Brigitte Meyer

Ein Nachruf.

Von Constantin Seibt, 14.03.2020

Laurent Burst

Brigitte Meyer, unsere Bildchefin, liebte das Meer, die Berge und die Katzen.

Sie war selbst wie eine Landschaft oder eine Katze: Sie hatte dasselbe Schweigen, dieselbe Geduld und sehr klare, seegrüne Augen.

Sie war keine Frau der langen Rede. Sondern eine Frau der schnellen Entscheidungen. Sie gebrauchte nicht Argumente, sie schuf Tatsachen.

In den zweieinhalb Jahren, in denen sie bei der Republik die Bildredaktion leitete, machten Redaktion und Chef­redaktion unzählige Bildvorschläge. Sie hörte sie sich aufmerksam an, lächelte und berücksichtigte – wenn wir uns recht erinnern – keinen einzigen davon.

Brigitte Meyer war im August 2017 die erste Mitarbeiterin, die in der Redaktion der Republik eingestellt wurde. Und sie blieb, trotz allen weiteren Einstellungen, die wertvollste.

Warum, zeigte sich in den Tagen nach ihrem Tod. Wann immer wir im eigenen Blatt lasen, sahen wir ihr Gesicht. Das, weil sie das Gesicht des Blatts geprägt hatte. Sie entwickelte die Republik von Grund auf mit: Das Layout, die Bilder hatten vom ersten Tag an einen Hauch von protestantischer Strenge und von weitem Himmel.

Für sie war es keine Frage, dass Bilder und Illustrationen dasselbe Gewicht und denselben Respekt bekommen mussten wie die Buchstaben. Da sie von Anfang an am Tisch sass, war es nicht einmal denkbar, dass Bilder nach Bedarf automatisch dem jeweiligen Layout angepasst wurden. Brigitte Meyer brachte den Programmierern geduldig bei, die Fotografie zu respektieren.

Die Mühe lohnte sich. Vom ersten Tag an hatte das Bild in der Republik unbestreitbar Klasse, Konzept und Wucht. Das rettete den Rest der Redaktion über einige Unsicher­heiten hinweg. Denn wir anderen schlingerten fast eineinhalb Jahre, bis wir endlich das Gefühl hatten, eine Hand­schrift gefunden zu haben.

Brigitte Meyer blieb in jedem Sturm gelassen. Sie machte ihren Job mit der Zuversicht einer Landschaft, der das Wetter egal ist. Ihre Unbeeindrucktheit war wirklich ein Wunder.

Und überhaupt kein Wunder. Denn sie hatte schon an ganz anderen Orten ihr Ding durchgezogen.

Bevor Sie Art-Direktorin und Bildchefin der Republik wurde, tat sie etwas, was niemand vor ihr getan hatte: Sie renovierte 2009 die NZZ. Die letzte nennenswerte Veränderung der «Neuen Zürcher Zeitung» lag damals über 60 Jahre zurück: 1946 hatte man die Fraktur­schrift abgeschafft. Was viele schon damals nach nur 166 Jahren als überhastet empfanden.

Der noch weit grössere Anschlag auf die Tradition hatte, kaum übertrieben gesagt, nur zwei Anhänger: Chefredaktor Spillmann und Bildchefin Meyer. Sie schafften es, obwohl sie keine Hausmacht hatten, mit kaltblütiger Geduld. Die NZZ würde ohne sie nicht so elegant aussehen, wie sie es heute tut.

Brigitte Meyer verbrachte ihre Kindheit in Thayngen bei Schaffhausen, einem kleinen Grenzort. Das Einzige, was in dieser Umgebung gross war, war der Rhein. Alles andere war niedlich. Sie verliess Schaffhausen Richtung Zürich mit einer «Aversion gegen alles Pittoreske».

Eigentlich war ihr Plan, an der Universität zu studieren, um Journalistin zu werden. Doch dann bestand sie die Prüfung zur Kunstgewerbe­schule. Und landete im Journalismus, nur auf der anderen Seite der Produktions­kette: als Layouterin beim Magazin «Facts». Sie stieg schnell auf, weil sie «kein Problem hatte, Verantwortung zu übernehmen». Das erste Magazin, das sie komplett neu gestaltete, war das Frauen­magazin «Meyer’s». Als dieses drei Jahre später in Konkurs ging, pendelte sie von 2003 bis 2006 als Art-Direktorin zwischen «Weltwoche» und «Magazin» hin und her. (Sie war dort, wo Roger Köppel nicht war.)

Ihre Philosophie bei Bild wie Layout war an jedem Arbeitsort dieselbe: Kein Chichi, kein Bullshit, keine Schnörkel. Und vor allem: keine durchgezogene Bildsprache. Sondern das präzise Bild von Fall zu Fall, je nach Text. Und das nicht als Illustration, sondern als Statement.

Sie hielt nichts von Spielereien. Im Zweifel hielt sich Brigitte Meyer an die Klassik – oder die Idee, die die Klassik in die Luft sprengt: «Ich mag Grenzen und das Ausbrechen aus Grenzen.» Beim Relaunch der NZZ reduzierte sie mit einer Kölner Agentur das Layout auf das Skelett, entfernte alle Schlacken und baute es wieder auf: ohne Schnörkel, ohne Überflüssiges, nur mit einem winzigen Hauch Exzentrischem.

Sie blieb bis 2017 bei der NZZ und hörte auf, als es mit der heutigen Chef­redaktion nicht mehr passte. Sie machte Pause. Und begann bei der Republik noch einmal ganz von vorn.

Bei der NZZ hatte sie ein Team von 15 Leuten und fast 240 Jahre Tradition im Rücken. Bei der Republik startete sie mit null Leuten und null Jahren Tradition.

Das, was sie für unser Projekt so wertvoll machte, war die Mischung von klaren Vorstellungen und unbefangener Neugier. Kein Zweifel, sie war eine Königin in ihrem Reich – aber sie begann bei jeder neuen Bildrecherche wieder bei null.

Als eine der wenigen Spezialistinnen für das Bild hatte sie auch bei Texten ein untrügliches Auge für Qualität: Sie sah präzis, welcher Artikel Schwächen hatte und wo. Dabei sagte sie danach nie viel. Aber was sie sagte, war stets glasklar. Man hätte einen Kristall aus ihr machen können.

Sie war wirklich sehr für Klarheit. Und für Lakonie. Ihrem Sparrings-, Diskussions- und Geschäfts­partner, dem heutigen Bildberater der Republik, Andreas Wellnitz, riet sie in ihren 18 Jahren Zusammen­arbeit regelmässig, weniger Worte zu benutzen: «Andreas, halt die Klappe!»

Es war eines der wenigen Anliegen, bei dem sie scheiterte.

Der vielleicht grösste Vorteil ihrer Sparsam­keit an Worten war, dass sie ihre Versprechen ausnahmslos halten konnte.

Im Fall der Republik war das kühnste Versprechen jenes, das wir vor dem Start abgegeben haben: «Journalismus ohne Bullshit.» Sie war die Frau, die das einlöste.

Im Frühling 2019 übernahm sie wie an jeder anderen ihrer Stellen mehr Verantwortung. Und ging mit Christof Moser und Oliver Fuchs in die Chef­redaktion. Nicht zuletzt dank ihr bekam die Republik als Magazin deutlich mehr Bodenhaftung.

Und die Abläufe mehr Effizienz. Sie war die Frau des Vertrauens und damit die Schalt­zentrale zwischen Produktion, Reporterinnen, Chefredaktion, Programmierern.

Sie liebte das Snowboard im Winter, das Surfboard im Sommer – und im Journalismus schätzte sie als Bild­redaktorin dasselbe: die Mischung zwischen Tempo und Geschmeidigkeit der Welt gegenüber.

Vorletzte Woche arbeitete sie an einer Slideshow für das Fest zum Start der März­kampagne der Republik. Es wurde eine kleine Bilanz ihrer Arbeit – der gelungensten Bilder, die sie in den letzten zwei Jahren kuratiert hatte.

Sie war bei der Arbeit daran entspannt, glücklich, bester Laune. Am Freitag­abend war sie fertig. Als sie die Redaktion verliess, sagte sie, sie freue sich auf das Fest am Sonntag.

Später an jenem Abend kippte sie ohne jede Warnung um und brach unsere Herzen, indem sie zu atmen aufhörte.

Nach einer Woche im Koma wachte sie nicht wieder auf. Sie starb vorletzten Freitag, nicht mehr als 50 Jahre alt.

Sie hinterlässt ihren Ehemann, ihre Katze, nirgendwo Feinde und eine tieftraurige, verwaiste Redaktion.

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