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Interessanter Beitrag. Ein zusätzliches gutes Bild konnte ich mir nach der Lektüre von Wolf Biermanns Memoiren machen. Empfehle das Buch gerne weiter...

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Wow, ein sehr überraschender, bereichernder Beitrag. Ich hatte neulich noch gedacht, es wäre schön den Tag der deutschen Einheit irgendwie zu feiern. Denke ich immer noch - aber ich würde schauen, dass auch alle eingeladen sind.

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Ich bin in der DDR geboren und im Ostsachsen der Nachwendezeit aufgewachsen. In meiner Erinnerung waren ehemalige Gastarbeiter aus dem Vietnam sehr sichtbar als Gemüse- oder Kleidungshändler auf Märkten. Ich habe viel später auch ehemalige Gastarbeiter aus Kuba und zurückgekehrte Russlanddeutsche, die in der Nachwendezeit in der Gegend waren, kennen gelernt. Ausländer allgemein sind in meiner Erinnerung an die Nachwendezeit wenig sichtbar.

Wenn ich heute an Gewalt gegen Ausländer nach der Wende denke, kommen mir der Mord an Jorge Gomondai oder die Ausschreitungen in Hoyerswerda 1991 in Erinnerung. Ich glaube ich habe davon aber erst 15-20 Jahre nach den Geschehnissen gelernt.

Unter anderem Dank der Sichtbarkeit des gelben Elends war ich mir der Folter und der Behandlung von Regimegegnern in der DDR bewusst. Ich weiss auch von konkreten Enteignungen in der Landwirtschaft (Land und Vieh) oder Studiumsverboten. Trotzdem habe ich heute noch einen eher guten Eindruck vom Leben in der DDR, stark geprägt durch Erzählungen aus der Nachwendezeit.

Man mag mir zu Recht mutwillige Ignoranz vorwerfen, aber ich fand es sehr einfach unschöne Teile der Vergangenheit (und Gegenwart) zu ignorieren, bis ich durch Anstösse, wie den nach Jorge Gomondai benannten Platz in Dresden, mehr gelernt und Fragen gestellt habe.

Ähnlich: Ich bin mit Geschichten von Russischen Soldaten, die am Ende des Krieges am Wohnzimmertisch Brennspiritus getrunken und über das Luftgewehr meines kindlichen Grossvaters gelacht haben, aufgewachsen. Ich habe erst dieses Jahr erfahren, dass Kriegsgefangene in der Bauernwirtschaft meiner Familie gearbeitet hatten und habe in darauf folgenden Fragen noch andere Sachen über die Kriegszeit gelernt. Hätte ich nicht durch Zufall mit einem entfernten Verwandten gesprochen, hätte ich meine Fantasie von unwissenden Bauern wohl lange nicht hinterfragt.

Meine Erfahrung lässt die Befürchtung der Autorin, dass es bald nur noch Heldengeschichten gäbe, sehr realistisch aussehen. Ich werde die Themen in meiner Familie aufbringen und hoffe die nächste Generation wächst in weniger Ignoranz auf.

Was die Besichtigung der Westbezirke Berlins betrifft: Als ich gegen 2005 das erst Mal in Berlin war und in Kreuzberg Strassen mit Ladenschilder auf Türkisch gesehen hatte, kam ich mir da schon fremd vor und bin mit einem Gefühl schlechter Integration weggegangen. Bis zum Lesen des Artikels hatte ich nicht gewusst, dass Westberlin als so unattraktiv galt und dass so viele Gastarbeiter vor der Wende in Berlin waren. Auch da werde ich in Berlin aufgewachsene Verwandte fragen.

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A. L.
Neutraler Beobachter
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Zum Thema Gastarbeiter in der DDR:

https://de.wikipedia.org/wiki/Vertragsarbeiter

...und im Vergleich dazu die Zahlen aus der BRD:

https://de.wikipedia.org/wiki/Anwer…eutschland

Zwischen beiden Ländern liegen Welten.

Während die Zahlen in der BRD in die Millionen gingen, übersprang die Zahl der "Vertragsarbeiter" die Schwelle von 100.000 nie.

Zum Vergleich:
In der BRD lebten 3 mal so viele Menschen wie in der DDR.

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Danke für die Links!

Die Gesamtzahl von 14 Millionen Gastarbeitern in der BRD (auch wenn 11 Millionen zurückgekehrt sind) ist viel höher als ich dachte. Ich wusste vage von Italienern, die in Westdeutschland in den 70ern unliebsame Berufe, wie in der Müllabfuhr, aufgenommen haben, aber das ist viel grösser als ich dachte.

(Im Geschichtsunterricht hatten wir sehr viel Zeit mit dem 2. Weltkrieg verbracht und die Nachkriegszeit im Schnelldurchgang bearbeitet. Ich weiss nicht, ob ich das übersprungen wurde oder ich das vergessen habe.)

Ich war auch negativ überrascht von der regelrechten Abschottung der Gastarbeiter in der DDR zu lesen. Da habe ich jetzt ein paar weitere Artikel zum Thema zur Abendlektüre gefunden.

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M. K.
· editiert

Viel Verve und Wut. Und ein Narrativ, das landauf landab gesprochen und geschrieben wird über den Unrechtsstaat DDR und die vielen Nazis im Osten, an denen irgendwie auch die DDR Schuld sei. Und deshalb hier ein freundlicher Widerspruch: Der Zulauf für die Nazis im Osten ist eher ein Resultat des nach der Wende einsetzenden propagandistischen Trommelfeuers aus dem Westen: militanter Antikommunismus bei gleichzeitiger Relativierung des nationalsozialistischen Unrechts.

Der "Spiegel" ist des Ostler-Sympathisantentums unverdächtig. 1992 fand er in den neuen Bundesländern 4 Prozent Antisemiten, in den alten 16 Prozent und meinte: “Durchgängig äußern sich Ostdeutsche weniger antisemitisch, rechtsradikal und ausländerfeindlich als die Westdeutschen." Gelesen habe ich diese Statistik bei der Schriftstellerin Daniela Dahn. Ich habe sie dann überprüft: Der Spiegel-Artikel ist auch noch im Original im Netz.

Schon der Einigungsvertrag spricht vom SED-Unrechts-Regime – und in seiner Auslegungsvereinbarung weniger sprachlich scharf vom NS-Regime. Hier gekürzte Renten für Kämpfer gegen den Faschismus, dort neu gezahlte Renten an ausländische Angehörige der Waffen-SS. Der Rektor der Humboldt-Uni nach der Wende (der Wende-Rektor wurde Opfer unbewiesenen Stasi-Gemurmels) war im früheren Leben Sturmbannführer.

Dahns Buch nennt auch andere interessante Ost-West-Nazi-Statistiken. Wen es näher interessiert: Ich habe es zusammenfassend hier rezensiert.

Das ist aber natürlich nicht so interessant, wie die soundsovielte Skandalisierung der DDR (die ja auch ein Skandal war, aus vielerlei Gründen). Da geht es dann oft schon nicht mehr um Wissen, sondern um Glauben und Gefühl. Siehe jüngst die Berliner Zeitung in einer sehr lesenswerten und aufwendigen Recherche über einen angeblichen Nazi-Mord in der DDR an einem Arbeiter aus Mo­çam­bique. Hier nachzulesen.

Migranten und ihre Nachkommen haben Anlässe und Grund zur Wut. Dass "die Ostberliner", wie Mely Kiyak schreibt, von den vielen Türken in Westberlin angeekelt gewesen seien, liest sich in einer Kolumne schmissig. Wahr wird es dadurch nicht. Oder um es mit Dahn zu sagen: "Der gesamte Untersuchungsgegenstand wurde so lange segmentiert und aus störenden Kontexten gerissen, bis er der gewünschten Missdeutung zugänglich war."

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Mely Kiyak schreibt: "Die Ausländer, die nach der Wende von den Nazis aus dem Osten erschossen, verbrannt und verprügelt wurden."
Meines Wissens kamen die "Nazis" und bekennenden Rädelsführer dieser Progrome aus dem Westen und ohne es schönreden zu wollen, die zuschauenden und applaudierenden Ortsansässigen waren wie zu NS-Zeiten mehrheitlich normale Bürger und keine Nazis.

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Ja, der Osten hat alle Kader importiert, selbst die der Nazis. Normale Bürger – mag sein. Wohl eher aber war es den normalen Bürgern ein Grauen, gegen das sie nicht anzukommen glaubten. Von einer maßlos überforderten und bis ins Mark verunsicherten Polizei (geführt von westdeutschen Aufbauhelfern) war keine verlässliche Hilfe zu erwarten. Der einzige Ostdeutsche in einem ostdeutschen Gerichtssaal war damals oft der Angeklagte.

Der friedliche Brigadier, der nach Feierabend den Garten der Hausgemeinschaft geharkt hat, war plötzlich ein schuldiger Systemknecht. Und jeder Kneipenschläger, der dem VoPo aufs Maul gegeben und "Russen raus" geschrien hatte, ein Held des antistalinistischen Widerstands.

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Danke für die Beiträge (Verfasserin und BeitragsschreiberInnen). Und noch viel mehr müsste gesagt werden. Leider hat kaum mehr Jemand den Mut, den Finger in die Wunden zu halten und so richtig drin herum zu stochern. Damit Geschichte nie vergessen geht, denn nur wenn wir uns bewusst sind, woher wir kommen, wer viel Blut vergossen hat, damit wir gross werden konnten und wie viel Sorgfalt wir anwenden müssen, um so fragile Gebilde wie Gemeinschaft, Solidarität und soziale Verpflichtungen aufrecht erhalten zu können.

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Solche einseitige Geschichtserzählungen sind mir auch ein Gräuel. Ähnlich fehlt mir in der Schweiz ein Eingeständnis, dass unsere Geschichte nicht nur geprägt ist von fortschrittlichem "innovativem" Denken, sondern auch von beschämend dickköpfiger Rückständigkeit. Häufig hat erst Druck von aussen überhaupt etwas bewegt. Erst massive Drohungen von Wirtschaftssanktionen durch Frankreichhaben die Schweizer 1866 dazu bewogen, Juden Niederlassungsfreiheit zu gewähren. Die Innerrhödler musste man 1990 zwingen, ihren Frauen das Wahlrecht zuzugestehen. Oder dann waren es von aussen zugezogene, die technische Innovation vorantrieben. Siehe Uhrenindustrie zu verschiedenen Zeitpunkten.

Ich würde mir mehr Reden und Geschichtsstunden wünschen, die ausdrücken: Ja, die Schweiz ist toll, aber lasst uns nicht vergessen, dass wir nicht so hier stünden ohne unsere geographische Einbettung in ein fortschrittliches Europa. Und erst recht nicht ohne die tollen Ideen ursprünglicher Nichtschweizer.

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Berührend erzählt und sehr nachdenklich stimmend.
Ich wäre dafür, dass Frau Kiyak diesen Text am nächsten 3.Okt. an einer offiziellen Feier prominent vortragen darf.

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A. L.
Neutraler Beobachter
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· editiert

Ein hoch interessanter Beitrag aus einer Sicht, die ich so noch nie gesehen habe.

Damit verschliesst die werte Autorin allerdings ebenso ihre Augen vor gewissen Realitäten.
Ich bin in Ostberlin aufgewachsen.

Nach der Wende wurden Westberliner Lehrer in den Osten zwangsversetzt, um uns die Überlegenheit des westdeutschen Schulsystems zu lehren.
Die meisten zwangsversetzten liessen dabei ihren Gefühlen freien Lauf und liessen sowohl ihre Kollegen als auch uns Schüler ihre Meinung zu dieser Zwangsversetzung spüren.
...bis sie begriffen, dass sie in Wirklichkeit den Jackpot gezogen haben - nach einem Jahr "Ostfronturlaub" wollten nur die wenigsten zurück in die Westberliner Realität....

...noch prägender war etwas völlig anderes. Wir hatten eine Partnerschule in Berlin-Neukölln. Jährlich fanden "Freundschaftsspiele" im Basketballspielen statt - irgendwann verbot uns die Schulleitung die Reise in den "Westen" der Stadt, weil es keine Garantie gab, dass wir in einem Stück zurückkehren würden. Der Hass, der uns Ostberlinern an der Partnerschule entgegen schlug, war immens.
...als Jugendliche haben wir nie begriffen, warum...

...um beim Klischee zu bleiben - der "Ausländeranteil" (sprich viele Kinder mit Migrationshintergrund) - war an der Schule besonders hoch. Was jetzt auch nicht zwingend dazu beitrug, dass sich das Verhältnis zwischen "Türken" und "Ostdeutschen" (bewusst pauschal gehalten) verbessern konnte.

Jetzt sollte man allerdings noch ein paar Sachen wissen - Dinge, die Frau Kiyak in ihrer Analyse bewusst oder unbewusst verschweigt.

Die Treuhand hat mit ihrer Politik dafür gesorgt, dass nicht nur die unrentablen Firmen sondern auch die Firmen mit einer gewissen Perspektive verkauft und geschlossen wurden.
Der dadurch entstehende Arbeitsplatzmangel hatte direkte Auswirkungen auf den Westberliner Arbeitsmarkt (ebenso auf den im Grenzbereich zu Westdeutschland).
Für sehr viele Westberliner wurden Ostdeutsche damit zu Konkurrenten und Feinden.

Sprich: die "Verbrüderung" fand mitnichten zwischen Ost und West, zwischen Biodeutschen gegen den Ausländer statt, sondern war eher zwischen "Alteingesessen" und "Neubürgern".
Zumindest aus Ostdeutscher Sicht.
Als die Rauchschwaden der Wiedervereinigung sich gelegt hatten und die harte Realität anfing durchzusickern - inklusive des (politisch gewollten) Abzugs der Industrie aus Westberlin - begannen in Berlin/Brandenburg harte Kämpfe zwischen Ost und West.

Überqualifizierte Ostdeutsche mit dem Wunsch nach bezahlter Arbeit trafen auf "verwöhnte" Westberliner (Westberliner hatten ggü Bundesbürgern diverseste Privilegien, die sie aufgrund der Wende verloren haben - auch etwas, was man den Ostdeutschen in der damaligen Zeit ankreidete).
Den Kampf um die Arbeitsplätze verloren die "Einheimischen". Die Löhne sanken - teils massiv. Und auch dafür wurden die Ostdeutschen verantwortlich gemacht.
...und auch das haben viele bis heute nicht vergessen.

Die aktuelle Gefühlslage speist sich aus vielen Quellen. Das viele Opfer dabei übergangen werden, ist leider bittere Realität - genau so unsinnig ist es aber, einen kompletten Staat (und damit in erster Linie dessen Bevölkerung) als "schlecht" darzustellen.

Natürlich verstehe ich Frau Kiyak's Verbitterung basierend auf der fehlenden "Heimat" - deswegen die Heimat anderer soweit runterzumachen, nur um sich selbst besser zu fühlen, ist allerdings auch der falsche Ansatz.
Er führt nur zu noch mehr Verbitterung.

War die DDR eine Diktatur, ein Unrechtsstaat?
Sicherlich. Zweifelslos.
Und doch hat dieser Unrechtsstaat viele Dinge auch richtig gemacht.

  • Bildung

  • Frauenrechte

  • ärztliche Grundversorgung

  • Stellung der Kinder bzw. Kinderbetreuung.

  • Recht auf Arbeit (selbst wenn es nur in der Realität ein Recht auf Einkommen war - immer noch besser als das heutige Hartz IV System, dass dem Menschen jede Würde nimmt. )
    -> in all den Bereichen war die DDR der BRD um mindestens 30 Jahre voraus.
    -> genau genommen ist die heutige Bundesrepublik bis heute noch nicht auf dem Stand der DDR in diesen Bereichen angekommen.

Nur um ein paar Punkte zu nennen.

Muss denn wirklich immer alles schwarz oder weiss sein?

EDIT
Ich kann mit Daumen runter sehr gut leben - dafür polarisiere ich zu gerne.
Es wäre jedoch schön, wenn die "Daumen runter" Fraktion ihre Meinung auch erläutern würde.
Nur so kann ich verstehen, was an dem geschriebenen - in dem Fall meiner persönlichen Wahrnehmung aus dieser Zeit (als "Zeitzeuge") - so "falsch" ist...
...und die Gegenrede entweder "widerlegen" oder meine eigene Sichtweise überdenken.

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Danke, Herr L., für Ihren Beitrag zu einer differenzierteren Betrachtung.

Die Autorin bringt vernachlässigte Perspektiven ein. Und sie beklagt das Fehlen dieser Aspekte, passagenweise mit großer uneingestandener Wut. Das kann man so machen, mir gefällt es auch.

Aber in ihrem Artikel fehlen eben auch wichtige Aspekte, so dass kein ausgewogenes Bild entstehen kann. War wohl auch nicht beabsichtigt...

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B. J.
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Muss denn wirklich immer alles schwarz oder weiss sein?
EDIT
Ich kann mit Daumen runter sehr gut leben - dafür polarisiere ich zu gerne.

Ja, was jetzt, Herr L.? Polarisieren heisst, einen Sachverhalt Richtung schwarz oder weiss zuspitzen. Sie machen es gern, sind aber gekränkt, wenn Mely Kiyak das gleiche tut?

Geschichte besteht doch nur in den Geschichtsbüchern aus offiziellen Darstellungen. (Behaupte ich einfach mal als Nicht-Historikerin). Im wirklichen Leben be- und entsteht Geschichte doch aus Geschichten, die Kiyak erlebt hat, die Sie erlebt haben, die jede*r Ost- und Westdeutsche genau wie jede*r Migrant*in erlebt hat. Da sind doch alles Facetten, und ich glaube, unsere Aufgabe besteht nicht darin, sofort mit einem 'Ja, aber' zu reagieren, sondern nach dem 'Ja' innezuhalten. Wie in: Ja, das ist deine Geschichte, das ist, was du siehst, wenn du auf diese Zeit blickst. Und dann, wenn wir mögen, die eigene Sicht, Geschichte, Erfahrung mit-teilen. Als eine Facette mehr, als Ergänzung. Nicht, um eine Tonspur zu überspielen.

Dafür würde ich persönlich Ihnen ein Daumen hoch geben. Daumen runter gäbe es von mir aber für den 'Bio-Deutschen'. Da packt mich ein Schaudern. Mir war der Begriff nicht geläufig, wohl aber derjenige des 'echten Schweizers'. Widerlich. Ich habe den Biodeutschen gegoogelt. Dieser Beitrag aus dem Spiegel kam dabei raus. Ambivalent. Für mich persönlich ein No go.
Einmal hoch, einmal runter, also neutral: kein Daumen von meiner Seite.

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A. L.
Neutraler Beobachter
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· editiert

Liebe Frau J.,

gar keine Frage - wenn ich polarisiere, dürfen es andere natürlich auch tun.
Für mich liest sich diese Kolumne mehr als "Anklageschrift" denn als zusätzliche Reflexion.

Für mich liest sich vor allem dieser Teil Ich habe zwanzig Jahre im Osten gelebt. sowie die Schlussfolgerung Am Ende waren es nicht die politischen Reden und offiziellen Jahres­tage, die Trost spendeten, sondern Einzelne, die zusammen­rücken und sich gegenseitig beschwören, sich nicht auseinander­dividieren zu lassen. wie eine Abrechnung mit allem Ostdeutschen - Ausnahmen bewusst hervorgehoben.

Gerade als betroffener, der die damalige Zeit ziemlich aktiv miterlebt hat, fällt mir dieses pauschalisieren schwer zu verstehen. Nicht 30 Jahre nach der Wende.

Berlin ist das Beispiel schlechthin, was selbst im Westen passiert, wenn man "dem Markt" die Kontrolle überlasst - und viele Entwicklungen auch noch zusätzlich von der Politik gefördert werden. Egal, ob gewollt oder ungewollt.

Als Erwachsener - mit etwas Abstand - verstehe ich sehr gut, was die Westberliner mit oder ohne Migrationshintergrund geritten hat. Die hatten alle Angst. Berechtigte Angst um ihre Arbeitsplätze. Um ihre Existenzen.
Nicht nur der Osten musste sich radikal ändern, auch die Westberliner hat es extrem hart getroffen. Wenn neben dem Osten jemand wirklich verloren hat, dann waren es die Westberliner.
Sie mussten aus ihrer Kuschelecke mit einer subventionierten Nische raus und plötzlich in einem extrem brutalen Wettbewerb mit deutlich besser qualifizierten, verzweifelt nach Arbeit suchenden Ostdeutschen bestehen. In einem schrumpfenden Arbeitsmarkt (nicht vergessen: auch in Westberlin gingen nach der Wende sehr viele Jobs verloren).
(Nachtrag hierzu) Dazu kamen noch zig tausende Russlanddeutsche und Juden, die aus dem ehemaligen Ostblock zu wandern durften. Und desertierte Angehörige der roten Armee, die nach der Wende einfach dablieben.
Nicht nur die Bevölkerung war damit überfordert, auch die Politik... Aber das ist nochmals ein anderes Kapitel, das sich lohnt, betrachtet zu werden - und beides: Juden als auch Russlanddeutsche in "dieser" Betrachtung völlig fehlen.
(Nachtrag Ende)

Das führte damals zu der absurden Situation, dass man für einfache Ausbildungsberufe wie Bankkaufmann, Schreiner oder Elektriker plötzlich Abitur benötigte. Statt Gesamt-, Realschul- oder teilweise sogar nur Hauptschulabschluss.
Das komplette Bildungssystem krachte über Nacht zusammen.
Nicht nur den Ostdeutschen wurde die Zukunft unter den Füssen wegzogen. Sondern den Westberlinern mit ihrem niveaulosen, für einen echten Wettbewerb untauglichen Bildungssystem erst Recht (leider nicht übertrieben).

Das dies zu einem regelrechten Hass auf Westberliner Seite führte, kann ich aus heutiger Sicht nachvollziehen - als Jugendlicher hingegen... Wie auch? Wir kannten ja die andere Seite nicht - und Partnerschaft, wie sie heute in der Stadt üblich ist und gelebt wird, gab es damals schlichtweg nicht.
Erst, als beide Seiten der Stadt begriffen haben, das wir alle im gleichen Boot sitzen, fing sich das Verhältnis an zu normalisieren...
...heutzutage juckt in Berlin keine Sau mehr, ob du du "Ostberliner" oder "Westberliner" bist. Ausländer oder "Bio-Deutscher". Es interessiert nur noch, wer du als Mensch bist.

Biodeutsch. Als Mischling war ich wahlweise "der Nazi" oder "der Russe". Je nach dem, wo ich gerade war - und je nach dem, wie hässig Kinder gewesen sind.
Daher bin ich ziemlich schmerzfrei bei der Verwendung dieses Begriffes.

Was damals gerade in Lichtenhagen (Solingen war für uns im Osten in etwa so weit weg wie die USA) passiert ist, hat uns extrem geschockt. Gerade in Berlin.
Als - in dem Punkt hat die DDR-Gehirnwäsche ganze Arbeit geleistet - ehemals sozialistisches Bollwerk durfte es das nicht geben.

Mir fällt es sehr schwer zu verstehen, ob sie mit ihrem Artikel nur einen kleinen Teil der Ex-DDR-Bev. meint - oder wie es mir eher scheint, einen doch recht grossen?

Ebenso scheint mir dieser Artikel eine ziemlich eindeutig Message zu enthalten:
"Der Osten soll gefälligst die Fresse halten und dankbar für die Widervereinigung sein - die Wahren Opfer sind schliesslich "wir", die Ausländer. Oder die unter dem DDR-Regime gelitten haben".

...und das ist mir einfach zu billig.

Verloren haben in dem Prozess sehr viele. Viel zu viele. In Ost und West. Egal welcher Abstammung. Man muss einfach mal durch das Saarland fahren. Oder das Ruhrgebiet. Gerne auch durch "Bremerhaven". Oder durch Nordhessen. (Liste beliebig erweiterbar). Auch wenn die Zeitenwende viel zum Verfall beigetragen hat - das sinnlose Verprassen von gesamtdeutschen Geld verschleiert als "Aufbau Ost" hat sicherlich den Niedergang der Regionen massiv beschleunigt.

Eine Abrechnung, wie sie hier stattfand, ist daher m.E. sowohl unnötig als auch kontraproduktiv.

...und trotzdem hat sie in einem zentralen Punkt Recht - es wird immer mehr auf "heile Welt" getan, anstatt die Probleme, die verschiedenen Arten von Opfer , von Leidensgeschichten real anzusprechen. Man könnte meinen, wenn man die Geschichte glättet, wird im Nachhinein alles Gut. Nur das dem nicht so ist...

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Danke! Ich gehe sehr nachdenklich in diesen Tag. So hab ich das noch nicht betrachtet. Danke dafür!

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