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L. M.
Informatik-Ingenieur und Ökonom
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So korrekt die Diagnose, so unausgereift scheint mir die verordnete Kur. Ist die Ungleichheit in der Schweiz wirklich dermassen unerträglich, dass wir es in Betracht ziehen sollten, einen globalen Verwaltungsapparat zu schaffen, der auf alle Vermögen weltweit Zugriff hat und vor dem es kein Entkommen gibt? Das klingt für mich eher nach Faschismus als Freiheit.

Überhaupt sollte Piketty sich mal die Schweiz ansehen. Wir haben hier viele seiner guten Ideen bereits umgesetzt. Im Gegensatz zum restlichen Europa ist die unsoziale Mehrwertsteuer moderat, dafür haben wir eine Vermögenssteuer (welche von Macron in Frankreich gerade erst abgeschafft wurde). Auch entfällt die Notwendigkeit eines internationalen Vermogensregisters, wenn man sich vor Augen führt, dass die Mehrheit der Schweizer Vermögen in Immobilien steckt. Und diese besteuern wir bereits dreifach: über die genannte Vermögenssteuer, über die Grundstückgewinnsteuern und über den international einmaligen Eigenmietwert. Hinzu kommt, dass wir gerechterweise nicht nur die Vermögen natürlicher Personen, sondern auch diejenigen von juristischen Personen besteuern (die Körperschaftssteuer). Damit schieben wir dem bei amerikanischen Milliardären beliebte Winkelzug, Vermögen steuerfrei in Stiftungen zu parkieren, den Riegel. Es ist immer wieder erfreulich zu sehen, wie gut das Schweizer System im internationalen Vergleich eigentlich ist.

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Ein globales Finanzkataster ist Faschismus? Das ist mit Verlaub ein seltendämlicher Vergleich, vor allem da die Menschenwürde durch gerechte Besteuerung kaum angetastet wird und zeigt doch nur eines Herr M.

Piketty hat definitiv den Nagel auf den Kopf getroffen, insbesondere darin, dass manche von uns Privateigentum als eine Art der sakralengegenstandgefütterten Ersatzreligion betrachten und dann hanebüchebe Abwehrmechanismen wie sie entwickeln. Natürlich ist es wenig Sinnvoll Besitz im Ramen einer normalen Existenz wie Wohnung, Kochgeschirr, Zahnbürste etc. abzuschaffen, oder aber kleine Einkommen und Vermögen, die zu keiner Macht gereichen, so stark zu kontrollieren. Lustigerweise ist das aber gerade was in Ihrem Vorzeigemodell Schweiz passiert und die Akzeptanz des Staates und der Gemeinschaft nur weiter schmälert!
Und gerade wenn Menschen gigantische, keinesfalls mehr leistungsgerechte Anteile an Firmen und Geld und damit Bestimmungsgewalt über die Arbeitskraft von 1000en oder gar millionen von Menschen besitzen, kann das langfristig nicht mehr funktionieren! Durch all die gewonnene Marktmacht ist es diesen Menschen nicht nur möglich den Markt (angeblich eine heilige Kuh der Rechts-liberalen) zu ihren Gunsten zu verzerren oder gar auszuhebeln, es ist ihnen durch politische Einflussnahme gar möglich den Diskurs und Gesetze zur weiteren Verstärkung dieser Macht zu beeinflussen!
Wie Picketty schon richtig gesagt hat waren wir nach dem Krieg auf dem richtigen Weg, nur haben als es für alle nur noch aufwärts zu gehen schien klamheimlich die Neoliberalisten die Deutungshoheit für die Gründe dieses Erfolgs übernommen. Wo wir damit gelandet sind könnte nicht konträrer zu Fortschritt sein! Statt hohe Steuern für Reiche, eine daraus finanzierte garantierte Existenz und Zugang zu höherer Bildung für alle Schichten, sowie Gründungszuschüsse für Unternehmen, übergeben wir das Zepter je länger je mehr Parteien die neofaschistoides, fremdenfeindliches und primitive Ängste bedienendes Gedankengut streuen und den Leuten so einen bequemen Sündenbock für alle Probleme präsentieren in deren Schatten der Verarmung, Diskriminierung und Benachteiligung, die Besitzenden weiter nach Gutdünken wursteln können!

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Ich verstehe Piketty (in der Rezension von Seibt) so, dass die globale Mobilität des Kapitels Transparenz durch einen allen (nationalen) Steuerbehörden zugänglichen Kataster erfordert, um Steuergerechtigkeit zu ermöglichen. Das scheint mir logisch und richtig. Sie bezeichnen das als Faschismus. Ist es für Sie auch faschistisch, wenn die Steuerbehörde ihres Wohnkantons (natürlich rein hypothetisch) über von Ihnen nicht versteuerte Vermögen in einem anderen Kanton informiert wird? Und: Was hat Transparenz mit Faschismus zu tun?

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L. M.
Informatik-Ingenieur und Ökonom
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· editiert

Kurz gefasst sind mir lokale Lösungen lieber, da mir jede Form globaler Machtkonzentration suspekt ist, egal ob staatlich oder privat. Den Kanton kann man notfalls wechseln, wenn man mit der Politik nicht einverstanden ist, den Planeten nicht. Man kann die vorgeschlagenen Massnahmen natürlich auch umsetzen, ohne dem Faschismus zu verfallen. Doch staatliche Machtkonzentration erhöht dieses Risiko.

Hinzu kommt übrigens, das Piketty trotz Datenflut gewisse Informationen wohl bewusst weglässt. Beispielsweise ist zwar die Ungleichheit in den meisten Ländern in den letzten Jahren angestiegen, aber global hat sie abgenommen (weil der Unterschied zwischen der ärmsten und den reichsten Ländern kleiner geworden ist). Das geht gegen die Intuition und ist deshalb in der Statistik als Simpson-Paradox bekannt (https://en.wikipedia.org/wiki/Simpson%27s_paradox). Auch unterschlägt Piketty, dass die Zunahme der Ungleichheit zu einem grossen Teil der Alterung der Gesellschaft zugeschrieben werden kann. Die Ungleichheit zwischen Gleichaltrigen steigt nämlich mit dem Alter an. Das bedeutet, dass die Ungleichheit einer Gesellschaft automatisch zunimmt, wenn das Durchschnittsalter steigt, selbst wenn das System an sich noch gleich gerecht ist wie vorher. Es gibt noch viele weiter solche Punkte, aber dazu müsste ich wohl eine eigenes Buch schreiben. :-)

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Ich finde das eine sehr gute Zusammenfassung eines offensichtlich eindrücklichen Buches mit anregenden Gedanken und Überlegungen. Die konkreten Vorschläge von Piketty sind sehr bedenkenswert.
Natürlich ist die Umsetzung dieser Vorschläge enorm schwierig, zumal wirtschafts- und finanzmächtige Kreise weltweit und nicht zuletzt auch in der Schweiz kein Interesse daran haben, etwas von ihrer Macht abzugeben und zu vermehrter Gleichheit beizutragen.
Ich bin mit L. M. überhaupt nicht einverstanden, der gegen einen möglichen globalen Verwaltungsapparat mit dem hier völlig unangebrachten Begriff des Faschismus wettert.
Dabei liegt ein wesentliches Problem gerade darin, dass es viel zu viele Steuerschlupflöcher gibt, mit denen es den Mächtigen immer wieder gelingt, der Allgemeinheit (und ich meine das durchaus auch global) dringend benötigte Mittel vorzuenthalten. Und es ist auch ganz klar, dass die Schweiz hier als weltweit bedeutsamer Finanzplatz eine – um es vorsichtig auszudrücken – problematische Rolle spielt. Und es ist auch klar, dass dieselben Kreise mit allen Mitteln versuchen, nichts an diesen Umständen zu ändern.
Eine aufgeklärte Zivilgesellschaft kann Gegensteuer geben, wenn sie es denn wirklich will.

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R. M.
interessierter Leser
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Herrn Binswanger gebührt grosser Dank für seine erhellende Zusammenfassung. Eine ausführliche wissenschaftliche Debatte der Thesen sollte nun folgen - kann die Republik so etwas anstossen?

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Vorerst einfach: Danke sehr für die geleistete Denkarbeit von D. Binswanger, die mir als Republik Abonnentin und den von mir zum Lesen Animierten zugute kommt. Der Inhalt wird in den nächsten 10 Jahren nicht verfallen. Ich werde Zeit haben das Buch zu lesen. Mit der Zusammenfassung als Übersetzung daneben. Mein Denken daran reiben und auch schon davon beeinflusssen lassen. Solche Influencer sind für mich als Fussvolk nicht zu bezahlen!!!!! (Hand aufs Portemonnaie: die Republik zu abonnieren, wiegt diesen einen Nutzen nicht im Geringsten auf. )

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Rolf Müller
Intellektueller Landarbeiter
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· editiert

Wenn wir von den vier Blöcken in der heutigen Politik ausgehen, dann sehen wir auch, welche dieser Blöcke am natürlichsten Koalitionen eingehen, so dass dann doch wieder zwei Blöcke einander gegenüber stehen:
Heute vorherrschende Koalition: Soziale Nationalisten und Elitäre Internationalisten:
Schweizerisches Beispiel: SVP-FDP (rechtsbürgerliche Mehrheit)
Der global vernetzte Geld-Adel profitiert davon, dass er Nationalstaaten gegeneinander ausspielen kann, so dass diese einen ruinösen Steuerwettbewerb unter sich veranstalten.
Jeder Nationalstaat versucht in diesem Steuerwettbewerb, den Geld-Adel mit besonders steuergünstigen Konditionen zu umwerben, so dass dieser sein Kapital und damit auch Investitionen, Arbeitsplätze und (!) indirekt Steuern von diesen Arbeitskräften ins Land bringt.
Dieses "gegeneinander Ausspielen" der Nationalstaaten funktioniert aber nur, wenn diesen einfachen Steuerzahlern und Steuerzahlerinnen, den von der Gunst Multinationaler Konzerne abhängigen Arbeitskräften, vorgegaukelt werden kann, dass sie als "Einheimische" vom Staat einen besonderen Schutz und eine Vorzugsbehandlung gegenüber "AusländerInnen" zugut haben und auch bekommen!
Eigentlich hätten die "Elitären Internationalisten" lieber die völlige Freiheit und Flexibilität bei der Wahl ihrer Arbeitskräfte. Aber damit würden sie eben die (zur Erringung einer politischen Mehrheit und damit einer demokratischen Legitimation nötige) Koalition mit den "Sozialen Nationalisten" gefährden!
Also trifft man sich in einer "rechten Mitte", indem man für hoch qualifizierte Arbeitskräfte eine völlige Flexibilität garantiert und organisiert, während man bei niedrig qualifizierten Arbeitskräften dort auf Abschottung mittels massiver Grenzkontrollen gegenüber Flüchtlingen und MigrantInnen setzt, wo überhaupt "Einheimische" Interesse haben an solchen "Drecksarbeiten"...
Genau so läuft es zur Zeit und es wird wohl auch noch sehr lange so weiterlaufen.
Nun wende ich mich der anderen Seite zu, also den "Sozialen Internationalisten" und den "Elitären Nationalisten" (in der Schweiz wären das etwa die SP/Grünen und die GLP, BDP, sowie linker Flügel der CVP):
Erstere sind im Kern die Gewerkschaften.
Zweitere sind im Kern UnternehmerInnen, die im guten Sinne "Patrons" sind, also die mit ihren Angestellten, mit ihren Fabriken und mit den Umgebungen dieser Fabriken eine BEZIEHUNG eingegangen sind und die sich auch emotional bis "familiär" mit den "Produktionsfaktoren" (furchtbar technokratisches Wort!) verbunden fühlen!
Und hier sehe ich ebenfalls Möglichkeiten für eine Koalition, und zwar eine Koalition aus "Sozialer Tradition" und aus "Sozialer Veränderung"!
Ein erfolgreiches Unternehmen braucht eine kreative, innovative, bestimmte, professionelle, verantwortungsvolle und bestimmte Führung UND selbstbewusste, mitbestimmende, motivierte, lebendige, ehrliche und vertrauenswürdige MitarbeiterInnen, - MieterInnen,- PächterInnen, etc.!
Und damit das so bleibt, braucht es volle Transparenz und eine gerechte, ausgeglichene Verteilung von Löhnen und Privilegien, so dass diese nicht als unverschämt empfunden werden.
Ansätze für "Mitte-Links" gibt es viele.
Ich möchte Einige daraus heraus greifen, die das exemplarisch zeigen:

  • Der Hausverein als Zusammenschluss von ökologisch-sozial eingestellten HausbesitzerInnen.

  • Der Bio-Landbau, der mehr MIT der Natur, als Gegen die Natur arbeiten möchte

  • Die Firma "Spatz AG", die ein Selbstverwaltungsmodell entwickelt hat, die MitarbeiterInnen zu AktionärInnen macht, die je mehr Aktien der Firma erhalten, je länger sie in der Firma arbeiten. Bei einer Kündigung, oder nach der Pensionierung erhalten sie den Gegenwert ihrer Aktien in Geld von einer gemeinsamen Stiftung, welche die Aktien zurückkauft, worauf sie dann wieder auf die aktuelle Belegschaft verteilt werden, als Bestandteile ihres Lohns.

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Ist die von Ihnen genannte Spatz AG auch heute noch ein "Selbstverwaltungsmodell"?
Auf der Homepage der Spatz AG ist nicht ersichtlich, ob nach dem "Grounding" 2016 dieses Modell weitergeführt wurde.
Gibt es andere AG's die nach diesem Prinzip funktionieren?

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Rolf Müller
Intellektueller Landarbeiter
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Von dem "Grounding" wusste wiederum ICH nichts.
Wäre jedenfalls schade, wenn dieses Modell Schiffbruch erlitten hätte.

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Walter Scheidel`s "Nach dem Krieg sind alle gleich", das genau dem gleichen Thema historisch und in der Analyse, bzw. Lösungen für die Zukunft, nachgeht, (2018) kann es von der Gründlichkeit, Redlichkeit, Datenverarbeitung und Wissenschaftlichkeit her durchaus mit dem neuen Piketty aufnehmen. Ist halt kein Starökonom. Scheidel bezieht sich immer wieder mal auf Piketty.

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M. I.
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Ja, da haben wir es wieder einmal gehört, offenbar empirisch besser belegt denn je: Zuerst braucht es eine, in die Wirklichkeit umgesetzte, transnationale (weltumspannende) Theorie der Demokratie, danach die Volksentscheide zu vernünftiger betrieblicher Mitbestimmung, Verstaatlichung und Steuer­progression. So erschreckend einfach ist das.
Ich sage es doch täglich am Stammtisch: Wir wüssten ziemlich genau, was zu tun ist (auch in anderen Bereichen). Wie aber kommen wir (die Menschheit) jemals dahin, gemeinsam entsprechend zu handeln?
Eine Herausforderung für viele, viele Generationen...

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Leider diskutieren die Stammtische viel lieber über Carlos Sozialhilfegelder, obwohl diese gesamtwirtschaftlich keinerlei Relevanz haben. Piketty zu lesen ist der grossen Mehrheit wohl nicht zuzumuten, aber den Boulevard und die 'sozialen' Medien sollte man einstampfen. Klatsch und Tratsch waren schon früher ein grosses Übel und haben sich wegen der Finanzierung durch Werbung zu einer grossen Gefahr für die Menschheit entwickelt

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D. B.
Fachführung Sourcing & Empowerment Coach
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Ein ausgezeichneter Artikel! Besten Dank, ich schätze diese Art der Zusammenfassung und Übersetzung sehr!

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Ich werde das Buch lesen, aber eigentlich als Ergänzung zu Walter Scheidels "Nach dem Krieg sind alle gleich". Der Altertumshistoriker hat das Phänomen der ökonomischen Ungleichheit in Gesellschaften durch die ganze Geschichte der Menschheit analysiert - selbstverständlich auch bezüglich der Auswirkungen der Revolutionen. Er kommt zu den gleichen Zahlen wie Piketty. Er liefert jedoch durch seine Gesamthistorie ein (durch die Zahlen und Statistiken) empirisches Grundmuster: Es gab nie eine nennenswerte Nivellierung der Ungleichheit ohne den massiven Einfluss von Gewalt. Ursache sind die "4 apokalyptischen Reiter" wie Scheidel sie nennt: Kriege, politische Massentransormation, Staatszerfall und Pandemien. Nach demografischen Erholungszeiten und Normalisierungen setzte stets die Ungleichheit wieder ein. Er unterscheidet die Vormoderne und die moderne industrielle Gesellschaft. Kein Gewalt-Phänomen vermochte die Nivellierung je so weit zu treiben wie die globale Gewalt der modernen Massenmobilisierungskriege, 1914-1945. ("grosse Kompression"). Die bei Piketty "sozialdemokratische Phase" genannte Zeit danach und bis Ende der 1970er definiert er als eine weitere diesmal sehr breit in die Massen wirksame Nivellierungsphase, welche aus den Schrecken der Weltkriege geboren wurde und nun langsam abklingt und der neuen Ungleichheit weicht. Qualtitativ wäre die moderne Gesellschaft nun aber grundsätzlich als Erste in der Lage, ohne die "4 Reiter" Nivellierungsprozesse einzuleiten. Pikettys Vorschläge sieht er als grösstenteils zu grosse Schritte, da sogar Piketty selber seine Maximal-Vorschläge zu den Progressionssteuern der Spitzeneinkommen-, -vermögen (bis 95%) den Gini-Koeffizienten lediglich um einige wenige Punkte reduzieren könnte.
Scheidel plädiert für realistischere politische Schritte, da sie sofort mehrheitsfähig sein müssen. Steuern ist aber auch sein Thema. (Für die Schweiz wäre wieder ein Vorstoss mit einem guten Mix bezüglich Erbschaftssteuern fällig, meine Anm.).
Beide Autoren wollen selbstverständlich nur demokratische Mittel für politisches Vorgehen akzeptieren. Beide sind jedoch irgendwie ratlos, wie die Menschen dazu zu bringen sind. Das weckt die Psychologin in mir: Scheidel`s Thesen zeigen eigentlich sehr klar, dass Menschen ihr eigenes Wohl immer am meisten im Auge haben, ob links oder rechts. Sie haben es umso mehr in Auge, desto mehr sie es gefährdet sehen. Vormoderne Gesellschaften ohne allgemeine Sozial- und Rentensysteme kannten eigentlich nur die Gefährdung. Und die Reichsten die genauso: Jeder war Konkurrenz und die Pest machte auch keine Unterschiede. Sicher wurden viele Jahrhunderte lang das Schicksal in "Gottes Hand" gelegt - mangels Alternativen. Und dies wurde im 19. Jh. durch eine merkantile/meritokratische Besitzmentalität abgelöst, aber das ist nicht entscheidend. Entscheidend ist die Unsicherheit. Ergo nahm sich immer Jede/r, was er/sie konnte. Nur extreme Katastrofen konnten mit ihrer überwältigenden Macht die Solidarität über dieses Prinzip stellen - für eine Weile.
Wenn wir nun also eine gewisse Sicherheit und Stabilität in der ganzen Breite der Gesellschaft der modernen reichen Demokratien haben seit den Weltkriegen, müssen psychologische Faktoren mitbeachtet werden, wenn "freiwillig" etwas geteilt und hergegeben werden soll. Sonst kann Piketty lange beschwören, es wäre doch "politisch möglich und es seien die Ideologien schuld, dass es nicht gehe. Solche Appelle bleiben Worte. Er sieht ja selber, dass sich Ideologien zunehmend auflösen und neue kleinteiligere, überlappende Kategorien entstanden sind. Und zwar noch viel mehr, als er für Frankreich sieht.
Vielleicht bringt es schon etwas, wenn wir mehr Diversität in den Parlamenten haben, da diese vielschichtigere Interessen mitbringen. Da könnten z.B. die Frauen, die aktuell aus ihrer Erfahrungsgeschichte noch mehr Sozialbezug mitbringen, nützlich sein und Mehrheiten für einen langfristigeren, umfassenderen Ökonomiebegriff einbringen. (?)

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Vielen Dank an Constantin Seibt für diese sehr gelungene und anregende Zusammenfassung. Einen Aspekt vermisse ich (evtl kommt er auch im Buch nicht vor?), nämlich den Bezug zum Klimawandel, und zwar in beiden Richtungen: Welchen Einfluss hatte die Vermögensverteilung der letzten Jahrzehnte auf unseren Ressourcenverbrauch bzw die Immissionen (die Antwort darauf könnte allenfalls ambivalent sein), andererseits die Frage, inwiefern griffige, gesellschaftlich akzeptierte Massnahmen überhaupt möglich sind, solange der Schutz des Privateigentums derart apodiktisch behandelt wird.

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Sehr spannend! Danke für diese ausführliche Zusammenfassung, die ich wirklich zu keinem Zeitpunkt langfädig oder langweilig finde. Europa ist leider viel zu verschachtelt und unorganisiert als dass ich da gross auf Eigeninitiative hoffe. Ein Impuls aus den USA ist da schon wahrscheinlicher.
Ganz spannend wird die Auswirkung dieser Forschung auf China, wo vor zwei Jahren die Ungleichheit zum Hauptwiderspruch der Gesellschaft erhoben wurde. Deng Xiaoping deklarierte damals die Armut und mangelnde Entwicklung zum Hauptproblem und wir alle wissen was danach 40 Jahre lang passierte. Entsprechend hoffnungsvoll bin ich für die kommenden Jahrzehnte. Die Regierung hier hat zudem sehr wenig ideologische Scheuklappen und einen grossen Fokus auf wissenschaftliche Methoden. Auch das spricht für Kooperation mit Picketty. Dies soll keine Werbung für China sein - ich muss niemanden von der KP überzeugen - sondern eine ehrliche Einschätzung.

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China hat dies vor allem auch mit dem Einsatz eines umfassenden Überwachungsapparats geschafft, welcher dafür sorgt, dass sich die ChinesInnen nicht zu weit von den von der Partei als Ideal definierten Verhaltenskriterien entfernen. Dass dadurch sämtliche Individualität auf der Strecke bleibt, ist naheliegend und erschreckend.

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Ganz ehrlich, die Diversität in China nehme ich als deutlich vielfältiger an als in Westeuropa. Die sogenannt freien Meinungen der Westeuropäer sind sehr vorhersehbar und keineswegs wahnsinnig individuell verschieden. Ja, China überwacht auch, mit allen Vor- und Nachteilen. Nachteil ist das Gefühl beobachtet zu sein, Vorteil ist die Freiheit von Angst da es wenig Diebstahl und fast keine Gewalt in der Öffentlichkeit gibt.
Wie dem auch sei, jede Kultur hat ihre Eigenheiten, die Schweiz kontrolliert sehr detailliert und kleinräumig, China überlässt vieles sich selber aber greift hart durch wenn gewisse Grenzen überschritten werden. Das hat mit Ungleichheit aber recht wenig zu tun.

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V. T.
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Guten Tag, Herr Binswanger, heute wurden Esther Duflo, Abhijit Banerjee und Michael Kremer für ihre sog. Armutsforschung mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet. Sind Sie mit dieser Entscheidung zufrieden? Kann Ihrer Meinung nach die Arbeit der dreien Substanzielles gegen Ungleichheit beitragen? Finden Sie es problematisch oder eher irrelevant, dass zwar E. Duflo in Frankeich und A. Banerjee in Indien geboren wurden, alle drei in den USA leben und arbeiten?
Ich würde es natürlich auch gut verstehen, wenn Sie Tagesaktualitäten nicht kommentieren können.

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Die vier Quadranten soziale und elitäre Nationalisten und Internationalisten betrachtend mag die Bezeichnung soziale Nationalisten auf Parteien wie Front National, AfD und SVP vielleicht einigermassen passen - aber nannte man dasselbe nicht mal National-Sozialisten?
Nazis sind ihrer Gewaltgeschichte wegen inakzeptabel, aber wer die internationale Dimension der Einkommensungleichheit ausgrenzt, mag wieder in dasselbe Fahrwasser kommen.

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Super Interessant, toller Artikel

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S. H.
Beobachter
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Wer weiss? Vielleicht sind global geltende Abkommen schneller Realität als wir geträumt hätten.

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Eine Rezension fast länger als das Buch;-) Vielen Dank DB

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