominierten Internet community:

https://spectrum.ieee.org/tech-hist…that-wasnt

Ich kann mich noch an die Endphase erinnern, als es noch alles andere als klar war, dass das Internet einst zum de-fakto Standard für eine ernsthafte und kommerziell relevante Kommunkationsinfrastruktur werden würde. Die meisten Telecom-Experten haben damals noch auf B-ISDN (aka ATM) gesetzt.

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Verena Goanna •in :)) Rothen
fotografie, texte, bio blumen & gemüse
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Liebe Adrienne - bitte streicht aus eurem Text-Werbekleber das letzte, grösser (und wohl noch fett) gedruckte Adjektiv furchtlos (dass ihr x, y, a, ... und furchtlose !) Verlegerinnen, Leser braucht.
Wer momentan - und gut informiert - noch furchtlos ist, hat einen Schaden oder ist Meister•in im Verdrängen. Tönt das wohl zu krass für andere? Dann trifft letzteres wohl schon zu.
Ist mir übrigens ernst mit der Kritik bezüglich des Werbeklebers; bin überzeugt, dass er viele vom Reinschauen in republik.ch abhält! Wenn schon, dann mutig statt furchtlos. Is ja nich dasselbe. Das zweite ist die Antwort, trotz der Furcht.
—- Dir danke für den wie immer klaren, präzisen Artikel! - Alles Gute ins Rothaus!

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Die Wirkung von CCPA wird wohl (wie auch die von GDPR und ähnlichen Regulierungen) schlussendlich von den Gerichten entschieden werden müssen, da der Teufel wie so oft im Detail und im exakten Wording der Gesetze (und der Kreativität von GAFAM und deren Juristen) liegt. https://pxlnv.com/linklog/facebook-…ance-ccpa/ gibt einen kleinen Einblick in die Problematik.

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Adrienne Fichter
Redakteurin @ Republik
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Absolut, wie oben festgestellt: Zum Durchbruch verhelfen dürften dem CCPA, wie dies in Amerika üblich ist, millionenschwere Sammelklagen von Verbraucher­organisationen. Facebook wird, wie Du bereits verlinkt hast, wohl als Erstes drankommen. Die Begründung finde ich übrigens bemerkenswert: Mit FB-Tracker werden "keine Daten verkauft" nur "weitergegeben" für besseres Advertising. Deswegen fühle sich Facebook nicht angesprochen vom CCPA. Ob das die kalifornischen RichterInnen erstinstanzlich ähnlich sehen werden?

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Vielen Dank für den Artikel, sehr aufschlussreich.

Mich stört einfach folgende Überschrift:
Um eine Präsidentschaft Warrens zu verhindern, haben die Tech-Konzerne 2019 bereits allerlei Initiativen gestartet:

Die genannten Initiativen wurden ja nicht gestartet um die Präsidentschaft Warrens zu verhindern, sondern eher um einer Regulierung zu vorzukommen.

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Adrienne Fichter
Redakteurin @ Republik
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Guten Tag! Ja, das ist natürlich überspitzt formuliert von mir, die GAFAM-Eigeninitiativen zielen darauf ab, Wind aus den Segeln zu nehmen. Und Herr M.Z. wäre nicht "amused" über eine Präsidentin Warren, wie ein veröffentlichtes Memo zeigt: https://www.theverge.com/2019/10/1/…k-meetings Obwohl Elizabeth Warren auch Spenden von Angestellten von Big Tech-Firmen erhält, haben die CEO's (FB, Uber, Netflix) einen anderen Favoriten, auf dessen Wahl sie in der internen Ausmarchung der Demokraten hoffen: Pete Buttigieg. https://www.bloomberg.com/news/arti…ley-donors

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Alles klar, danke für die Erläuterung.

Für mich war aus den aufgezählten Initiativen, ohne diese Hintergrundinformationen, nicht ersichtlich, wie Sie auf die Schlussfolgerung kommen, dass diese Initiativen der Verhinderung einer Präsidentschaft Warrens dienen.

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Vielen Dank für die treffende Analyse! Als kalter Tech-Krieg habe ich die Situation noch nie betrachtet.
Für mich stellt sich noch die Frage, wie Unternehmen mit 5G umgehen sollen. Einige Stimme sagen, man kann und soll Huawaii nicht trauen, da kein chinesisches Unternehmen vom Staat trennbar ist. China wäre jetzt auch nicht meine erste Wahl für ein so sensibles Geschäft.

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Adrienne Fichter
Redakteurin @ Republik
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Vielen Dank! Leider ist unser schriftlicher Explainer zu 5G noch nicht publiziert, bis dahin muss ich Sie auf unseren Podcast vertrösten (https://www.republik.ch/2019/12/17/…-nach-bern). In diesem hat Nicolas Zahn die Bedenken rund um Huawei-Netze intensiv besprochen. Fazit: Ausländische Anbieter von Soft- und Hardware bergen natürlich immer ein gewisses Sicherheitsrisiko. Bezüglich Hintertüren: Bewiesen ist nichts, ausschliessen kann man auch nichts. Vielleicht hilft die Antwort des Bundesrats auf eine entsprechende Interpellation weiter: "Die US-Regierung hat bisher keine Beweise für die erhobenen Spionagevorwürfe vorgelegt.

In Grossbritannien eröffnete Huawei im Jahre 2010 das sogenannte "Huawei Cyber Security Evaluation Centre". Es handelt sich dabei um ein technisches Evaluationszentrum, welches von Huawei und den für die nationale Cybersicherheit zuständigen britischen Behörden gemeinsam betrieben wird. Die Aufgabe dieses Zentrums besteht darin, mögliche Sicherheitsrisiken des Einsatzes von Huawei-Produkten zu bewerten. Anhand der durchgeführten technischen Evaluationen wurden bislang keine Spionagefunktionen in der Hard- und Software des chinesischen Herstellers festgestellt.

Zwar wies der jüngste Bericht des britischen Evaluationszentrums von Ende März 2019 auf anzugehende Sicherheitslücken bei den Prozessen und Produkten von Huawei hin. Aufgrund der vorgenommenen Beurteilung wurde jedoch in Grossbritannien kein Ausschluss von Huawei von 5G-Ausschreibungen gefordert. Entsprechende Qualitätsmängel treten regelmässig auf und können auch bei anderen Herstellern vorkommen.

Wie die Europäische Kommission in einer Mitteilung vom 26. März 2019 festhielt, verzichtet sie darauf, auf EU-Ebene ein Verbot von Huawei als 5G-Lieferantin zu fordern. Vielmehr empfiehlt sie ihren Mitgliedstaaten, nationale Risikoanalysen durchzuführen und gestützt darauf die nötigen Sicherheitsmassnahmen zu überprüfen." https://www.parlament.ch/de/ratsbet…d=20193051

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Merci für die Ergänzung!

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R. T.
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Adrienne Fichter
Redakteurin @ Republik
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China wird nicht schlechter dargestellt als der derzeit omnipräsente globale Datenkapitalismus, der immer engere Banden mit dem Pentagon schmiedet. Ich habe ausserdem darauf hingewiesen, dass die Vision zurzeit noch Propaganda ist: "Noch ist die Idee manchenorts erst Propaganda, der Überwachungs­apparat ist zu wenig feinmaschig, und die vielen Strassen sind zu unübersichtlich, um alle Datenpunkte lückenlos zu erfassen. Doch mit der zunehmenden Ausstattung des öffentlichen Raumes mit Sensoren werden immer mehr Winkel und Ecken des Landes durchleuchtet. Das Social-Scoring-System, von vielen Bürgern als gute Sache wahrgenommen, wird damit zur Realität."

Bitte lesen Sie zur Ergänzung doch noch den Text von Marcus Hernig: https://www.republik.ch/2018/10/04/…derts-nein

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Leider wurde der Kommentar von Herr T. bereits zensiert und ich kann ihn nicht mehr sehen. Der Antwort entnehme ich aber, dass noch jemandem der extreme Bias zugunsten der USA auffiel, die USA welche eben staatlichen Mord durchführten und wie ihre saudischen Verbündeten dafür keine Konsequenzen aus Europa befürchten müssen. Aber orwellisch sind natürlich immer die anderen.

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Danke für die interessante Analyse!

Für mich ist die vierte Option am wahrscheinlichsten: das globale Internet wird - wie schon in den letzten Jahren insbesondere von China - schleichend weiter regional aufgeteilt. Das ist nicht auf einen Schlag sichtbar. Aber es beeinflusst mehr und mehr Teile des Internets. Suchmaschinen, DNS-Server, Router (hard- und software), VPN-Anbieter, akzeptierte header für Pakete, anerkannte Zertifikate, akzeptierte Betriebssysteme: Die drei grossen Blöcke werden mehr und mehr voneinander separiert. Nicht mit einem grossen Schalter, sondern Stück für Stück.

Spannende Zeiten!

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Adrienne Fichter
Redakteurin @ Republik
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Genau oder alle drei Systeme koexistieren weiter und regionalisieren das globale Internet noch mehr. Habe ich als vierte Option nicht explizit geschrieben, nur im Zwischentitel "Globales Splitternet" angedeutet:) Danke, Jens, für Deine Ergänzung!

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Diktatur, Dystopie, Orwell... Da schöpft die Autorin aber aus dem Vollen, schätzungsweise ohne jemals in China gewesen zu sein und im blinden Vertrauen auf welche Quellen sie gefunden hat. Dass vielen Chinesen das Reisen erschwert wird, weil sie rechtsgültige Bussen nicht bezahlen oder für online Finanzbetrug verurteilt wurden, findet eben so wenig Erwähnung, wie die vieleschichtige öffentliche Debatte, die sich in China derzeit abspielt. Dass man sich nicht mit grossen Spenden von Verbrechen freikaufen können soll, wie das in letzter Konsequenz möglich wäre mit einer einzigen Kennzahl, das haben nämlich auch Chinesen erkannt. Die Idee dass einen Kameras an Ampeln selbst durch die nach wie vor erlaubten und im Winter oder bei Smog üblichen Gesichtsverhüllungen hindurch identifiziert, ist ebenfalls noch ein ganzes Stück weit weg. Ich hoffe das Simbabwe eines Tages auch so sicher wird wie China, wobei Überwachung alleine dafür wohl leider nicht ausreichen wird.

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Dass unter den Folgen des Social Scorings als erstes Leute leiden die kritische Texte zur chinesischen Regierung veröffentlichen, übersehen sie in ihrem schier unglaublichen Chinataumel. Diverse Blogger können sich die Güter des täglichen Gebrauchs nur noch auf dem Schwarzmarkt besorgen und werden wohl über kurz oder lang wegen illegalem Geldumtausch verhaftet, da sie legal kein Geld mehr abheben dürfen.
Ich wünsche eigentlich niemanem Schlechtes, aber ihnen würde ich es sehr gönnen wenn sie dereinst in eine der unzähligen Fallen tappen welche der chinesische Staat ausgelegt hat. Vielleicht würde sie das zum Nachdenken bringen, statt hier mit chinesischer Stastspropaganda herumzutönen

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Nennen Sie einen. Jede Wette selbst erklärte Staatsfeinde können in jeden x-beliebigen Supermarkt gehen und gegen Bargeld Dinge kaufen, ausser sie sitzen im Gefängnis oder Hausarrest - dann hat es aber nichts mit Social Credits zu tun. Auf welchem Schwarzmarkt sie Dinge ohne Geld kaufen, würde mich auch interessieren.
Lassen Sie sich nicht so von der US Propaganda einspannen. Kommen Sie mal nach China und schauen Sie selber.

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Diskussionen über Chinas Social Scoring-System sind ja immer wieder spannend und erhellend. Im konkreten Fall frage ich mich, wo bei

Dass vielen Chinesen das Reisen erschwert wird, weil sie rechtsgültige Bussen nicht bezahlen oder für online Finanzbetrug verurteilt wurden,

der Zusammenhang zwischen Busse/Urteil und Reiseerschwernis liegt? Welches Menschenbild liegt einem System zugrunde welches hier (automatisch!) einen Zusammenhang herstellt? Und welche positive Wirkung können wir Systemen zuschreiben, welche (um obigen Fall mal weiterspinnen) negative Effekte wie Reiseerschwernisse nicht nur auf die direkt betroffenen applizieren sondern auch auf deren soziales Umfeld (d.h. mein eigener Score reduziert sich wenn ich Menschen mit schlechtem Score in irgendeiner Form helfe).

Schlussendlich führt ein solches System zu einer Gesellschaft welche nur streng normiertes Verhalten zulässt während sämtliche Abweichung durch sehr konkrete Alltagsnachteile bestraft wird. Ich kann mir eigentlich niemanden vorstellen der in einem solchen System leben möchte.

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Ich denke Sie stellen die richtige Frage, gehen aber zu kurz im Versuch zu verstehen und kommen daher zu komplett falschen Schlüssen. Es fehlt nämlich die Ausgangslage in der man lebt in China: stellen Sie sich eine Stadt vor - wenn das geht - mit drei mal so vielen Einwohnern wie die gesamte Schweiz, in der es aber kein öffentlich zugängliches Strafregister oder Betreibungsamt gibt, wo ich entsprechende Daten finden kann. Es gibt zwar bei der Polizei natürlich Dokumentation über vorherige Straftaten, aber ich muss weder für das Mieten einer Wohnung, noch die Aufnahme eines Kredits, noch bei der Bewerbung für einen neuen Job jemals eines dieser Dokumente einreichen. Nun stellen Sie sich noch vor, dass jeden Tag über 100'000 Menschen aus Peking ein- und ausreisen, und natürlich ohne Visum, da ja alles Inland ist. Die Menschen kommen nicht nur aus einem Gebiet wie der EU, sondern rund drei mal so viele Einwohner und wirtschaftlich auch Regionen wie Marokko, Ukraine, ja Eritrea - ohne Visum. Dann gibt es Regionen wo lokale Behörden absolut überfordert sind, oder gar von kriminellen Banden infiltriert, wo ein Krimineller mit Beute aus Peking komplett unauffindbar wäre.
Vielleicht verstehen Sie dann, warum viele Chinesen sich wünschen, dass Kriminelle nicht mehr so leicht untertauchen können. Denn es gibt in China deutlich weniger Polizisten pro Einwohner als in der Schweiz und viel mehr ist Selbstorganisiert, weil staatliche Regulierung viel weniger durchgängig ist als bei uns.
Somit ist im Alltag das totale Gegenteil Ihrer These der Fall: es wird in China viel mehr eigenwilliges Verhalten toleriert, solange es nicht rote Linien überschreitet. Diese Linien sind etwas enger, neben IS Unterstützung ist z.B. auch allgemein schon die glaubwürdige Vorbereitung oder Anstachelung zu einer Revolution verboten. Im Alltag ist es aber keineswegs ein enges Korsett der Gesellschaft. Insbesondere zwischenmenschlich spüre ich viel weniger Verurteilungen von andersartigem Verhalten, was sicher mit unserer Demokratie und vielleicht auch einer Spätfolge germanischen Fehderechts zu tun hat, wo jeder eine Verantwortung trägt, Gerechtigkeit und christliche Werte aufrecht zu erhalten, während dieser Auftrag in China allein bei den Autoritäten liegt.

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Adrienne Fichter
Redakteurin @ Republik
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Herr B., ob ich in China gewesen bin oder nicht - darüber lasse ich Sie weiterhin spekulieren. Privatsphäre ist ein wichtiges Gut für mich, wie Sie wissen... Zu Ihrer Kritik: Es ging um eine kurze Auslegeordnung drei verschiedener miteinander konkurrierender Wertesysteme. Dass die Realität vielschichtiger ist, ist mir bewusst. Ich habe das auch an zwei Stellen verdeutlicht:

  1. "Noch ist die Idee manchenorts erst Propaganda, der Überwachungs­apparat ist zu wenig feinmaschig, und die vielen Strassen sind zu unübersichtlich, um alle Datenpunkte lückenlos zu erfassen. Doch mit der zunehmenden Ausstattung des öffentlichen Raumes mit Sensoren werden immer mehr Winkel und Ecken des Landes durchleuchtet. Das Social-Scoring-System, von vielen Bürgern als gute Sache wahrgenommen, wird damit zur Realität. "

  2. "Natürlich ist im kalten Tech-Krieg nicht alles schwarz-weiss. Auch in Europa sind Gesichts­erkennung­technologien aus sicherheits­politischen Gründen auf dem Vormarsch. Allerdings werden Überwachungs­systeme hier kritischer begleitet und mit ethischen Leitplanken versehen."

Klar, die Debatte über Social Scoring in China ist mir auch nicht entgangen. Auch in China wird engagiert über Privacy Breaches, über gehackte Daten, die veröffentlicht plaintext m Netz stehen, debattiert. Und auch das chinesische Regime überlegt sich sogar Messenger-Dienste zu verschlüsseln. Bzw. die Betreiber dazu anzuhalten. (Aber natürlich mit Einbau entsprechender Backdoors, um dann nach Bedarf die Kommunikation abzugreifen.)

Sollten Sie mir also Voreingenommenheit attestieren, so bin ich gespannt auf Ihre Reaktion auf einen meiner nächsten Texte.

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So viel zu journalistischer Transparenz, aber immer schön die Politiker dazu auffordern....
Nun, wenn Sie glauben, mit einer Zusammenfassung westlicher Narrative einen Blumentopf zu gewinnen, dann haben Sie offenbar bei der Republik den Jackpot gelandet. Die emotionalen Sprüche gegen die bösen Chinesen kommen im halblinken Spektrum hier auch immer bestens an. Sind Teile des Social Credit Systems nun “Propaganda“, oder könnten es “Pläne“ oder gar “Versprechen“ der Regierung sein? Wie Sie richtig schreiben, wünschen sich viele Chinesen ein besseres System gegen das Untertauchen von Kriminellen, ich habe an Herr Seemann etwas umschrieben, woran das liegen könnte, wenn man China so ein bisschen näher anschaut. Eine Regierung welche versucht etwas umzusetzen, was sich eine grosse Mehrheit der Bevölkerung wünscht, finde ich per se jetzt mal nicht schrecklich undemokratisch.
Dass Europa ausser Stande ist, eigene Software global zu lancieren, aber im Bereich ethischer Theorie durchaus führend ist, das wäre tatsächlich ein spannender Diskussionspunkt. Ich sehe auch dass China die Entwicklung in Europa sehr interessiert und viel genauer als die USA beobachtet, denn viele Gesetze in China werden aus Europa und anderen Ländern übernommen und angepasst. Wenn Sie das wissen, warum schreiben Sie es denn nicht?
Europa sitzt moralisch aber auch auf einem sehr hohen Ross, wo man sich stets vom CIA über mögliche Terrorgefahr informieren lässt, um gleichzeitig zu wettern, wie das CIA illegal Daten klaut und uns abhört in Europa. Dass beides mit einander zu tun haben könnte, scheinen die wenigsten zu sehen. Ich finde das keineswegs gut, mir wäre innereuropäische Überwachung zehn mal lieber, weil es da auch wieder demokratische Überwachung der Überwacher gibt, was ich bei China und dem CIA bezweifle. Aber die Illusion Europa wäre genauso friedlich und sicher ohne die Geheimdienste der USA, halte ich für wahnsinnig naiv. Und China hat nun mal nicht nur keinen Support, sondern wird vom CIA aktiv bedroht.

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Ja genau! Wie wäre es, wenn man in Simbabwe eine Art Lager errichtet, wo man all die bösen Schurken festhält und umerzieht. So wie im freien China mit den Uiguren. Dann wären alle sicherer, weil was ist schon Freiheit für viele ohne ein bisschen Repression von wenigen. Jedenfalls keine Demokratie, aber davon will China ja nichts wissen.

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Genau. Danke! Das wäre auch mir viel lieber als die Lager welche die EU derzeit in Ägypten, Libyen und der Türkei finanziert, wo nicht böse Schurken sondern ganz demokratisch alle inhaftiert werden, für ihr Verbrechen ein besseres Leben anzustreben. Dann kann sich Simbabwe hoffentlich so entwickeln, dass zumindest dort keine Menschen mehr ihr leben riskieren müssen, um den Burggraben Mittelmeer ungesehen von der europäischen Kriegsmarine zu überwinden. Für diesen Vorschlag haben Sie auch mein Like.

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